Was der Balotelli-Transfer für Milan und Italien bedeutet

»Berlusconi brauchte einen Coup«

Italien steht kurz vor den Parlamentswahlen und just zu diesem Zeitpunkt verpflichtet Milan-Boss Silvio Berlusconi Mario Balotelli. Francesco Velluzzi, Redakteur von Gazzetta dello Sport, erklärt was der Transfer Balotellis für Mailand bedeutet und warum er Berlusconi politisch wenig nutzen wird.

Francesco Velluzzi, der AC Mailand hat gerade ManCity-Stürmer Mario Balotelli verpflichtet. Warum hat sich Berlusconi den Stürmer gerade jetzt geschnappt?
In Italien stehen gerade wichtige Parlamentswahlen an und Berlusconi brauchte einen großen Coup, um Sympathien zu gewinnen, also fuhr er alle Geschütze auf und bediente sich mal wieder an den Vorzügen des Fußballs. Damit wollte er sich in der Lombardei und bei den Mailänder Fans beliebt machen.

Denken Sie, dass dieser Transfer politisch entscheidend sein könnte?
Im Sammeln von Stimmen und Anhänger mobilisieren war Berlusconi schon immer sehr gut. Er ist bekanntlich ein »Medientier« und beeinflusst die Leute mit seinen Versprechen. Der Balotelli-Coup wird ihm aber wohl kaum mehr als ein bis 1,5 Prozent zusätzliche Stimmen einbringen. Diese werden aber nicht ausschlaggebend sein.

Mit der Verpflichtung von Ronaldinho 2008 soll er sogar zwei Prozent Stimmen dazu gewonnen haben.
Heute sieht die Situation in Italien komplett anders aus. In den vergangenen Jahren wurde es für ihn immer schwieriger, die Zustimmung der Leute zu bekommen. In seinen 18 Jahren in der Politik hat Berlusconi zu viele Probleme für das Land geschaffen. Die Leute trauen seinen Versprechen nicht mehr und sind seiner Politik und Partei überdrüssig geworden. Daran wird auch die Verpflichtung eines außergewöhnlichen Spielers nichts ändern.

Man könnte meinen, es wurde auf diesen Transfer hin gespart. Denn lange hieß es bei Mailand, es sei kein Geld mehr vorhanden, alle Stars wurden verkauft. Und nun kann man sich plötzlich einen Stürmer für 20 Millionen Euro leisten?
Zurzeit hat der AC Mailand tatsächlich nicht viel Geld zur Verfügung. Marina, die Tochter von Berlusconi, hat alle möglichen Transfers gestoppt und wollte sparen, aber für eine Wahlkampagne von diesem Ausmaß steht natürlich Geld zur Verfügung. Die Wahlen sind schließlich in knapp 20 Tagen.

War der Wechsel nur politisch motiviert?
Milan brauchte unbedingt einen Neuzugang. Die anstehenden Wahlen und das Ende des Transferfensters waren die Hauptgründe. Sie mussten jetzt zugreifen und das konnten sie nur, weil Manchester City den Preis gesenkt hat.
Wollte ManCity sein »enfant terrible« loswerden?
Ihnen war bewusst, dass der Verkauf jetzt stattfinden musste. Aber sie mussten runter mit dem Preis. Die Krise ist Italien omnipräsent und ganz ehrlich: Wer bezahlt schon 35 Millionen für einen Spieler, der nicht mal zum Einsatz kommt? City hatten ihn jetzt zweieinhalb Jahre, aber es lief nicht gut. Deswegen musste er weg. Mailand hat einen guten Preis rausgeschlagen und wird ihn nun über sechs Jahre in Raten abbezahlen. 

Gerade erst musste Mailand mit Pato einen ihrer jüngsten Spieler ziehen lassen. Was bedeutet der Balotelli-Zugang für den AC Mailand?
Das junge Sturmduo Stephan El Shaarawy (Jahrgang ‘92) und Balotelli (Jahrgang ‘90) ist genau das, was das Mailänder Team benötigt. Und mit diesem Transfer hat Balotelli sich fürs Spielen entschieden. Dafür muss er aber wieder an seine beste Leistung anknüpfen. Und das war in der EM-Partie gegen Deutschland.

Er ist ein italienischer Superstar. Tut es der Serie A gut, ihn wieder zurück zu haben?
Der mediale Rummel, den er ausgelöst hat, ist natürlich gigantisch. Er macht immer von sich reden, auch wenn er nur mit Kumpels Pizza essen geht. Er ist derart medienerfahren, dass er genau weiß, wie er ins Fernsehen und die Zeitung kommt. Das ist in Italien das Wichtigste. Ich kenne nur wenige Spieler, die denselben medialen Effekt erzeugen. Die Fans und die Medien lieben ihn gerade wegen seiner Eskapaden.

Die Stadien in Italien haben sich in den letzten Jahren geleert. Kann Balotelli das Giuseppe-Meazza-Stadion wieder füllen? 
Die Stadien sind zurzeit wirklich nicht so voll, wie man es gerne hätte. Ich weiß allerdings nicht, ob eine Person alleine, ein Stadion wieder füllen kann. Die Neugierde nach einem so begabten Spieler wird aber viele Zuschauer anlocken.

Italiens Nationalcoach Cesare Prandelli hat Balotelli gut im Griff. Denken Sie, dass Mailand-Trainer Massimiliano Allegri mit einem Egozentriker zurechtkommen wird?
Am Anfang sicher. Balotelli ist intelligent genug, um zu wissen, dass das Milan seine letzte Chance ist. Auch wenn er erst 22 ist. Wenn ihm das nicht gelingt, wird seine Karriere eine falsche Wendung nehmen, denn zuletzt war er vor allem wegen seiner Dummheiten und seinem Privatleben im Fokus.

Wie haben eigentlich die Fans von Inter Mailand auf den Transfer reagiert? Schließlich spielte Balotelli vier Jahre lang dort.
Den Inter-Fans ist das ziemlich gleichgültig. Balotelli hatte nie einen guten Draht zur Mannschaft und den Fans von Inter. Balotelli hegte schon als 20-Jähriger Sympathien für den AC Mailand und betonte damals, dass er »Milanista« sei. Es war immer sein Traum beim AC zu spielen.

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