Warum Zweitliga-Profi Giovanni Federico zu Viktoria Köln wechselte

»Der Wille, mich zu quälen, hat mir gefehlt«

Giovanni Federico sollte in dieser Saison eigentlich den Zweitligisten VfL Bochum zu Ruhm und Ehre führen. Stattdessen kickt er nun bei Viktoria Köln in der Regionalliga. Wir sprachen mit ihm über den bewussten Abstieg, verpasste Chancen und das Fußballerdasein als Amateur.

Giovanni Federico, wie kommt es, dass Sie nicht mehr in der zweiten Liga spielen?
Der VfL Bochum hatte mir eine Frist für die Vertragsverlängerung gesetzt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich aber noch nicht zusagen, weil zwei, drei andere Sachen für mich im Vordergrund standen. Eine Woche später hätte es von mir aus vielleicht geklappt, aber da war der Verein schon ziemlich weit in den Verhandlungen mit Alexander Iashvili vorangeschritten.

Waren Sie enttäuscht, dass der Verein recht zeitnah Ihren Nachfolger präsentiert hat?
Alexander ist ein guter Kumpel, einer von wenigen Fußballern, zu denen die Freundschaft nicht eingeschlafen ist. Wir haben ein halbes Jahr in Karlsruhe zusammengespielt und haben seitdem regelmäßig Kontakt. Und Trainer Andreas Bergmann, Sportvorstand Jens Todt und ich sind ehrlich miteinander umgegangen. Niemand ist sauer oder enttäuscht. Das war kein Problem. Ich bin auch nicht nachtragend.

Hatten Sie trotzdem noch die Hoffnung, in Bochum zu bleiben?
Wir standen immer in Kontakt – bis zur Verpflichtung von Yusuke Tasaka. Danach war klar, dass die Tür beim VfL zu ist, weil der Verein finanziell nicht viel Spielraum hat.

Lag Ihr zaghaftes Handeln darin begründet, dass Ihre Familie mehr Zeit eingefordert hat?
Natürlich ist mir meine Familie sehr, sehr wichtig. Dass man gerne viel Zeit mit seinen Kindern verbringen möchte, ist, glaube ich, bei jedem Vater so. Meine Frau hat gesagt: „Jetzt sind 14 Jahre rum, in denen wir das zusammen machen. Irgendwann muss der Weg als Profi zu Ende sein.“ Aber mit der Entscheidung, das Bochumer Angebot noch nicht anzunehmen, hat sie nichts zu tun gehabt.

Woran lag es denn, dass Sie noch Bedenkzeit benötigten?
Da waren viele Fragen in meinem Kopf: Wie ist die Perspektive von Mannschaft und Verein? Was passiert, wenn der Vertrag nach einem Jahr ausläuft? Wie ist meine Situation nach der Karriere? Und ein Rad hatte noch nicht in das andere gefunden. Eine Woche oder zehn Tage später hätte ich es vielleicht machen können.

Welche Rolle hat das Geld gespielt?
Es war klar, dass ich finanziell Abstriche machen muss. Es war immer noch ein faires Angebot, gemessen an den Möglichkeiten des VfL. Es war ja klar, dass der Verein bei einem dritten Jahr in der zweiten Liga nicht mehr so viele Möglichkeiten hat.

Gab es andere Angebote?
Nein, mich hat kein anderer Verein interessiert. Das weiß der Trainer auch. Für mich gab es nur den VfL oder erstmal nichts.

War es ein Fehler, frühzeitig anzukündigen, dass der VfL Ihr letzter Profiverein sein solle?
Mit meiner Familie passt momentan alles sehr gut. Deswegen hatte ich keine Lust mehr, umzuziehen. Da bleiben dann eben nicht mehr viele Vereine im Umkreis übrig.

Warum sind Sie im August zu Viktoria Köln gewechselt?
Die Viktoria hat ein vernünftiges Angebot gemacht und ich habe Spaß am Fußball. Es juckt noch. Und mein längster Weg zum Training dauerte mal eine Stunde. Normalerweise brauche ich 40 Minuten. Das geht doch. Daher habe ich noch mal ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Nach der Bekanntgabe Ihres Wechsels wurden Sie als Abzocker dargestellt. Ein falscher Eindruck?
Soll ich den Leuten jetzt meinen Vertrag zeigen? Das hat mit Abzocke nichts zu tun. Man kann bei Viktoria gut verdienen, aber es steht in keinem Verhältnis zur zweiten oder dritten Liga. Auch bei Viktoria gibt es Grenzen, das habe ich gemerkt.
Ist es schwer zu vermitteln, dass ab einem bestimmten Alter die Familie wichtiger ist als der Fußball?
Der Fußball war 20 Jahre lang sehr wichtig für mich. Es gab nichts außer Fußball und Familie für mich. Irgendwann ist es aber mit dem Fußball vorbei, dann hast du nur noch deine Familie. Da ist es doch klar, dass sie an erster Stelle steht. Da kann jeder reagieren, wie er möchte. Aber für mich ist das so und ich habe kein Problem damit, wenn andere das anders sehen.



Ist der Trainingsumfang nicht mit dem beim VfL vergleichbar?
Wir trainieren so ziemlich unter Profibedingungen. Uns stehen zwei Rasenplätze zur Verfügung, wir gehen auch ins Fitnessstudio. Natürlich steckt alles noch in Kinderschuhen. Falls wir wirklich noch einmal aufsteigen sollten, wird das ein oder andere sicher noch neu gemacht.

Und wie ist es ums Umfeld bestellt?
Bochum hat andere Möglichkeiten, weil sie lange in der ersten Liga gespielt haben. Viktoria ist lange aus dem Profibereich raus, das merkt man auch am Stadion. Wir haben eine Sitz- und eine Stehtribüne. Hinter den Toren befinden sich kleine Hügel. Aber alles geht in kleinen Schritten voran.

Ist es nicht eine Umstellung, plötzlich nur noch vor etwas mehr als 1.000 Zuschauern zu spielen?
Bei unserem Spiel gegen Oberhausen habe ich mich gewundert, was für eine Stimmung 2.000 oder 3.000 Leute machen können. Das ist gar nicht so schlimm gewesen. Und wenn man auf dem Platz steht, bekommt man nur in den wenigsten Situationen etwas vom Drumherum mit. Wir wollen auf dem Platz unseren Spaß haben. Wenn uns das gelingt, dann werden wir auch den einen oder anderen Fan hinzugewinnen.

War es nicht ein komisches Gefühl, gegen den VfL Bochum II anzutreten? Schließlich waren Sie dort eigentlich als Schlüsselspieler der ersten Mannschaft vorgesehen.
War ich das? Ich hätte sicherlich eine wichtige Position gehabt. Aber die habe ich jetzt bei Viktoria auch.

Nach elf Spieltagen stehen Sie mit Viktoria Köln auf dem ersten Tabellenplatz, es sieht es so aus, als ob Sie mit den Kölnern in den Profifußball zurückkehren würden. Müssen Sie konsequenterweise Ihre Karriere nach dem Aufstieg beenden?
Wahrscheinlich. Oder ich müsste zu einem anderen Verein wechseln (lacht). Aber ernsthaft: Mein Vertrag läuft bis zum Saisonende. Danach müssen wir mal sehen, ob ich dabei bleibe oder nicht.

Sie bleiben in Erinnerung als überragender Zweitligaspieler, dem für die Bundesliga aber etwas gefehlt hat. Was war es?
Ich hätte vielleicht mehr erreichen können, aber dazu hätte ich mich ein bisschen mehr zusammenreißen müssen. Der Wille, mich mehr zu quälen, hat mir gefehlt. Das habe ich leider zu spät erkannt. Und viele Trainingsmethoden, die mir geholfen hätten, gab es zu meiner Zeit noch nicht.

Welche meinen Sie?
Schnelligkeitsübungen, zum Beispiel. Das habe ich erst mit 19, 20 Jahren erfahren. Da war es aber schon einen Tick zu spät. Wenn ich das früher gewusst hätte, hätte ich vielleicht mehr erreichen können. Immerhin war ich im Kopf schnell: Ich habe Situationen früh erkannt und hatte so schon einen Schritt Vorsprung. Ich bin zufrieden, wie es gelaufen ist.

Was hat Ihnen zu den ganz großen Erfolgen gefehlt?
Der Wechsel von Karlsruhe nach Dortmund war ein richtig guter Sprung, aber ich hätte mich besser darauf vorbereiten müssen.

Wie bewerten Sie Ihre Zeit beim BVB?
Meine erste Saison in Dortmund war zwar keine verlorene Saison, aber es hätte besser sein können. Ein bisschen Wille, ein bisschen Glück, das letzte Vertrauen vom Trainer – da haben viele Faktoren eine Rolle gespielt, die gefehlt haben.

Wurmt es Sie zu wissen, dass mehr drin gewesen wäre?
Es ist schade, dass es so gelaufen ist. Aber ich bin zufrieden, wie es ist.

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