04.05.2014

Warum wurde die heroische Fußballskulptur zum Trend, Chris Stride?

»Eine Statue ist wie ein Schrein«

Immer mehr Klubs stellen sich Skulpturen vor ihr Stadion, Forscher aus Sheffield untersuchen den Trend. Wir sprachen mit einem von ihnen. Chris Stride über große Gefühle in Bronze und Helden auf Bestellung.

Interview: Lars Spannagel Bild: imago

Herr Stride, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit Statuen von Fußballern und anderen Sportlern. Vor kurzem haben sie eine umfassende Datenbank zu dem Thema vorgestellt. Was haben Sie herausgefunden?
Fußballstatuen sind ein weltweites Phänomen, es gibt sie fast überall. Meist stellen Vereine die Skulpturen auf, um nostalgische Gefühle bei ihren Fans hervorzurufen. Sie sollen identitätsstiftend wirken. Fast alle Statuen sind in den vergangenen 20 Jahren entstanden – die Klubs haben gemerkt, dass sie auf diese Weise für sich werben können.

Wie sieht die typische westeuropäische Fußballstatue aus?
Stilistisch dominieren Einzelfiguren in Aktion, Jubelgesten sind seltener. Am häufigsten werden Stürmer verewigt. Das hat aber damit zu tun, dass meist Spieler aus den 1950er und 1960er Jahren ausgewählt werden, damals wurden taktisch mehr Stürmer aufgestellt.

Statuen von Feldherren, Dichtern und Politikern gibt es schon lange – wieso werden nun auch immer mehr Fußballer verewigt?
Es geht darum, Authentizität für sich zu beanspruchen. Fußball ist heute global, viele Vereine bauen neue Stadien, das Spiel wird immer kommerzieller. Das festigt das Band zwischen dem Klub und seinen Anhängern nicht gerade. Fans denken nun mal gerne, ihr Klub sei etwas Besonderes. Eine Statue soll die Geschichte des Vereins verdeutlichen und seine lokale Verankerung betonen.

Wer kommt für eine Statue infrage?
In Großbritannien werden oft besonders loyale Spieler, Helden der Vergangenheit, für Statuen ausgewählt. Die Leute sollen denken: „Ach ja, als ich klein war, habe ich diesen Spieler hier gesehen.“ Es geht um schöne Kindheitserinnerungen. In Deutschland hat der 1. FC Nürnberg zum Beispiel Max Morlock als Statue verewigt. Die Nürnberger können sagen: Wir hatten Morlock, einen Helden des deutschen Fußballs – das macht uns zu etwas Besonderem.

Welche Rolle spielen die Statuen im Leben der Fans?
Wenn man Fußball als Religion betrachtet, ist das Stadion die Kathedrale – und eine Statue ist wie ein Schrein. Als Fans von Leeds United im Jahr 2000 bei einem Auswärtsspiel in Istanbul erstochen wurden, wurden viele Blumen am Denkmal für den Leeds-Spieler Billy Bremner niederlegt. Es gibt aber auch weniger friedliche Rituale: Zum Beispiel versuchen manchmal Fans, eine „gegnerische“ Statue mit den eigenen Schals, Trikots und Farben zu dekorieren. In Norwegen gingen 2013 Fans von Valerenga Oslo sogar so weit, eine Statue von Lilleströms Spieler Tom Lund zu köpfen.

Wenn man in Ihrer Datenbank stöbert, fällt auf, dass die meisten Statuen sehr ähnlich gestaltet sind: eher naturgetreu, aus Bronze, figürlich, altmodisch. Wieso?
Die Öffentlichkeit mag diesen Stil. Sie dürfen nicht vergessen: Es geht darum, den Fans Helden zu präsentieren. In den meisten Fällen sind die Statuen Auftragsarbeiten, mit klaren Anweisungen. Die Angehörigen des Spielers sollen nicht vor den Kopf gestoßen werden – und die Masse von 20 000 oder 30 000 Fans erst recht nicht. Die Klubs gehen auf Nummer sicher. Es geht eher um Marketing als um visuelle Geschichtsschreibung.

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