Warum sind Fußballer so wettgefährdet, René Schnitzler?

»Jung, reich und gelangweilt«

Niemand spricht so offen über die Zockermentalität von Fußballprofi wie der ehemalige Bundesliga-Stürmer René Schnitzler, der selbst wegen angeblicher Spielmanipulation vom DFB gesperrt wurde und derzeit auf den Ausgang eines offenen Strafverfahren wartet.

René Schnitzler, warum sind gerade Fußballprofis für die Zockerei so empfänglich?
Sie sind jung, sie haben genug Geld und öfter mal Langeweile. Wenn nicht gerade zwei Trainingseinheiten an einem Tag angesetzt sind, ist man nur zweieinhalb Stunden beschäftigt – und muss ansonsten zusehen, wie man sich die Zeit vertreibt. Da kommt man schnell auf dumme Gedanken.

Warum wetten Fußballer so gerne auf Fußball?
Das ist ihr Metier, auf diesem Gebiet sind sie doch Experten! Als Fußballer denke ich: Wenn ich mich mit irgendetwas auskenne, dann ist es Fußball. Was liegt da näher, als mein Wissen für den Ausgang von diesem oder jenem Spiel auszunutzen? Das kann man vergleichen mit einem Börsenhändler, der seine Insiderinformationen vergolden will.

Sie selbst haben nach eigener Aussage viel Zeit in Ihrem Leben in Kasinos und privaten Zockerhöhlen verbracht. Wie viele Ihrer Fußballerkollegen tun es Ihnen gleich?
Eine genaue Zahl kann ich nicht nennen. Aber es sind sicherlich viel mehr, als gemeinhin vermutet wird. In allen Mannschaften, in denen ich gespielt habe, gab es Zocker. Dank Internet und Smartphones ist es heutzutage ja noch viel leichter, sein Geld zu verzocken.

Ist man als bekannter Fußballer nicht Zielscheibe in jedem Kasino? Nach dem Motto: dem reichen Promi werde ich mal schön das Geld aus den Taschen ziehen?
In Hamburgs Zockerhöhlen war mein Gesicht damals durchaus bekannt (Schnitzler stand von 2007 bis 2009 beim FC St. Pauli unter Vertrag, d. Red.). Ich vermute aber, dass, je bekannter ein Spieler ist, er doch eher die Anonymität beim Zocken sucht. Kein Bayernspieler möchte seinen Kasino-Besuch am nächsten Tag als Foto in der Zeitung wieder finden. Aber man kann ja auch so zu jeder Zeit sein Geld verzocken. Im Buch "Zockerliga", in dem ich meinen Weg in die Sucht beschreibe, wird auch dargestellt, wie sich prominente Profis in Hotelrunden zum Zocken treffen. Da ist Diskretion garantiert, im Gegensatz zum Kasino.

Sie selbst wurden vom DFB von März 2011 bis September 2013 gesperrt, aktuell läuft noch ein Verfahren gegen Sie. Man wirft Ihnen vor, Spiele des FC St. Pauli manipuliert zu haben. Sie bestreiten das.
Ich habe zwar Geld dafür genommen, dass mein Klub Spiele verliert, aber nie ein Spiel bewusst manipuliert! Beim ersten angeblich manipulierten Spiel war ich sogar verletzt und konnte nur vor dem Fernseher zuschauen. Ich habe meine Mannschaft und meine Mitspieler niemals verraten.

Ist das der allerletzte Schritt für einen Fußballspieler: Seine eigene Mannschaft zu verraten und dafür zu sorgen, dass sie ein Spiel verliert?
Ich denke schon. Schlimmer geht es ja nicht.

Trotzdem sollen, glaubt man den aktuellen Zahlen, die Europol vorgelegt hat, auch im Spitzenfußball sehr viele Spiele manipuliert worden sein. Wie weit ist der Beschiss der eigenen Mannschaft verbreitet?
Schwierige Frage. Aber wenn man so will, geht die Manipulation ja schon in den untersten Amateurklassen los, wenn am letzten Spieltag für ein paar Kästen Bier Mannschaft A doch nicht absteigt, und Mannschaft B anschließend genügend Alkohol zur Verfügung hat.



Lässt sich das wirklich mit den zum Teil sehr hohen Gewinnsummen von ergaunerten Spielen vergleichen?
Natürlich lässt sich das nicht direkt mit systematischen Manipulationen vergleichen. Da will ich auch nichts unterstellen. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass im Fußball gerne gewettet und gezockt wird. Der Wetteinsatz verschiebt sich ja je nach Spielklasse und damit Gehaltsstruktur prozentual nach oben. Ein Beispiel: Als ich mit einer meiner ehemaligen Mannschaften (Schnitzler spielte für Borussia Mönchengladbach, Bayer Leverkusen und FC St. Pauli, d. Red.) am Flughafen hockte, gelang mir ein Glückswurf mit einem Kaugummi in den einige Meter entfernt stehenden Mülleimer. Ein Mitspieler sagte zu mir: »500 Euro, wenn du das noch mal schaffst!« Heute schüttele ich darüber selbst den Kopf, damals war es ein netter Zeitvertreib. Was sind schon 500 Euro, wenn man im Monat 20.000 Euro verdient? Auch das ist ja die Gefahr bei der Zockerei: Irgendwann verlierst du die Übersicht und den Bezug zur Realität.

Wie viel Geld haben Sie bis heute durch Glücksspiel verloren?
Sicherlich mehr als eine Million Euro.

Wie hoch ist Ihr aktueller Schuldenstand?
Etwa 300.000 Euro.

Sie sind spielsüchtig und lassen sich gegen Ihre Krankheit behandeln. Sind Fußballer anfälliger für die Spielsucht?
Ja und nein. Ja, weil Fußballer als Leistungssportler dem ständigen Wettkampf ausgesetzt sind und deshalb überall einen Wettkampf suchen, auch im Glücksspiel. Nein, weil es doch vor allem auf die jeweilige Persönlichkeit ankommt. Ich habe lange gebraucht, aber irgendwann zugeben müssen, dass ich süchtig bin.

Sie gehen sehr offensiv mit dieser Krankheit um, haben ein Buch veröffentlicht, geben Interviews und sitzen in Talkshows. Warum?
Weil mir das persönlich gut tut und hilft, wenn ich sehr offen mit der Sucht umgehe. Warum auch nicht? Ich muss mich dafür nicht schämen. Ich bin krank, bin in Therapie und spreche darüber. Außerdem ist es mir wichtig, auf die Sucht aufmerksam machen. Psychische Probleme, selbst Alkoholsucht, sind im Profifußball kein Tabuthema mehr. Nur beim Thema Spielsucht haben alle noch die Scheuklappen auf. Das muss sich ändern.

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Lesetipp: »René Schnitzler. Zockerliga« von Wigbert Löer und Rainer Schäfer ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen.


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