Warum Kölner Fans am Samstag demonstrieren

»Eine neue Stunde Null wäre gut!«

Am kommenden Wochenende werden in Dortmund und Köln wieder Fans auf die Straße gehen. Sie demonstrieren unter dem Motto »Zum Erhalt der Fankultur«. Wir sprachen mit dem Kölner Organisator Stephan Schell über die Entwicklung des Fanprotestes, das DFL-Konzept und die richtige Wortwahl im Dialog.

Stephan Schell, vergangenes Wochenende fand in Leverkusen eine Fandemo von Bayer-Fans statt, am kommenden Samstag demonstrieren FC-Fans in Köln und BVB-Anhänger in Dortmund. Wieso zieht man sich nach der überregionalen Fandemo 2010 und dem Fankongress Anfang 2012 zurück ins Lokale?
Als sich kürzlich aktive Fans verschiedener Szenen zusammensetzten, war man sich einig, dass eine erneute Fandemo wichtig sei. Allerdings sollte diese nicht nach demselben Muster wie im Herbst 2010 verlaufen. Wir wollten eine Fandemo organisieren, die möglichst viele verschiedene Fantypen erreicht: Kutten, Trikotträger, Fanklubs, Familien, Ultras. Und das schien uns vor allem dann möglich, wenn man sie in einem überschaubareren Rahmen aufzieht.

Warum demonstrieren Sie?
Die Demo findet unter dem Motto »Zum Erhalt der Fankultur« statt. Zuletzt haben die aktiven Fans ihre Anliegen auf Kongressen oder im Stadion, wie jüngst mit »12:12«, artikuliert. Uns war es wichtig zu zeigen, dass wir für unsere Sache auch wieder auf die Straße gehen. Diese Demo findet allerdings unabhängig von »Pro Fans« (Ultra-nahe Fanorganisation, d. Red.) oder »12:12« statt, und sie richtet sich nicht nur gegen das DFL-Papier »Sicheres Stadionerlebnis«, über das am 12. Dezember entschieden wird. Es geht um den Erhalt der Fankultur im Ganzen. Themen sind zum Beispiel auch Ticketpreise oder der Erhalt von Stehplätzen.

Wen erwarten Sie?
Wir rechnen mit einer vierstelligen Teilnehmerzahl. Ob Vereinsvertreter kommen, werden wir sehen. Ich bin mir aber sicher, dass der Klub die Demo positiv wertet, da sie sich von vornherein als offen für alle FC-Fans gezeigt hat.

FC-Präsident Werner Spinner gilt als jemand, der sich mit aktiven Fans auseinandersetzt. Zu einer Ablehnung des DFL-Papiers haben die Fans ihn dennoch nicht bewegen können. Warum nicht?
Zunächst sollte man positiv festhalten, dass auch der Verein den ersten Entwurf des Papieres nicht zielführend fand. Er hat um eine Überarbeitung gebeten. Zudem hat sich in den vergangenen Monaten eine Menge in Köln getan. Wir haben die »AG Fankultur« ins Leben gerufen, in der Fan- und Vereinsvertreter sitzen und in der man auf Augenhöhe konstruktiv diskutieren kann. Es gab genug Vorfälle, über die man sprechen musste.

Welche meinen Sie?
Die Teilnehmer der »AG Fankultur« sind sich darüber einig, die besprochenen Inhalte nicht ohne Absprache öffentlich zu kommunizieren – daran halte ich mich natürlich auch. Eins kann ich ihnen aber versichern: Die Teilnehmer sagen sich Meinungen offen ins Gesicht und halten mit Kritik nicht hinterm Zaun. Sowieso: Ein Dialog mit Vereinsvertretern ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Die Verbände, DFB und DFL, stellen hingegen immer wieder an exponierter Stelle dar, dass es ausgesprochen gütig sei, dass sie uns diesen gewähren.

Von Seiten der Verbände heißt es oft, dass der Dialog dauerhaft und auch konstruktiv stattfinde. Zudem müsse den Funktionären auch zugebilligt werden, gewisse Entscheidungen und Themen intern, also ohne Fans, diskutieren zu dürfen.
Ich finde es prekär, über Fußballfans zu entscheiden und diese dann nicht an den Tisch zu holen. So entfernt man sich immer mehr von den Fans.

Was würde denn eine Absegnung des DFL-Konzeptes am 12. Dezember bedeuten? Ein Ende der Fankultur? So haben es jedenfalls einige FC-Fans kurz nach Veröffentlichung des Papieres formuliert.
Dass Fans nun auch konkreter in ihren Aussagen werden, ist kein Wunder: Nach den ganzen Medienlawinen haben viele Fans den Eindruck, dass sie zurückschießen müssen. Daher skizzieren sie ein Szenario, das selbst bei einer Verabschiedung des Konzeptes nicht unbedingt Realität werden muss. Hierbei muss auch erwähnt werden, dass viele Fußballfans das Vertrauen in die Verbände mit den Jahren verloren haben. Dennoch: Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Fans, die durch das Konzept betroffen sind, irgendwann keine Lust mehr haben, ins Stadion zu gehen. Wenn man ständig wie ein Krimineller behandelt wird, sich vor dem  Stadion ausziehen muss, dauerhaft unter Beobachtung steht, und dadurch sowohl das Privat- als auch Berufsleben eine unwahrscheinliche Belastung erfährt, sagen sicher viele: Das tue ich mir nicht mehr an.


Das Konzept wurde unlängst überarbeitet. Warum ist für Sie auch das vorliegende Konzept nicht akzeptabel?
Die Stadien sind sicher, und wenn es Vorgänge gibt, gibt es auch Reaktionen. Daher ist dieses Konzept nicht notwendig. Wenn man davon absieht, ist es inhaltlich immer noch massiv überarbeitungswürdig. Alleine die schwammigen Formulierungen zu den »Kontrolleinrichtungen« oder Stehplätzen missfallen vielen Fußballfans. Die Stehplätze sollten ohnehin nicht zur Disposition stehen. Sie waren und sind Bestandteil - und zwar nicht nur von Fankultur, sondern vor allem vom Fußball. Hinsichtlich der Demo sei allerdings gesagt, dass dort auch FC-Fans mit einer differenzierten Meinung zum Papier hinkommen werden. Daher geht es am 08. Dezember vordergründig um den gesamten Komplex einer erhaltenswürdigen Fankultur.
 
Sie wäre also auch auf die Straße gegangen, wenn es das Papier nie gegeben hätte?
Absolut. Ein Beispiel: Mitte November mussten sich Fans von Eintracht Frankfurt beim Auswärtsspiel in München ausziehen. Sie wurden dafür in weiße Zelte geführt. Dieses Szenario ist also jetzt schon Realität – ohne Papier. Und alleine das ist Anlass zu massiver Kritik.

Wie sieht in Ihrer Idealvorstellung ein Sicherheitskonzept aus?
Am besten wäre es, das Bisherige zu löschen. In einer neuen Stunde Null sitzen wir alle – also auch Vertreter von »BAFF«, »Unsere Kurve«, »Pro Fans« et cetera – an einem Tisch und vor einem leeren Blatt. Dann erarbeiten wir ein für alle Seiten zufriedenstellendes Konzept. Wichtig ist auch, dass dies ganz ohne Zeitdruck entsteht – wenn es Monate dauert, dann dauert es eben Monate. Aber am Ende kann niemand enttäuscht sein.

Auch nicht die Hardliner, die Kontrollen wie am Flughafen fordern?
Man muss natürlich eines begreifen: Fußball ist ein Sport, der verschiedene Schichten, Altersstufen und Bildungsgrade anspricht. Es ist ein Massensport, bei dem jedes Wochenende abertausende Menschen auf verschiedene emotionale Weise zusammenkommen. Ob mit oder ohne Papier, ob mit oder ohne Nacktscanner: eine vollständige Sicherheit ist nicht möglich. Die bekommt man nur, wenn man den Laden komplett dichtmacht. Dann müsste man allerdings auch andere Massenveranstaltungen abschaffen.

Union Berlins Präsident Dirk Zingler sagte vor einiger Zeit: »Es muss von beiden Seiten verbal abgerüstet werden.« Inwiefern sehen Sie sich als Mitglied einer Ultragruppe auch in der Pflicht? Helfen Banner mit Aufschriften wie »Fick dich DFB« weiter?
Wenn ich dieses Thema betrachte, geht es doch nicht um eine Sache, die nur Ultras betrifft. Es geht um Fans, vornehmlich um aktive Fans. Und genau so gehe ich am 8. Dezember auf die Straße: als aktiver Fan. Ich hoffe, dass einige Leute es mir gleich tun. Zu den Bannern: Über den Wortlaut kann man sicherlich streiten, wenngleich ich der Meinung bin, dass es in der Kurve auch mal ruppiger zugehen kann. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass keine Folgespruchbänder hochgehalten worden wären, wenn der DFB nicht so dünnhäutig reagiert hätte.

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