Warum Großkreutz S04 nicht mehr hasst

Vom Saulus zum Paulus

Keine einzige Minute hatte Kevin Großkreutz in der Bundesliga absolviert, da stand das Urteil über ihn schon fest. »Ich hasse Schalker wie die Pest«, entlockte der Boulevard dem Dortmunder Neuzugang. Doch nun scheint er geläutert. Warum Großkreutz S04 nicht mehr hasst

 »Ich hasse Schalker wie die Pest« – Wenige Wochen später holte den Straßenfußballer diese unbedachte Aussage in Form eines Ellenbogenschlages wieder ein. Schalkes Torwart Manuel Neuer soll ihn begangen haben. Einen Beweis dafür gab es nie. Es folgte eine erstaunliche Entwicklung. Statt unter der Last der folgenden Häme zusammenzubrechen, reifte der 21-Jährige im letzten Drittel der Hinserie zum Aufsteiger im Team von Jürgen Klopp. In den letzten vier allesamt gewonnenen Spielen gehörte er zur Startelf der Schwarz-Gelben.

Wir begleiteten Kevin Großkreutz bei einem Streifzug durch seine Heimat im Dortmunder Norden. 


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Kevin Großkreutz, was bedeutet Ihnen Heimat?

Heimat ist dort, wo die Menschen wohnen, die man liebt. Heimat kann aber auch eine Begegnung sein, wie die kürzlich mit meinem ehemaligen Geschichtslehrer von der Hauptschule Eving. Herr Hässler hat mich vor einigen Wochen zufällig getroffen und mich spontan in den Arm genommen. Heimat ist aber auch ein vertrauter Ort. Wie die Wiese, die ich mit meinen Kumpeln nach der Schule immer als Bolzplatz aufgesucht habe. Oder auch die Bude an der Ecke, die ich Ihnen gerade gezeigt habe und in der ich schon als Kind eingekauft habe. Ich bin sehr bodenständig. Was mir Heimat bedeutet, kann man bald auch auf meiner Homepage nachlesen, in der es zu 100 Prozent nur um Dortmund und meine Liebe zur Borussia gehen wird.

Gehört der Austausch mit Ihren langjährigen Weggefährten von der Südtribüne auch dazu? Per Internet lassen Sie die Anhänger über das Fanzine schwatzgelb.de unter der Rubrik »Kevins Kolumne... hier schreibt ein Dortmunder Jung« regelmäßig an Ihrem Seelenleben teil haben.

Die Macher von schwatzgelb.de haben bei mir nachgefragt, ob ich mir das vorstellen könne, und ich fand die Idee gut. Ich kenne viele Menschen, die das lesen, persönlich. Mich hat als Fan auch immer interessiert, was in der Mannschaft passiert. Auch ich kam immer schlecht an Informationen. Jetzt habe ich die Möglichkeit dazu, und da ist es für mich eine Selbstverständlichkeit, einige Dinge weiterzugeben. Es ist aber alles mit dem BVB abgestimmt.

Sie sind im Dortmunder Bezirk Eving aufgewachsen. Sie sind dort zur Schule gegangen und wohnen hier noch heute mit Ihren Eltern Pia und Martin und Ihrem Bruder Lanny. In einem Interview haben Sie mal gesagt, dass Sie Eving freiwillig nie verlassen würden. Dabei zählt der Bereich im Dortmunder Norden nicht gerade zu den feinsten Adressen der Westfalenmetropole. Was macht diesen Stadtteil für Sie dennoch so einzigartig?

Das stimmt vielleicht. Aber hier sind meine Wurzeln. Ich suche mir gerade meine erste eigene Wohnung. Auch die wird wieder in Eving liegen. Es gibt sicherlich schönere Ecken als den Dortmunder Norden. Aber ich will hier nicht weg. Ich brauche das nicht zwangsläufig, nur weil ich jetzt etwas mehr Geld verdiene. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Wenn ich hier über die Straße gehe, kennt mich jeder. Und ich kenne jeden. Und wenn mich die Leute grüßen, dann, weil sie mich mögen. Nicht weil ich jetzt ein Fußballprofi bin.

Sie engagieren sich seit Jahren ehrenamtlich beim örtlichen Kreisligisten SG Phönix Eving.

Mein Vater ist ein Phönixer. Von daher war ich dort oft bei den Spielen. Der Platz an der Grävingholzstraße wurde fast mein zweites zu Hause. Auch wenn ich dort nie selbst gespielt habe. Vor fünf Jahren wurde ich angesprochen, ob ich mir eine Aufgabe als Trainer in der Jugendabteilung vorstellen könne. Seitdem mache ich das. Derzeit trainiere ich zweimal in der Woche die D-Jugend. Das macht Riesenspaß.

Mag sein, aber wir kennen keinen anderen aktiven Fußballprofi, der sich nach Feierabend noch zweimal wöchentlich auf die Asche stellt. Wie bekommen Sie beide Aufgaben unter einen Hut?

Wen ich ehrlich bin verstehe ich gar nicht, warum das nicht noch mehr Spieler machen. Das würde dem Fußball bestimmt gut tun. Wir trainieren derzeit Montags und Donnerstags. Montags haben wir beim BVB oft frei und Donnerstags fängt mein Partner dann mit dem Training an, und ich stoße dann nach unserem Training dazu. Nur mit den Spielen am Samstagvormittag ist es etwas schwierig geworden. Ich versuche das so oft, wie es geht, hinzubekommen. Allerdings konnte ich in dieser Saison erst drei Partien meiner Jungs sehen. Aber es lag mir am Herzen, die Mannschaft nicht einfach im Stich zu lassen. Wenn ich eine Aufgabe anfange, dann bringe ich sie auch zu Ende. Das sind Kinder, zu denen ich eine Beziehung aufgebaut habe, und die an mir hängen.
    
Als Trainer sind Sie auch ein Vorbild. Wie passt es da zusammen, dass Sie vor Beginn der Saison damit Schlagzeilen machten, dass Sie den Revierrivalen aus Gelsenkirchen wie die Pest hassen?

Da haben sie Recht. Aber ganz Eving ist Schwarz-Gelb. Deshalb ist es doch klar, dass ich die Blauen nicht sonderlich mag. Als ich die Aussage getätigt habe, dass ich Schalke wie die Pest hasse, habe ich in der Sprache des Ruhrgebietes gesprochen. Das war nicht so aggressiv gemeint, wie es rüberkam. Und ich bin mir auch sicher, dass die echten Fans auf beiden Seiten das verstanden haben, wie ich das gemeint habe. Ich würde nie nach Schalke wechseln. Aber mit der heutigen Erfahrung würde ich diese Aussage sicherlich in der Form so auch nicht mehr tätigen. Ich habe die Wirkung nicht richtig eingeschätzt und mich da sicher ein Stück weit auch aufs Glatteis führen lassen. Es ist für mich nach wie vor das Größte, gegen Schalke zu gewinnen. Aber ich würde das heute anders formulieren. Ich würde das Wort hassen nicht mehr benutzen.

Im November wollte Sie DFB-Coach Rainer Adrion für die U21 Nationalmannschaft nominieren. Sie haben abgesagt. Der Torwart dort heißt Manuel Neuer... 

Ich habe schweren Herzens abgesagt, weil ich mich voll auf den BVB konzentrieren wollte. Das stieß im ersten Moment bei Rainer Adrion auch auf etwas Unverständnis. Aber dann hat mein väterlicher Freund und Berater Konstantin Liolios mit ihm darüber geredet und wir haben es ihm erklärt. Natürlich ist es für mich wie für jeden anderen Fußballer auch eine absolute Auszeichnung den Adler auf der Brust zu tragen. Ich habe ja auch drei Spiele für die U19 absolviert. Aber als die Anfrage kam, hatte ich gerade meine ersten Spiele für die Borussia absolviert und wollte nicht sofort wieder beim Training fehlen. Mit Manuel Neuer hatte das wirklich nichts zu tun.

Wie hätten Sie denn einem Wiedersehen entgegen gesehen?

Ganz entspannt. Immerhin wird er mich jetzt ja kennen. Aber Sie spielen sicher auf die Szene nach dem Derby an. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass das sehr unglücklich gelaufen ist. Ich habe nicht gelogen. Aber ich war einfach total sauer, dass wir das Spiel verloren haben. Es war ja mein erstes Derby als Spieler auf dem Platz. Und da sehe ich dann nach unserer Niederlage den Manuel vor unserer Kurve jubeln. Wenn ich ehrlich bin, kann ich ihn sogar ein Stück weit verstehen. Ich hätte es wahrscheinlich genauso gemacht. Wir setzen uns sicher beide intensiver für unsere Vereine ein, weil wir früher selbst in den Kurven gestanden haben. Wir sollten das Thema einfach vergessen.

Gab es denn nach dem Vorfall einen Kontakt zwischen Ihnen und dem Schalker Keeper?

Nein, den gab es nicht. Aber vielleicht können wir uns vor dem Rückspiel im Februar mal bei Ihnen in der Redaktion treffen. Das wäre doch eine gute Sache. Ich hielte das für ein wichtiges Signal, den Leuten zu vermitteln, dass wir uns als Menschen und Berufskollegen gegenseitig respektieren. Deswegen muss man seine Einstellungen und Werte ja nicht aufgeben. Das werde ich auch nie tun. Aber für das gesamte Umfeld wäre das mal das richtige Zeichen.

Ihr sportlicher Aufstieg in den letzten Wochen war rasant. Hätten Sie mit einer derartigen Entwicklung gerechnet?

In der Form hätte ich das nicht erwartet. Bereits mit dem Wechsel zum BVB ist ein Traum für mich in Erfüllung gegangen. Ich wollte nie etwas anderes werden als Fußballspieler. Mit einem anderen Beruf habe ich mich ernsthaft gar nicht beschäftigt. Ich hatte zwar schon auf ein paar Einsätze gehofft. Aber ich bin eher davon ausgegangen, dass ich ein Jahr brauche, um mich zu integrieren. Das ich in der gerade abgelaufenen Hinserie schon 15 Mal zum Einsatz kommen würde und die letzten fünf Spiele sogar von Beginn an spielen durfte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Das ist natürlich sensationell und darüber freue ich mich. Aber ich weiß auch, dass ich weiter hart an mir arbeiten muss, um die Anforderungen unseres Trainers dauerhaft zu erfüllen.

Welchen Anteil hat Jürgen Klopp am Höhenflug der Borussia?

Einen sehr großen. Er spricht genau unsere Sprache und ist dabei total authentisch. Als er mich bei unserem 3:1 Sieg in Wolfsburg in der letzten Minute ausgewechselt hat, sagte er zu mir, ich solle beim nächsten Mal einfach etwas mehr laufen, dann dürfe ich auch mal durchspielen. Und lachte sich dabei kaputt. Diese Art von Motivation passt genau ins Ruhrgebiet.

Sie sind innerhalb kürzester Zeit zu einem Botschafter für einen Stadtteil mit einer hohen Arbeitslosigkeit geworden, in dem zu viele Wege durch vorgegebene Lebensbedingungen bereits eingezeichnet scheinen. 

Wenn Sie meinen, dass viele hier den gleichen Traum träumen wie ich, dann stimmt das. Wie oft haben wir uns früher als Kinder ausgemalt, wie es wäre, einmal im Westfalenstadion zu stehen und ein Tor zu erzielen. Das ist heute nicht anders. Für die Jugendlichen kann es ein Antrieb sein, zu sehen, was man mit Leidenschaft und Willen alles erreichen kann. Das will ich nutzen. In Kürze werde ich deshalb mit unserem Bezirksbürgermeister Helmut Adden einen Termin für einen Lesenachmittag in der Evinger Stadtbücherei vereinbaren. Bei mir ist es gut gegangen. Aber nicht jeder schafft es mit Fußball. Wir wollen den Kindern erklären, wie wichtig Bildung ist. Es soll ein Erfahrungsaustausch werden. Aber als Botschafter für Eving sehe ich mich eher nicht. Das maße ich mir nicht an.

Sie sprachen von nur diesem einen Kindheitstraum, der jetzt für Sie in Erfüllung gegangen ist. Wie war das bei Ihrem ersten Tor im Westfalenstadion?

Das war der bislang schönste Moment in meinem Leben. Ich hatte meine Emotionen gar nicht im Griff. Ich hatte vorher bestimmt 1000 Mal darüber nachgedacht, was ich dann machen würde. Aber in dem Moment vergisst du alles. Ich war nur froh, dass es vor der Nordtribüne passiert ist. Sonst hätte ich sicher den Zaun gestürmt und eine gelbe Karte riskiert. Ich habe eigentlich erst ein paar Tage später richtig registriert, was da passiert ist. Ich war früher als Fan in Mailand, Glasgow und Rotterdam. Jetzt möchte ich dafür sorgen, dass wir alle mit unserem BVB wieder solche Spiele erleben dürfen. Die Jungs auf der Tribüne und ich auf dem Rasen. Und dann ist mir die gelbe Karte im letzten Saisonspiel auch egal. Und wenn wir dann noch mit unserer D-Jugend von Phönix aufsteigen, wäre es ein perfektes Jahr 2010 für mich.

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