Warum Frankreichs Fußball Ende November streiken wird

»Es könnte zum Tod einiger Klubs führen«

Ende November wird in Frankreich kein Profifußball gespielt, denn die Vereine streiken gegen eine neue Reichensteuer. Auch Jean-Pierre Louvel, Präsident von Le Havre AC und der UCPF (Vereinigung der französischen Profifußballklubs), unterstützt den Protest.

Jean-Pierre Louvel, was können Frankreichs Fußballfans am letzten Novemberwochenende erwarten?
Sie werden einen »weißen Spieltag« erleben, ohne Spiele, aber mit Demonstrationen.
 
Auf den Straßen?
Nein, in den Stadien, denn die werden ebenso geöffnet sein wie die Trainingsanlagen.
 
Zunächst hieß es, dass die Spieler in den Streik treten werden. Dabei handelt es sich eigentlich um einen »Lock out«, wie man ihn aus amerikanischen Sportarten kennt. Vereins-Geschäftsführer und Präsidenten möchten nicht, dass ihre Spieler spielen. Warum ist es überhaupt so weit gekommen?
Uns wurde schlichtweg nicht zugehört. Angefangen hat es damit, dass der französische Staat ab dem kommenden Jahr eine Reichensteuer von 75 Prozent auf Gehälter von über einer Million Euro erheben will. Dies wird auch den Fußball betreffen. Zuerst sollte diese Taxe von Spielern bezahlt werden, weil sie dieses Geld verdienen. Nun soll sie aber auf die Vereine abgewälzt werden, die eh schon immense Löhne für die Spieler bezahlen.
 
Ein Spieler wie Zlatan Ibrahimovic bekommt von Paris Saint-German ein Netto-Gehalt von zwölf Millionen Euro im Jahr.
Richtig. Der Staat bekommt also durch die normale Steuer sowieso schon mehrere hundert Millionen Euro pro Jahr. Dazu vergisst man sehr häufig, dass die Spieler auch auf andere Weise dem Staat Geld einbringen. Sie wohnen, leben und konsumieren hier. Wenn diese Spieler gehen müssen, weil sie für die Vereine untragbar werden, dann wird das gravierende Auswirkungen auf das Steuerwesen in Frankreich haben.
 
Wie geht es denn den französischen Vereinen finanziell?
Die meisten Klubs der Ligue 1 sind defizitäre Unternehmen, und der Staat weiß das. Deshalb haben wir die Maßnahme nicht verstanden. Außerdem ist diese Steuer retroaktiv, sie wird also auch für Verträge gelten, die in der vergangenen Saison unterschrieben wurden. Auch das hatten wir nicht auf dem Zettel.
 
Die Geschäftsführer der Profi-Klubs haben zuletzt häufiger gesagt, dass die Vereine keine typischen Unternehmen seien. Was unterscheidet sie denn?
Die Politiker behaupten stets, dass ein Fußballverein ein Unternehmen wie jedes andere sei. Sie vergessen jedoch unsere Besonderheiten. So gibt es zum Beispiel die DNCG (Direction Nationale du Contrôle de Gestion, d. Red.), die die Finanzen der Vereine kontrolliert. Wir müssen außerdem fünf Prozent der TV-Einnahmen an den Staat abführen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass unsere Spieler befristete Verträge bei uns unterschreiben, auch das machen nicht viele Unternehmen. Im Gegensatz zu ihnen müssen wir vor Ablauf eines jeden Vertrages mit den Spielern neu verhandeln.
 
Sie wurden mit einigen anderen Klub-Präsidenten – etwa Jean-Michel Aulas von Olympique Lyon und Vincent Labrune von Olympique Marseille  – am 31. Oktober von Staatspräsident François Hollande im Elysée-Palast empfangen. Wie ist es gelaufen?
Das Gespräch dauerte über eine Stunde, und es war sehr herzlich. Leider hatte dieses Gespräch kein positives Ende. Zurzeit gibt es keine Einigung.
 
Was gedenken Sie zu tun?
Es gibt noch Wege, an denen die Vereine und das Sportsministerium arbeiten werden. Zum Beispiel die Regelung nicht am Umsatz eines Klubs festzumachen. Das ist nämlich unfair.

Wie meinen Sie das?
Noch mal: Die Reichensteuer wird von den Vereinen bezahlt. Sobald ein Einkommen über eine Million geht, bekommt der Staat von diesem Überbetrag 75 Prozent. Lassen Sie mich das am Beispiel von Paris Saint-Germain erklären: Christophe Jallet (Abwehrspieler bei PSG d. Red.) verdient 1,2 Millionen Euro pro Jahr, der Verein muss also 75 Prozent auf 200.000 Euro extra zahlen. PSG müsste nach dieser Rechnung für den gesamten Kader ungefähr 44 Millionen Euro überweisen. Aber: Es gibt für diese Regelung eine Höchstgrenze, die nicht überschritten werden darf. Sie liegt bei fünf Prozent des Umsatzes eines Vereins. 

Wieviel sind denn fünf Prozent des Umsatzes von PSG?
Circa 20 Millionen Euro. Das bedeutet also, dass PSG nur 20 Millionen Euro zahlen muss. Das ist das Maximum, was der Klub nach dem Gesetz zahlen muss. Absurd, nicht wahr? Denn PSG spart somit sogar Geld! Im Gegensatz zu allen anderen Vereinen, die nach dieser Regelung nie die 20-Millionen-Euro-Grenze erreichen – und insofern immer den vollen Betrag zahlen.

Was heißt das in der Konsequenz?
Einen umsatzstarken Klub wie Paris Saint-Germain wird diese neue Regelung nicht hart treffen. Ebenso wenig den AS Monaco, der überhaupt keine Steuern zahlen muss. Im Endeffekt werden die ärmsten Vereine am meisten von der neuen Steuer betroffen sein. Konkret sprechen wir von vierzehn Vereinen in der Ligue 1. Diese Klubs müssen sich nun sorgen, dass die Aktionäre verschwinden. Und das in einer Zeit, in der sie finanzielle Unterstützung gebrauchen könnten. Das wird dazu führen, dass die Vereine mehr Spieler ins Ausland verkaufen, um ein Gleichgewicht zu finden. Letztlich wird dieses Szenario die Ligue 1 schwächen. Und die Ligue 2 auch, da sie jetzt schon eine Menge Spieler an die Ligue 1 verkauft.

Ist Frankreichs Fußball in Gefahr?
Sagen wir so: Die Regelung führt zu einer Schwächung, einem Verlust der Solidarität – und diese könnte den Tod einiger Klubs bedeuten.

Was halten Sie von den Äußerungen von Pascal Dupraz? Der Trainer von Evian Thonon-Gaillard hat gesagt, er unterstützt »diese Art von Streik« nicht. Er sagt, dass viele Franzosen nur den Mindestlohn bekämen und auch Steuern zahlen müssten.
Pascal Dupraz kann sagen, was er will, wenn der Vorstand der LFP (Vertretung der Profivereine, d. Red.) sich mit der Position der Vereine solidarisiert, dann wird Ende November kein Spiel stattfinden.
 
Wie wird dieser Spieltag konkret bei Le Havre verlaufen?
Dieser Tag wird den Leuten in Le Havre erlauben, die anderen Jobs im Fußball zu entdecken. Man darf nie vergessen, dass es im französischen Fußball neben den Spielern und Trainer auch 24.000 Personen gibt, die um ihn herum arbeiten. Es wird ein Tag der offenen Türen sein. Man wird die Spieler treffen können, und vielleicht wird auch ein Turnier mit der ersten Mannschaft stattfinden.
 
Was denken die Spieler von der Gesamtsituation?
Normalerweise kümmern sich die Spieler nur um das nächste Spiel. Sie verstehen aber die Problematik der Vereine. Man kann sagen was man will, aber die Spieler mögen den Kontakt mit dem Publikum, mit den Fans. Sie brauchen das.
 
Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie so lange kämpfen, bis die Idee der Reichensteuer fallengelassen wird. Bleiben Sie dabei?
Wenn sie im Gesetz verankert wird, dann werden wir uns dem Gesetz fügen. Wir wollen aber, dass jeder Verein unterschiedlich betrachtet wird, denn nicht alle Klubs sitzen im gleichen Boot.

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