18.09.2012
Warum ein Münsteraner den Originalrasen von 1963 konserviert
»Gewendet wie Pommes Frites«
Die Bundesliga geht in ihre Jubiläumssaison und zeitigt dabei kuriose Ideen: Matthias in der Weide, Blogger und Schalkefan, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Originalrasen von 1963 zu bewahren. Wo? In Münster. Wie? Mit Nagelschere, Backblech und 60 Grad Umluft.
Interview:
Moritz Herrmann
Bild:
Privat
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Sie könnten die Dame entschädigen, indem Sie von dem Geld, das der Rasen einbringt, eine nette Reise buchen, oder ein mehrgängiges Dinner spendieren.
Es ging mir nicht um Geschäftemacherei, sondern um die Symbolik. Ich hätte es jammerschade gefunden, wenn das Zeug einfach verkloppt worden wäre. Bei einem gewerbsmäßigen Verkauf müsste ich meinen Lohn einrechnen und für jedes Tütchen an die zehn Euro nehmen müssen. Will ich aber nicht. Die Tütchen gehen an ausgewählte Leute. Diejenigen, die den Rasen bekommen, sollen um die Historie wissen und nach Möglichkeit die Geschichte dazu zum Besten geben. Ich plane auch eine Tauschaktion, Originalrasen gegen Fußballmemorabilia.
Eigentlich wollten Sie den Rasen in Acrylglas gießen lassen.
Das Verfahren war eine Kostenfrage. Erstens ist Acrylglas nicht ganz billig, zweitens stinkt es wie Hölle, drittens hätte ich mir für das Gießen ein spezielles Förmchenset kaufen müssen, viertens kann organisches Material von innen heraus verfaulen, wenn es in Acrylglas lagert. Die verschließbaren Plastiktütchen waren Plan B.
Wurden die Nachbarn gar nicht misstrauisch? Grüne Krümel auf der Anrichte, dazu kleine Plastiktüten – mit Verlaub, das weckt zwangsläufig ganz andere Assoziationen.
Ich wohne im Erdgeschoss, meine Wohnküche geht zum Hof raus. Da flanieren die Nachbarn lang und die Jungs vom angrenzenden indischen Restaurant rauchen ihre Zigaretten am Hintereingang. In den Abendstunden, bei Kunstlicht über den Rasen gebeugt, muss das wirklich ausgesehen haben, als würde ich Drogen eintüten (lacht). Die Tätigkeit des Bundesligaraseneinpackers unterscheidet sich nicht großartig von der eines holländischen Hinterhofdealers. Stellen Sie sich vor, die Polizei klingelt und fragt: »Herr in der Weide, was machen Sie gerade?« Dann hätte ich wahrheitsgemäß antworten müssen: »Ich packe Gras in Tüten.«
Aber die Polizei ließ sich nicht blicken.
Nein, bei mir nicht. Doch einer der ersten, dem ich eine Tüte geschenkt habe, war mein Cousin aus Österreich. Er besuchte mich in Münster und flog von Köln-Bonn zurück nach Graz. Mein kleines Präsent verstaute er an der Seite seiner Tasche. Beim Check piepte es plötzlich. Aufgeregte Securitybeamte scharten sich um meinen Cousin. Auf dem Röntgendisplay zeigten sie auf das Behältnis mit der organischen, struppigen Substanz. Ein Beamte öffnete die Tüte, schnupperte, einmal, zweimal, las den Beipackzettel und winkte ihn dann, leicht resigniert, durch (lacht).
Kann man den Originalrasen im eigenen Garten anpflanzen?
Ich gehe aber nicht davon aus, dass das klappt. Ich weiß noch nicht mal, wie sich Rasen fortpflanzt. Die Halme lagern samt Wurzel nun schon einige Monate in ihrer Tüte. Allerdings, bei meinem Kumpel, der im Schatten des Preußenstadions ein kleines Eigentumshäuschen hat, haben wir ein Stück Originalrasen in den Garten gesetzt. Das Stück ist, durch den nassen Sommer begünstigt, sofort angegangen und treibt jetzt wie Hulle. Aber das war, wie gesagt, vor geraumer Zeit.
Da wird der Garten zum Museum und die Gartenparty zum geschichtsträchtigen Rundgung.
Immer langsam. Es ist nicht so, dass wir, wenn wir bei ihm grillen, uns auf den Bauch legen und dieses Stück Rasen anbeten.
Die 63er-Halme machen sich bestimmt auch schick auf der Fensterbank. Im Blumentopf...
...funktioniert das nicht. Ich weiß das von Leuten, die sich den Rasen der Schalke-Arena mal im Blumentopf bewahren wollten. Rasen ist viel komplexer, als man das glauben möchte. Nicht umsonst gehen in den Ligastadien ständig die Rasen ein. Rasen braucht Luft, Rasen braucht Sonne, Rasen braucht Feuchtigkeit und Rasen braucht viel Durchzug.
An welche Zielgruppe wendet sich die Idee mit dem Bundesligarasen?
Überspitzt gesagt: An Nerds, Nostalgiker und Fußballtraditionalisten. Von den 250 Tüten, die ich inklusive Beipackzettel produziert habe, sind noch etwa 170 Päckchen übrig. Ein paar Stück habe ich auch unter befreundeten Bloggern verteilt. Der Rest wartet in einer Box.
Sie haben die Originalwiese von 1963 frisiert, ausgebacken, gestückelt und verschickt. Macht Sie das zum Gegner der neuen, standardisierten Rollrasen, wie sie heutzutage in allen Arenen liegen?
Nein, gar nicht. Warum sollte es? In allen Stadien stehen nun mal Tore der Firma Schäfer, und in den meisten Stadien sind nun mal Rollrasen niederländischer Großbetriebe verlegt. Das hat sich dahingehend eingependelt. Mich fasziniert eher die Vision, dass in 300 Jahren Außerirdische landen und die Überreste unserer Zivilisation bestaunen. Die müssen doch zu dem Schluss kommen, dass die Menschheit total verrückt war. Wir errichten tonnenschwere, riesige, eigentlich absolut lebensfeindliche Betonmonumente, nur um ins Zentrum dieser Kästen aus Stahl, Stein und Glas ein Stück Rasen zu schieben. Eine durch und durch künstliche Umgebung, und in der Mitte pure Natur. Absurd, oder? Der Rasen ist der letzte Anachronismus, den wir uns im Fußball gönnen.



