Warum ein Münsteraner den Originalrasen von 1963 konserviert

»Gewendet wie Pommes Frites«

Die Bundesliga geht in ihre Jubiläumssaison und zeitigt dabei kuriose Ideen: Matthias in der Weide, Blogger und Schalkefan, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Originalrasen von 1963 zu bewahren. Wo? In Münster. Wie? Mit Nagelschere, Backblech und 60 Grad Umluft.

Privat

Matthias in der Weide, wie riecht der Original-Bundesligarasen von 1963?
Er riecht nach Heustadl, wie der Österreicher sagen würde. Wie ein Bergbauernhof in der Abendsonne des Spätsommers. Sehr ländlich, eigentlich genau wie Heidi!

Sie haben den Rasen im Münsteraner Stadion an der Hammer Straße abgetragen. Der SC Preußen Münster gehörte in der Premierensaison 1963/64 zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga, stieg dann ab und kehrte nie wieder zurück nach ganz oben.
Natürlich wurde der Rasen seitdem immer mal wieder ausgebessert, vom Platzwart teilweise nachgesäht, gewalzt und geflickt. Einen Komplettaustausch gab es jedoch nie. Der datiert in die 1950er zurück. An den Halmen klebt zwar nicht mehr der Originalschweiß von Uwe Seeler, der am 24. August 1963 mit seinem HSV in Münster gastierte, aber fußballromantisierend kann man dennoch vom letzten Überbleibsel des 1. Spieltags sprechen.

Warum wurde der Rasen in Münster nie ausgetauscht?
Das ist eine logische Kiste: Als eines von zwei Bundesliga-Gründungsmitgliedern bespielte der SC Preußen Münster immer noch ein Feld ohne Rasenheizung. Spätestens mit dem Aufkommen der Heizungen in den Siebziger Jahren, allerspätestens seit die DFL eine beheizbare Rasenfläche zur Grundvoraussetzung für die Lizenzerteilung in den beiden höchsten Spielkassen gemacht hat, wurden bundesweit aus nahezu allen größeren Stadien die Rasen abgetragen, unterbaut und durch eine neue Wiese ersetzt. In Münster passierte das nie.

War das Preußenstadion ein Einzelfall?
Auch Saarbrücken spielt im Ludwigspark ohne Rasenheizung. An der Saar wurde das Spielfeld aber nachweislich mindestens schon einmal gewechselt, in den Neunzigern.

Wann erfuhren Sie erstmals von dem Münsteraner Kuriosum?
Ich bin zwar passionierter Schalkefan, wohne aber in Münster, keine zehn Fahrradminuten vom Preußenstadion entfernt. Im Sinne von support-your-local-team sympathisiere ich mit dem SC. Ende März unterhielten sich Freunde mal wieder über die unendliche Geschichte des Stadionaus und -umbaus, darüber, wie es einen neuen Rasen geben solle und eine Rasenheizung. Ein Kumpel erinnerte sich an eine Zeitungsmeldung, wonach der Rasen angeblich seit den Fünfzigern Bestand habe. Bei mir schrillten sofort die Alarmglocken.

Sie witterten das große Geschäft.
Im Gegenteil, ich witterte eine schöne Geschichte. Immerhin sollte die Bundesliga bald Jubiläum feiern. Ich schrieb der Marketingabteilung von Preußen Münster eine Mail, in der ich sagte: »Leute, im Fußball geht es nicht nur Erfolge, es geht auch im Geschichten. Euch bietet sich eine geniale Chance.« Mit minimalem Aufwand hätte es der Verein in die bundesweite Presse schaffen können. Leider habe ich nie eine Antwort erhalten.

Deshalb verarbeiteten Sie die Story auf Schalkefan.de, Ihrem Blog.
Mehr noch, ich gab auch einem Kumpel Bescheid, der direkt am Stadion wohnt. Pass auf, habe ich gesagt, sollten die den Rasen ausbuddeln, gib Laut! Ich hatte mich in die Geschichte verliebt und war mir sicher, dass ich mir – gegen einen Zehner oder eine Kiste Bier – ein Stück hätte aus dem Abfallcontainer nehmen dürfen. Keine Sorge, ich bin kein Spinner - ich wollte nur ein Stück Fußballhistorie für die Nachwelt retten.

Dazu kam es im Mai 2012. Der Verein gab bekannt, der Rasen im Preußenstadion werde ausgetauscht. Zwei Tage lang durften sich die Fans gegen 19,06 Euro, angelehnt an das Gründungsjahr 1906, eine Parzelle ausstechen.
Ich fuhr gleich am ersten Verkaufstag vor, in strömendem Regen. Mit den zwei ehrenamtlichen Helfern, die der Verein abkommandiert hatte, stach ich einen Quadratmeter Rasen aus. Man macht sich ja gar kein Bild, wie schwer so ein Quadratmeter wiegt, zumal wenn er bis in den letzten Halm mit Regen vollgesogen ist! Ich habe zweieinhalb Stunden gebraucht, um das gute Stück abzutransportieren. Danach brauchte mein Wagen eine Generalreinigung.

Schmutz aus 50 Jahren.
Naja, Fußballrasen eben, so wie man ihn sich vorstellt. Sehr sandiger Untergrund, nasses Erdreich, sattes Grün – und später eine veritable Ameisenplage. Die krabbelte über die Spüle, den Tisch, auf dem Boden, überall.

Welche Probleme galt es außerdem zu bewältigen? Der Umgang mit der alten Wiese bedeutete ja quasi Neuland.
Es war gar nicht einfach, den Rasen fachgerecht zu konservieren. Zu Beginn habe ich das Stück mit einer stinknormalen Haushaltsschere frisiert und dabei versucht, auch Wurzelwerk zu lassen. Weil ich aus einer ländliche Gegend stamme, weiß ich, dass Bauern nur dann Heu machen, wenn es die nächsten Tage und Nächte trocken bleiben soll. Nasses Gras schimmelt nämlich irgendwann.

Das klingt nach Hobbybotanik.
Ich habe die Rasenstückchen auf einem Backblech verteilt und zwanzig Minuten bei etwa 60 Grad Umluft erhitzt. Ich musste regelmäßig mit der Kelle wenden, wie Pommes Frites. Mehrere Tage stand ich so nach der Arbeit in der Küche.

Schwer zu glauben, dass Ihre Frau dieses Verhalten klaglos toleriert hat. Sind Sie jetzt stolzer Rasenhüter, aber auch einsam und geschieden?
Meine Frau ist fast so fußballverrückt wie ich. Sie hat verstanden, was ich da mache, vor allem: warum ich das mache. Der einzige Haken war ihr Heuschnupfen. Glauben Sie mir, domestizierter Fußballrasen in der Küche ist da nicht ideal. Während ich den Backofen in Beschlag genommen habe, lief meine Frau mit dicken Augen durch die Küche. Das tut mir im Nachhinein sehr, sehr leid.



Sie könnten die Dame entschädigen, indem Sie von dem Geld, das der Rasen einbringt, eine nette Reise buchen, oder ein mehrgängiges Dinner spendieren.
Es ging mir nicht um Geschäftemacherei, sondern um die Symbolik. Ich hätte es jammerschade gefunden, wenn das Zeug einfach verkloppt worden wäre. Bei einem gewerbsmäßigen Verkauf müsste ich meinen Lohn einrechnen und für jedes Tütchen an die zehn Euro nehmen müssen. Will ich aber nicht. Die Tütchen gehen an ausgewählte Leute. Diejenigen, die den Rasen bekommen, sollen um die Historie wissen und nach Möglichkeit die Geschichte dazu zum Besten geben. Ich plane auch eine Tauschaktion, Originalrasen gegen Fußballmemorabilia.

Eigentlich wollten Sie den Rasen in Acrylglas gießen lassen.
Das Verfahren war eine Kostenfrage. Erstens ist Acrylglas nicht ganz billig, zweitens stinkt es wie Hölle, drittens hätte ich mir für das Gießen ein spezielles Förmchenset kaufen müssen, viertens kann organisches Material von innen heraus verfaulen, wenn es in Acrylglas lagert. Die verschließbaren Plastiktütchen waren Plan B.

Wurden die Nachbarn gar nicht misstrauisch? Grüne Krümel auf der Anrichte, dazu kleine Plastiktüten – mit Verlaub, das weckt zwangsläufig ganz andere Assoziationen.
Ich wohne im Erdgeschoss, meine Wohnküche geht zum Hof raus. Da flanieren die Nachbarn lang und die Jungs vom angrenzenden indischen Restaurant rauchen ihre Zigaretten am Hintereingang. In den Abendstunden, bei Kunstlicht über den Rasen gebeugt, muss das wirklich ausgesehen haben, als würde ich Drogen eintüten (lacht). Die Tätigkeit des Bundesligaraseneinpackers unterscheidet sich nicht großartig von der eines holländischen Hinterhofdealers. Stellen Sie sich vor, die Polizei klingelt und fragt: »Herr in der Weide, was machen Sie gerade?« Dann hätte ich wahrheitsgemäß antworten müssen: »Ich packe Gras in Tüten.«

Aber die Polizei ließ sich nicht blicken.
Nein, bei mir nicht. Doch einer der ersten, dem ich eine Tüte geschenkt habe, war mein Cousin aus Österreich. Er besuchte mich in Münster und flog von Köln-Bonn zurück nach Graz. Mein kleines Präsent verstaute er an der Seite seiner Tasche. Beim Check piepte es plötzlich. Aufgeregte Securitybeamte scharten sich um meinen Cousin. Auf dem Röntgendisplay zeigten sie auf das Behältnis mit der organischen, struppigen Substanz. Ein Beamte öffnete die Tüte, schnupperte, einmal, zweimal, las den Beipackzettel und winkte ihn dann, leicht resigniert, durch (lacht).

Kann man den Originalrasen im eigenen Garten anpflanzen?
Ich gehe aber nicht davon aus, dass das klappt. Ich weiß noch nicht mal, wie sich Rasen fortpflanzt. Die Halme lagern samt Wurzel nun schon einige Monate in ihrer Tüte. Allerdings, bei meinem Kumpel, der im Schatten des Preußenstadions ein kleines Eigentumshäuschen hat, haben wir ein Stück Originalrasen in den Garten gesetzt. Das Stück ist, durch den nassen Sommer begünstigt, sofort angegangen und treibt jetzt wie Hulle. Aber das war, wie gesagt, vor geraumer Zeit.

Da wird der Garten zum Museum und die Gartenparty zum geschichtsträchtigen Rundgung.
Immer langsam. Es ist nicht so, dass wir, wenn wir bei ihm grillen, uns auf den Bauch legen und dieses Stück Rasen anbeten.

Die 63er-Halme machen sich bestimmt auch schick auf der Fensterbank. Im Blumentopf...
...funktioniert das nicht. Ich weiß das von Leuten, die sich den Rasen der Schalke-Arena mal im Blumentopf bewahren wollten. Rasen ist viel komplexer, als man das glauben möchte. Nicht umsonst gehen in den Ligastadien ständig die Rasen ein. Rasen braucht Luft, Rasen braucht Sonne, Rasen braucht Feuchtigkeit und Rasen braucht viel Durchzug.

An welche Zielgruppe wendet sich die Idee mit dem Bundesligarasen?
Überspitzt gesagt: An Nerds, Nostalgiker und Fußballtraditionalisten. Von den 250 Tüten, die ich inklusive Beipackzettel produziert habe, sind noch etwa 170 Päckchen übrig. Ein paar Stück habe ich auch unter befreundeten Bloggern verteilt. Der Rest wartet in einer Box.

Sie haben die Originalwiese von 1963 frisiert, ausgebacken, gestückelt und verschickt. Macht Sie das zum Gegner der neuen, standardisierten Rollrasen, wie sie heutzutage in allen Arenen liegen?
Nein, gar nicht. Warum sollte es? In allen Stadien stehen nun mal Tore der Firma Schäfer, und in den meisten Stadien sind nun mal Rollrasen niederländischer Großbetriebe verlegt. Das hat sich dahingehend eingependelt. Mich fasziniert eher die Vision, dass in 300 Jahren Außerirdische landen und die Überreste unserer Zivilisation bestaunen. Die müssen doch zu dem Schluss kommen, dass die Menschheit total verrückt war. Wir errichten tonnenschwere, riesige, eigentlich absolut lebensfeindliche Betonmonumente, nur um ins Zentrum dieser Kästen aus Stahl, Stein und Glas ein Stück Rasen zu schieben. Eine durch und durch künstliche Umgebung, und in der Mitte pure Natur. Absurd, oder? Der Rasen ist der letzte Anachronismus, den wir uns im Fußball gönnen.

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