18.09.2012

Warum ein Münsteraner den Originalrasen von 1963 konserviert

»Gewendet wie Pommes Frites«

Die Bundesliga geht in ihre Jubiläumssaison und zeitigt dabei kuriose Ideen: Matthias in der Weide, Blogger und Schalkefan, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Originalrasen von 1963 zu bewahren. Wo? In Münster. Wie? Mit Nagelschere, Backblech und 60 Grad Umluft.

Interview: Moritz Herrmann Bild: Privat

Matthias in der Weide, wie riecht der Original-Bundesligarasen von 1963?
Er riecht nach Heustadl, wie der Österreicher sagen würde. Wie ein Bergbauernhof in der Abendsonne des Spätsommers. Sehr ländlich, eigentlich genau wie Heidi!

Sie haben den Rasen im Münsteraner Stadion an der Hammer Straße abgetragen. Der SC Preußen Münster gehörte in der Premierensaison 1963/64 zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga, stieg dann ab und kehrte nie wieder zurück nach ganz oben.
Natürlich wurde der Rasen seitdem immer mal wieder ausgebessert, vom Platzwart teilweise nachgesäht, gewalzt und geflickt. Einen Komplettaustausch gab es jedoch nie. Der datiert in die 1950er zurück. An den Halmen klebt zwar nicht mehr der Originalschweiß von Uwe Seeler, der am 24. August 1963 mit seinem HSV in Münster gastierte, aber fußballromantisierend kann man dennoch vom letzten Überbleibsel des 1. Spieltags sprechen.

Warum wurde der Rasen in Münster nie ausgetauscht?
Das ist eine logische Kiste: Als eines von zwei Bundesliga-Gründungsmitgliedern bespielte der SC Preußen Münster immer noch ein Feld ohne Rasenheizung. Spätestens mit dem Aufkommen der Heizungen in den Siebziger Jahren, allerspätestens seit die DFL eine beheizbare Rasenfläche zur Grundvoraussetzung für die Lizenzerteilung in den beiden höchsten Spielkassen gemacht hat, wurden bundesweit aus nahezu allen größeren Stadien die Rasen abgetragen, unterbaut und durch eine neue Wiese ersetzt. In Münster passierte das nie.

War das Preußenstadion ein Einzelfall?
Auch Saarbrücken spielt im Ludwigspark ohne Rasenheizung. An der Saar wurde das Spielfeld aber nachweislich mindestens schon einmal gewechselt, in den Neunzigern.

Wann erfuhren Sie erstmals von dem Münsteraner Kuriosum?
Ich bin zwar passionierter Schalkefan, wohne aber in Münster, keine zehn Fahrradminuten vom Preußenstadion entfernt. Im Sinne von support-your-local-team sympathisiere ich mit dem SC. Ende März unterhielten sich Freunde mal wieder über die unendliche Geschichte des Stadionaus und -umbaus, darüber, wie es einen neuen Rasen geben solle und eine Rasenheizung. Ein Kumpel erinnerte sich an eine Zeitungsmeldung, wonach der Rasen angeblich seit den Fünfzigern Bestand habe. Bei mir schrillten sofort die Alarmglocken.

Sie witterten das große Geschäft.
Im Gegenteil, ich witterte eine schöne Geschichte. Immerhin sollte die Bundesliga bald Jubiläum feiern. Ich schrieb der Marketingabteilung von Preußen Münster eine Mail, in der ich sagte: »Leute, im Fußball geht es nicht nur Erfolge, es geht auch im Geschichten. Euch bietet sich eine geniale Chance.« Mit minimalem Aufwand hätte es der Verein in die bundesweite Presse schaffen können. Leider habe ich nie eine Antwort erhalten.

Deshalb verarbeiteten Sie die Story auf Schalkefan.de, Ihrem Blog.
Mehr noch, ich gab auch einem Kumpel Bescheid, der direkt am Stadion wohnt. Pass auf, habe ich gesagt, sollten die den Rasen ausbuddeln, gib Laut! Ich hatte mich in die Geschichte verliebt und war mir sicher, dass ich mir – gegen einen Zehner oder eine Kiste Bier – ein Stück hätte aus dem Abfallcontainer nehmen dürfen. Keine Sorge, ich bin kein Spinner - ich wollte nur ein Stück Fußballhistorie für die Nachwelt retten.

Dazu kam es im Mai 2012. Der Verein gab bekannt, der Rasen im Preußenstadion werde ausgetauscht. Zwei Tage lang durften sich die Fans gegen 19,06 Euro, angelehnt an das Gründungsjahr 1906, eine Parzelle ausstechen.
Ich fuhr gleich am ersten Verkaufstag vor, in strömendem Regen. Mit den zwei ehrenamtlichen Helfern, die der Verein abkommandiert hatte, stach ich einen Quadratmeter Rasen aus. Man macht sich ja gar kein Bild, wie schwer so ein Quadratmeter wiegt, zumal wenn er bis in den letzten Halm mit Regen vollgesogen ist! Ich habe zweieinhalb Stunden gebraucht, um das gute Stück abzutransportieren. Danach brauchte mein Wagen eine Generalreinigung.

Schmutz aus 50 Jahren.
Naja, Fußballrasen eben, so wie man ihn sich vorstellt. Sehr sandiger Untergrund, nasses Erdreich, sattes Grün – und später eine veritable Ameisenplage. Die krabbelte über die Spüle, den Tisch, auf dem Boden, überall.

Welche Probleme galt es außerdem zu bewältigen? Der Umgang mit der alten Wiese bedeutete ja quasi Neuland.
Es war gar nicht einfach, den Rasen fachgerecht zu konservieren. Zu Beginn habe ich das Stück mit einer stinknormalen Haushaltsschere frisiert und dabei versucht, auch Wurzelwerk zu lassen. Weil ich aus einer ländliche Gegend stamme, weiß ich, dass Bauern nur dann Heu machen, wenn es die nächsten Tage und Nächte trocken bleiben soll. Nasses Gras schimmelt nämlich irgendwann.

Das klingt nach Hobbybotanik.
Ich habe die Rasenstückchen auf einem Backblech verteilt und zwanzig Minuten bei etwa 60 Grad Umluft erhitzt. Ich musste regelmäßig mit der Kelle wenden, wie Pommes Frites. Mehrere Tage stand ich so nach der Arbeit in der Küche.

Schwer zu glauben, dass Ihre Frau dieses Verhalten klaglos toleriert hat. Sind Sie jetzt stolzer Rasenhüter, aber auch einsam und geschieden?
Meine Frau ist fast so fußballverrückt wie ich. Sie hat verstanden, was ich da mache, vor allem: warum ich das mache. Der einzige Haken war ihr Heuschnupfen. Glauben Sie mir, domestizierter Fußballrasen in der Küche ist da nicht ideal. Während ich den Backofen in Beschlag genommen habe, lief meine Frau mit dicken Augen durch die Küche. Das tut mir im Nachhinein sehr, sehr leid.

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