Warum die Amateure streiken

»Dann kommt keiner mehr«

Die Änderung der Anstoßzeiten der Bundesliga-Sonntagsspiele von 17 auf 15:30 Uhr bedrohen die Existenz vieler Amateurvereine. Wir sprachen mit Norbert Bauer, 1. Vorsitzender vom SSV Buer, über Streik und Demo. Warum die Amateure streiken

Herr Bauer, Sie sind einer der Initiatoren des geplanten Streiks gegen die zeitliche Umstellung der Sonntagsspiele in der Bundesliga. Am vergangenen Donnerstag hatten Sie ein entscheidendes Treffen mit Ihren Kollegen aus dem Kreis Gelsenkirchen/Gladbach/Kirchhellen. Was ist dabei heraus gekommen?

Wir werden nun definitiv den ersten Spieltag der Rückrunde bei uns im Kreis am 1. März boykottieren. Es gibt zwar noch etwa zehn Vereine, die unschlüssig sind, die werden wir in den kommenden Woche versuchen zu überreden. Doch selbst wenn es Vereine geben sollte, die nicht am Boykott teilnehmen wollen, gibt es Streik.


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Wie viele Vereine werden den Spieltag bestreiken?

66 Vereine gibt es im Kreis, zehn haben, wie gesagt, noch ihre Bedenken.

Warum?

Die haben Angst. Angst vor Sanktionen vom Verband. Diese Klubs unterstützen unser Vorhaben. Aber der Verband droht mit Geldstrafen, er kann die Vereine sogar vor die Spruchkammer zitieren, was dann ziemlich teuer werden könnte. Kleinere Vereine haben davor natürlich Schiss. Pro Mannschaft könnte der Verband für den Boykott des Spieltags pro Spiel 100 Euro verlangen. Wenn ein Klub zwei Mannschaften im Spielbetrieb hat, sind das 200 Euro. Pro Spieltag.  Und das tut den Vereinen weh. Dass einige Teams um den Aufstieg mitspielen und Punktabzüge befürchten ist noch eine andere Sache.

Vom Kreisverband ist aber zu hören, dass Ihre Aktion ausdrücklich unterstützt wird.

Unser Staffelleiter hat gesagt: ich werde einen Teufel tun und euch bestrafen! Aber es kann sein, dass er vom Verband so viel Druck bekommt, dass er es tun muss. Das eine verzwickte Situation.

Was ist am 1. März noch geplant?

Parallel zum Streik werden wir zur eigentlichen Anstoßzeit um 15 Uhr eine stationäre Demo veranstalten, die auf unserer Anlage vom SSV Buer stattfinden wird. Alle Vereine sind dazu aufgefordert, sich an der Demo zu beteiligen. Geplant ist auch eine Podiumsdiskussion, wir werden die Tage noch versuchen Politiker und Verbandsfunktionäre dazu einzuladen.

Was genau bezwecken Sie mit der Aktion?

Wir wollen dem Verband und den Verantwortlichen für die geplante Änderung der Anstoßzeit einfach zeigen: Guckt her, wir spielen zwar nicht, sind aber trotzdem alle da. Und demonstrieren gegen diese Entscheidung.

Bitte fassen Sie die Entwicklung dieses Konflikts noch einmal zusammen.

Das ist eine lange Geschichte, die eigentlich damit anfing, dass der Verband im vergangenen Jahr die Abgaben der Vereine an den Verband verdoppelte. Man hat sich finanziell verkalkuliert und das ging im Endeffekt auf Kosten der Klubs. Das hat mit der eigentlichen Sache allerdings nichts zu tun, ich erzähle Ihnen das nur, weil sich dadurch der Frust bei den Vereinen aufgestaut hat. Jetzt kommt natürlich der Todesstoß: der Verband stimmt zu, dass die Bundesligisten am Sonntag schon um 15.30 Uhr spielen können. Um 15 Uhr ist Anpfiff auf der Amateurebene! Wenn das tatsächlich so umgesetzt wird, dann Gnade uns Gott. Dann gehen die Amateurvereine vor die Hunde.

Weil...

...zum Beispiel bei uns die Schalker Arena nur eine Viertelstunde entfernt ist. Wenn Schalke am Sonntag um 17 Uhr spielt, dann sind natürlich deutlich weniger Zuschauer bei uns auf der Anlage. Wenn die Spiele schon um 15.30 Uhr sind...(leise) na dann kommt überhaupt keiner mehr.

Macht sich das so deutlich bemerkbar?

Und ob. Das können sie deutlich an den Zuschauerzahlen ablesen. Ein Beispiel: wir hatten ein wichtiges Spiel in der Landesliga, gleichzeitig hat Schalke um 17 Uhr gegen Wolfsburg gespielt. Da waren 66 zahlende Zuschauer auf unserer Anlage. Normalerweise kommen 150 bis 200. Das macht sich in der Kasse eines kleinen Amateurvereins deutlich bemerkbar.

Was machen denn die Spieler, die sonst sicherlich auch gerne ins Stadion gehen. Melden die sich für die Punktspiele ab?

Das nicht, der eigene Verein geht vor. Ich habe auch eine Dauerkarte für Schalke. Wenn die am Sonntag spielen bleibe ich trotzdem bei meinem Heimatverein. Schweren Herzens. Ich habe eine verantwortliche Position und kann nicht einfach ins Stadion laufen. Aber was machen die ehrenamtlichen Helfer im Bierwagen oder hinterm Grill? Die kommen nicht, weil sie Schalke sehen wollen. Wir wollen doch nur dieses kleine Zeitfenster bis 17 Uhr! Mehr verlangen wir gar nicht. Warum muss man um 15.30 Uhr spielen, wenn man auch um 17 Uhr spielen kann?

Gab es denn irgendwelchen Kontakt zwischen der DFL und den Amateurvereinen?

Nein. Die würden doch am liebsten jedes Spiel einzeln von Premiere übertragen lassen. Eins um 12 Uhr, das nächste um 14.30 Uhr und so weiter. Damit jedes einzelne Spiel vermarktet werden kann. Das ist auch legitim, schließlich will der DFL soviel Geld, wie möglich aus den Bundesligaspielen raus hauen. Aber es muss doch wirklich nicht sein, dass ausgerechnet dieses dreistündige Zeitfenster, dass die Amateurvereine für sich beanspruchen, geschlossen wird. Dann wird der Amateurfußball, für den es sowieso bergab geht, sehr bald ganz ruiniert sein.

Haben Sie denn die verantwortlichen Personen auch zu Ihrer Podiumsdiskussion eingeladen?

Haben wir. Den Herrn Peters von Schalke zum Beispiel. (Peter Peters, Geschäftsführer von Schalke 04, Anm. d. A.). Der ist stellvertretender Vorsitzender der DFL und Vizepräsident beim DFB. Peters war beim vergangenen Staffeltag und hat erzählt, dass die Fernsehgelder benötigt würden und so weiter. Die Fan-Problematik kann er verstehen, aber groß ändern wird sich wohl nichts. Dann brauchen wir eigentlich auch keine Gespräche führen.

Welche Themen sollen noch konkret angesprochen werden?

Wir wollen noch auf einen anderen sozialen Aspekt hinweisen. Den Aufwand, den wir als Verein betreiben, der wird ja von mehreren Seiten getragen. Von den Zuschauern, die Eintritt zahlen. Von ehrenamtlichen Helfern, die dafür sorgen, dass die Jugend trainiert wird, oder die Würstchen umgedreht werden. Wenn wir diesen Aufwand nicht mehr betreiben können, weil finanzielle Mittel und Helfer fehlen, dann wirkt sich das zuerst auf die Nachwuchsarbeit aus. Wir betreiben Basisarbeit im Verein, geben den Kindern die Möglichkeit zu sportlichen Betätigung und holen sie – um es überspitzt zu formulieren – von der Straße. Das darf man bei der ganzen Geschichte auch nicht vergessen.

Was erhoffen Sie sich von dem geplanten Streik und der Demo? Gibt es realistische Chancen, dass die Entscheidungsträger doch noch umdenken?

Wir haben jetzt schon gemerkt, dass diese Aktion für großes Interesse sorgt. Wir haben sehr viele Anfragen und Rückmeldungen von den Medien bekommen. Der Verband hat vergangene Woche zu diesem Thema getagt – also: es kommt Bewegung in die Sache rein. Ob wir damit tatsächlich ein konkretes Ergebnis erzielen, ist schwer zu beurteilen. Wahrscheinlich sind die kleinen Vereine machtlos, gegen die geplanten Terminverschiebungen. Aber der Verband soll sehen, dass er nicht einfach über die Köpfe von zigtausenden von Verbandsmitgliedern hinweg entscheiden kann, nur um dem schnöden Mammon hinterher zu jagen. Die Erfolgsaussichten sind eher gering. (zögert) Gegen das große Geld hat man doch eh keine Chance.

Das klingt trotz Streik und Demo doch sehr pessimistisch...

Wir werden auf jeden Fall weitermachen, mit dem Streik am 1. März sind unsere Proteste ja nicht beendet.

Heißt das, es wird weitere Streiks in Ihrem Fußball-Kreis geben?

Nein, das würde schließlich fast schon Anarchie bedeuten. Und das wollen wir nicht. Streik und Demonstration sind eine einmalige Sache. Wir hoffen, dass die Verbandsvertreter danach wenigstens diskussionsbereit sind. Und nicht alle Entscheidungen mit einem Federstrich abtun. Das werden wir nicht akzeptieren. 

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