04.03.2014

Warum der SV Wilhelmshaven die Fifa vor Gericht zwingt

»Wenn wir uns streiten, dann richtig«

In der aktuellen 11FREUNDE #148 erzählen wir die Geschichte von Harald Naraschewski, der seit sieben Jahren für das Recht seines SV Wilhelmshaven gegen die Fifa streitet. In wenigen Tagen geht der Prozeß vor das Landgericht Bremen. Hier spricht der Klub-Justitiar über die Kommunikation mit Faxgeräten, die Rolle des DFB und einen möglichen WM-Ausschluss der deutschen Nationalmannschaft

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Jakob Börner

Der SV Wilhelmshaven gegen die Fifa – DIe ganze Geschichte des ungleichen Kampfes findet sich in der aktuellen 11FREUNDE #148

Harald Naraschewski, seit nunmehr sieben Jahren kämpfen Sie für das Recht des SV Wilhelmshaven. Werden Sie niemals müde?

Nein, wenn man als Jurist müde wird, kann man gleich aufhören. Natürlich ist es auch frustrierend, wenn man nur mit E-Mail-Adressen und Faxgeräten kommuniziert, aber anders scheint es gerade mit der Fifa nicht zu gehen. Und wenn mir diese Sache mittlerweile keinen Spaß machen würde, könnte ich das gar nicht überstehen.

Anfang 2007 verpflichtete Ihr Klub den Italo-Argentinier Sergio Sagarzazu, der am Jadebusen seinen ersten Profivertrag unterschrieb. Einige Wochen später forderten seine vorherigen Klubs River Plate Buenos Aires und Atletico Excursionistas Ausbildungsentschädigungen in Höhe von insgesamt 157.500 Euro. War der Spieler dieses Geld überhaupt wert?
Zuallererst war er ein netter Kerl, der sich in Europa mal frischen Wind um die Nase wehen lassen und dabei niemanden auf der Tasche liegen wollte. Das ist ja erst einmal ein guter Ansatz, der Unterstützung verdient hat. Leider hat er sich sportlich nicht als Verstärkung erwiesen und ging im Jahr 2008 zurück in seine Heimat. Wir haben im Laufe des Verfahrens einmal errechnet, wie lange er für Wilhelmshaven auf dem Rasen stand.

Und?
Insgesamt 622 Minuten. Das sagt viel über seinen sportlichen Wert aus. Aber darum geht es in diesem Verfahren nicht. Wir kämpfen gegen die Forderungen der argentinischen Klubs, weil sie nicht mit dem Recht unseres Landes vereinbar sind.

Was heißt das?
Die Freigabe des Spielers für die Regionalliga war damals so unproblematisch, weil er einen italienischen Pass hat. Er ist also Europäer und genießt laut Gesetz als Arbeitnehmer die Freizügigkeit. Hätten wir allerdings gewusst, welche Kosten noch auf uns zukommen, hätten wir den Spieler niemals verpflichtet. Also stellen diese Geldforderungen eindeutig eine Hürde beim Zugang auf dem europäischen Arbeitsmarkt dar und das verstößt gegen geltendes Recht.

Der DFB sagt »Unwissenheit schützt nicht vor Strafe«. Hätte der SV Wilhelmshaven nicht von den Regeln zur Ausbildungsentschädigung wissen müssen?
Vielleicht, aber auch das ist irrelevant, weil diese Regeln nämlich ebenfalls ungültig sind. Die Fifa hat die Berechnung der Ausbildungskosten pauschaliert und in Tabellen eingeordnet. Diese Vorgehensweise hat der Bundesgerichtshof als sittenwidrig eingestuft. Selbst der Europäische Gerichtshof hat 2010 entschieden, dass pauschal berechnete Ausbildungsentschädigungen nicht rechtens sind. Vielmehr sollten sich die Zahlungsforderungen an den real entstehenden Kosten des abgebenden Vereins orientieren.

Hätten die argentinischen Klubs also ihre realen Ausbildungskosten errechnet und diese eingefordert, dann hätte der SV Wilhelmshaven anstandslos bezahlt?
Genau das haben wir versucht zu erreichen. Wir haben freundlich gefragt, ob die beiden Klubs ihre individuellen Kosten berechnen würden, damit man sich irgendwie sinnvoll einigen kann.

Was ist passiert?
Nichts. Außer dass wir eine erneute Zahlungsaufforderung der Fifa erhielten. Also haben wir im Gegenzug unsere Ausbildungskosten für Jugendspieler berechnen lassen und kamen auf knapp 1500 Euro pro Jahr. Im nächsten Schritt haben wir den Klubs eine Summe von knapp 8000 Euro als Entschädigung angeboten und sind damit vor das Internationale Sportgericht (CAS) gezogen.

Wir raten mal: Die Klubs haben nicht angenommen.
Richtig. Die CAS gab der Fifa und den Klubs Recht. Das hat uns kaum überrascht.

Wieso?
Die CAS ist ein von den Verbänden eingesetztes Gericht, das unabhängig sein soll. Daran haben wir zumindest leise Zweifel.

Wie ging es weiter?
Auch ein weiteres Angebot über 60.000 Euro wurde zu einem späteren Zeitpunkt abgelehnt.

Mit welcher Begründung?
Mit Berufung auf die Fifa-Tabellen. Nach denen muss ein Regionalligist 30.000 Euro pro Jahr an den auszubildenden Verein bezahlen. Aber eins habe ich inzwischen gelernt: Es geht gar nicht so sehr um Wilhelmshaven, sondern um einen Konflikt zwischen Südamerika und Europa. Die südamerikanischen Vereine finanzieren sich durch derartiges Gebaren. Da ist eine Art von Vereinsfinanzierung und steht in keinem Verhältnis zu den wirklich erbrachten Leistungen.

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