Warum der SV Wilhelmshaven die Fifa vor Gericht zwingt

»Wenn wir uns streiten, dann richtig«

In der aktuellen 11FREUNDE #148 erzählen wir die Geschichte von Harald Naraschewski, der seit sieben Jahren für das Recht seines SV Wilhelmshaven gegen die Fifa streitet. In wenigen Tagen geht der Prozeß vor das Landgericht Bremen. Hier spricht der Klub-Justitiar über die Kommunikation mit Faxgeräten, die Rolle des DFB und einen möglichen WM-Ausschluss der deutschen Nationalmannschaft

Jakob Börner
Heft: #
148

Der SV Wilhelmshaven gegen die Fifa – DIe ganze Geschichte des ungleichen Kampfes findet sich in der aktuellen 11FREUNDE #148

Harald Naraschewski, seit nunmehr sieben Jahren kämpfen Sie für das Recht des SV Wilhelmshaven. Werden Sie niemals müde?

Nein, wenn man als Jurist müde wird, kann man gleich aufhören. Natürlich ist es auch frustrierend, wenn man nur mit E-Mail-Adressen und Faxgeräten kommuniziert, aber anders scheint es gerade mit der Fifa nicht zu gehen. Und wenn mir diese Sache mittlerweile keinen Spaß machen würde, könnte ich das gar nicht überstehen.

Anfang 2007 verpflichtete Ihr Klub den Italo-Argentinier Sergio Sagarzazu, der am Jadebusen seinen ersten Profivertrag unterschrieb. Einige Wochen später forderten seine vorherigen Klubs River Plate Buenos Aires und Atletico Excursionistas Ausbildungsentschädigungen in Höhe von insgesamt 157.500 Euro. War der Spieler dieses Geld überhaupt wert?
Zuallererst war er ein netter Kerl, der sich in Europa mal frischen Wind um die Nase wehen lassen und dabei niemanden auf der Tasche liegen wollte. Das ist ja erst einmal ein guter Ansatz, der Unterstützung verdient hat. Leider hat er sich sportlich nicht als Verstärkung erwiesen und ging im Jahr 2008 zurück in seine Heimat. Wir haben im Laufe des Verfahrens einmal errechnet, wie lange er für Wilhelmshaven auf dem Rasen stand.

Und?
Insgesamt 622 Minuten. Das sagt viel über seinen sportlichen Wert aus. Aber darum geht es in diesem Verfahren nicht. Wir kämpfen gegen die Forderungen der argentinischen Klubs, weil sie nicht mit dem Recht unseres Landes vereinbar sind.

Was heißt das?
Die Freigabe des Spielers für die Regionalliga war damals so unproblematisch, weil er einen italienischen Pass hat. Er ist also Europäer und genießt laut Gesetz als Arbeitnehmer die Freizügigkeit. Hätten wir allerdings gewusst, welche Kosten noch auf uns zukommen, hätten wir den Spieler niemals verpflichtet. Also stellen diese Geldforderungen eindeutig eine Hürde beim Zugang auf dem europäischen Arbeitsmarkt dar und das verstößt gegen geltendes Recht.

Der DFB sagt »Unwissenheit schützt nicht vor Strafe«. Hätte der SV Wilhelmshaven nicht von den Regeln zur Ausbildungsentschädigung wissen müssen?
Vielleicht, aber auch das ist irrelevant, weil diese Regeln nämlich ebenfalls ungültig sind. Die Fifa hat die Berechnung der Ausbildungskosten pauschaliert und in Tabellen eingeordnet. Diese Vorgehensweise hat der Bundesgerichtshof als sittenwidrig eingestuft. Selbst der Europäische Gerichtshof hat 2010 entschieden, dass pauschal berechnete Ausbildungsentschädigungen nicht rechtens sind. Vielmehr sollten sich die Zahlungsforderungen an den real entstehenden Kosten des abgebenden Vereins orientieren.

Hätten die argentinischen Klubs also ihre realen Ausbildungskosten errechnet und diese eingefordert, dann hätte der SV Wilhelmshaven anstandslos bezahlt?
Genau das haben wir versucht zu erreichen. Wir haben freundlich gefragt, ob die beiden Klubs ihre individuellen Kosten berechnen würden, damit man sich irgendwie sinnvoll einigen kann.

Was ist passiert?
Nichts. Außer dass wir eine erneute Zahlungsaufforderung der Fifa erhielten. Also haben wir im Gegenzug unsere Ausbildungskosten für Jugendspieler berechnen lassen und kamen auf knapp 1500 Euro pro Jahr. Im nächsten Schritt haben wir den Klubs eine Summe von knapp 8000 Euro als Entschädigung angeboten und sind damit vor das Internationale Sportgericht (CAS) gezogen.

Wir raten mal: Die Klubs haben nicht angenommen.
Richtig. Die CAS gab der Fifa und den Klubs Recht. Das hat uns kaum überrascht.

Wieso?
Die CAS ist ein von den Verbänden eingesetztes Gericht, das unabhängig sein soll. Daran haben wir zumindest leise Zweifel.

Wie ging es weiter?
Auch ein weiteres Angebot über 60.000 Euro wurde zu einem späteren Zeitpunkt abgelehnt.

Mit welcher Begründung?
Mit Berufung auf die Fifa-Tabellen. Nach denen muss ein Regionalligist 30.000 Euro pro Jahr an den auszubildenden Verein bezahlen. Aber eins habe ich inzwischen gelernt: Es geht gar nicht so sehr um Wilhelmshaven, sondern um einen Konflikt zwischen Südamerika und Europa. Die südamerikanischen Vereine finanzieren sich durch derartiges Gebaren. Da ist eine Art von Vereinsfinanzierung und steht in keinem Verhältnis zu den wirklich erbrachten Leistungen.

Wegen den ausstehenden Ausbildungsentschädigungen wurden dem SVW in den vergangenen beiden Saisons jeweils sechs Punkte abgezogen, zuletzt hat die Fifa den Zwangsabstieg des Klubs angeordnet, weil die Zahlungen bis heute ausbleiben. Im Gegenzug zogen Sie gegen den Weltverband vor Gericht. Was ist das Ziel Ihres Kampfes?
Wir wollen uns nicht streiten. Nicht mir den argentinischen Klubs, nicht mit dem DFB und nicht mit der Fifa. Wir würden uns nach wie vor lieber vernünftig einigen. Aber wir lassen nicht mit uns Schlitten fahren, nur weil wir ein kleiner Verein sind. Im ersten Schritt wollten wir nur die Ausbildungskosten auf ein angemessenes Maß angepasst haben. Das ist mit den Mitteln der Sportgerichtsbarkeit gescheitert. Aber uns bleiben die Mittel der ordentlichen Rechtsprechung. Wenn wir uns streiten, dann richtig.

Das klingt nach einer Drohung.
Bei der Fifa ist man völlig verständnislos, dass es ein kleiner Verein wie der SV Wilhelmshaven wagt, gegen die Regeln des Verbandes vorzugehen. Das passt nicht in deren Weltbild. Noch mal: Wir sind keine Prozesshansel, sondern vernünftige Menschen mit einem Rechtsbewusstsein. Wir haben die Gesetze, auf die wir uns berufen, ja nicht erfunden. Das ist die deutsche und europäische Rechtslage. Und jetzt kommt die Fifa und sagt: Das interessiert uns nicht. Da sagen wir: So geht es nicht.

Hat sich der SV Wilhelmshaven durch die Teilnahme am Spielbetrieb nicht automatisch den Regeln der Fifa unterworfen?
Noch so eine Fehlannahme. Der Verein SV Wilhelmshaven ist nicht Mitglied des Fifa. Der DFB ist Mitglied der Fifa. Und der NFV ist Mitglied des DFB. Wir wiederum sind Mitglied des NFV. Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn wenn der NFV auf die Satzungen und Regeln DFB verweist, ist das genauso unzulässig wie ein Verweis des DFB auf die Fifa. So etwas nennt man »dynamische Satzungsverweisungen«und die sind in Deutschland rechtswidrig. Sie bieten also keine Rechtsgrundlage, um den Verein zu bestrafen.

Welche Rolle spielt der DFB in diesem Rechtsstreit?
Der DFB spielt ein heikles Spiel, weil er riskiert, dass ein Gericht seine Satzung für rechtswidrig erklären könnte. Das wäre doch ein Super-GAU für den DFB und auch für die Fifa.

Spüren Sie Nervosität auf Seiten des Verbandes?
Natürlich, der Verband befindet sich in einem Dilemma, weil er Fifa-Entscheidungen befolgen soll, die er eigentlich nach gültigem Recht nicht befolgen darf.

Beim DFB ist man mittlerweile nicht mehr allzu gut auf den SV Wilhelmshaven zu sprechen.
Wir haben keine Berührungsängste mit dem DFB und sagen auch deutlich: Warum geht ihr als Mitglied der Fifa nicht zu den entsprechenden Gremien und weist sie darauf hin, dass ihre Satzung gültigem, deutschem und europäischen Recht widerspricht? Es ist doch klar, dass so etwas nicht gut ankommt.

Gibt es noch Möglichkeiten sich den Verbänden anzunähern?
Wir hätten uns von Anfang an ein bisschen mehr Unterstützung durch den DFB erwartet. Es kann doch nicht sein, dass ein Verband wie der DFB eine Strafe der Fifa, die offensichtlich rechtswidrig ist, ungeprüft weiterleitet wie ein Briefträger. Der DFB hat die Pflicht, jede Entscheidung des CAS daraufhin zu prüfen, ob diese überhaupt nach der eigenen Satzung vollzogen werden darf. Das ist in unserem Fall nicht geschehen. Und wenn wir vor einem ordentlichen Gericht Recht bekommen, kann sich diese Entscheidung zu einer Lawine entwickeln, deren Folgen noch nicht abzusehen sind.

Die Kosten des Verfahrens übersteigen mittlerweile den eigentlichen Streitwert um ein Vielfaches.
Wir haben das Geld gar nicht. Aber das spielt in diesem Fall gar keine Rolle, denn die Entscheidungen der Fifa verstoßen gegen geltendes Recht. Das können wir nicht akzeptieren.

Die Fifa drohte mittlerweile sogar an, den DFB von allen internationalen Wettbewerben auszuschließen, wenn der Zwangsabstieg des SV Wilhelmshaven nicht umgesetzt werden kann. Plötzlich riskiert Ihr Klub den WM-Titel der deutschen Nationalmannschaft.
Das ist grober Unfug. Wegen 160.000 Euro den größten Fußballverband auszuschließen, der zudem noch reichlich Sponsorengelder bringt? Das traue ich nicht einmal der Fifa zu.

Woher kommt Ihr Optimismus?
Der Fifa geht es vorrangig ums Geld. Deswegen sind solche Drohgebärden reines Theater.

Harald Naraschewski, am 10. März geht Ihr Klub vor dem Landgericht Bremen gegen den Punktabzug und den drohenden Zwangsabstieg vor. Warum geht der SV Wilhelmshaven als Sieger aus dem jahrelangen Rechtsstreit hervor?
Weil wir geltendes Recht auf unserer Seite haben. Das Thema hätte niemals so hochkochen dürfen, aber das ist nicht unsere Schuld. Wir sind in diesem Fall das Opfer.

Gibt ihr Klub klein bei, wenn die Klage abgewiesen werden sollte?
Nein. Wir wollen nach wie vor eine vernünftige Lösung. Und wenn der DFB den Verein schadlos hält, dann soll uns eine Einigung recht sein. Aber da muss sich der Verband drum kümmern. Es sieht nicht so aus, als würde das geschehen. Wir wollen die Fehler anderer nicht kommentarlos ausbaden. Deswegen gehen wir jetzt auch bis in die letzte Instanz.

Und falls das scheitert.
Das wird nicht scheitern. Und vielleicht gibt ja eines Tages eine Rechtsschutzversicherung, die uns als guten Werbepartner anerkennt. Sponsoren sind in Wilhelmshaven immer willkommen. (lacht)

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Der SV Wilhelmshaven gegen die Fifa – DIe ganze Geschichte des ungleichen Kampfes findet sich in der aktuellen 11FREUNDE #148

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