Votava und Skripnik über die Werder-Familie

»Weniger ich, mehr wir«

Seit Jahren sind Mirko Votava und Victor Skripnik bei Werder, zunächst als Spieler, heute als Jugendtrainer. Hier sprechen sie über Treue, Eilts-Grätschen – und zerstören unsere letzte Hoffnung auf die große Karriere. Votava und Skripnik über die Werder-Familie
Heft #94 09/2009
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Mirko Votava, Viktor Skripnik, gibt es wirklich so etwas wie eine »Werder-Familie«?

Viktor Skripnik: Ich kann nur für mich sprechen. Als Ausländer bin ich hier sehr gut aufgenommen worden, als aktiver Spieler ebenso wie als Trainer. Und sicherlich ist es ein riesiger Vorteil für mich, dass mit Thomas Wolter, Mirko Votava oder Björn Schierenbeck Menschen im Bremer Nachwuchsbereich arbeiten, mit denen ich schon auf dem Platz stand.

Stimmt es, dass es Angebote für Sie gab, woanders weiterzuspielen?

Skripnik: Nach dem Double 2004 kamen ein paar Angebote, das ist richtig. Aber ich war 34, alt genug, um aufzuhören. Meine Kinder sind in Bremen zur Schule gegangen, meine Frau hat sich wohl gefühlt – es gab keinen Grund für mich, die Stadt zu verlassen.

Mirko Votava, Sie gehören schon wesentlich länger zum SVW, wie haben Sie den Übergang vom Spieler zum Trainer wahrgenommen?

Mirko Votava: Ich habe die Familie ja wachsen erlebt. Was früher vielleicht fünf Leute gemacht haben, machen heute 30 , aufgrund der Entwicklung des Vereins.  Ich war kurzzeitig woanders (Votava trainierte den VfB Oldenburg, SV Meppen und Union Berlin, d. Red.), und bin dann als Scout wieder nach Bremen gekommen. Als Scout ist man ja viel unterwegs, muss praktisch die Zahnbürste im Auto haben und ständing auf Abruf sein. Da leidet die Figur......

Skripnik (unterbricht): Aber wir kicken hier doch auch!

Votava: Ja, stimmt. Es laufen ja genügend Ex-Fußballer durch das Leistungszentrum, da finden sich immer Leute für ein anständiges Kleinfeldspiel.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie in Bremen angekommen sind?

Votava: Viktors und meine Geschichte sind ähnlich, wir sind beide aus dem Ausland gekommen. Ich bin nach dem Prager Frühling 1968 aus der Tschechei gekommen. In Bremen fühlt man sich irgendwie so… (zögert) ja, so häuslich. In Berlin und Madrid habe ich mich auch wohl gefühlt. Aber bei Atletico habe ich irgendwann zu meiner Frau gesagt: Ich will nach Hause! Da hat sie mich gefragt: »Nach Prag?« Nein, habe ich gesagt, nach Bremen. Meine Frau wäre lieber in Madrid geblieben. Viele Fußballer bleiben deshalb in Bremen, weil es ihre Stadt geworden ist.

Skripnik: Mein erstes Jahr in Bremen war verdammt schwer – die Sprache, die neue Mentalität, der Leistungsdruck, das war nicht einfach. Aber nach ein paar Jahren merkst du schon, dass das deine Stadt ist.

Votava: Das muss vernünftig zusammenwachsen. Natürlich gehört auch Spaß und Erfolg dazu, dass du dich wohl fühlst. Wir hatten in Bremen beides.

Hängt das mit Otto Rehhagel zusammen?

Votava: Sicherlich. Auch deshalb, weil Otto sehr viel investiert. Er pflegt seine Kontakte, Sie wissen selber, wie schwierig das ist, wenn dein Job schon sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.  In Bremen hat er irgendwann gesagt: So (klatscht in die Hände), jetzt hole ich mir die Jungs zusammen. In der Öffentlichkeit hat man sich darüber lustig gemacht, wie viel  ältere Spieler er nach Bremen geholt hat. Aber  dieser Kader Erfolg. Das war Ottos zweites Erfolgsgeheimnis: Fingerspitzengefühl. Der wusste, wie er  eine Mannschaft zusammenstellt, der Titel gewinnen kann.

Und offenbar auch, welche Spieler nach dem Ende ihrer Karriere gut genug sind, um Titel zu holen. Nach Rehhagels EM-Triumph 2004 wurde bekannt, dass er Sie, Mirko Votava, als Spielerbeobachter engagiert hatte.

Votava: Weil er diese Menschenkenntnis hat und auch damals wusste, was er von mir verlangen kann. Wir haben ja viel miteinander telefoniert, waren immer im Kontakt. Und bei der Europameisterschaft in Portugal habe ich ihn auch offensichtlich nicht enttäuscht.

Dass ein Trainer wie Otto Rehhagel und jetzt auch Thomas Schaaf einen Verein so lange und intensiv prägt – gibt es etwas Vergleichbares irgendwo in Europa?


Votava: Mir fällt nur noch Luis Aragones damals bei Atletico ein. Der war auch eine Art Eigengewächs wie aktuell Thomas Schaaf bei uns. Wie lange ein Trainer bei einem Verein arbeitet, hängt natürlich auch vom Erfolg ab. Der Job ist verdammt hart. Man kann als Trainer gar nicht genug Schmerzensgeld bekommen.

Skripnik: Das sehen sie doch an Thomas Schaaf. Kaum hat der eine erfolglose Phase, ist alles, was er bisher geleistet hat, vergessen.

Votava: Die Ansprüche der  Bremer Zuschauer steigen natürlich.

Skripnik: Zu ihrer Frage fällt mir aber doch noch ein Trainer ein: Walerij Lobanowski. Ein guter Trainer muss sich entwickeln. Das war bei Lobanowski so, das ist bei Thomas Schaaf auch so. Ich war dabei, als seine Trainerkarriere in Bremen begann – jeden Tag hat er sich seitdem etwas weiterentwickelt.

Gibt es Eigenschaften, die Sie von Ihren Trainern übernommen haben?

Skripnik: Natürlich versuche ich, in bestimmten Situationen ähnlich zu arbeiten, wie Rehhagel, Lobanowski oder Thomas Schaaf…

Votava: Klar, übernimmt man einige Sachen....man darf aber seine eigene Linie nicht aus den Augen verlieren.

Skripnik: …aber ansonsten habe ich meine eigene Auffassung vom Spiel. Ich lerne dazu, jeden Tag. Wie man sich als Spieler entwickelt hat, macht man das auch als Trainer.

Votava: Wir als Jugendtrainer müssen speziell bei den Übungsformen auch bestimmte Vorgaben erfüllen. In erster Linie steht da natürlich die Ausbildung der Spieler. Wichtig ist, die Schwächen und Defizite zu erkennen und das Training so zu gestalten, dass sich deine Spieler stets weiter entwickeln und sie dabei ein Ziel vor Augen haben.

Skripnik: Das ist die Kunst in der Nachwuchsarbeit. Du willst die Spieler ja entwickeln und korrigieren. Im Profibereich sagst du als Trainer: Das und das ist falsch, so und so will ich es sehen. Fertig. Das muss akzeptiert werden. In der Jugend kannst du den Spielern nicht einfach die Kritik um die Ohren hauen, das nehmen die gleich persönlich und sind eingeschnappt.

Votava: Wir setzen ja auch schon mal Samstagsspiele an, damit die Jungs abends auch mal Freizeit haben. Der Spaß am Ganzen darf nicht verloren gehen.

Früher hieß es immer: »11 Freunde müsst ihr sein!« Sie trainieren 20 pubertierende Jungs. Wie macht man das?

Skripnik: Meine Philosophie lautet: weniger ich, mehr wir. Die Spieler müssen als Mannschaft zusammen arbeiten, gleichzeitig aber soll jeder sein persönliches Ziel vor Augen haben. Und das heißt: Profi-Fußballer. Ich sage den Jungs immer: Fußballer haben den besten Beruf der Welt! Vergleichbar mit Schauspielern. Das muss Motivation genug sein.

Votava: Wir müssen als Trainer natürlich darauf achten, dass unsere Spieler auf dem Teppich bleiben. Wenn einer aus der U19 bei der U 23 oder den Profis mitrainiert oder mitgespielt hat und bei meinem nächsten Training glaubt,  jetzt hätte er alles geschafft und erreicht, dann machen wir ihm deutlich, dass nicht er, sondern die Mannschaft im Vordergrund steht.

Wie machen Sie das dem Spieler denn klar?

Votava: Erst spreche ich das ganz allgemein an, das reicht meistens. Wenn das nicht hilft, kläre ich das eben im persönlichen Gespräch.

Wie sehr muss man in Ihrem Job Pädagoge sein?

Skripnik: Man muss auf jeden Fall mit jungen Menschen umgehen können. Das sind 20 verschiedene Charaktere, die in der Entwicklung stecken. Einer braucht vielleicht nur einen Klaps auf die Schulter, der andere einen Tritt in den Hintern.

Votava: Sie müssen Lehrer, Arzt, Betreuer und Psychologe sein, vor allem aber flexibel. Es gibt Tage, da sind statt 18 nur 13 Spieler beim Training – da musst du  flexibel sein und deine Übungen schnell umstellen.

Welche Mittel wenden Sie an, um Ihre Schützlinge zu motivieren? Die Aussicht auf Geld, Ruhm und schöne Frauen?

Votava (überrascht): Sagten sie Frauen?

Skripnik: Ich versuche den Spielern klar zu machen, dass die Karriere nicht gleich vorbei ist, nur wenn man einmal auf der Bank gesessen hat. Dann sage ich: Schaut euch doch mal Barcelona, Madrid oder Bayern München an, da sitzen gestandene Nationalspieler auf der Ersatzbank! Ich will die Jungs davon überzeugen, dass gute Leistungen, der Sprung in den Profibereich, eine Einladung zur Nationalmannschaft keine Selbstläufer sind. Insofern musst du, Mirko hat es vorhin gesagt, auch ein guter Psychologe sein.

Machen Sie eigentlich auch Hausbesuche, wenn ein Spieler mehrfach auffällig geworden ist?

Votava: Wir nehmen ihn uns zur Brust. Wir haben ja Uwe Harttgen als Nachwuchsmanager und gleichzeitig als Diplom-Psychologen, der  regelmäßig mit uns Trainern und mit den Spielern Kontakt hält .

Sie haben aber noch nie eigenhändig einen Spieler aus der Disco ziehen müssen?

Votava: Nein. Das mache ich auch nicht.

Mirko Votava, Sie haben Ihre Karriere vor 13 Jahren beendet, Viktor Skripnik vor knapp fünf. Wissen Ihre Spieler noch, was Sie geleistet haben?

Votava: Sie dürfen nicht den Fehler machen – wir machen das jedenfalls nicht – und dauernd von früher erzählen. Wir arbeiten schließlich für die Zukunft und wollen die Jungs voranbringen. Ob das menschlich oder sportlich ist. Ich vermeide es, von früher zu sprechen. Das ist eine andere Generation, wenn ich mit meinen alten Schinken anfange, machen die sich doch darüber lustig. 

Skripnik: Ich will mich ja als Trainer auch weiterentwickeln, möchte langfristig mal im Seniorenbereich arbeiten. Was hilft mir das Gerede über meine Zeit unter Thomas Schaaf oder Walerij Lobanowski? Ich muss wissen, was heute im Fußball passiert, nicht gestern. Alte Geschichten helfen da nicht weiter.

Votava: Wir wollen auch keine Animateure sein.           

Haben Sie eigentlich völlige Handlungsfreiheit, oder gibt es so etwas wie eine »Werder-Philosophie«, die Sie zu befolgen haben?

Votava: Es gibt eine bestimmte Auffassung. Sowohl, was die menschliche, als auch die sportliche Entwicklung betrifft. Zweimal in der Woche haben wir eine Sitzung zusammen mit Uwe Harttgen, in der alle Themen angesprochen werden. Wenn wir der Ansicht sind, dass wir mit einem Spieler intensiver sprechen müssen, wird der in die Runde geholt. Manchmal sind sogar die Eltern dabei. Dann wird alles durchgekaut.

Wie lautet diese Werder-Philosophie?

Votava: Das ist schwierig in ein paar Sätzen auf den Punkt zu bringen. Natürlich ist es unser Ziel, die Spieler so schnell wie möglich nach oben zu bringen.  Das gilt für alle Leistungsmannschaften. Aber darunter darf nicht alles andere leiden, zum Beispiel die Schulleistungen. Es kommt auch schon mal vor, dass  Einladungen zur Nationalmannschaft vom DFB kommen, wir aber den Spieler nicht gehen lassen, weil er Defizite in der Schule hat . Nicht nur Fußball, Fußball, Fußball.

Uwe Harttgen hat gesagt: Es geht nicht hauptsächlich darum, die Spieler in den Profibereich zu führen, sondern die Persönlichkeitsentwicklung voranzutreiben. Ist es nicht gerade Ihre Aufgabe aus den Nachwuchsspielern künftige Profifußballer zu formen?


Votava: Das ist immer die Frage. Sie haben als Jugendtrainer über 20 Spieler, da werden nicht alle durchkommen – und das wissen Sie. Die soziale Entwicklung darf also nicht zu kurz kommen.

Skripnik: Sie müssen sich das vorstellen wie eine Pyramide. Ganz unten ist eine breite Basis, und nach oben werden es immer weniger. Da ist es auch sehr wichtig, den Charakter der einzelnen Spieler zu schulen. Wenn jemand nur an sich selber denkt, ist er bei uns nicht an der richtigen Adresse. Es gibt genügend Beispiele von ausländischen Spielern – ich nenne da explizit keine Namen – die sich nicht anpassen können, vollkommen egoistisch denken und nach ein paar Monaten wieder weg sind.

Votava: Andersherum muss mein Kader immer verstärkt werden und deshalb auch neue Spieler akzeptieren. Wenn wir  z. B. zwei Spieler  verpflichten, wollen wir den Kader und die Trainingsqualität verstärken. Dann sollte sich kein Spieler beschweren, warum er nicht spielt. Entweder er setzt sich mit seiner Qualität durch oder bleibt auf der Strecke, weil es nicht reicht.

Skripnik: Der Leistungsdruck muss immer hoch gehalten werden.

Votava: Wir wollen ja selbst auch Spaß am Training haben. Es ist mir schon mal passiert, dass ich nach 15 Minuten Training zu einem  Probespieler beim Training gesagt habe:  Es tut mir leid, aber es reicht leider nicht für unsere Leistungsmannschaft.

Wir kommen beide aus dem Bremer Umland, haben in klassischen Amateurvereinen gespielt und nach schönen Aktionen in der C-Jugend immer gleich Richtung Feldweg gelinst, in der Hoffnung, Kalli Kamp würde zufällig mit seinem Auto vorbeifahren und uns zum Probetraining nach Bremen einladen. Gibt es solche unentdeckten Rohdiamanten noch, oder ist spätestens ab der B-Jugend alles abgegrast?

Skripnik: B-Jugend wäre wahrscheinlich schon zu spät. Es geht ja auch um die eigene Entwicklung. Manche Fußballer haben in der C-Jugend ihre große Zeit, bleiben danach aber physisch oder spielerisch in einer Sackgasse stecken.

Votava (schaut sich Gieselmann genauer an): Wo haben sie denn gespielt?

TuS Sankt Hülfe-Heede.

Votava: Ihnen fehlte es wohl ein wenig an der Koordination und Beweglichkeit, was? (lacht)

Skripnik (mitfühlend): Vielleicht haben sie zur falschen Zeit gespielt. Da war Kalli Kamp wohl gerade im Urlaub.

Was machen Sie denn, wenn Sie einen Spieler haben, der fußballerisch eine Offenbarung ist, menschlich aber ein Arschloch?

Votava: Dann versuchen wir, ihn gemeinsam in seiner Persönlichkeit zu stärken und weiterzubringen.

Und wenn das nicht klappt?

Votava: Wir schauen uns jeden Spieler eigentlich schon ganz genau an.

Skripnik: Es sind ja nicht nur wir beide, die mit den Spielern zu tun haben. Das ist ein ganzer Stab. Wenn wir sehen, dass da ein neuer Messi heranwächst, der aber einen Nagel im Kopf hat, müssen wir uns entsprechen Mühe geben, um den Jungen in die richtigen Bahnen zu lenken.

Votava: Es wäre nicht das erste Mal, dass wir das schaffen. Der Erfolg gibt uns da recht.

Wie intensiv ist die Kommunikation mit Cheftrainer Thomas Schaaf?

Skripnik: Wenn Thomas Zeit hat und nicht gerade Verpflichtungen mit der ersten Mannschaft hat, taucht er sehr häufig bei den Spielen unserer Leistungsmannschaften auf, er kennt alle Spieler beim Namen. Natürlich tauschen wir uns da mit ihm aus.

Votava: Sehr eng ist der Kontakt natürlich auch mit der U23 von Thomas Wolter. In der Saisonvorbereitung waren gleich sieben Spieler der U23  und einige meiner Jungs mit bei den Profis im Trainingslager. 

Sind die Leistungen Ihrer Nachwuchsteams von den Leistungen der ersten Mannschaft abhängig? Ist beispielsweise ein besonderer Ehrgeiz vorhanden, wenn es da mal schlecht läuft und möglicherweise eher Platz im Kader ist, und andersherum Tristesse, wenn ein Superstar verpflichtet wird und eine Position auf lange Zeit vergeben zu sein scheint?

Votava: Eine gute Frage

Skripnik: Ja, eine gute Frage. Ich sage immer jedem: wenn du gut genug bist, gibt es für dich als Fußballer immer einen Platz. Ein Beispiel ist Dennis Diekmeier. Der ist nach Nürnberg gewechselt und hat sich da einen Stammplatz erkämpft.

Votava: Oder Simon Rolfes. Der konnte sich bei Werder nicht durchsetzen, hat aber über den Umweg durch die 2. Liga bei Alemannia Aachen die Kurve bekommen und ist jetzt Nationalspieler bei Bayer Leverkusen.

Skripnik: Wenn du gleich anfängst zu jammern und sagst: Ach, ich bin ein armer Hund! – dann schaffst du es auch nicht.

Gibt es Werder-Profis, die eine Art Patenonkel-Funktion innehaben und ab und zu mal beim Jugendtraining vorbeischauen?

Votava: Früher haben wir das häufig gemacht. Heute haben die Spieler durch Champions League und Uefa-Cup nur selten Zeit. Aus der U23 kommt mal einer vorbei, von den Profis selten. Dazu sind die meisten Spieler auch zu kurz im Verein, als dass sie da eine bestimmte Beziehung aufbauen könnten.

Man hat oft den Eindruck, dass in den Nachwuchsmannschaften Spieler entwickelt werden, die austauschbar sind, ohne eigenes Profil. Seit Jahren fordert die Öffentlichkeit »echte Typen«. Wie kann man die charakterisieren?

Votava: Das sind Spieler, die dann am stärksten sind, wenn die Mannschaft 0:3 hinten liegt. Bei einer 3:0-Führung sieht jeder gut aus. Wenn jemand bei einem Rückstand die Ärmel hoch krempelt und sagt: So (klatscht in die Hände), jetzt müssen wie den Karren aus dem Dreck ziehen! Wenn jemand das nicht nur sagt, sondern auch vormacht: dann ist er ein echter Typ.

Skripnik: Das sind Spieler, die immer den absoluten Willen haben zu gewinnen. Egal, ob das nun beim Punktspiel oder beim Kopfball-Tennis ist! Ein Beispiel: Als ich anfing bei Werder, bin ich zum Training auf dem gefrorenen Schlackeplatz in langer Hose gekommen. Dieter Eilts kam in kurzer Hose und setzte gleich erstmal eine Grätsche an. Da bist du natürlich beeindruckt, wenn dir ein Europameister entgegen schliddert!

Früher war alles besser?

Votava: Wir hatten es als junge Spieler auf jeden Fall schwerer. Da wurde im Training erst einmal alles gegen dich gepfiffen. Und die Alten haben sich viel mehr gewehrt, wenn da ein potenzieller Konkurrent für ihre Position auftauchte. Wenn du dieses Stahlbad überstanden hattest, warst du aber Teil der Mannschaft.

Heutzutage wird man als frecher Neuling also nicht gleich rasiert.

Votava: Die Jungs von heute müssen sie erstmal erwischen! (lacht) Mit ihren Übersteigern und Tricks und was die alles drauf haben. Die spielen dir einen Knoten in die Knöchel. Auf solche Verrenkungen wäre ich früher nie gekommen! 

Welche Zeit war denn schöner? Sie, Mirko Votava, sind damals noch für 1500 D-Mark…

Votava (empört): Was?!

…zu Borussia Dortmund gewechselt.

Votava: Ach so, zu Dortmund. Da habe ich ja fast gar nichts gekostet. Was für ein Geschäft für Dortmund: ein paar Jahre später bin ich für 1,2 Millionen D-Mark nach Madrid gewechselt. Eine Menge Geld damals… Zu ihrer Frage: Ich bin 52 und froh, wie es ist. Ich will nicht 20 Jahre jünger sein. Durch den Fußball habe ich viel von der Welt gesehen.

Skripnik: Mal abgesehen von den Verletzungen denke ich genauso.

Wenn wir schon beim Geld sind: Müssen Sie Ihre Spieler darauf vorbereiten, dass sie mit Fußball vielleicht mal Millionäre werden können?

Skripnik: Das übernehmen schon die Berater.

Votava: Schauen sie sich Diego an. Den habe ich mit 17 schon in Santos gesehen, heute verdient er riesige Summen. Das interessiert mich aber nicht, der kann auch 50 Millionen verdienen. Ein Spieler wie Diego macht sich immer bezahlt. Das Problem ist das hohe Gehalt der Durchschnittsspieler. Da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr. Ein Kalle Riedle hat früher deswegen mehr als andere verdient, weil die Zuschauer wegen ihm ins Stadion gekommen sind. Die kamen doch nicht wegen Votava oder Skripnik!

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