07.12.2011

Votava und Skripnik über die Werder-Familie

»Weniger ich, mehr wir«

Seit Jahren sind Mirko Votava und Victor Skripnik bei Werder, zunächst als Spieler, heute als Jugendtrainer. Hier sprechen sie über Treue, Eilts-Grätschen – und zerstören unsere letzte Hoffnung auf die große Karriere.

Interview: Alex Raack und Dirk Gieselmann Bild: imago
Früher hieß es immer: »11 Freunde müsst ihr sein!« Sie trainieren 20 pubertierende Jungs. Wie macht man das?

Skripnik: Meine Philosophie lautet: weniger ich, mehr wir. Die Spieler müssen als Mannschaft zusammen arbeiten, gleichzeitig aber soll jeder sein persönliches Ziel vor Augen haben. Und das heißt: Profi-Fußballer. Ich sage den Jungs immer: Fußballer haben den besten Beruf der Welt! Vergleichbar mit Schauspielern. Das muss Motivation genug sein.

Votava: Wir müssen als Trainer natürlich darauf achten, dass unsere Spieler auf dem Teppich bleiben. Wenn einer aus der U19 bei der U 23 oder den Profis mitrainiert oder mitgespielt hat und bei meinem nächsten Training glaubt,  jetzt hätte er alles geschafft und erreicht, dann machen wir ihm deutlich, dass nicht er, sondern die Mannschaft im Vordergrund steht.

Wie machen Sie das dem Spieler denn klar?

Votava: Erst spreche ich das ganz allgemein an, das reicht meistens. Wenn das nicht hilft, kläre ich das eben im persönlichen Gespräch.

Wie sehr muss man in Ihrem Job Pädagoge sein?

Skripnik: Man muss auf jeden Fall mit jungen Menschen umgehen können. Das sind 20 verschiedene Charaktere, die in der Entwicklung stecken. Einer braucht vielleicht nur einen Klaps auf die Schulter, der andere einen Tritt in den Hintern.

Votava: Sie müssen Lehrer, Arzt, Betreuer und Psychologe sein, vor allem aber flexibel. Es gibt Tage, da sind statt 18 nur 13 Spieler beim Training – da musst du  flexibel sein und deine Übungen schnell umstellen.

Welche Mittel wenden Sie an, um Ihre Schützlinge zu motivieren? Die Aussicht auf Geld, Ruhm und schöne Frauen?

Votava (überrascht): Sagten sie Frauen?

Skripnik: Ich versuche den Spielern klar zu machen, dass die Karriere nicht gleich vorbei ist, nur wenn man einmal auf der Bank gesessen hat. Dann sage ich: Schaut euch doch mal Barcelona, Madrid oder Bayern München an, da sitzen gestandene Nationalspieler auf der Ersatzbank! Ich will die Jungs davon überzeugen, dass gute Leistungen, der Sprung in den Profibereich, eine Einladung zur Nationalmannschaft keine Selbstläufer sind. Insofern musst du, Mirko hat es vorhin gesagt, auch ein guter Psychologe sein.

Machen Sie eigentlich auch Hausbesuche, wenn ein Spieler mehrfach auffällig geworden ist?

Votava: Wir nehmen ihn uns zur Brust. Wir haben ja Uwe Harttgen als Nachwuchsmanager und gleichzeitig als Diplom-Psychologen, der  regelmäßig mit uns Trainern und mit den Spielern Kontakt hält .

Sie haben aber noch nie eigenhändig einen Spieler aus der Disco ziehen müssen?

Votava: Nein. Das mache ich auch nicht.

Mirko Votava, Sie haben Ihre Karriere vor 13 Jahren beendet, Viktor Skripnik vor knapp fünf. Wissen Ihre Spieler noch, was Sie geleistet haben?

Votava: Sie dürfen nicht den Fehler machen – wir machen das jedenfalls nicht – und dauernd von früher erzählen. Wir arbeiten schließlich für die Zukunft und wollen die Jungs voranbringen. Ob das menschlich oder sportlich ist. Ich vermeide es, von früher zu sprechen. Das ist eine andere Generation, wenn ich mit meinen alten Schinken anfange, machen die sich doch darüber lustig. 

Skripnik: Ich will mich ja als Trainer auch weiterentwickeln, möchte langfristig mal im Seniorenbereich arbeiten. Was hilft mir das Gerede über meine Zeit unter Thomas Schaaf oder Walerij Lobanowski? Ich muss wissen, was heute im Fußball passiert, nicht gestern. Alte Geschichten helfen da nicht weiter.

Votava: Wir wollen auch keine Animateure sein.           

Haben Sie eigentlich völlige Handlungsfreiheit, oder gibt es so etwas wie eine »Werder-Philosophie«, die Sie zu befolgen haben?

Votava: Es gibt eine bestimmte Auffassung. Sowohl, was die menschliche, als auch die sportliche Entwicklung betrifft. Zweimal in der Woche haben wir eine Sitzung zusammen mit Uwe Harttgen, in der alle Themen angesprochen werden. Wenn wir der Ansicht sind, dass wir mit einem Spieler intensiver sprechen müssen, wird der in die Runde geholt. Manchmal sind sogar die Eltern dabei. Dann wird alles durchgekaut.

Wie lautet diese Werder-Philosophie?

Votava: Das ist schwierig in ein paar Sätzen auf den Punkt zu bringen. Natürlich ist es unser Ziel, die Spieler so schnell wie möglich nach oben zu bringen.  Das gilt für alle Leistungsmannschaften. Aber darunter darf nicht alles andere leiden, zum Beispiel die Schulleistungen. Es kommt auch schon mal vor, dass  Einladungen zur Nationalmannschaft vom DFB kommen, wir aber den Spieler nicht gehen lassen, weil er Defizite in der Schule hat . Nicht nur Fußball, Fußball, Fußball.

Uwe Harttgen hat gesagt: Es geht nicht hauptsächlich darum, die Spieler in den Profibereich zu führen, sondern die Persönlichkeitsentwicklung voranzutreiben. Ist es nicht gerade Ihre Aufgabe aus den Nachwuchsspielern künftige Profifußballer zu formen?


Votava: Das ist immer die Frage. Sie haben als Jugendtrainer über 20 Spieler, da werden nicht alle durchkommen – und das wissen Sie. Die soziale Entwicklung darf also nicht zu kurz kommen.

Skripnik: Sie müssen sich das vorstellen wie eine Pyramide. Ganz unten ist eine breite Basis, und nach oben werden es immer weniger. Da ist es auch sehr wichtig, den Charakter der einzelnen Spieler zu schulen. Wenn jemand nur an sich selber denkt, ist er bei uns nicht an der richtigen Adresse. Es gibt genügend Beispiele von ausländischen Spielern – ich nenne da explizit keine Namen – die sich nicht anpassen können, vollkommen egoistisch denken und nach ein paar Monaten wieder weg sind.

Votava: Andersherum muss mein Kader immer verstärkt werden und deshalb auch neue Spieler akzeptieren. Wenn wir  z. B. zwei Spieler  verpflichten, wollen wir den Kader und die Trainingsqualität verstärken. Dann sollte sich kein Spieler beschweren, warum er nicht spielt. Entweder er setzt sich mit seiner Qualität durch oder bleibt auf der Strecke, weil es nicht reicht.

Skripnik: Der Leistungsdruck muss immer hoch gehalten werden.

Votava: Wir wollen ja selbst auch Spaß am Training haben. Es ist mir schon mal passiert, dass ich nach 15 Minuten Training zu einem  Probespieler beim Training gesagt habe:  Es tut mir leid, aber es reicht leider nicht für unsere Leistungsmannschaft.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden