07.12.2011

Votava und Skripnik über die Werder-Familie

»Weniger ich, mehr wir«

Seit Jahren sind Mirko Votava und Victor Skripnik bei Werder, zunächst als Spieler, heute als Jugendtrainer. Hier sprechen sie über Treue, Eilts-Grätschen – und zerstören unsere letzte Hoffnung auf die große Karriere.

Interview: Alex Raack und Dirk Gieselmann Bild: imago

Mirko Votava, Viktor Skripnik, gibt es wirklich so etwas wie eine »Werder-Familie«?

Viktor Skripnik: Ich kann nur für mich sprechen. Als Ausländer bin ich hier sehr gut aufgenommen worden, als aktiver Spieler ebenso wie als Trainer. Und sicherlich ist es ein riesiger Vorteil für mich, dass mit Thomas Wolter, Mirko Votava oder Björn Schierenbeck Menschen im Bremer Nachwuchsbereich arbeiten, mit denen ich schon auf dem Platz stand.

Stimmt es, dass es Angebote für Sie gab, woanders weiterzuspielen?

Skripnik: Nach dem Double 2004 kamen ein paar Angebote, das ist richtig. Aber ich war 34, alt genug, um aufzuhören. Meine Kinder sind in Bremen zur Schule gegangen, meine Frau hat sich wohl gefühlt – es gab keinen Grund für mich, die Stadt zu verlassen.

Mirko Votava, Sie gehören schon wesentlich länger zum SVW, wie haben Sie den Übergang vom Spieler zum Trainer wahrgenommen?

Mirko Votava: Ich habe die Familie ja wachsen erlebt. Was früher vielleicht fünf Leute gemacht haben, machen heute 30 , aufgrund der Entwicklung des Vereins.  Ich war kurzzeitig woanders (Votava trainierte den VfB Oldenburg, SV Meppen und Union Berlin, d. Red.), und bin dann als Scout wieder nach Bremen gekommen. Als Scout ist man ja viel unterwegs, muss praktisch die Zahnbürste im Auto haben und ständing auf Abruf sein. Da leidet die Figur......

Skripnik (unterbricht): Aber wir kicken hier doch auch!

Votava: Ja, stimmt. Es laufen ja genügend Ex-Fußballer durch das Leistungszentrum, da finden sich immer Leute für ein anständiges Kleinfeldspiel.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie in Bremen angekommen sind?

Votava: Viktors und meine Geschichte sind ähnlich, wir sind beide aus dem Ausland gekommen. Ich bin nach dem Prager Frühling 1968 aus der Tschechei gekommen. In Bremen fühlt man sich irgendwie so… (zögert) ja, so häuslich. In Berlin und Madrid habe ich mich auch wohl gefühlt. Aber bei Atletico habe ich irgendwann zu meiner Frau gesagt: Ich will nach Hause! Da hat sie mich gefragt: »Nach Prag?« Nein, habe ich gesagt, nach Bremen. Meine Frau wäre lieber in Madrid geblieben. Viele Fußballer bleiben deshalb in Bremen, weil es ihre Stadt geworden ist.

Skripnik: Mein erstes Jahr in Bremen war verdammt schwer – die Sprache, die neue Mentalität, der Leistungsdruck, das war nicht einfach. Aber nach ein paar Jahren merkst du schon, dass das deine Stadt ist.

Votava: Das muss vernünftig zusammenwachsen. Natürlich gehört auch Spaß und Erfolg dazu, dass du dich wohl fühlst. Wir hatten in Bremen beides.

Hängt das mit Otto Rehhagel zusammen?

Votava: Sicherlich. Auch deshalb, weil Otto sehr viel investiert. Er pflegt seine Kontakte, Sie wissen selber, wie schwierig das ist, wenn dein Job schon sehr viel Zeit in Anspruch nimmt.  In Bremen hat er irgendwann gesagt: So (klatscht in die Hände), jetzt hole ich mir die Jungs zusammen. In der Öffentlichkeit hat man sich darüber lustig gemacht, wie viel  ältere Spieler er nach Bremen geholt hat. Aber  dieser Kader Erfolg. Das war Ottos zweites Erfolgsgeheimnis: Fingerspitzengefühl. Der wusste, wie er  eine Mannschaft zusammenstellt, der Titel gewinnen kann.

Und offenbar auch, welche Spieler nach dem Ende ihrer Karriere gut genug sind, um Titel zu holen. Nach Rehhagels EM-Triumph 2004 wurde bekannt, dass er Sie, Mirko Votava, als Spielerbeobachter engagiert hatte.

Votava: Weil er diese Menschenkenntnis hat und auch damals wusste, was er von mir verlangen kann. Wir haben ja viel miteinander telefoniert, waren immer im Kontakt. Und bei der Europameisterschaft in Portugal habe ich ihn auch offensichtlich nicht enttäuscht.

Dass ein Trainer wie Otto Rehhagel und jetzt auch Thomas Schaaf einen Verein so lange und intensiv prägt – gibt es etwas Vergleichbares irgendwo in Europa?


Votava: Mir fällt nur noch Luis Aragones damals bei Atletico ein. Der war auch eine Art Eigengewächs wie aktuell Thomas Schaaf bei uns. Wie lange ein Trainer bei einem Verein arbeitet, hängt natürlich auch vom Erfolg ab. Der Job ist verdammt hart. Man kann als Trainer gar nicht genug Schmerzensgeld bekommen.

Skripnik: Das sehen sie doch an Thomas Schaaf. Kaum hat der eine erfolglose Phase, ist alles, was er bisher geleistet hat, vergessen.

Votava: Die Ansprüche der  Bremer Zuschauer steigen natürlich.

Skripnik: Zu ihrer Frage fällt mir aber doch noch ein Trainer ein: Walerij Lobanowski. Ein guter Trainer muss sich entwickeln. Das war bei Lobanowski so, das ist bei Thomas Schaaf auch so. Ich war dabei, als seine Trainerkarriere in Bremen begann – jeden Tag hat er sich seitdem etwas weiterentwickelt.

Gibt es Eigenschaften, die Sie von Ihren Trainern übernommen haben?

Skripnik: Natürlich versuche ich, in bestimmten Situationen ähnlich zu arbeiten, wie Rehhagel, Lobanowski oder Thomas Schaaf…

Votava: Klar, übernimmt man einige Sachen....man darf aber seine eigene Linie nicht aus den Augen verlieren.

Skripnik: …aber ansonsten habe ich meine eigene Auffassung vom Spiel. Ich lerne dazu, jeden Tag. Wie man sich als Spieler entwickelt hat, macht man das auch als Trainer.

Votava: Wir als Jugendtrainer müssen speziell bei den Übungsformen auch bestimmte Vorgaben erfüllen. In erster Linie steht da natürlich die Ausbildung der Spieler. Wichtig ist, die Schwächen und Defizite zu erkennen und das Training so zu gestalten, dass sich deine Spieler stets weiter entwickeln und sie dabei ein Ziel vor Augen haben.

Skripnik: Das ist die Kunst in der Nachwuchsarbeit. Du willst die Spieler ja entwickeln und korrigieren. Im Profibereich sagst du als Trainer: Das und das ist falsch, so und so will ich es sehen. Fertig. Das muss akzeptiert werden. In der Jugend kannst du den Spielern nicht einfach die Kritik um die Ohren hauen, das nehmen die gleich persönlich und sind eingeschnappt.

Votava: Wir setzen ja auch schon mal Samstagsspiele an, damit die Jungs abends auch mal Freizeit haben. Der Spaß am Ganzen darf nicht verloren gehen.

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