Wie nachtragend reagieren die Fans, wenn ein Spieler das Team verlässt?
Nehmen wir die Beispiele von Fabio Quagliarella und Lavezzi. Beide haben das Trikot abgegeben, obwohl sie geschworen hatten, für immer in Neapel zu bleiben. Sie haben den Fans falsche Hoffnungen gemacht. Deswegen gibt es in der Fanszene den Spruch: »Die Fußballer kommen und gehen, aber das Trikot bleibt«. Es gab aber auch Fußballer, die für ihren Einsatz stets gelobt wurden. Vielleicht waren sie nicht die Besten und schossen nicht viele Tore, aber sie blieben bei der Mannschaft. Sie haben nur für ihr Trikot geschwitzt.
Diesen Stolz kann man sich aber nur als kleines Neapel leisten.
Klar. Kennen Sie den Fall Gianluca Grava? Grava ist nicht der stärkste Spieler, eher Durchschnitt, aber er hat immer zu seinem Team gehalten. Er blieb, auch wenn er auf der Bank sitzen musste. Warum? Weil er Neapolitaner ist. Weil er die »maglia« liebt und auch selbst ein Fan ist.
Wie nahe sind sich die Fans und die Spieler?
Die Spieler gehen nicht in der Stadt spazieren. In Neapel ist es nicht so wie in anderen italienischen Städten oder in Deutschland. Wenn der neapolitanische Fan dem Fußballer auf der Straße begegnet, springt der ihn gleich an! Daher bevorzugen es die Spieler, sich nicht überall zu zeigen.
Verscheucht das die Stars nicht auf Dauer?
In den letzten Jahren haben sich neapolitanischen Fans bereits gebessert. Denn es ist Tatsache, dass einige Spieler deswegen gegangen sind. Sie suchen ihre Ruhe. Cavani zum Beispiel ist einfach in anderen Städten herumgezogen, wenn er mal einen freien Tag hatte. Nicht weil ihm Neapel missfällt, sondern damit er nicht ständig angesprochen wird.
Ein führendes Mitglied der SSC-Ultras sprach in einem Interview mit 11FREUNDE einst über die Trennung der Kurve A und B. Ist das immer noch so?
Als Neapel-Fan gefällt es mir nicht, dass die Fangemeinschaft keine Einheit bildet. Die Kurve ist zersplittert in zwei Gruppen und die bekämpfen sich andauernd gegenseitig, dabei geht es um dieselbe Sache!
Man muss sich also entscheiden. Gehen Sie in die Kurve A oder B?
Weder noch. Ich war schon in beiden, aber ich bin nicht an eine der Gruppierungen gebunden. Im San Paolo ist es mitunter auch gefährlich. Eine Kurve ist zugelassen für 10.000 Personen, in Neapel stehen aber 20.000.
Die Kurve A gilt als Hoheitsgebiet der Mafia. Es heißt, dass die Camorra alle Jobs im San Paolo kontrolliert.Der Camorra wird viel zu viel Bedeutung beigemessen. Wobei das Stadion manchmal für merkwürdige Zwecke verwendet wird. Im September kam ein Ehepaar nach der Trauung für eine Hochzeitsfotoserie auf den Rasen. Sie hatten einen Schlüssel fürs San Paolo.
Also gehörte diese Hochzeitsgesellschaft zur Camorra?
Nein, aber vielleicht hatte die Camorra ihre Hände im Spiel. Man muss immer vielleicht sagen, denn wirklich wissen kann man es nicht. Die Ermittlungen laufen noch. Die Camorra gibt es, das will ich nicht leugnen. Aber der Rest ist einfache Kriminalität. Diese gibt es in jeder italienischen Stadt und sicher auch in Berlin.
Zurück zur Leidenschaft: In Deutschland ist die Legalisierung der Pyrotechnik derzeit immer noch ein heißes Thema. Die Ultraszene und Bengalos haben ihre Wurzeln in Italien. Wie sieht die Diskussion in Neapel aus?
In Italien sind überall alle Arten von Feuerwerkskörpern verboten. Aber natürlich wird es vereinzelt noch gemacht, jedoch sanktioniert die italienische Liga den betroffenen Klub mit Geldstrafen für jedes einzeln entzündete Feuer. In Neapel sieht man kaum noch bengalische Feuer, dabei war es so ein hübsches Bild. Nun gibt es nur noch die Flaggen.
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Raffaele Mazzano ist Mitgründer und Betreiber vom SSC-Neapel-Fanblog »Napoli Focus«. Der Blog konzentriert sich auf Hintergrundinformationen rund um den Verein, die sportlichen Leistungen bis hin zum Spieler-Tratsch und Erinnerungen an ehemalige Spieler.