Vor dem Heimspiel: Ein Neapel-Fan über süditalienische Fankultur

»Es war, als sei Maradona zurück«

Die Fans des SSC Neapel sind europaweit für ihren bedingungslosen Support bekannt. Vor dem Heimspiel gegen Chievo Verona sprachen wir mit Raffaele Mazzone, Fan und Betreiber des Fanblogs »Napoli Focus« über Erinnerungen an Maradona, die Mafia und Fans am Rande der Ekstase.


Napoli Focus

Europaweit spricht man ehrfürchtig von der großen Fußballleidenschaft Neapels. Was macht die Faszination aus?

Der neapolitanische »tifo« (auf Deutsch: das Fan-Sein) ist einzigartig. Ich kann nicht erklären, warum es so eine besonders starke Hingabe gibt, aber manchmal stellt man die Mannschaft einfach über alles andere in seinem Leben. Egal, ob Söhne, Brüder oder Cousins, wir Neapolitaner sind alle Neapel-Fans. Es gefällt uns, dass diese Passion über Generationen getragen wird. Bei anderen Vereinen ist das vielleicht nicht so selbstverständlich, dass das Fan-Sein vom Vater an den Sohn weitergegeben wird.

Gehen Sie mit Ihrem Vater ins Stadion?
Es ist kompliziert bei uns, denn man muss auch wissen: Erst seit sieben Jahren geht es dem SSC Neapel wieder gut. Aber davor machte Neapel eine dunkle Zeit durch. Vor wenige Jahren waren wir noch in der Serie C. Mein Vater war Fan zu Zeiten Maradonas. Er hat mich mein erstes Mal ins Stadion mitgenommen. Nach den Jahren in den unteren Ligen - wir nenne sie die »hässliche« Zeit - war es an mir, ihn wieder ins Stadion zu zerren, weil ihm die ganze Situation so missfallen hat. Heute gehen wir zusammen hin, wenn wir können.

Erinnern Sie sich noch an eine Partie mit Maradona?
Einmal habe ich ihn von Nahem gesehen. Es war im Stadion während des Abschieds von Ciro Ferrara, einem ehemaligen Spieler Neapels. Maradona war Gast des Events und kam ins San Paolo. Es war wunderbar!

Haben Sie damals schon verstanden, wer Maradona ist?

Ich bin mit dem Maradona-Kult aufgewachsen. Es gab so viele Videos und Bücher über ihn. Mein Vater hatte viele Magazine, Poster und Kassetten und ich bin mit all diesen Dingen groß geworden und daher wusste ich, wer er war und was er geleistet hatte. So habe ich gelernt, die Napoli zu lieben. 



2007 stieg Neapel endlich wieder in die Serie A auf. Wie haben Sie das gefeiert? 

Wir haben gefeiert, als hätten wir den Meistertitel in der Serie A gewonnen. Damals spielten wir 0:0 gegen Genua und mussten auf das Ende einer anderen Partie warten. Ich klebte mit meinem Schal am Radio. Dann fuhren alle mit Autos und Motorrädern durch die Stadt. Ein Meeresblau hing über Neapel bis zum nächsten Morgen. Die Leute hielten mitten auf der Straße an, um miteinander zu tanzen. Man hätte meinen können, Maradona sei zurück. 

Seit 2010/11 zeigt sich der SSC Neapel wieder stärker. Diese Saison hat der Klub einen phantastischen Saisonstart hingelegt und noch keine Niederlage kassiert. Werden die Fans jetzt nostalgisch und erinnern sich an die goldenen Achtziger?

Die Erinnerungen an Maradona leben immer. Die Fans und Journalisten ziehen stets den Vergleich zwischen der damaligen Mannschaft und der neuen Napoli mit Marek Hamsik und Edinson Cavani. Wir müssten bald eine Meisterschaft gewinnen, nicht um die Achtziger zu vergessen, aber einfach um neue Erinnerungen feiern zu können.

Haben Hamsik und Cavani das Zeug, Neapels neue Götter zu werden? 

Ezequiel Lavezzi war der große Held. Er war fünf Jahre bei Neapel und die Fans haben ihn als zentrale Figur des neuen Erfolgs betrachtet. Doch von dem Moment an, als er das Team in Richtung Paris verließ, vergaßen ihn die Fans. An seine Stelle sind jetzt Cavani und Hamsik getreten, weil sie zuverlässig sind. Sie haben beide vor, länger beim SSC Neapel zu bleiben. Cavani hatte tolle Angebote aus ganz Europa, wollte aber trotzdem in Neapel bleiben. Das merken sich die Neapolitaner.
 Wie nachtragend reagieren die Fans, wenn ein Spieler das Team verlässt? 

Nehmen wir die Beispiele von Fabio Quagliarella und Lavezzi. Beide haben das Trikot abgegeben, obwohl sie geschworen hatten, für immer in Neapel zu bleiben. Sie haben den Fans falsche Hoffnungen gemacht. Deswegen gibt es in der Fanszene den Spruch: »Die Fußballer kommen und gehen, aber das Trikot bleibt«. Es gab aber auch Fußballer, die für ihren Einsatz stets gelobt wurden. Vielleicht waren sie nicht die Besten und schossen nicht viele Tore, aber sie blieben bei der Mannschaft. Sie haben nur für ihr Trikot geschwitzt.

Diesen Stolz kann man sich aber nur als kleines Neapel leisten. 

Klar. Kennen Sie den Fall Gianluca Grava? Grava ist nicht der stärkste Spieler, eher Durchschnitt, aber er hat immer zu seinem Team gehalten. Er blieb, auch wenn er auf der Bank sitzen musste. Warum? Weil er Neapolitaner ist. Weil er die »maglia« liebt und auch selbst ein Fan ist.

Wie nahe sind sich die Fans und die Spieler?

Die Spieler gehen nicht in der Stadt spazieren. In Neapel ist es nicht so wie in anderen italienischen Städten oder in Deutschland. Wenn der neapolitanische Fan dem Fußballer auf der Straße begegnet, springt der ihn gleich an! Daher bevorzugen es die Spieler, sich nicht überall zu zeigen.

Verscheucht das die Stars nicht auf Dauer?

In den letzten Jahren haben sich neapolitanischen Fans bereits gebessert. Denn es ist Tatsache, dass einige Spieler deswegen gegangen sind. Sie suchen ihre Ruhe. Cavani zum Beispiel ist einfach in anderen Städten herumgezogen, wenn er mal einen freien Tag hatte. Nicht weil ihm Neapel missfällt, sondern damit er nicht ständig angesprochen wird.

Ein führendes Mitglied der SSC-Ultras sprach in einem Interview mit 11FREUNDE einst über die Trennung der Kurve A und B. Ist das immer noch so? 

Als Neapel-Fan gefällt es mir nicht, dass die Fangemeinschaft keine Einheit bildet. Die Kurve ist zersplittert in zwei Gruppen und die bekämpfen sich andauernd gegenseitig, dabei geht es um dieselbe Sache! 



Man muss sich also entscheiden. Gehen Sie in die Kurve A oder B?

Weder noch. Ich war schon in beiden, aber ich bin nicht an eine der Gruppierungen gebunden. Im San Paolo ist es mitunter auch gefährlich. Eine Kurve ist zugelassen für 10.000 Personen, in Neapel stehen aber 20.000.

Die Kurve A gilt als Hoheitsgebiet der Mafia. Es heißt, dass die Camorra alle Jobs im San Paolo kontrolliert.
Der Camorra wird viel zu viel Bedeutung beigemessen. Wobei das Stadion manchmal für merkwürdige Zwecke verwendet wird. Im September kam ein Ehepaar nach der Trauung für eine Hochzeitsfotoserie auf den Rasen. Sie hatten einen Schlüssel fürs San Paolo.

Also gehörte diese Hochzeitsgesellschaft zur Camorra?

Nein, aber vielleicht hatte die Camorra ihre Hände im Spiel. Man muss immer vielleicht sagen, denn wirklich wissen kann man es nicht. Die Ermittlungen laufen noch. Die Camorra gibt es, das will ich nicht leugnen. Aber der Rest ist einfache Kriminalität. Diese gibt es in jeder italienischen Stadt und sicher auch in Berlin.

Zurück zur Leidenschaft: In Deutschland ist die Legalisierung der Pyrotechnik derzeit immer noch ein heißes Thema. Die Ultraszene und Bengalos haben ihre Wurzeln in Italien. Wie sieht die Diskussion in Neapel aus?

In Italien sind überall alle Arten von Feuerwerkskörpern verboten. Aber natürlich wird es vereinzelt noch gemacht, jedoch sanktioniert die italienische Liga den betroffenen Klub mit Geldstrafen für jedes einzeln entzündete Feuer. In Neapel sieht man kaum noch bengalische Feuer, dabei war es so ein hübsches Bild. Nun gibt es nur noch die Flaggen.

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Raffaele Mazzano ist Mitgründer und Betreiber vom SSC-Neapel-Fanblog »Napoli Focus«. Der Blog konzentriert sich auf Hintergrundinformationen rund um den Verein, die sportlichen Leistungen bis hin zum Spieler-Tratsch und Erinnerungen an ehemalige Spieler.

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