28.10.2012

Vor dem Heimspiel: Ein Neapel-Fan über süditalienische Fankultur

»Es war, als sei Maradona zurück«

Die Fans des SSC Neapel sind europaweit für ihren bedingungslosen Support bekannt. Vor dem Heimspiel gegen Chievo Verona sprachen wir mit Raffaele Mazzone, Fan und Betreiber des Fanblogs »Napoli Focus« über Erinnerungen an Maradona, die Mafia und Fans am Rande der Ekstase.


Interview: Raffaela Angstmann Bild: Napoli Focus

Europaweit spricht man ehrfürchtig von der großen Fußballleidenschaft Neapels. Was macht die Faszination aus?

Der neapolitanische »tifo« (auf Deutsch: das Fan-Sein) ist einzigartig. Ich kann nicht erklären, warum es so eine besonders starke Hingabe gibt, aber manchmal stellt man die Mannschaft einfach über alles andere in seinem Leben. Egal, ob Söhne, Brüder oder Cousins, wir Neapolitaner sind alle Neapel-Fans. Es gefällt uns, dass diese Passion über Generationen getragen wird. Bei anderen Vereinen ist das vielleicht nicht so selbstverständlich, dass das Fan-Sein vom Vater an den Sohn weitergegeben wird.

Gehen Sie mit Ihrem Vater ins Stadion?
Es ist kompliziert bei uns, denn man muss auch wissen: Erst seit sieben Jahren geht es dem SSC Neapel wieder gut. Aber davor machte Neapel eine dunkle Zeit durch. Vor wenige Jahren waren wir noch in der Serie C. Mein Vater war Fan zu Zeiten Maradonas. Er hat mich mein erstes Mal ins Stadion mitgenommen. Nach den Jahren in den unteren Ligen - wir nenne sie die »hässliche« Zeit - war es an mir, ihn wieder ins Stadion zu zerren, weil ihm die ganze Situation so missfallen hat. Heute gehen wir zusammen hin, wenn wir können.

Erinnern Sie sich noch an eine Partie mit Maradona?
Einmal habe ich ihn von Nahem gesehen. Es war im Stadion während des Abschieds von Ciro Ferrara, einem ehemaligen Spieler Neapels. Maradona war Gast des Events und kam ins San Paolo. Es war wunderbar!

Haben Sie damals schon verstanden, wer Maradona ist?

Ich bin mit dem Maradona-Kult aufgewachsen. Es gab so viele Videos und Bücher über ihn. Mein Vater hatte viele Magazine, Poster und Kassetten und ich bin mit all diesen Dingen groß geworden und daher wusste ich, wer er war und was er geleistet hatte. So habe ich gelernt, die Napoli zu lieben. 



2007 stieg Neapel endlich wieder in die Serie A auf. Wie haben Sie das gefeiert? 

Wir haben gefeiert, als hätten wir den Meistertitel in der Serie A gewonnen. Damals spielten wir 0:0 gegen Genua und mussten auf das Ende einer anderen Partie warten. Ich klebte mit meinem Schal am Radio. Dann fuhren alle mit Autos und Motorrädern durch die Stadt. Ein Meeresblau hing über Neapel bis zum nächsten Morgen. Die Leute hielten mitten auf der Straße an, um miteinander zu tanzen. Man hätte meinen können, Maradona sei zurück. 

Seit 2010/11 zeigt sich der SSC Neapel wieder stärker. Diese Saison hat der Klub einen phantastischen Saisonstart hingelegt und noch keine Niederlage kassiert. Werden die Fans jetzt nostalgisch und erinnern sich an die goldenen Achtziger?

Die Erinnerungen an Maradona leben immer. Die Fans und Journalisten ziehen stets den Vergleich zwischen der damaligen Mannschaft und der neuen Napoli mit Marek Hamsik und Edinson Cavani. Wir müssten bald eine Meisterschaft gewinnen, nicht um die Achtziger zu vergessen, aber einfach um neue Erinnerungen feiern zu können.

Haben Hamsik und Cavani das Zeug, Neapels neue Götter zu werden? 

Ezequiel Lavezzi war der große Held. Er war fünf Jahre bei Neapel und die Fans haben ihn als zentrale Figur des neuen Erfolgs betrachtet. Doch von dem Moment an, als er das Team in Richtung Paris verließ, vergaßen ihn die Fans. An seine Stelle sind jetzt Cavani und Hamsik getreten, weil sie zuverlässig sind. Sie haben beide vor, länger beim SSC Neapel zu bleiben. Cavani hatte tolle Angebote aus ganz Europa, wollte aber trotzdem in Neapel bleiben. Das merken sich die Neapolitaner.
 

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