Vor 35 Jahren: Als Ahlenfelder zu früh abpfiff

»Pils, und der Fall war erledigt«

Wenn man in Bremen einen »Ahlenfelder« bestellt, bekommt man immer noch ein Pils und einen Malteser. Der einstige Top-Schiri konnte feste feiern – und pfiff einst nicht ganz nüchtern in einem Bundesligaspiel zu früh zur Halbzeit.

Wolf-Dieter Ahlenfelder, sind Sie ein Kult-Schiedsrichter? 
Zumindest tut es meinem Namen keinen Abbruch. Es ehrt mich unheimlich, dass man mich noch kennt, das ist irgendwo auch eine Ehre. 

Vermissen Sie es eigentlich, in der Öffentlichkeit zu stehen? 

Da stellen Sie eine Frage, die mir weh tut, da kommen mir die Tränen. Ich habe so eine tolle Zeit erlebt, das kann man sich gar nicht vorstellen. Das vermisse ich unheimlich. Trotzdem: Ob Beckenbauer oder Bierhoff, die duze ich alle. Der Ahli ist noch ein Begriff, schließlich bin ich mit Leib und Seele Schiedsrichter. Ich glaube, habe für den Fußball in Deutschland einiges getan. 


Sehen Sie denn aktuell einen neuen Ahlenfelder?
 
Meine heutigen Schiedsrichter-Kollegen sind alle lieb und nett, aber es kommt keine Freundlichkeit mehr rüber. Einen Eschweiler- oder Ahlenfelder-Typ wird man da nicht mehr finden. Das ist wohl auch mit dem Geld verbunden. Ich habe mit 24 Mark Tagesspesen angefangen, aufgehört habe ich mit 72 Mark. Heute holen die sich 3.000 Euro ab, das sind schon Unterschiede. Dann sind die nebenbei noch Zahnarzt, Manager-Berater oder Klavierlehrer - ein Viertel von den Bundesliga-Schiris sind schon Doktoren. 

Markus Merk verdient auch einiges mit Vorträgen... 
Der hat sich das Bessere ausgesucht. Als dämlicher Zahnarzt eine Plombe für 14,90 Euro zu setzen, das würde ich seit der Gesundheitsreform auch nicht mehr machen wollen. Der ist schon ein cleveres Bürschchen. 

Bedauern Sie es manchmal, nicht 20 Jahre später als Schiedsrichter begonnen zu haben? 
Ich habe meiner Frau immer gesagt, ich habe einen verdammten Scheiß-Jahrgang erwischt. 

Warum mangelt es im aktuellen Schiedsrichter-Wesen an Typen?
 
Das wird von Funktionären gesteuert, die auf der Tribüne sitzen und beobachten. Es sind die größten Gipsköppe aller Zeiten, die dort herumlaufen. Ich habe keinen Draht zu Funktionären, die haben meine Karriere kaputtgemacht. 

Was bemängeln Sie konkret? 
Die Jungs haben keine Bewegungsfreiheit, sie müssen sich strikt an ihr Regelwerk halten. Ein Beispiel: Geht vom Trikotausziehen beim Torjubel die Welt unter? Da frage ich mich, ob der Sepp Blatter noch alle auf dem Ofen hat. Die Leute haben noch nie Fußball gespielt, die müssen auch mal überlegen, was in einem Fußballer vorgeht. Natürlich würde ich das Trikot-Überstreifen lieber bei einer Damen-Mannschaft sehen, aber was soll es? Emotionen tun doch keinem weh. 

Können Sie sich mit den heutigen Referees noch identifizieren? 

Die meisten sind zu steril, ein Schiedsrichter kann doch auch mal lachen. Wenn ich gepfiffen habe, war Friede, Freude, Eierkuchen. Wir haben früher Spaß gehabt. Aber ich will mich nicht aufregen. 

Aber das machen Sie trotzdem. Wann denn zuletzt?
 
Beim Spiel zwischen Schottland und Italien, wo der Unparteiische Schottland um den Sieg gebracht hat. Das war eine Sauerei, schlichtweg eine Katastrophe. Und so etwas nennt sich FIFA-Schiedsrichter – da flippe ich aus. 

Leiden Sie denn manchmal auch mit Ihren Kollegen mit? 

Na klar, das sind doch meine Kumpels. Das ist ein schweres Amt, das kann nicht jeder. Zum Schiedsrichter muss man geboren sein, sonst sollte man lieber auf dem Weihnachtsmarkt Currywurst verkaufen. Wer meint, er sei der Größte, soll mal ein Spiel pfeifen. Nach fünf Minuten macht er sich in die Hose. Ich fiebere mit den Jungs und freue mich über jeden, der eine gute Leistung bringt. 

Werden Sie denn immer noch auf der Straße angesprochen? 
Wenn wir in Urlaub fliegen und ich zeige meinen Pass vor, flachsen die Zollbeamten. Wenn ich zurückkomme heißt es "Ahli, du bist schön braun geworden". Selbst in der tiefsten Türkei fragen mich die Leute, ob sie mich mal ansprechen dürfen. Da ist man doch stolz drauf. 

Mindestens jeder zweite will dann auch die Geschichte von dem Halbzeitpfiff nach 30 Minuten hören. Nervt das? 

Im Nachhinein hat mich nicht nur die Art und Weise, wie ich gepfiffen habe, berühmt gemacht. Durch die Sache in Bremen bin ich zur Legende geworden. Ich habe ja nichts Böses gemacht. Wie es sich für einen Ruhrgebietler gehört, habe ich mir mal einen genommen. Da habe ich keine Hemmungen, ich war kein Kind von Traurigkeit. Wenn ich sage, dass ich vor Bundesliga-Spielen Wasser und Fanta getrunken habe, wäre das eine Lüge. Ich habe mir ein Pilsken reingetan, und der Fall war erledigt. 

Hat das auch Ihre Beliebtheit bei den Fans ausgemacht? 

Die Älteren sagen, der Ahlenfelder war eine Koryphäe, die haben mich geliebt. Da sind die heute Pflaumen gegen. Körperlich kann ich es mit meinen 63 Jahren nicht mehr. Sonst würde ich denen mal zeigen, wie man ein Spiel pfeift. 

Verfolgen Sie das Fußball-Geschehen noch? 
Ich bin Oberhausener, da verstehe ich einiges nicht. Zu einem Spitzenspiel kommen 2.000 Zuschauer zu RWO. Wenn Essen gegen einen Kegelclub spielt, kommen 12.000, bei Schalke sind es sogar 61.000. Da ist Oberhausen eine echte Diaspora. 

Pfeifen Sie noch regelmäßig?
 
Bei der Oberhausener Berufs-Feuerwehr bin ich quasi fest installiert, zudem gibt es immer Turniere für den guten Zweck. Im Jahr kommen da schon 15 bis 20 zusammen. Dazu war ich auch noch sieben Jahre Messdiener – wenn ich einmal den Löffel abgebe, mein Platz im Himmel ist schon gesichert. 

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