Von Liga 5 zu Real Madrid: Stefan Kohfahl im Interview

»Eine kleine Aschenputtel-Geschichte«

Es klingt wie ein modernes Märchen: Stefan Kohfahl, Trainer des Fünftligisten Oststeinbeker SV bewarb sich beim spanischen Rekordmeister Real Madrid mit einem Konzept für Trainingscamps in Deutschland. Nun ist er Direktor der »Real-Madrid-Clinics Deutschland«.

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Stefan Kohfahl, was sagt Zidane: Wann wird er Real als Trainer übernehmen? Und welche Musik legt Cristiano Ronaldo aktuell in der Kabine auf?
Ich arbeite zwar seit dem 1. Januar für Real Madrid, aber zu den Profis habe ich noch keinen Kontakt gehabt. Ich war bei einigen Spielen, war auch im Spielertunnel oder in der Kabine. Aber die Profis wissen noch gar nicht, dass Real eine Dependance in Deutschland aufbaut.

Aber mal ehrlich, sind Sie denn vor dem Engagement ein Real-Fan gewesen? Oder haben Sie früher nicht auch immer gedacht, dass Real Madrid eine zusammengekaufte, überbezahlte Mannschaft ist?
Ich beschäftige mich schon länger mit der Philosophie des Klubs, von daher weiß ich, dass der Profikader so durchkonzeptioniert ist, dass immer Spieler im Aufgebot sind, die Real selbst ausgebildet hat. Und bei fast allen Klubs der spanischen Liga stehen Leute im Kader, die aus der Jugend von Real Madrid stammen.

Sie haben einfach ein Konzept an Real Madrid geschickt  – und wurden eingestellt. Würde sich ein Drehbuchautor so etwas ausdenken, bekäme er sein Manuskript zurück, weil es zu unglaubwürdig ist.
Ja, aber so war es. Das Konzept stand zuerst, dann habe ich europaweit bei Topklubs in Italien, Portugal und Spanien angerufen und nach einem  Zuständigen gefragt. Mit demjenigen habe ich dann telefoniert oder ihm einen Anriss meiner Idee geschickt. Das Sensationelle: Ich bin von allen Klubs eingeladen worden, um mit meinem Konzept vorstellig zu werden – und alle Klubs hätten mich und mein Konzept auch genommen.  
 
Gehört dazu nicht eine große Portion Selbstvertrauen? Oder eher Größenwahn?
Wohl beides. Es hat aber monatelang, eher jahrelang gedauert, mein Konzept zu finalisieren. Ich musste viel lesen und viel reisen, um mich mit der Trainingsmethodik der verschiedenen Länder und Klubs vertraut zu machen und davon dann das Beste rauszuziehen. Vor allem: Ich habe viel riskiert und investiert. Ich habe sowohl als Trainer beim Fünftligisten Oststeinbeker SV als auch meinen Job beim HSV gekündigt, für den ich Feriencamps geleitet habe. Zudem habe ich mein Haus belastet, um die vielen Reisen zu finanzieren – alles, ohne eine Zusage zu haben. Ich bin quasi ohne Netz und doppelten Boden abgesprungen. Mein Banker sagte: »Tolles Konzept. Aber Ihr Haus ist auch toll…«

Wie war das denn, als sie bei Real Madrid vorgesprochen haben?
Es ist natürlich etwas ganz Besonderes. Ein wenig selbstbewusster war ich dadurch, dass ich schon bei anderen Top-Adressen war und wusste, dass mein Konzept gut ankommt. Bei Real waren wir mit vier Leuten, u. a. einem Anwalt und einem Dolmetscher, und wir sind gleich zu Generaldirektor José Ángel Sánchez vorgelassen worden. Allerdings begann die Begegnung mit einer etwas unangenehmen Situation für mich: In Spanien ist es üblich, dass man zunächst die Visitenkarten austauscht – und ich hatte keine dabei.

Wie konnten Sie Sánchez überzeugen?
Das Gespräch lief von der ersten Sekunde an gut. Sánchez gilt als Visionär und hatte gleich seine eigenen Vorstellungen von der Umsetzung eines solchen Konzepts. Vielleicht war es ganz gut, dass ich inhaltlich nicht zu allem Ja gesagt habe. Zum Schluss fragte mich Sánchez, ob mir bewusst sei, dass Real Madrid ein besonderer Klub sei. Ich sagte ihm mit einem Lächeln, dass ich gleich für die ganze Familie und Freunde im Fanshop einkaufen werde.

Und in welcher Sprache kommunizierten Sie?
Ich kann zwar ein wenig Spanisch, aber das hätte nicht ausgereicht. Wir unterhielten uns auf Englisch, und als ich in meiner Präsentation Sätze sprach, in denen die Wörter »Real« und »real« vorkamen, lockerte das unfreiwillig auf und brach ein wenig das Eis.

Aber eigentlich verfügt doch schon jeder deutsche Profiklub über Trainingscamps, zudem gibt es doch auch das DFB-Talentförderprogramm der Stützpunkte. Was ist denn nun das Besondere an Ihrem Konzept?
Die Camps der Bundesliga-Klubs sind weniger sozial und sportlich orientiert. Die gehören alle den Marketing-Abteilungen an, haben Schwerpunkte wie Fanbindung und Markenbildung. Bei Real Madrid steht die Fundación dahinter, also die Stiftung, ist deshalb nicht gewinnorientiert. Überschüsse gehen in soziale Projekte.


Sie waren vier Jahre für den Hamburger SV als Trainer im Bereich der Trainingscamps tätig. Was ist beim Real-Projekt entscheidend anders? 
Für unsere Camps entwickelt beispielsweise Sternekoch Christian Eckhardt von der Villa Rothschild die Ernährungsprogramme. Natürlich wird es auch bei unserer Arbeit darum gehen, Talente zu sichten. Aber wir werden vor allem auch die Real-Madrid-Philosophie rüberbringen, und dazu gehört es, dass die Guten die Schwächeren unterstützen und fördern. Ein weiteres Credo lautet: Leistung durch Anstrengung! Denn Talent reicht am Ende nicht aus, um sich bei Real durchzusetzen. Bei uns lernen die Kinder Respekt vor anderen zu haben, Leistung anzuerkennen bzw. gewinnen und verlieren zu können. Alle Kinder werden die Veranstaltungen mit einem Lächeln verlassen.

Und wie wird das im Detail funktionieren?
Wir arbeiten mit ca. 80 Partner-Vereinen in Deutschland zusammen. Klubs, die in ihrer Region für gute Nachwuchsarbeit bekannt sind. Einige namhaftere Adressen sind dabei. Wir brauchen die Kinder nicht anzusprechen, bei dem Namen Real Madrid werden die Kids von alleine kommen. Von 4000 bis 9000 Kindern zwischen 8 und 13 Jahren werden 60 übrigbleiben, die dann nach Frankfurt zur Endausscheidung kommen. Dazu werden dann eigens Real-Mitarbeiter aus Spanien anreisen, die dann die vier bis zehn Besten aussuchen, die in Madrid in der Akademie vorspielen, der Ciudad Deportiva.

Ihre Trainingscamps nennen sich »Real-Madrid-Clinic« – das klingt ein wenig so, als würde man sich dort um verletzte Spieler kümmern.
Clinic heißt so viel wie Sprechstunde oder Hospitation. Und es wird vom Klub ein besonderer Wert darauf gelegt, nicht von einem Campus zu sprechen, der ein anderes Konzept verfolgt.

Woher kommt denn das Interesse von Real Madrid am deutschen Markt? Hängt das mit den zumeist guten Erfahrungen zusammen, die der Klub zuletzt mit Spielern wie Mesut Özil oder Sami Khedira gemacht hat?
Naja, mir spielte es sicher in die Karten, dass Deutschland im Fußball derzeit ein Boom-Markt ist. Real wollte der erste internationale Klub sein, der diesen Markt erobert, quasi den ersten Pflock in die deutsche Landkarte rammt.

Inwieweit hat sich denn Ihr Leben verändert, seit Sie Angestellter von Real Madrid sind?
Auf einmal hat man mehr »Freunde«, und neulich gab es in einem Kölner Hotel gleich ein Upgrade, als die Angestellten von Real Madrid hörten. Es ist auch interessant zu beobachten, wer sich alles gemeldet hat, um in das Projekt miteinzusteigen. Natürlich ist der Name des Klubs allerorten ein Türöffner.

Dann können Sie sicher auch in Zukunft günstig Urlaub machen in Spanien.
Das konnte ich schon vorher. Denn meine Familie besitzt ein Haus in Spanien, in Creixell an der Costa Dorada. Dort verbringe ich seit meiner Kindheit fast jedes Jahr meinen Urlaub. Das Problem: Der Ort ist nur 60, 70 Kilometer von Barcelona entfernt, dort sind alle Barça-Fans. Und bei 1000 Einwohnern wird sich schnell herumsprechen, dass ich jetzt für Real Madrid arbeite. Meine Schwester muss jetzt die Barcelona-Fahne am Haus abnehmen! 

Gibt es denn auch Neider?
Als wir mit meinem Oberliga-Team Oststeinbeker SV neulich bei Altona 93 mit 0:7 verloren, sangen die Altona-Fans: »Eine Abwehr aus Granit / wie einst Real Madrid«. Aber eigentlich habe ich fast nur positive Erfahrungen gemacht, die Leute haben sich gefreut für mich. Es ist schon so eine kleine Aschenputtel-Geschichte, und vielleicht ist das ja auch wegweisend für andere, sich Ziele zu stecken oder Ideen in die Tat umzusetzen.

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