14.12.2007

Volker Roth im Interview

„Rote Karte für Schwalben“

Deutschlands oberster Schiedsrichter Volker Roth kennt die Tücken des modernen Fußballs. Hier erklärt er die Nachteile der Torkamera, die Fallsucht in deutschen Stadien und die latente Gefahr der Spiel-Manipulation.

Interview: Tim Jürgens und Christian Dittmar Bild: Imago
Was hat er entgegnet, als Sie ihm mit Herunterstufung drohten?

Er sagte, er habe die Situation nun einmal so beobachtet. Was soll ich da sagen? Zu seinen nächsten vier Zweitligaspielen habe ich einige der besten Beobachter geschickt: Manfred Amerell, Karl-Heinz Tritschler, Aron Schmidhuber und Dieter Pauly. Und da wurde nicht manipuliert, so dass sie auch keine weiteren Auffälligkeiten feststellen konnten. Wie auch immer: Wir sind jedenfalls sensibilisiert und dem DFB werden bei besonders hohen und verdächtigen Einsätzen auf ein Spiel so schnell wie möglich Mitteilungen von den Wettanbietern gemacht. Dieses Frühwarn-System soll dann garantieren, dass noch genauer als ohnehin schon geschaut wird, dass alles korrekt abläuft. Aber das weltweite Wettgeschäft ist weit verzweigt: 60 Millionen Euro werden jedes Wochenende weltweit auf Bundesligaspiele gesetzt. Das sind unglaubliche Dimensionen.

Hoyzer wurde zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten verurteilt. Halten Sie das für angemessen?


Ich empfinde keine Rache, ich bin nur unendlich enttäuscht. Was ist eine angemessene Strafe? Hat sich der Junge nicht mit seinem Betrug selbst schon genug bestraft? Denn was hat er mit seinen Mauscheleien schon großartig verdient? Bei seinem Talent hätte er als Schiedsrichter im Laufe der Jahre bis zu drei Millionen Euro verdienen können. So gesehen muss man sagen: Robert Hoyzer war nicht besonders schlau.

Darf ein Schiedsrichter eigentlich einen Lieblingsverein haben – so wie Markus Merk, der zugibt, dass sein Herz für den 1. FC Kaiserslautern schlägt?

Das eine ist das Fan-Sein, das andere, dass Markus in jedem Spiel unparteiisch pfeift. Darauf kommt es an. Was ein Schiedsrichter privat denkt, kann ich ihm doch nicht verbieten.

Hatten Sie einen Lieblingsklub?

Nein, mir ist es bis heute völlig egal, wer Meister wird oder wer absteigt. Hauptsache, ein Spiel geht ordentlich über die Bühne.

Achten Sie bei Markus Merk darauf, dass er kein Spiel unter Pfälzer Beteiligung pfeift?

Natürlich wird das berücksichtigt und von vorneherein sieht das Reglement vor, dass ein Bundesliga-Schiedsrichter nicht einen Verein aus seinem Landesverband pfeifen kann. Was meinen Sie, welch’ abstruse Theorien uns Fans immer wieder unterstellen. Ich mache persönlich die Spielansetzungen für die Bundesliga und die 2. Liga. Um von vornherein so viele Unterstellungen wie möglich auszuschließen, achte ich auf sehr viele Dinge.

Zum Beispiel?

Wenn am Ende einer Saison zwei Teams um die Meisterschaft spielen, sollte kein Schiedsrichter aus der Gegend des Kontrahenten das Spiel der anderen Mannschaft pfeifen. Oder wenn an einem Wochenende beispielsweise der Hannoveraner Schiedsrichter Babak Rafati ein Spiel des FC Bayern leitet, sollte gewährleistet sein, dass die Münchner nicht nächste Woche gegen Hannover spielen.

Gibt es Schiedsrichter, die aus Befangenheit auf Spielansetzungen verzichten?

Das nicht. Aber es gibt die Vereinbarung, dass wir keinen Schiedsrichter zwingen, ein Spiel zu pfeifen.

Sagen manche von sich aus eine Partie ab?


Ja, das kommt vor.

Verraten Sie uns ein Beispiel?


Es ist allgemein bekannt, dass Markus Merk Schalke 04 nicht mehr pfeift, seit er im Jahr 2001 beim Spiel zwischen dem HSV und Bayern in der Nachspielzeit einen Freistoß für die Münchner wegen eines Rückpasses gepfiffen hat, durch den die Bayern letztendlich Meister wurden.

Merk fürchtet den Hass des Schalker Publikums?


Das nicht, aber wenn einem Schiedsrichter von einem Klub eine bewusste Unkorrektheit unterstellt wird, wird jede Entscheidung unter Berücksichtigung dieses Verhältnisses betrachtet. Dann verzichtet ein Referee lieber, noch mal ein Spiel dieses Vereins zu leiten.

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