14.12.2007

Volker Roth im Interview

„Rote Karte für Schwalben“

Deutschlands oberster Schiedsrichter Volker Roth kennt die Tücken des modernen Fußballs. Hier erklärt er die Nachteile der Torkamera, die Fallsucht in deutschen Stadien und die latente Gefahr der Spiel-Manipulation.

Interview: Tim Jürgens und Christian Dittmar Bild: Imago
Felix Magath hat angeprangert, dass Bundesliga-Spieler viel leichter fallen als Kicker in England. Stimmt das?

Das stimmt. Auf der Insel wird die Schwalbe nicht gesucht. Diese Art der Spielkultur müssten wir auch in Deutschland mehr pflegen.

Aber wie bekommt man das in die Köpfe der Spieler?


Ich persönlich plädiere dafür, klare Schwalben mit Rot zu bestrafen. Bei der FIFA sieht man das anders. Aber mit einem drohenden Feldverweis haben wir auch die Grätsche von hinten fast völlig aus dem Spiel bekommen. Das Schwierige ist dabei allerdings, eine Aktion eindeutig als Schwalbe zu entlarven.

Warum fallen in deutschen Stadien Spieler eher als in England?

Das hat mit der grundsätzlichen Einstellung zum Fairplay zu tun. Das sind tiefenpsychologische Dinge, die man mal untersuchen müsste. In England ist es beim Publikum und bei den Medien ganz einfach verpönt, wenn ein Spieler eine Schwalbe macht.

Welche Direktiven geben Sie Ihren Schiedsrichtern, was Interviews nach dem Spiel anbetrifft?


Was soll ich jemandem raten, der vor 80.000 Zuschauern pfeift? Wir sind weltweit der einzige Verband, der da überhaupt keine Vorschriften macht. Jeder Schiedsrichter kann Interviews geben, wenn er will. Mancher sieht darin keinen Sinn, sich zu rechtfertigen. Andere sehen darin wieder eine Chance, um ihre Position öffentlich zu vertreten.

Das heißt, wenn er sich selbst belastet, ist das sein Problem.

Was heißt belasten? Es passiert immer wieder, dass ein Schiedsrichter auf seiner Meinung beharrt. Ich halte das für taktisch unklug, trotz eindeutiger TV-Bilder eine als falsch erkannte Entscheidung als richtig darzustellen. Natürlich sollte ein Unparteiischer aber auch nicht jedes Wochenende sagen müssen: »Wenn ich die Bilder jetzt sehe, war es eine falsche Entscheidung.«

Wie oft dürfen Referees Fehler unterlaufen, bis ihnen Konsequenzen drohen?

Es gibt Entscheidungen, die spreche ich nicht an, weil bei dem Betreffenden eindeutige Fehler sehr selten sind oder der Fehler in der konkreten Situation schwer zu erkennen war. Aber es gibt Entscheidungen, die unmissverständlich falsch sind. Wenn sich solche Dinge bei einem Schiedsrichter häufen, ist er in dieser Spielklasse eventuell falsch aufgehoben.

Schiedsrichter wie Pierluigi Collina oder Markus Merk sind durch Ihre Popularität inzwischen auch kleine Stars. Verliert ein Schiri ab und an auch mal die Bodenhaftung?


Nein. Ich habe nach der WM 1986 aufgehört und bin seitdem in der Lehrarbeit tätig. Ich kenne die 19 Bundesliga-Schiedsrichter alle von klein auf und habe permanent Kontakt zu ihnen. Ich versichere Ihnen, keiner hat nur im Ansatz Starallüren.

Was bei Robert Hoyzer anders war.

Das war ein trauriges Kapitel, von dem wir alle völlig überrascht wurden. Seitdem nehmen wir das soziale Umfeld der Kollegen stärker ins Visier.

Wieso?


Weil damals die Regionalligen und die Junioren-Bundesligen noch nicht dem DFB-Schiedsrichterausschuss unterstanden. Das Problem bei Hoyzer war auch, dass uns die regionalen Obleute nicht die Hinweise weiter geleitet haben, die dort vorlagen. Dort war nämlich bekannt, dass sein soziales Umfeld nicht besonders positiv war.

Warum wurde Ihnen das verheimlicht?

Die Elite der Schiedsrichter ist relativ klein. Von 80000 deutschen Unparteiischen pfeifen gerade mal 41 in der Bundesliga und 2. Bundesliga. Jeder Landesverband wäre froh, wenn er davon einen stellen kann. Und Hoyzer war ein Riesentalent, der wäre heute mit Sicherheit in der Bundesliga, wahrscheinlich sogar international dabei. Dieses Talent hat der Verband erkannt und gedacht, dass damit einer aus den eigenen Reihen vorankommen würde. Die hofften, es würde sich legen. Aber er musste ja weiter in seiner Kneipe den großen Macker spielen.

Um solchen Dingen vorzubeugen, setzen Sie jetzt im Verdachtsfall also auf jeden Bundesliga-Schiri einen Detektiv an.


Das ist natürlich nicht nötig. Schiedsrichter leben nicht in einer isolierten Welt. Hier in Salzgitter haben wir 80 Schiedsrichter, die sich jeden Monat einmal zusammensetzen. Dazu treffen sie sich wöchentlich zum Training. In der Junioren-Bundesliga gibt es Coaches, die sich permanent mit dem Nachwuchs beschäftigen und bei Kollegen nachfragen, ob irgendetwas schief läuft. Aufgrund der Hinweise haben wir in den vergangenen drei Jahren fünf Schiedsrichter suspendiert.

Was waren die Hintergründe?


Ein unsolider Lebenswandel.

Klingt nach Alkohol und Drogen.

Drogen waren nicht im Spiel. Sie haben einfach nicht mehr gut trainiert. Und wenn dann die Leistungsbeurteilungen schlechter werden, muss man nachforschen. 40 Nachwuchsschiedsrichter aus 80000 Schiedsrichtern auszuwählen, ist eine ordentliche Selektion. Und wenn Vorgaben nicht erfüllt werden, greifen wir eben ein.

Inwieweit besteht immer noch ein Manipulationsrisiko durch Schiedsrichter in Deutschland – auch nach der Verurteilung von Robert Hoyzer?

Ich kann es mir nicht vorstellen, dass so was im Profifußball noch mal vorkommt, aber man sollte niemals nie sagen. Denn ich erinnere mich gut, wie ich nach dem Pokalspiel zwischen dem SC Paderborn und dem HSV mit Hoyzer telefoniert habe. (Hoyzer verhängte zwei Elfmeter für den SC Paderborn, der das Pokalspiel mit 4:2 für sich entschied. Später stellte sich er heraus, dass der Schiedsrichter an den Wetteinsätzen, die einen Sieg für Paderborn voraussagten, partizipierte. d.Red.)

Wie lief das ab?

Ich sagte: »Was hast Du denn da gepfiffen? Den ersten Elfmeter will ich noch durchgehen lassen, aber wenn du noch mal so was pfeifst wie beim zweiten, ist es aus.« Und ich habe nicht im Entferntesten daran gedacht, dass von seiner Seite eine Absicht vorlag.

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