Volker Roth im Interview

»Das macht die Leute verrückt«

Nie zuvor wurden so viele technische Neuerungen diskutiert, die vom Wunsch nach einem gerechten Spielverlauf getragen sind. Doch was hält Volker Roth, Deutschlands oberster Schiedsrichter, vom Videobeweis, Torkameras und Chips im Schuh? Volker Roth im InterviewImago

Herr Roth, was halten Sie von technischen Hilfen für Schiedsrichter?

Man muss unterscheiden zwischen den Dingen, die einem Schiedsrichter helfen, und denen, die ihm nicht helfen. Das Head-Set zu Kommunikationszwecken, der Chip im Ball oder zusätzliche Assistenten hinter oder neben den Toren können nützlich sein. Der Videobeweis mit sofortiger Bewertung durch Ober-Schiedsrichter dagegen zerstört das Spiel und ist keine Hilfe für den Schiedsrichter.

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Welche Veränderungen wird es für den Amateur- bzw. professionellen Schiedsrichter bezüglich des Regelwerks in absehbarer Zukunft geben?


Das Interessante ist doch die Tatsache, dass die Regeln des Fußballs überall auf der Welt gleich sind. Dieser Aspekt hat einen großen Anteil am Erfolg des Spiels. Dass es in Profi-Ligen bestimmte technische Hilfsmittel gibt, hat nichts mit dem Regelwerk zu tun, welches die FIFA festlegt. Die Regeln sind sowohl für den Amateur- als auch den Profi-Bereich gleich, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird.

Aber in Bezug auf technische Hilfsmittel ist der professionelle Fußball dem Amateurfußball durch die TV-Kameras doch weit voraus.

Dass Kameras technische Hilfsmittel sind, wage ich zu bezweifeln. Wenn ich allein jedes Wochenende diese fragwürdige Abseitslinie sehe, dann ist das sicherlich keine Hilfe für die Schiedsrichter, sondern macht die Leute nur verrückt. Da die Kameras nicht immer auf der Höhe des Geschehens stehen, ist diese Abseitslinie oftmals nicht richtig, weil die Perspektive verzerrt ist. Wer entscheidet, wann der Ball abgespielt wurde? Oftmals wird die Linie eingeblendet, wenn der Ball schon abgespielt wurde oder aber wenn er noch am Fuß des Passgebers ist. Ich glaube nicht, dass der Zeitpunkt der Ballabgabe, der für die Abseitsentscheidung entscheidend ist, jedes Mal zu 100 Prozent bei der Wiedergabe von TV-Zeitlupen-Aufnahmen oder Fernsehstandbildern getroffen wird.

Welche Hilfen wird ein Schiedsrichter in den nächsten zwanzig oder dreißig Jahren zur Verfügung haben, um Fehlentscheidungen zu reduzieren oder sogar rückgängig zu machen?

So weit kann ich nicht denken, ich bin doch kein Hellseher. Vielleicht kommt es ja dazu, dass man gar keinen Schiedsrichter mehr braucht, wie das zu Beginn des Fußballs der Fall war. Dann gibt es auch keine Fehler mehr. (lacht)

Das Spiel ist mit der Zeit immer schneller und athletischer geworden. Wird es vielleicht irgendwann zu schnell, um von einem Schiedsrichtergespann geleitet werden zu können?


Nein, das glaube ich nicht. Das Spiel ist ohne jede Frage schneller geworden als vor zwanzig, dreißig Jahren, aber es gibt eben auch dynamische Grenzen.

Wäre es möglich, dass der Schiedsrichter als Person in Zukunft von einem elektronischen System abgelöst wird?

Wenn der Erfolg des Fußballs auf der ganzen Welt erhalten werden soll, dann sind das Visionen, die nicht real sind.

Die Diskussion über strittige Entscheidungen ist für viele Fans ein Aspekt, der den Reiz des Spiels ausmacht?

Mir und uns ist es eigentlich lieber, wenn über Schiedsrichter nicht diskutiert wird. Aber das kann man nicht verhindern. Dass in Eckkneipen oder am Arbeitsplatz darüber diskutiert wird und die Journalisten für die Fans interessante Themen haben, ist für viele natürlich ein positiver Aspekt, nicht aber für die Schiedsrichter.

Welche Situationen können von einem Schiedsrichter besser beurteilt werden als von einem elektronischen Überwachungssystem?


Zunächst einmal: Mit den Kameras und den Bildern kann ich leben. Nur dass die Wahrheit nicht mehr das ist, was auf dem Platz gesehen wird, sondern allein das, was auf den Fernsehbildern gezeigt wird, ist nicht in Ordnung. Die Interpretation ist dann die Wahrheit und nicht mehr das, was die Schiedsrichter entschieden haben. Und die Kritik wird mir dann oft zu persönlich.

Haben Sie schon vom »Orange Future of Football Report 2008« (Anm.: Eine Studie über den Fußball im Jahr 2020) gehört?

Nein.

In der Studie wurde die Idee entworfen, dass Sensoren in Schienbeinschonern den Kontakt bei einem Foulspiel messen könnten oder Spieler mit GPS-Empfängern ausgerüstet sind, um die genaue Position bei einem Hand- oder Foulspiel feststellen zu können. Was halten Sie von solchen Ideen?

Ich habe noch nie davon gehört, da kann ich nichts zu sagen. Aber es gibt so viele Ideen auf der Welt... (lacht).

Ist die moderne Technik Fluch oder Segen für den Schiedsrichter?


Wenn die Technik das Spiel nicht kaputtmacht, wie der Videobeweis, sondern dem Schiedsrichter eine korrekte Entscheidung ermöglicht, wie etwa der Chip im Ball, ist das positiv zu bewerten. Alles was dem Schiedsrichter hilft, ohne die Dynamik und den Fluss des Spiels zu gefährden, wird befürwortet.

Was halten Sie von der Idee zwei Schiedsrichter pro Spiel einzusetzen?


Ich habe selbst im Jahr 2000, als ich noch in der FIFA-Schiedsrichter-Kommission war, mit meinen schwedischen Kollegen Björck neun Spiele des italienischen Pokals beobachtet, die mit zwei Schiedsrichtern geleitet wurden. Bei unseren Beobachtungen war ein Schiedsrichter (Anm.: der ehemalige italienische Referee Pierluigi Collina) berühmter und damit dominanter als der zweite Mann. Zudem mussten die Schiedsrichter, die den Angriff zu kontrollieren hatten, immer rückwärts laufen, was zu einer starken Belastung und bei Collina zu einem Anschwellen der Achillessehnen geführt hat. Teilweise wurden in schwierigen Situationen auch unterschiedliche Entscheidungen getroffen. Wir sind letztendlich zu dem Ergebnis gekommen, dass das nicht funktioniert.

Versetzen wir uns ins Jahr 2040. Wie wird ein Spiel in der Fußball-Bundesliga geleitet?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin zuständig für die Gegenwart, und da versuchen wir möglichst keine Fehler zu machen. Vielleicht fragen Sie mich 2040 noch einmal.


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