Volker Roth im Interview

„Rote Karte für Schwalben“

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Heft #73 12 / 2007
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73

Volker Roth, warum wird ein Mensch Schiedsrichter?

Die Frage habe ich mir schon oft gestellt. Bei mir war es so: Als 15-Jähriger hörte ich eine Rundfunk-Reportage über ein Spiel zwischen Wanne-Eickel gegen Was-weiß-ich-wen. Nach dem Match mussten berittene Polizisten eingreifen, um den Schiedsrichter zu schützen. Da kam mir der Gedanke, das könne doch eine ganz interessante Aufgabe sein.

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Mit anderen Worten: Sie haben den Nervenkitzel gesucht?

Nein, nicht unbedingt. Es war natürlich die Liebe zum Fußball und die Selbsterkenntnis, dass ich selbst kein besonders guter Spieler war.

Paul Breitner hat mal gesagt, Schiedsrichter hätten zuhause nichts zu melden und nutzten den Job, um Macht auszuüben.


Falsch. Schiedsrichter sind Sportler und Menschen, die auch mal Fehler machen. Leider wird das sehr oft vergessen. Und Breitners Theorie übersieht, dass 99 Prozent der Schiedsrichter am Wochenende irgendwo ohne die Wahrnehmung von Kameras auf dem Platz stehen. Diese Leute haben ganz sicher nicht Macht als Antrieb. Die wollen sich bewegen, an der frischen Luft sein und es anderen ermöglichen, dass sie Fußball spielen können.

Gibt es Menschen, denen das Schiedsrichtern in die Wiege gelegt wurde?


Ein Schiedsrichter braucht Spielverständnis, wie jeder Fußballer. Das kann man nur bedingt lernen. Deswegen hoffen wir, dass mal ein Bundesliga-Profi nach der Karriere umsattelt. Aber die Spieler sagen leider: „Ich mache mir doch nicht meinen Ruf kaputt.“ Aber in den Landesverbänden finden wir Talente, die über Spielverständnis verfügen.

Woran erkennt man, dass jemand das Zeug zum Bundesliga-Schiedsrichter hat?


Ein Fachmann sieht, ob jemand das Talent hat, ein Spiel zu leiten, zu begleiten und die Spieler von seinen Entscheidungen zu überzeugen, ohne dabei autoritär aufzutreten.

Autoritäres Auftreten ist ein Manko?

Ein Schiedsrichter darf nie nur mit der Macht der Regeln herrschen. Er muss Persönlichkeit und Überzeugung ausstrahlen.

Was ist das größte Problem, mit dem heutige Bundesliga-Schiedsrichter zu kämpfen haben?

Dass der Fußball so unglaublich viel Geld umsetzt und aus der Perspektive der Vereine fast jedes Spiel über »Leben und Tod« entscheidet. Daraus resultiert, dass in einer Zeit, in der 22 Kameras jede Bundesliga-Partie begleiten, auch jede winzige Fehlentscheidung dokumentiert, publiziert und vor allem ellenlang diskutiert wird.

Also sind die Medien das Problem.

Nicht die Medien, sondern das öffentliche Interesse. Dass jede einzelne Sekunde auf dem Platz genau durchleuchtet wird, macht die Arbeit viel schwerer als zu meiner Zeit, als höchstens sechs Kameras, wenn überhaupt, über ein Spiel berichteten. Damals wurden längst nicht alle Fehler bemerkt. Heute sehen die Zuschauer ein Foul in Superzeitlupe und wundern sich, dass es der Schiedsrichter übersieht. Aber die Zeitlupe ist nicht die Wirklichkeit, sondern nur die Suche nach der Wirklichkeit.

Wird heute mehr gefoult?

Das Spiel ist schneller geworden. Durch die Geschwindigkeit der Bewegungen sieht alles viel spektakulärer aus. Wenn sie ein Foul dann auch noch in der Zeitlupe sehen, fünfmal wiederholt und mit dem entsprechenden Kommentar begleitet, wird es zur brutalen Aktion. Das Spiel ist nicht brutaler geworden, nur die Nickeligkeiten nehmen zu.

Sie meinen Tätlichkeiten.


Mich überraschen immer wieder diese unsinnigen Schläge. Ich begreife nicht, wie Spieler hinter dem Rücken des Schiedsrichters immer noch Fouls begehen, obwohl sie wissen, dass Kameras sie beobachten. Schließlich werden sie dann dafür vom Sportgericht verurteilt.

Wie erklären sie sich diese Überreaktionen auf dem Platz?

Es liegt wohl daran, dass der Konkurrenzkampf immer härter wird. Die Kader sind heute oft 28 Mann groß und jeder muss permanent Leistung bringen. Darum ist die Toleranzschwelle untereinander niedriger geworden – dem Mitspieler gegenüber, aber vor allem auch dem Gegner.

Felix Magath hat angeprangert, dass Bundesliga-Spieler viel leichter fallen als Kicker in England. Stimmt das?

Das stimmt. Auf der Insel wird die Schwalbe nicht gesucht. Diese Art der Spielkultur müssten wir auch in Deutschland mehr pflegen.

Aber wie bekommt man das in die Köpfe der Spieler?


Ich persönlich plädiere dafür, klare Schwalben mit Rot zu bestrafen. Bei der FIFA sieht man das anders. Aber mit einem drohenden Feldverweis haben wir auch die Grätsche von hinten fast völlig aus dem Spiel bekommen. Das Schwierige ist dabei allerdings, eine Aktion eindeutig als Schwalbe zu entlarven.

Warum fallen in deutschen Stadien Spieler eher als in England?

Das hat mit der grundsätzlichen Einstellung zum Fairplay zu tun. Das sind tiefenpsychologische Dinge, die man mal untersuchen müsste. In England ist es beim Publikum und bei den Medien ganz einfach verpönt, wenn ein Spieler eine Schwalbe macht.

Welche Direktiven geben Sie Ihren Schiedsrichtern, was Interviews nach dem Spiel anbetrifft?


Was soll ich jemandem raten, der vor 80.000 Zuschauern pfeift? Wir sind weltweit der einzige Verband, der da überhaupt keine Vorschriften macht. Jeder Schiedsrichter kann Interviews geben, wenn er will. Mancher sieht darin keinen Sinn, sich zu rechtfertigen. Andere sehen darin wieder eine Chance, um ihre Position öffentlich zu vertreten.

Das heißt, wenn er sich selbst belastet, ist das sein Problem.

Was heißt belasten? Es passiert immer wieder, dass ein Schiedsrichter auf seiner Meinung beharrt. Ich halte das für taktisch unklug, trotz eindeutiger TV-Bilder eine als falsch erkannte Entscheidung als richtig darzustellen. Natürlich sollte ein Unparteiischer aber auch nicht jedes Wochenende sagen müssen: »Wenn ich die Bilder jetzt sehe, war es eine falsche Entscheidung.«

Wie oft dürfen Referees Fehler unterlaufen, bis ihnen Konsequenzen drohen?

Es gibt Entscheidungen, die spreche ich nicht an, weil bei dem Betreffenden eindeutige Fehler sehr selten sind oder der Fehler in der konkreten Situation schwer zu erkennen war. Aber es gibt Entscheidungen, die unmissverständlich falsch sind. Wenn sich solche Dinge bei einem Schiedsrichter häufen, ist er in dieser Spielklasse eventuell falsch aufgehoben.

Schiedsrichter wie Pierluigi Collina oder Markus Merk sind durch Ihre Popularität inzwischen auch kleine Stars. Verliert ein Schiri ab und an auch mal die Bodenhaftung?


Nein. Ich habe nach der WM 1986 aufgehört und bin seitdem in der Lehrarbeit tätig. Ich kenne die 19 Bundesliga-Schiedsrichter alle von klein auf und habe permanent Kontakt zu ihnen. Ich versichere Ihnen, keiner hat nur im Ansatz Starallüren.

Was bei Robert Hoyzer anders war.

Das war ein trauriges Kapitel, von dem wir alle völlig überrascht wurden. Seitdem nehmen wir das soziale Umfeld der Kollegen stärker ins Visier.

Wieso?


Weil damals die Regionalligen und die Junioren-Bundesligen noch nicht dem DFB-Schiedsrichterausschuss unterstanden. Das Problem bei Hoyzer war auch, dass uns die regionalen Obleute nicht die Hinweise weiter geleitet haben, die dort vorlagen. Dort war nämlich bekannt, dass sein soziales Umfeld nicht besonders positiv war.

Warum wurde Ihnen das verheimlicht?

Die Elite der Schiedsrichter ist relativ klein. Von 80000 deutschen Unparteiischen pfeifen gerade mal 41 in der Bundesliga und 2. Bundesliga. Jeder Landesverband wäre froh, wenn er davon einen stellen kann. Und Hoyzer war ein Riesentalent, der wäre heute mit Sicherheit in der Bundesliga, wahrscheinlich sogar international dabei. Dieses Talent hat der Verband erkannt und gedacht, dass damit einer aus den eigenen Reihen vorankommen würde. Die hofften, es würde sich legen. Aber er musste ja weiter in seiner Kneipe den großen Macker spielen.

Um solchen Dingen vorzubeugen, setzen Sie jetzt im Verdachtsfall also auf jeden Bundesliga-Schiri einen Detektiv an.


Das ist natürlich nicht nötig. Schiedsrichter leben nicht in einer isolierten Welt. Hier in Salzgitter haben wir 80 Schiedsrichter, die sich jeden Monat einmal zusammensetzen. Dazu treffen sie sich wöchentlich zum Training. In der Junioren-Bundesliga gibt es Coaches, die sich permanent mit dem Nachwuchs beschäftigen und bei Kollegen nachfragen, ob irgendetwas schief läuft. Aufgrund der Hinweise haben wir in den vergangenen drei Jahren fünf Schiedsrichter suspendiert.

Was waren die Hintergründe?


Ein unsolider Lebenswandel.

Klingt nach Alkohol und Drogen.

Drogen waren nicht im Spiel. Sie haben einfach nicht mehr gut trainiert. Und wenn dann die Leistungsbeurteilungen schlechter werden, muss man nachforschen. 40 Nachwuchsschiedsrichter aus 80000 Schiedsrichtern auszuwählen, ist eine ordentliche Selektion. Und wenn Vorgaben nicht erfüllt werden, greifen wir eben ein.

Inwieweit besteht immer noch ein Manipulationsrisiko durch Schiedsrichter in Deutschland – auch nach der Verurteilung von Robert Hoyzer?

Ich kann es mir nicht vorstellen, dass so was im Profifußball noch mal vorkommt, aber man sollte niemals nie sagen. Denn ich erinnere mich gut, wie ich nach dem Pokalspiel zwischen dem SC Paderborn und dem HSV mit Hoyzer telefoniert habe. (Hoyzer verhängte zwei Elfmeter für den SC Paderborn, der das Pokalspiel mit 4:2 für sich entschied. Später stellte sich er heraus, dass der Schiedsrichter an den Wetteinsätzen, die einen Sieg für Paderborn voraussagten, partizipierte. d.Red.)

Wie lief das ab?

Ich sagte: »Was hast Du denn da gepfiffen? Den ersten Elfmeter will ich noch durchgehen lassen, aber wenn du noch mal so was pfeifst wie beim zweiten, ist es aus.« Und ich habe nicht im Entferntesten daran gedacht, dass von seiner Seite eine Absicht vorlag.

Was hat er entgegnet, als Sie ihm mit Herunterstufung drohten?

Er sagte, er habe die Situation nun einmal so beobachtet. Was soll ich da sagen? Zu seinen nächsten vier Zweitligaspielen habe ich einige der besten Beobachter geschickt: Manfred Amerell, Karl-Heinz Tritschler, Aron Schmidhuber und Dieter Pauly. Und da wurde nicht manipuliert, so dass sie auch keine weiteren Auffälligkeiten feststellen konnten. Wie auch immer: Wir sind jedenfalls sensibilisiert und dem DFB werden bei besonders hohen und verdächtigen Einsätzen auf ein Spiel so schnell wie möglich Mitteilungen von den Wettanbietern gemacht. Dieses Frühwarn-System soll dann garantieren, dass noch genauer als ohnehin schon geschaut wird, dass alles korrekt abläuft. Aber das weltweite Wettgeschäft ist weit verzweigt: 60 Millionen Euro werden jedes Wochenende weltweit auf Bundesligaspiele gesetzt. Das sind unglaubliche Dimensionen.

Hoyzer wurde zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und fünf Monaten verurteilt. Halten Sie das für angemessen?


Ich empfinde keine Rache, ich bin nur unendlich enttäuscht. Was ist eine angemessene Strafe? Hat sich der Junge nicht mit seinem Betrug selbst schon genug bestraft? Denn was hat er mit seinen Mauscheleien schon großartig verdient? Bei seinem Talent hätte er als Schiedsrichter im Laufe der Jahre bis zu drei Millionen Euro verdienen können. So gesehen muss man sagen: Robert Hoyzer war nicht besonders schlau.

Darf ein Schiedsrichter eigentlich einen Lieblingsverein haben – so wie Markus Merk, der zugibt, dass sein Herz für den 1. FC Kaiserslautern schlägt?

Das eine ist das Fan-Sein, das andere, dass Markus in jedem Spiel unparteiisch pfeift. Darauf kommt es an. Was ein Schiedsrichter privat denkt, kann ich ihm doch nicht verbieten.

Hatten Sie einen Lieblingsklub?

Nein, mir ist es bis heute völlig egal, wer Meister wird oder wer absteigt. Hauptsache, ein Spiel geht ordentlich über die Bühne.

Achten Sie bei Markus Merk darauf, dass er kein Spiel unter Pfälzer Beteiligung pfeift?

Natürlich wird das berücksichtigt und von vorneherein sieht das Reglement vor, dass ein Bundesliga-Schiedsrichter nicht einen Verein aus seinem Landesverband pfeifen kann. Was meinen Sie, welch’ abstruse Theorien uns Fans immer wieder unterstellen. Ich mache persönlich die Spielansetzungen für die Bundesliga und die 2. Liga. Um von vornherein so viele Unterstellungen wie möglich auszuschließen, achte ich auf sehr viele Dinge.

Zum Beispiel?

Wenn am Ende einer Saison zwei Teams um die Meisterschaft spielen, sollte kein Schiedsrichter aus der Gegend des Kontrahenten das Spiel der anderen Mannschaft pfeifen. Oder wenn an einem Wochenende beispielsweise der Hannoveraner Schiedsrichter Babak Rafati ein Spiel des FC Bayern leitet, sollte gewährleistet sein, dass die Münchner nicht nächste Woche gegen Hannover spielen.

Gibt es Schiedsrichter, die aus Befangenheit auf Spielansetzungen verzichten?

Das nicht. Aber es gibt die Vereinbarung, dass wir keinen Schiedsrichter zwingen, ein Spiel zu pfeifen.

Sagen manche von sich aus eine Partie ab?


Ja, das kommt vor.

Verraten Sie uns ein Beispiel?


Es ist allgemein bekannt, dass Markus Merk Schalke 04 nicht mehr pfeift, seit er im Jahr 2001 beim Spiel zwischen dem HSV und Bayern in der Nachspielzeit einen Freistoß für die Münchner wegen eines Rückpasses gepfiffen hat, durch den die Bayern letztendlich Meister wurden.

Merk fürchtet den Hass des Schalker Publikums?


Das nicht, aber wenn einem Schiedsrichter von einem Klub eine bewusste Unkorrektheit unterstellt wird, wird jede Entscheidung unter Berücksichtigung dieses Verhältnisses betrachtet. Dann verzichtet ein Referee lieber, noch mal ein Spiel dieses Vereins zu leiten.

Es kommt immer wieder vor, dass etwa Uli Hoeneß oder zuletzt Christoph Daum sich vor der Kamera über die Leistung eines Schiedsrichters wegen vorsätzlicher Fehlentscheidungen beschweren.

Ich stelle das auch immer wieder überrascht fest, kann ihnen aber sagen, dass sich bei mir in zwölf Jahren als Vorsitzender des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses noch kein Vereinsvertreter deshalb gemeldet hat.

Welches Bundesliga-Stadion ist von der Atmosphäre so schwer, dass sie es nur erfahrenen Referees zumuten?

Es gibt keine schwierigen Stadien, nur schwierige Spiele. Die Partie Schalke 04 gegen Werder Bremen ist derzeit eines der schwersten Spiele, die es in der Bundesliga gibt. Das würde ich einem 24-Jährigen wie Michael Kempter noch nicht zumuten.

Was macht diese Partie so kompliziert?


Die Aggressivität und in diesem Jahr natürlich auch die Erwartungshaltung. Im Moment suchen beide Teams noch nach ihrer Position in der Liga. Früher war das Spiel Borussia Dortmund gegen den FC Bayern von ähnlicher Brisanz. Als Stefan Effenberg noch spielte, musste Hartmut Strampe einmal zwölf Gelbe Karten und drei Rote zeigen, um die Gemüter zu beruhigen.

Interessant, dass die schwersten Spiele eher Spitzenspiele sind. Dabei geht es gerade im Abstieg ums Überleben.

Um den 12. Spieltag ist das noch kein Problem. Gegen Ende der Saison wird es natürlich härter. Eine Saison mit 34 Spieltagen verläuft in mehreren Zyklen: Am Anfang einer Saison sind die Spiele vergleichsweise normal zu leiten. Erfahrungsgemäß ist der sechste Spieltag der erste, an dem es zur Sache geht. Dann wird es kurz vor der Winterpause noch mal schwierig, so um den 15. und 16. Spieltag, seltsamerweise auch unabhängig von den Spielpaarungen.

Auch das berücksichtigen Sie bei Ihren Spielansetzungen?


Sie können davon ausgehen, dass an den Spieltagen, die ich eben genannt habe, bei allen Begegnungen fast ausschließlich FIFA-Schiedsrichter im Einsatz sind.

Ist es für einen Schiedsrichter ein Nachteil, wenn ein Stadion besonders eng und voll ist?

Nein, das ist doch das Schöne am Fußball. Aber jeder Schiedsrichter hat Stadien, die ihm aus unerfindlichen Gründen Probleme machen. Mir hat zum Beispiel Stuttgart nie gelegen. Keine Ahnung, warum. Deshalb achte ich darauf, wenn ein guter Schiedsrichter in einem Stadion mehrfach in Folge nicht zurecht kommt, ihn lieber woanders einzusetzen.

Wie genau ist derzeit die Regelung, was rassistische Äußerungen im Stadion anbetrifft?

Wo die Menschenwürde angetastet wird, ist Feierabend. Es geht nicht an, dass Spieler wie Asamoah alles über sich ergehen lassen müssen. In früheren Zeiten war die Sensibilisierung für dieses Thema noch nicht so wie heute. Es hat zugenommen, weil immer mehr Südamerikaner oder Afrikaner zu Leistungsträgern geworden sind.

Mit anderen Worten: Wenn konkret ein Spieler verunglimpft wird, ist der Schiedsrichter angehalten, zu unterbrechen
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Zunächst zu unterbrechen und per Stadiondurchsage die Zuschauer aufzufordern, diese Äußerungen zu unterlassen. Wiederholt es sich nach Wiederanpfiff, sollen die Teams fünf Minuten in die Kabine gehen und dann einen zweiten Versuch starten. Gibt es dann noch einen weiteren Vorfall, wird das Spiel abgebrochen und der Fall dem Sportgericht übergeben.

Wie halten Sie es mit Beleidigungen, die sich auf den Schiedsrichter beziehen?

Die Frage ist immer, was ist eine Beleidigung? »Schiedsrichter, Telefon« wohl nicht. Das würde ja auch kein Spieler mehr sagen. Der würde sagen: »Was pfeifst Du denn da?«. Wenn ein Schiedsrichter bei so was schon sensibel reagiert und den Spieler vom Platz stellt, ist er in der Bundesliga falsch. Aber bei »Drecksau« hört der Spaß natürlich auf.

Auch schon beim »Scheibenwischer«?


Auf jeden Fall.

Wird der Schiri auf dem Feld eigentlich gesiezt oder geduzt?


Ich sage den Schiedsrichtern immer, dass sie die Spieler siezen sollen, stelle aber fest, dass diese Anweisung teilweise nicht befolgt wird. Deshalb nehme ich an, dass die Spieler diese Schiedsrichter auch duzen. Na ja, die Zeiten ändern sich eben. Als ich aktiv war, hat man sich nur gesiezt.

Inwieweit gibt es eigentlich Freundschaften von Aktiven zu Schiedsrichtern?

Darüber ist mir nichts bekannt. Aber jeder sollte selbst wissen, dass es besser ist, auf Distanz zu bleiben. Der Boulevard ist sehr aufmerksam. Mir war von vornherein klar, was passieren würde, als Markus Merk als Schiedsrichter für das EM-Finale 2004 angesetzt wurde. Einen Tag vor dem Endspiel zwischen Portugal und Griechenland stand in einem portugiesischen Boulevard-Blatt: »Merk ist der Zahnarzt von Otto Rehhagel«. Was natürlich nicht stimmte. Nach der Niederlage würdigte allerdings die portugiesische Presse die vorzügliche Leistung von Markus Merk.

Sie plädieren dafür, dass Schiedsrichter in Ausübung Ihrer Tätigkeit Beamten gleichgestellt werden. Warum?


Vor allem um Schiedsrichter, die an der Basis pfeifen, zu schützen. Sie wissen, welcher Gefahr sich viele Referees jedes Wochenende in den unteren Klassen gerade in Großstädten aussetzen. In Frankreich hat man Schiedsrichter mit Polizisten gleichgestellt, was eine präventive Wirkung hatte. Dort sind Leute, die einen Schiedsrichter nach einem Spiel angegriffen haben, zu Freiheitsstrafen verurteilt worden. Die Übergriffe wurden weniger. Über Ex-Schiedsrichter Bernd Heynemann, der im Bundestag sitzt, haben wir versucht, einen derartigen Gesetzesantrag einzubringen. Aber die deutsche Rechtssprechung lässt so einen Antrag nicht zu.

Stimmt es, dass es aufgrund zunehmender Übergriffe in den unteren Ligen manchen Landesverbänden an Schiedsrichtern mangelt?


Wir bilden jährlich zwischen 10500 und 11000 junge Schiedsrichter aus. Allerdings muss ich zugeben, dass auch jedes Jahr in etwa die gleiche Zahl aufhört. Deswegen ist es unsere vordringliche Aufgabe, mehr von ihnen bei der Stange zu halten. Wir entwickeln dazu ständig neue Programme, die den Unparteiischen helfen sollen.

Was ist das Problem an der Basis?

Das geht schon bei Jugendspielen los, wenn Eltern oder Trainer, die meinen, einen kleinen Star im Team zu haben, von der Seite auf das Spiel einwirken: »Du Idiot, beschütz mein Kind besser.« Und es hört bei körperlicher Gewalt in den Herrenligen auf. Ein Unparteiischer bei den Amateuren hat viel mehr zu ertragen als ein Bundesliga-Schiedsrichter. Bei einem Spiel mit 80000 Zuschauern hört man gar nichts. Aber bei einem Match mit zehn Zuschauern versteht man jedes Wort.

Der Job des Unparteiischen ist ständigen Veränderungen unterworfen. Wie sehen Sie die geforderte Einführung der Torkamera?


Generell befürworte ich alles, was dem Schiedsrichter hilft. Allerdings ist Fußball ein fließendes Spiel. Der Zuschauer will keine Unterbrechungen, sonst verliert er das Interesse. Wenn bei einer strittigen Situation also erst ein Video im Regieraum angesehen werden muss, um zu entscheiden, ob es Tor war, halte ich das für abwegig und nicht im Sinne des Spiels.

Was ist der gangbarere Weg?

Es gibt nach wie vor die Idee eines Chips im Ball, der dem Schiedsrichter beim Aufprall per Impuls auf einer Armbanduhr signalisiert, ob der Ball hinter der Linie ist. Aber diese Technik ist noch nicht ausgereift. Bei der U17-WM in Peru erhielt der belgische Schiedsrichter Frank De Bleeckere im Finale zwischen Brasilien und Mexiko sieben Impulse auf seiner Armbanduhr, die Tor anzeigten. Aber das Spiel endete nur 3:0.

Wäre es dann nicht die bessere Variante, hinter jedem Gehäuse einen Torrichter aufzustellen?

Das stimmt, aber das birgt nach wie vor die Gefahr menschlichen Versagens. Wer garantiert denn, wenn in 90 Minuten ein strittiger Moment entsteht, ob der Torrichter in diesem Augenblick aufmerksam ist? Aber auch diese Idee wird getestet.

Was bringt das inzwischen gängige Headset?

Auch diese Technik ist verbesserungsfähig. Als es beim UEFA-Cup-Endspiel zwischen Espanyol Barcelona und dem FC Sevilla in Glasgow stark regnete, konnte Massimo Busacca den Kollegen überhaupt nicht verstehen. Und bei einem Spiel in Kiew berichtete ein Kollege, dass durch Störfunk in der Region die Kommunikation überhaupt nicht funktionierte.

Worüber wird übers Headset gesprochen?


In erster Linie soll der Assistent oder vierte Offizielle den Schiedsrichter informieren, wenn hinter seinem Rücken Fouls passieren. Aber es soll natürlich auch Dinge verhindern, dass ein Schiedsrichter wie Graham Poll bei der WM im Spiel Kroatien gegen Australien einem Spieler dreimal Gelb zeigt.

Wie muss ich mir den Schiedsrichter der Zukunft vorstellen: Wie ein Terminator, der eine Brille trägt, die ihm optisch eine digitale Analyse aller Spielsituationen liefert?


Denkbar ist alles, aber der Schiedsrichter darf kein Roboter werden, sondern muss als Mensch erkennbar bleiben. Ich ärgere mich schon, wenn ein Schiedsrichter nach einer strittigen Situation sagt, er müsse sich das noch mal im Fernsehen ansehen. Warum schaut er nicht auf dem Platz genauer hin? Mit anderen Worten: Vorrangiges Ziel muss sein, dass die Schiedsrichter noch konzentrierter sind.

Volker Roth, in Ihrem letzten Spiel als aktiver Schiedsrichter am 22. April 1986 gaben Sie in der 90. Minute der Begegnung zwischen Werder Bremen und Bayern München einen umstrittenen Handelfmeter, den der Bremer Michael Kutzop, damals der sicherste Schütze der Liga, vergab. Hat das Schicksal Ihre Entscheidung zurecht korrigiert?


(Lacht.) Nein, ich verfüge über Videomaterial der Hintertorkamera, das eindeutig beweist, dass Sören Lerby im Strafraum den Ball mit der Hand berührt hat. Und wissen Sie, wer mir das zugeschickt hat: der Bayerische Rundfunk.

Was haben Sie gedacht, als Kutzop den Ball an den Pfosten setzte und er von dort ins Aus ging?


Ich dachte: »Und jetzt gibt es Abstoß«.



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