14.12.2007

Volker Roth im Interview

„Rote Karte für Schwalben“

Deutschlands oberster Schiedsrichter Volker Roth kennt die Tücken des modernen Fußballs. Hier erklärt er die Nachteile der Torkamera, die Fallsucht in deutschen Stadien und die latente Gefahr der Spiel-Manipulation.

Interview: Tim Jürgens und Christian Dittmar Bild: Imago
Volker Roth, warum wird ein Mensch Schiedsrichter?

Die Frage habe ich mir schon oft gestellt. Bei mir war es so: Als 15-Jähriger hörte ich eine Rundfunk-Reportage über ein Spiel zwischen Wanne-Eickel gegen Was-weiß-ich-wen. Nach dem Match mussten berittene Polizisten eingreifen, um den Schiedsrichter zu schützen. Da kam mir der Gedanke, das könne doch eine ganz interessante Aufgabe sein.




Mit anderen Worten: Sie haben den Nervenkitzel gesucht?

Nein, nicht unbedingt. Es war natürlich die Liebe zum Fußball und die Selbsterkenntnis, dass ich selbst kein besonders guter Spieler war.

Paul Breitner hat mal gesagt, Schiedsrichter hätten zuhause nichts zu melden und nutzten den Job, um Macht auszuüben.


Falsch. Schiedsrichter sind Sportler und Menschen, die auch mal Fehler machen. Leider wird das sehr oft vergessen. Und Breitners Theorie übersieht, dass 99 Prozent der Schiedsrichter am Wochenende irgendwo ohne die Wahrnehmung von Kameras auf dem Platz stehen. Diese Leute haben ganz sicher nicht Macht als Antrieb. Die wollen sich bewegen, an der frischen Luft sein und es anderen ermöglichen, dass sie Fußball spielen können.

Gibt es Menschen, denen das Schiedsrichtern in die Wiege gelegt wurde?


Ein Schiedsrichter braucht Spielverständnis, wie jeder Fußballer. Das kann man nur bedingt lernen. Deswegen hoffen wir, dass mal ein Bundesliga-Profi nach der Karriere umsattelt. Aber die Spieler sagen leider: „Ich mache mir doch nicht meinen Ruf kaputt.“ Aber in den Landesverbänden finden wir Talente, die über Spielverständnis verfügen.

Woran erkennt man, dass jemand das Zeug zum Bundesliga-Schiedsrichter hat?


Ein Fachmann sieht, ob jemand das Talent hat, ein Spiel zu leiten, zu begleiten und die Spieler von seinen Entscheidungen zu überzeugen, ohne dabei autoritär aufzutreten.

Autoritäres Auftreten ist ein Manko?

Ein Schiedsrichter darf nie nur mit der Macht der Regeln herrschen. Er muss Persönlichkeit und Überzeugung ausstrahlen.

Was ist das größte Problem, mit dem heutige Bundesliga-Schiedsrichter zu kämpfen haben?

Dass der Fußball so unglaublich viel Geld umsetzt und aus der Perspektive der Vereine fast jedes Spiel über »Leben und Tod« entscheidet. Daraus resultiert, dass in einer Zeit, in der 22 Kameras jede Bundesliga-Partie begleiten, auch jede winzige Fehlentscheidung dokumentiert, publiziert und vor allem ellenlang diskutiert wird.

Also sind die Medien das Problem.

Nicht die Medien, sondern das öffentliche Interesse. Dass jede einzelne Sekunde auf dem Platz genau durchleuchtet wird, macht die Arbeit viel schwerer als zu meiner Zeit, als höchstens sechs Kameras, wenn überhaupt, über ein Spiel berichteten. Damals wurden längst nicht alle Fehler bemerkt. Heute sehen die Zuschauer ein Foul in Superzeitlupe und wundern sich, dass es der Schiedsrichter übersieht. Aber die Zeitlupe ist nicht die Wirklichkeit, sondern nur die Suche nach der Wirklichkeit.

Wird heute mehr gefoult?

Das Spiel ist schneller geworden. Durch die Geschwindigkeit der Bewegungen sieht alles viel spektakulärer aus. Wenn sie ein Foul dann auch noch in der Zeitlupe sehen, fünfmal wiederholt und mit dem entsprechenden Kommentar begleitet, wird es zur brutalen Aktion. Das Spiel ist nicht brutaler geworden, nur die Nickeligkeiten nehmen zu.

Sie meinen Tätlichkeiten.


Mich überraschen immer wieder diese unsinnigen Schläge. Ich begreife nicht, wie Spieler hinter dem Rücken des Schiedsrichters immer noch Fouls begehen, obwohl sie wissen, dass Kameras sie beobachten. Schließlich werden sie dann dafür vom Sportgericht verurteilt.

Wie erklären sie sich diese Überreaktionen auf dem Platz?

Es liegt wohl daran, dass der Konkurrenzkampf immer härter wird. Die Kader sind heute oft 28 Mann groß und jeder muss permanent Leistung bringen. Darum ist die Toleranzschwelle untereinander niedriger geworden – dem Mitspieler gegenüber, aber vor allem auch dem Gegner.

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