05.03.2013

Volker Ippig über seine Zeit als Punk im Tor

»Fußball hat mein Leben gerettet!«

Volker Ippig hütete seine gesamte Profikarriere das Tor des FC St. Pauli. Bis heute muss er als Projektionsfläche für das linke Rebellen-Image des Kiezklubs herhalten. Ein Gespräch über seine Rolle als »Punk im Tor«, einsilbige Auftritte im Sportstudio und Trashtalk am Kickertisch.

Interview: Gareth Joswig Bild: Imago

Mit Anfang 20 hatten Sie allerdings zunächst anderes im Sinn. Nach Ihrem Abitur kehrten Sie dem Fußball den Rücken zu. Warum?
Der Fußball hat mich angewidert. Ich hatte keine Lust mehr, meine Zeit beim Kicken zu verplempern. Ich wollte Lebenserfahrung sammeln und machte ein Praktikum in einem Kindergarten für behinderte Kinder.

Was am Fußball hat Sie angewidert?
Fußball war einfach miefig: Scheinbare Kameradschaft, ewig gestrige Saufsprüche und eine feste Hackordnung. »Political Correctness« war damals noch nicht so angesagt. Das ganze Metier war sehr prollig und dumm. Unmögliches Verhalten wurde einfach von der Mehrheit akzeptiert. Warum sollte ich mir das weiter geben? Es war ja nicht so, dass ich damals besonders viel verdient habe – St. Pauli war immer nur eine Aussicht.

Wie reagierte Ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung?
Die Leute dachten, ich sei total verrückt, meine einmalige Chance bei St. Pauli wegzuwerfen. Nicht einmal meine neuen Kollegen im Kindergarten konnten das nachvollziehen.

Nach dem Praktikum gingen Sie als Aufbauhelfer ins sandinistische Nicaragua. Wie kam es dazu?
Das lief über meine Schule: Ich machte mein Abitur auf einem sehr liberalen Wirtschaftsgymnasium in St. Pauli, direkt hinter der alten Haupttribüne vom Millerntor. Mein ehemaliger Klassenlehrer organisierte die Aufbauhilfe. An einer Schule in Schleswig-Holstein wäre so etwas undenkbar gewesen, dort liefen noch jede Menge Altnazis herum.

Zwischenzeitlich spielten Sie wieder für St. Paulis zweite Mannschaft. Was hat der Verein zu Ihrem Entschluss gesagt, den Klub erneut zu verlassen?
Ich bat um eine Auszeit. Die Verantwortlichen haben mir das glücklicherweise gegönnt. Wir vereinbarten, dass ich nach der Arbeitsbrigade in Nicaragua zurück zu St. Pauli komme.

Wie haben Ihnen die sechs Monate bei den linken Revolutionären in Nicaragua gefallen?
Das waren sehr sympathische Zeitgenossen. Die Sandinisten haben dort eine 43 Jahre andauernde Diktatur beendet und waren 1985 im Begriff, viel Neues aufzubauen. Wir halfen beim Aufbau eines Krankenhauses. Kurz: Es gefiel mir dort sehr gut.

Wie schwer war der Weg zurück in den Fußball nach sechs Monaten Arbeitsbrigade?
Enorm schwierig. Nicaragua hatte mich verändert. Ich hatte gesehen, wie die Menschen dort mit wenig Geld über die Runden kommen und trotzdem glücklicher und gelassener waren als wir Mitteleuropäer. Nach meiner Rückkehr bekam ich die zwei Welten nicht mehr überein. Es gab immer viel Streit beim Training. Ich passte nicht mehr in das System Fußball.

Zu dieser Zeit wohnten Sie auch in der besetzten Hafenstraße. Hat das die Ankunft in der Welt des Fußballs zusätzlich erschwert?
Nein. Ich war einfach zu lange weg vom Fußball. Nach einem Jahr Praktikum und den sechs Monaten in Nicaragua hatte mich daran gewöhnt, mir meine Zeit frei einzuteilen und unabhängig zu sein. Es war befremdlich, sich dann wieder mit einer Horde von Fußballern abzugeben, die meinten, alles besser zu wissen.

Wie ging es weiter?
Ich bin bei St. Pauli rausgeflogen und landete wieder bei meinen Eltern in Lensahn. Es ging mir sehr schlecht. Ich verstand die Welt und mich selbst nicht mehr, alles war widersprüchlich. Ich wurde depressiv. Nach einer Weile dachte ich: »Bevor ich komplett Schluss mache, versuche ich es noch einmal mit Fußball.«

Sie riefen noch einmal bei St. Pauli an.
Willi Reimann war gerade neuer Trainer beim FC St. Pauli geworden und sagte, ich könne wieder anfangen. Ich entschloss mich, mein Gehirn auf Durchzug zu stellen und wieder Fußball zu spielen. Das war der Hype: Fußball hat mich gerettet!
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