05.03.2013

Volker Ippig über seine Zeit als Punk im Tor

»Fußball hat mein Leben gerettet!«

Volker Ippig hütete seine gesamte Profikarriere das Tor des FC St. Pauli. Bis heute muss er als Projektionsfläche für das linke Rebellen-Image des Kiezklubs herhalten. Ein Gespräch über seine Rolle als »Punk im Tor«, einsilbige Auftritte im Sportstudio und Trashtalk am Kickertisch.

Interview: Gareth Joswig Bild: Imago

Volker Ippig, arbeiten Sie immer noch im Hafen?
Ja. Inzwischen allerdings nicht mehr als Unständiger (Tagelöhner auf Abruf, d. Red.), sondern mit einem Festvertrag. Früher habe ich nebenbei noch eine mobile Torwartschule betrieben. Das ließ sich mit dem Festvertrag allerdings nicht mehr vereinbaren. Ich arbeite mit riesigen Maschinen, da muss ich ausgeschlafen sein. Trotzdem: Ich fahre gern zur Arbeit und schnacke mit meinen Kollegen.

Was ist Ihre Aufgabe am Hafen?
Ich bin als Lascher bei Wind und Wetter für das richtige Verzurren der Schiffsladungen zuständig.

Klingt nach einem Knochenjob. Erinnert Sie in Ihrem Alltag noch etwas an Ihre Vergangenheit als Fußballprofi?
Fußball war zwar immer ein großer Teil meines Lebens, aber heute taucht er nur noch auf, wenn ich mir die Spiele meiner Töchter anschaue. Die spielen beim FC Riepsdorf. Das ist für mich der echte Fußball, das bewegt mich viel mehr als das, was im Profifußball passiert.

1989 haben Sie in einem Interview gesagt, dass Sie davon träumen, ein Haus auf dem Land zu kaufen und eine Familie zu gründen. Ist Ihr Traum in Erfüllung gegangen?
Ich hatte viele Träume, aber es stimmt, dass ich mir von meinem Geld, das ich als Fußballer verdiente, hier in Lensahn (Gemeinde im Kreis Ostholstein, Schleswig-Holstein, d. Red.) ein Haus gekauft habe. Meine Frau und ich haben es selbst ausgebaut und renoviert. Ich bin vom Punk zum Familienmensch geworden.

Der Kabarettist und Autor Rocko Schamoni wuchs 20 Kilometer entfernt von Ihrem Heimatort auf und fasste seine Jugend folgendermaßen zusammen: »Totaler Totentanz...Mein Entschluss war klar: Ich musste Punk werden! Ohne eigentlich etwas darüber zu wissen.« War es bei Ihnen ähnlich?
In meiner Jugend gab es nicht anderes als Fußball. Zum Punk wurde ich erst in Hamburg. Dort gab es viel mehr geistige Inspiration als auf dem Land. Meine Kindheit in Lensahn war zwar wunderschön, mein Umzug nach Hamburg aber veränderte meine Sicht auf die Welt.

Mit 18 Jahren sind Sie in das Haus des St. Pauli-Vize-Präsidenten Otto Paulick eingezogen. Wie kam es dazu?
In meiner Anfangszeit bei St. Pauli wohnte ich noch in Lensahn. Dreimal die Woche fuhr ich eineinhalb Stunden zum Training und zurück. Nach einem halben Jahr Pendeln sagte Otto Paulick zu mir: »Du musst dich entscheiden: Entweder du ziehst komplett nach Hamburg, nutzt dein Talent als Fußballtorwart oder du bleibst auf deinem Level in Lensahn!« Dieses Ultimatum ging mit dem großzügigen Angebot der Familie Paulick einher, bei ihr einzuziehen.

Sie nahmen das Angebot an. Aber wie wurden Sie dort zum Punk?
Abends am Essenstisch schnackte man bei Familie Paulick über Gott und die Welt. Von Zuhause war ich das nicht unbedingt gewohnt. Vor mir taten sich komplett neue Horizonte auf. Otto Paulick war Kunstliebhaber – seine Lieblingskünstler: Pablo Picasso und Alfred Kubin. Ich begriff, dass es noch andere Dinge im Leben gibt als Fußball. Ich kam zum ersten Mal in Kontakt mit persönlicher Freiheit.

Als 18-Jähriger bestritten Sie auch ein denkwürdiges Testspiel. Erinnern Sie sich?
Ja, ich machte mein erstes Spiel mit St. Paulis erster Mannschaft gegen den TSV Plön und ich fing mir nach einem Rückpass ein absolut kurioses Eigentor. Unser Libero Karl-Heinz Noldt, ein alter Haudegen, verpasste mir den Anschiss meines Lebens. Ich kam mir vor wie eine kleine Wurst.

Eigentlich meinte ich Ihr Testspiel 1981 mit St. Pauli gegen die deutsche Nationalmannschaft. Wie war es gegen Rummenigge, Briegel, Breitner, Stielike, Förster und Co. zu spielen?
(lacht) Ach so! Das Spiel beim TSV Plön war natürlich viel denkwürdiger. An die Partie gegen die Nationalmannschaft kann ich mich auch gut erinnern. Es war mein erstes Spiel vor völlig überfüllten Stehplätzen des ausverkauften Millerntors. Die Nationalspieler gaben zwar nicht Vollgas, wir verloren aber trotzdem mit 0:6.

Damals trugen Sie eine Irokesenfrisur. Der Hamburger Boulevard interessierte sich nach dem Spiel für nichts anderes mehr als den »der Punker im Tor«. Haben Sie sich an diesem Stereotyp gestört?
Ach ja, meine erste »Home-Story«. Die »Bild« besuchte mich zu Hause und beklebte mich mit der Etikette »Punk« – ein Riesenaufreger. Bloß weil ich mir die Haare mit der Nagelschere kurz geschnippelt hatte. Dabei wusste eigentlich niemand, was ein Punk wirklich ist. Damit war Rocko Schamoni nicht alleine.

Haben Sie unter Ihrem Ruf gelitten?
Nein. Vielleicht hat er mich sogar zu besonderen Leistungen angespornt. In der grauen Masse konnte ich danach jedenfalls nicht mehr untertauchen.

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