Volker Ippig über den »anderen« Fußballklub

»Das Gesamtkunstwerk lebt«

Als aus dem FC St. Pauli der kultisch verehrte Gegenentwurf zum Establishment wurde, war Volker Ippig mittendrin – als Torwart und als Aktivist. Zum 100-jährigen Jubiläum sprachen wir mit ihm über Hafenstraße und Zecken. Volker Ippig über den »anderen« Fußballklubimago
Heft #74 01 / 2008
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Herr Ippig, was macht für Sie den FC St. Pauli zum »etwas anderen« Fußballklub?

Das Lebensgefühl, das bei St. Pauli herrscht, ist ein ganz besonderes. Das kann man nicht so einfach aus dem Boden stampfen, irgendwo einfangen und dann woanders hin verpflanzen. Das wird ständig weitergelebt und weiterentwickelt. Und darauf sind die Leute in St. Pauli stolz – trotz aller Höhen und Tiefen.

Gehörten zu den Tiefen vor allem die Abstiege?


Ja klar, solch ein Abstieg schlägt immer auf die Stimmung. Da kann man noch so lustig sein und viel Bier trinken – wenn die eigene Mannschaft verliert, ist das immer scheiße. Das Bier schmeckt nach dem Spiel eben nur, wenn man gewonnen hat.

Viele kritisieren in St. Pauli, dass es hier inzwischen zu viele Partyfans gibt, denen die Ergebnisse egal sind, wenn das Event stimmt?

Kann schon sein, aber vielleicht ist das auch Teil der Mentalität auf dem Kiez. Als wir in den 80ern aufgestiegen sind, waren wir auch keine Übermannschaft. Und dass die Fans damals nicht bei Fehlpässen gepfiffen haben, war überlebenswichtig. Wenn wir schlecht spielten, haben sie uns noch mehr unterstützt. Sie waren mit ihrer Einstellung existenziell daran beteiligt, dass es bei uns immer wieder nach vorn ging. Sie haben nicht nur Party gemacht, sondern auch aufs Spielfeld geschaut und gemerkt, dass die Jungs Unterstützung brauchen.

Das Publikum war stets sprichwörtlich der 12. Mann.


Wenn ein Spieler schlecht spielt und dann »Blender« oder »Wurst« gerufen wird, verkrampft er und traut sich immer weniger zu. Das war damals bei uns das genaue Gegenteil.

Das widerspricht der landläufigen Meinung, dass die Partystimmung das Sportliche auf St. Pauli längst in den Schatten stellt.


Aber dass es sich zu diesem Riesenevent entwickelt hat, lag ganz klar am sportlichen Erfolg am Ende der 80er. Dass sich das inzwischen verselbstständigt hat, ist für den Verein natürlich optimal. Ob die in der 3. Liga, 2. Liga oder Bundesliga spielen – es ist immer ausverkauft.

Wird dieses Pfund, mit dem da gewuchert wird, mittlerweile zu sehr ausgenutzt?

Ich denke, das Gesamtkunstwerk „FC St. Pauli“ lebt. Es ist ein anderes als zu unserer Zeit, aber es lebt – und entwickelt sich immer weiter. Unter Präsident Corny Littmann sind wieder ganz neue Facetten dazugekommen.

Was hat sich im Vergleich zu »Ihrem« FC St. Pauli verändert?

»Mein« St. Pauli würde ich niemals sagen, das wäre anmaßend. Wenn sich der Verein weiterentwickelt und dort Leute arbeiten, die engagiert sind und einen Konsens finden, bleibt St. Pauli lebendig. Der Klub passt sich ganz einfach den Zeiten an. Und Corny Littmann hat bewiesen, dass er der richtige Mann ist. Nach und nach, mit allen Erfolgen und Rückschlägen.

So einen Präsidenten kann es wohl auch nur auf St. Pauli geben.


Ein schwuler Präsident wäre noch zu meiner Zeit als Spieler undenkbar gewesen. Damals war die Führung noch viel konservativer.

Welche Zeit beim FC St. Pauli war für Sie die schönste?

Sicher die Zeit nach dem zweite Aufstieg in die 2. Liga mit Michael Lorkowski, der dann während Sommerpause von Willi Reimann abgelöst wurde. Damals ging es bei uns richtig ab.

Wie kann man sich das vorstellen?


Vorher kamen etwa 5000 und dann waren es plötzlich 10000. Dann sind wir mit Willi im zweiten Jahr in die Bundesliga aufgestiegen, und das Ganze wurde zum Selbstgänger. Also hatte es auch viel mit der sportlichen Entwicklung zu tun, das darf man nie vergessen. Es wurde ja kein Rumpelfußball geboten. Wenn wir fußballerisch nicht erfolgreich gewesen wären, wäre es bestimmt nicht so gut gelaufen.

Waren Sie in Ihrer Anfangszeit noch mit Leuten aus dem Milieu konfrontiert?


Nicht bewusst. Aber als ich 1979 frisch vom Lande kam und einer zu mir sagte: »Du Hurensohn!«, habe ich erst gar nicht geschnallt, was der meinte.

Wie haben Sie den Stadtteil in dieser Zeit in Erinnerung?

Das ganze Viertel lag im Sterben. Da war nur noch Nepp und Prostitution. Da war die Reeperbahn wie tot, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Da lief nichts, deswegen kam ich auch nur mit dem Fahrrad zum Training nach St. Pauli und bin hinterher wieder abgehauen.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie das ersten Mal ein neues Fanspektrum auf der Tribüne wahrnahmen?


Es haben sich auf St. Pauli immer besondere Menschen für Fußball interessiert, egal welcher politischer Couleur. Vor unserem großen Erfolg dachte man, dass man seine politische Meinung nicht offen zugeben dürfte. Aber bei uns war es dann möglich und auch erwünscht.

Gab es Multiplikatoren, die das Interesse der Linken am Verein verstärken?

Das kam Ende der 80er über das »Millerntor Roar«, also das ehemalige inoffizielle Stadionheft, dem Vorgänger des heutigen »Übersteiger«. Damals wandten sich die Fans zum ersten Mal gegen die Kommerzialisierung, auch indem sie zum Beispiel gegen den geplanten »Sport Dome« demonstrierten. Das war nicht anders als heute auch: Die Leute wollten ihr altes Stadion behalten.

Wie stark hing die Identifikation der Fans mit der Mannschaft auch mit den Spielern zusammen, die da aufliefen?


Nach dem Lizenzentzug musste der Verein lange auf Nachwuchsspieler vor allem aus dem Umland setzen, die natürlich die Zuschauer noch näher an das Team brachten: Jürgen Gronau war ein Original, ein richtiger St. Paulianer. Nach und nach kamen dann weitere waschechte Hamburger wie Dirk Zander und André Trulsen hinzu. Diese Spieler hat die Führung mit Bedacht ausgewählt.

Als so viele junge Spieler aus Hamburg zum Verein kamen, war das wie eine Wachablösung. Haben Sie sich bewusst von den älteren Spielern distanziert?

Nein. Mein Vorteil war, dass ich noch als A-Jugendspieler in der Oberliga Nord auf der Bank gesessen habe. Da haben mich viele aus der älteren Generation wie Walter Frosch, Mackensen und Box aufgenommen.

Wurden auch in der Mannschaft politische Diskussionen geführt?

Eigentlich nicht. Ich hatte meine Position, meine Überzeugungen und war deswegen so was wie der »Gestörte«. Damals waren die Ideale, wie man die Welt besser machen könnte, eben noch ausgeprägter.

Sie arbeiteten auch beim »Millerntor Roar« mit.

Ich bin öfter im Fanland gewesen und habe ein bisschen mitgemacht. Aber die Zeit, um sich regelrecht zu engagieren, war nicht da.. Klar, war ich da eine Galionsfigur. Aber die Themen haben andere Leuten rein getragen – ob das eine Unterschriftenaktion war oder irgendwelche Plakate, die durchs Stadion getragen wurden. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Aber ich habe mich bei einer guten Sachen natürlich solidarisiert.

War die Mannschaft der verlängerte Arm der Fans?


Es waren viele helle Köpfe dabei, Abiturienten und Studenten, die sich eben auch mal für das ein oder andere Projekt engagierten. Aber das Politische war nicht das Entscheidende, sondern der Umgang mit den Fans nach dem Spiel. Die politischen Fans haben zwar einen Großteil der Außenwirkung ausgemacht, aber dass jeder einzelne Fan als wichtig angesehen worden ist und jeder Spieler das Wort »Fannähe« nicht nur auf den Lippen trug, sondern auch wirklich lebte, war das Entscheidende. Da zog sich keiner nach dem Spiel zurück und sagte: »Mit denen möchte ich nichts zu tun haben«.

Das Klubheim wird demnächst abgerissen.

Mag sein. Aber das ist eine trotzdem eine Kultur, die sich bei uns entwickelt hat. Die Mannschaft hatte keine Angst vor den Fans, wie früher bei den Leuten im Volksparkstadion.

Wie wichtig war für das Alleinstellungsmerkmal der St. Pauli-Fans rückblickend der Kontrast zum HSV in den 80ern?

Die Leute sind in der Zeit nicht mehr zum HSV gegangen, sondern lieber zu Pauli, weil sie hier in Ruhe Fußball sehen konnten, ohne rechte Fans wie die aus Block E im alten Volksparkstadion. Aber der Kontrast bestand damals nicht nur gegenüber dem HSV, sondern allgemein gegenüber den Bundesligavereinen. Die Fankultur war und ist einzigartig – auch wenn dieser Bereich heute stark kommerzialisiert wird.

Dichtung oder Wahrheit: Haben Sie selbst in der Hafenstraße gewohnt?

Ja, aber nur für einen Sommer, sozusagen stand-by. Es war der Sommer, als wir mit Lorko das zweite Mal in die 2. Liga aufstiegen.

Wie war das?

Es war eine Bleibe wie jede andere. Ich hatte eine schöne Zeit, aber auf Dauer war das nicht angelegt. Ich blieb mit den Leuten in Kontakt, habe dann aber doch lieber meine Zelte woanders aufgeschlagen.

Als Entwicklungshelfer haben Sie sicherlich auch sonst kein normales Profi-Leben geführt.

Es war ein Widerspruch, den ich aushalten musste. Ich habe so viel verdient, dass ich davon gut leben konnte. Aber ich habe nie großartig für irgendeine Institution oder Partei gespendet. Was ich verdient habe, habe ich in mein Haus angelegt, in dem ich jetzt mit meiner Familie wohne. Da bin ich ein ganz normaler Spießbürger. Irgendwann hatte ich so viel Geld angehäuft, dass ich mich fragen musste: »Wohin damit?« Und dann habe ich mir Grund und Boden gekauft.

Gibt es für Sie unumstößliche Tabus, wie etwa den Stadionnamen, die der FC St. Pauli trotz aller Gesetzäßigkeiten der Kommerzialisierung nicht brechen darf?

Die Tribüne, die jetzt gebaut wird, hätte ich mir zu meiner Zeit auch schon gewünscht. Ich hätte damals schon ganz gern vor einer noch größeren Kulisse gespielt. Und auch der Ausbau des Stadion war ja auch ein jahrelanges Tabu: Deswegen muss man das meines Erachtens immer von Fall zu Fall entscheiden.

Und was halten Sie von der Idee einiger Fans, das Stadion in »Fidel-Castro-Stadion« umzubenennen?

Wenn das die politische Linke schafft, wäre es natürlich ein Riesengag. Aber wenn ein Sponsor seinen Namen dafür hergibt, wäre es auch in Ordnung. Warum soll man das Geld nicht mitnehmen? Das kommt ja auch dem Verein zu Gute. Natürlich ist entscheidend, wie man es im Verein verteilt.

Sind Sie auch mal als »linke Zecke« beschimpft worden?


Pauli wurde mit der Zeit auch zum Hassobjekt, besonders nachdem die Grenzen sich öffneten. Dann wurde es immer schlimmer – gerade wenn wir in den Osten fuhren.

Zum Beispiel?


Als wir mal nach Schwerin zu einem Hallenturnier fuhren, wurde unser Bus vor dem Stadion mit Steinen beworfen. Der Bus hatte zum Glück Doppelverglasung, aber das war schon bedrohlich. Da war noch die schwangere Freundin eines Spielers mit im Bus. Wir hatten eine Riesenwut und haben mit dem Gedanken gespielt, auszusteigen. Am liebsten hätten wir Steine zurück geworfen.


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