12.10.2011

Volker Ippig über den »anderen« Fußballklub

»Das Gesamtkunstwerk lebt«

Als aus dem FC St. Pauli der kultisch verehrte Gegenentwurf zum Establishment wurde, war Volker Ippig mittendrin – als Torwart und als Aktivist. Zum 100-jährigen Jubiläum sprachen wir mit ihm über Hafenstraße und Zecken.

Interview: Tim Jürgens Bild: imago
Wie haben Sie den Stadtteil in dieser Zeit in Erinnerung?

Das ganze Viertel lag im Sterben. Da war nur noch Nepp und Prostitution. Da war die Reeperbahn wie tot, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Da lief nichts, deswegen kam ich auch nur mit dem Fahrrad zum Training nach St. Pauli und bin hinterher wieder abgehauen.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie das ersten Mal ein neues Fanspektrum auf der Tribüne wahrnahmen?


Es haben sich auf St. Pauli immer besondere Menschen für Fußball interessiert, egal welcher politischer Couleur. Vor unserem großen Erfolg dachte man, dass man seine politische Meinung nicht offen zugeben dürfte. Aber bei uns war es dann möglich und auch erwünscht.

Gab es Multiplikatoren, die das Interesse der Linken am Verein verstärken?

Das kam Ende der 80er über das »Millerntor Roar«, also das ehemalige inoffizielle Stadionheft, dem Vorgänger des heutigen »Übersteiger«. Damals wandten sich die Fans zum ersten Mal gegen die Kommerzialisierung, auch indem sie zum Beispiel gegen den geplanten »Sport Dome« demonstrierten. Das war nicht anders als heute auch: Die Leute wollten ihr altes Stadion behalten.

Wie stark hing die Identifikation der Fans mit der Mannschaft auch mit den Spielern zusammen, die da aufliefen?


Nach dem Lizenzentzug musste der Verein lange auf Nachwuchsspieler vor allem aus dem Umland setzen, die natürlich die Zuschauer noch näher an das Team brachten: Jürgen Gronau war ein Original, ein richtiger St. Paulianer. Nach und nach kamen dann weitere waschechte Hamburger wie Dirk Zander und André Trulsen hinzu. Diese Spieler hat die Führung mit Bedacht ausgewählt.

Als so viele junge Spieler aus Hamburg zum Verein kamen, war das wie eine Wachablösung. Haben Sie sich bewusst von den älteren Spielern distanziert?

Nein. Mein Vorteil war, dass ich noch als A-Jugendspieler in der Oberliga Nord auf der Bank gesessen habe. Da haben mich viele aus der älteren Generation wie Walter Frosch, Mackensen und Box aufgenommen.

Wurden auch in der Mannschaft politische Diskussionen geführt?

Eigentlich nicht. Ich hatte meine Position, meine Überzeugungen und war deswegen so was wie der »Gestörte«. Damals waren die Ideale, wie man die Welt besser machen könnte, eben noch ausgeprägter.

Sie arbeiteten auch beim »Millerntor Roar« mit.

Ich bin öfter im Fanland gewesen und habe ein bisschen mitgemacht. Aber die Zeit, um sich regelrecht zu engagieren, war nicht da.. Klar, war ich da eine Galionsfigur. Aber die Themen haben andere Leuten rein getragen – ob das eine Unterschriftenaktion war oder irgendwelche Plakate, die durchs Stadion getragen wurden. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Aber ich habe mich bei einer guten Sachen natürlich solidarisiert.

War die Mannschaft der verlängerte Arm der Fans?


Es waren viele helle Köpfe dabei, Abiturienten und Studenten, die sich eben auch mal für das ein oder andere Projekt engagierten. Aber das Politische war nicht das Entscheidende, sondern der Umgang mit den Fans nach dem Spiel. Die politischen Fans haben zwar einen Großteil der Außenwirkung ausgemacht, aber dass jeder einzelne Fan als wichtig angesehen worden ist und jeder Spieler das Wort »Fannähe« nicht nur auf den Lippen trug, sondern auch wirklich lebte, war das Entscheidende. Da zog sich keiner nach dem Spiel zurück und sagte: »Mit denen möchte ich nichts zu tun haben«.

Das Klubheim wird demnächst abgerissen.

Mag sein. Aber das ist eine trotzdem eine Kultur, die sich bei uns entwickelt hat. Die Mannschaft hatte keine Angst vor den Fans, wie früher bei den Leuten im Volksparkstadion.

Wie wichtig war für das Alleinstellungsmerkmal der St. Pauli-Fans rückblickend der Kontrast zum HSV in den 80ern?

Die Leute sind in der Zeit nicht mehr zum HSV gegangen, sondern lieber zu Pauli, weil sie hier in Ruhe Fußball sehen konnten, ohne rechte Fans wie die aus Block E im alten Volksparkstadion. Aber der Kontrast bestand damals nicht nur gegenüber dem HSV, sondern allgemein gegenüber den Bundesligavereinen. Die Fankultur war und ist einzigartig – auch wenn dieser Bereich heute stark kommerzialisiert wird.

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