28.05.2010

Vincent Kompany im Interview

»Ich habe viel verpasst«

Vincent Kompany ist einer der besten Fußballer Belgiens – und bei der WM trotzdem nur Zuschauer. Wir zeigten ihm einst das Panini-Album von 1986 und suchten nach einem Fünkchen Hoffnung für die Fußball-Nation Belgien.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago
Müssen Sie selbst manchmal innehalten und sich das Glück vergegenwärtigen, das Sie hatten?

Nein, das ist nicht nötig. Ich bin mir ständig im Klaren darüber, wie viel Glück ich hatte, dass ich nun mit dem Fußball mein Geld verdienen kann und dort raus gekommen bin, wo ich aufgewachsen bin (ein Wohnsilo im Brüsseler Stadtteil Ukkel, Anm d. Red.). Ich bin mit sechs zum RSC Anderlecht gegangen und habe dort mit 17 mein Profi-Debüt gegeben. Einen solchen Durchmarsch von der Jugend- bis in die Herrenmannschaft hatte es dort – auch weil nach dem Bosman-Urteil die falschen Entscheidungen getroffen worden waren – zehn Jahre lang nicht gegeben.

Standen Sie selbst als kleiner Junge in der Kurve des Constant-Vanden-Stock-Stadions in Anderlecht?

Natürlich! Ich habe sogar einmal die Champions-League-Fahne auf den Platz getragen. Ich war immer mittendrin (lacht)!

Wann war Ihnen klar, dass Sie selbst einmal auf dem grünen Rasen stehen würden?

Eigentlich erst an dem Tag, als ich zum ersten Mal mit den Profis trainieren durfte. Wenn man klein ist, dann hat man noch das Gefühl: »Oooh, das ist alles unheimlich schwer! Das schaffe ich nie!«

Sie haben es geschafft – und dafür auf vieles verzichtet.

In Deutschland können die Talente sich relativ in Ruhe entwickeln, weil es Ballack oder Klose gibt, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber in Belgien gibt es solche Spieler nicht. Deshalb wurde ich über Nacht zum Star ernannt. Es war ein riesiger Hype. Ich wurde überall erkannt, konnte mich nicht mehr locker bewegen. Ich habe zwar nicht den Verstand verloren, aber vieles verpasst, was das Leben eines jungen Erwachsenen eigentlich ausmachen sollte.

Der Druck, als Retter des belgischen Fußballs zu gelten, muss enorm gewesen sein.

Ich weiß um die Hoffnung der Leute und muss einen Weg finden, damit umzugehen. Aber ich verspüre keinen Druck. Dabei helfen mir auch meine Freunde, die ich seit meiner frühesten Kindheit kenne. Die Art, wie wir miteinander umgehen, wird immer gleich bleiben – egal ob ich den belgischen Fußball nun rette oder nicht (lacht)!

War Ihr Wechsel nach Hamburg auch ein Versuch, sich dem Rummel um Ihre Person zu entziehen?

Zunächst einmal wollte ich mich natürlich sportlich weiterentwickeln. Aber durch meine langwierige Achillessehnenverletzung habe ich tatsächlich eine ganze Zeit recht anonym leben können. Und das hat mir nach all dem Hype ganz gut gefallen.

Hatten Sie nie Heimweh nach Belgien?

Ich habe meine Familie vermisst, das schon. Aber in Hamburg kann man sehr gut leben, auch wenn man gerade nicht Fußball spielen kann. Die Stadt ist schön, die Leute im Verein gehen respektvoll miteinander um. Mein Ziel, endlich zurückzukommen, war so groß und schön, dass ich gar nicht daran gedacht habe, mich in Brüssel zu verkriechen.

In der langen Verletzungszeit reisten Sie der Mannschaft zu den Auswärtsspielen mit dem Privat-PKW hinterher. Haben Sie so auch Deutschland kennen gelernt?

Sagen wir so: Ich habe die Bundesliga kennen gelernt. Ich habe alle Stadien gesehen. Das hat den Vorteil, dass ich die Atmosphäre schon kenne, auch wenn ich in dieser Saison zum ersten Mal dort auflaufe.

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