28.05.2010

Vincent Kompany im Interview

»Ich habe viel verpasst«

Vincent Kompany ist einer der besten Fußballer Belgiens – und bei der WM trotzdem nur Zuschauer. Wir zeigten ihm einst das Panini-Album von 1986 und suchten nach einem Fünkchen Hoffnung für die Fußball-Nation Belgien.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

Herr Kompany, wir haben Ihnen etwas mitgebracht: Das PANINI-Album von der WM 1986, bei der Belgien Vierter wurde.

(betrachtet die Seite mit der belgischen Mannschaft, schmunzelt) Ja, diese Männer sind mir natürlich wohlbekannt! Hier: Eric Gerets – der sagt Euch Deutschen ja auch etwas, ebenso wie Jean-Marie Pfaff. Und hier: René Vandereycken – er ist heute mein Trainer in der Nationalmannschaft. Viele Spieler aus diesem Team haben auch heute noch eine Funktion im belgischen oder internationalen Fußball.



War einer von ihnen Ihr Idol?


Ich hatte vor allem Vorbilder außerhalb Belgiens. Als Kind habe ich mir oft Videotapes von Pelé und auch von Muhammed Ali angesehen und ihre Bewegungen studiert. Als ich schon etwas älter war, hat mich Marcel Desailly beeinflusst, der Abwehrchef der französischen Weltmeistermannschaft von 1998. Wenn Sie mich nach meinen Lieblingsspielern aus der 86er-Mannschaft fragen – hier: Enzo Scifo! Seine Eleganz hat mir sehr imponiert. Und ich habe Georges Grun bewundert, weil ich wie er Defensivspieler geworden bin.

Der vierte Platz bei der WM 1986 war der größte Erfolg in der belgischen Fußballgeschichte. Was gilt er heute noch?

Oh, eine ganze Menge! Gerade weil so viele Spieler von 1986 im Fußball geblieben sind, sind ihre Verdienste ständig präsent. Und wir werden an ihrer Spitzenleistung gemessen – besonders dann, wenn es nicht so gut läuft.

Wie kommt es, dass Belgien seit den 90er Jahren den Anschluss an die Weltklasse verloren hat?

Das betrifft ja nicht nur die Nationalmannschaft, sondern vor allem die Vereine. Früher war der RSC Anderlecht ein europäischer Spitzenklub. Dort waren in den 70ern, 80ern und frühen 90ern Spieler unter Vertrag, die gut und gern für Real Madrid hätten spielen können. Doch dann kam das Bosman-Urteil...

... mit dem der Europäische Gerichtshof 1995 entschied, dass Spieler nach dem Ende ihres Vertrages ablösefrei sind.


Richtig. Und das hat dazu geführt, dass die Vereine ihre guten Spieler nicht mehr gewinnbringend verkaufen konnten. Andere Nationen wie Frankreich und Holland, die in den 80er Jahren schlechter waren als Belgien, haben diese Entwicklung recht früh erkannt und die finanziellen Einschränkungen durch eine gute Jugendarbeit kompensiert und sind in ihren Nationalmannschaften sogar stärker geworden. Belgien hat stattdessen auf Profis aus dem Ausland gesetzt und dem eigenen Nachwuchs so die Entwicklungsmöglichkeiten geraubt. Hier haben wir leider zu lange geschlafen und sind international in Rückstand geraten.

Marc Bosman ist selbst auch Belgier. Tritt er in Ihrem Heimatland noch in Erscheinung?

Nein. Als Fußballer war er ja ohnehin nie so prominent. Er hat diesen Prozess angestrengt, und darauf geht auch seine Bekanntheit zurück. Wir Spieler müssen ihm dankbar sein. Dass die belgischen Vereine und die Nationalmannschaft untergegangen sind ist ihre eigene Schuld. Als sie schon lange auf dem absteigenden Ast waren, haben sie immer noch geglaubt, sie seien stark.

Sie haben es angedeutet: Durch das Urteil von 1995 fielen auch die Ausländerbeschränkungen im europäischen Fußball, und es kam zu einer starken Spielerfluktuation in den Kadern. Hat die Identifikation der belgischen Fans mit Ihren Vereinen darunter gelitten?

Natürlich kann man immer noch über »echte Brüsseler« oder »echte Hamburger« diskutieren. Aber die Zeiten haben sich unwiederbringlich geändert. Deshalb muss man auch den Begriff »Identifikation« neu definieren: Wenn ein Spieler alles für seinen Verein gibt, dann identifiziert er sich doch! Dann hat er es auch verdient, dass die Fans sich mit ihm identifizieren – unabhängig von seiner Herkunft. Alle müssen das Gefühl haben: »Wir sind ein Verein und tragen diese gemeinsame Farbe.«

Aus Belgien hört man immer wieder Schreckensgeschichten von kriminellen Spielervermittlern, die junge afrikanische Spieler dorthin lockten, um sie dann sich selbst zu überlassen.

Stimmt, aber das passiert auch in anderen Ländern wie etwa in Frankreich. Natürlich bereichern sich diese Geschäftemacher, und ich möchte das auch nicht legitimieren. Aber es ist paradox: Auch wenn er wie eine Ware behandelt wird – ein afrikanischer Spieler wird nie unzufrieden sein, wenn er dem Elend entkommen ist und es bis nach Europa geschafft hat.

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