06.06.2012

Viktor Skripnik über Blochin, Schaaf und seinen EM-Boykott

»Ich verzichte auf meine VIP-Karten«

Viktor Skripnik ist noch immer einer der bekanntesten Ukrainer, die je in der Bundesliga gespielt haben. Zwei Tage vor dem EM-Start spricht Skripnik über sein Vorbild Oleg Blochin und seinen ganz persönlichen EM-Boykott.

Interview: Tobias Ilg Bild: Imago

Viktor Skripnik, Sie sind 1969 geboren. Anfang der Siebziger war der Eishockeysport in der Sowjetunion sehr populär. Die Nationalmannschaft feierte Erfolge am laufenden Band. Wie kam es, dass Sie dem Eis fernblieben und lieber auf den Bolzplatz gingen?
Bei uns war in jeder Straße ein Platz, wo du im Sommer Fußball und im Winter natürlich Eishockey spielen konntest. Ich habe mich für Fußball entschieden, da ich keine Chance hatte in unserem kleinen Ort regelmäßig Eishockey zu spielen. Wir kickten vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Das war unsere beste Zeit.

War Ihre Familie auch so fußballbegeistert?
Mein Vater war ein riesiger Fußball-Fan. Dazu kam, dass meine Heimatstadt Dnipropetrowsk 1983 sowjetischer Meister wurde. Bei diesem Gewinn war ich mit meinem Vater im Stadion. Ein unvergessliches Erlebnis. Ich war fortan einfach begeistert von Fußball. Am liebsten wollte ich den Spielern so nah sein, wie die Balljungen, die den Ball immer wieder zurück schmissen. Ich war immer neidisch auf die kleinen Jungs am Spielfeldrand und fragte mich, was sie mit den Bällen tun, die sie nicht zurückwarfen. Ein Ball wurde kurz darauf das beste Geschenk was ich bis dato bekam. Er war lange auch das einzige Spielzeug bei mir Zuhause.

Hatten Sie Vorbilder?
Klar, Vorbilder gab es immer, zum Beispiel Oleg Blochin von Dynamo Kiew. Der Fußball in Westeuropa war auch sehr beeindruckend. Leider hatten wir kaum Chancen, die Spiele im Fernsehen zu verfolgen. Wenn doch, dann nur wenige Minuten, in denen man zwei, drei Tore aus den europäischen Ligen, etwa aus der Bundesliga oder aus Italien, sehen konnte. Stattdessen bekamen wir immer die besten Mannschaften der Ukraine, wie Dynamo Kiew oder Dnipro Dnipropetrowsk vor Augen geführt.

Sie waren einer der ersten ukrainischen Fußballspieler in Deutschland. Warum fiel Ihre Wahl auf die Bundesrepublik? Und warum gerade auf Bremen?
Die Frage ist leicht zu beantworten. Damals, 1983, war ich mit meiner ehemaligen Mannschaft zwischen Hamburg und Bremen im Trainingslager. Ich sah einen riesigen Bus in den Farben Grün und Weiß. Es war der Bus von Werder Bremen. Ich als kleiner Mann aus Osteuropa, verliebte mich sofort in diese Farben und in diesen Namen. Hinzu kam, dass in der Saison 1987/88 Spartak Moskau gegen Bremen im UEFA-Pokal spielte. Spartak gewann zu Hause mit 4:1, im Weserstadion verloren sie aber gegen Bremen 6:2. Mein Vater und ich schauten dieses Spiel an und ich war einfach nur begeistert, wie diese Mannschaft funktionierte. Bremen war mein Traumverein, doch leider war die Grenze immer noch zu. Erst nach dem Ende der Sowjetunion kamen internationale Trainer in meine Stadt. Einer dieser Männer war Bernd Stange, der ehemalige Trainer der DDR. Er empfahl mich an den damaligen Werder-Trainer »Dixie« Dörner und ich ging nach Bremen.

Warum gefiel Ihnen gerade der deutsche Fußball so?

Ich wollte unbedingt nach Deutschland. Hier wird der Fußball gespielt, der meiner Philosophie entspricht. Mich faszinierten die Ordnung und die hohe Anzahl der Tore in der Bundesliga. Außerdem bin ich nicht so schnell, wie es damals etwa der Fußball in Spanien verlangte. Allerdings hatte ich einen schwierigen Start. Ich war damals in der Ukraine ein Star, der Wechsel nach Bremen ließ mich zu einem ganz normalen Spieler bei einer Mannschaft auf gutem Niveau werden. Nach einigen Monate hatte ich mich an meine neue Heimat gewöhnt.

Welcher Trainer beeinflusste Sie am meisten?
Ich erinnere mich etwa an Lobanowski oder Felix Magath. Aber ich glaube, es wäre nicht richtig, nur bei anderen Trainern abzuschauen. Fußball entwickelt sich weiter. Heute sind andere Dinge bedeutsamer, wie zu unseren Zeiten. Wichtig ist, dass du fachkompetent bist, dass du weißt wo es lang geht. Man muss selbstkritisch sein und die Entwicklungen stetig analysieren. Mit Hilfe der neuen Medien, wie dem Internet, kann man jede Taktik und jedes Spiel aufbereiten. Anders als damals, als du immer live schauen und dich an die Szenen erinnern musstest. Heute kannst du schneiden, wiederholen und so weiter.

Sie sind seit 2008 erfolgreicher Jugendtrainer bei Werder Bremen und trainieren aktuell Werders U 18 Was macht einen guten Trainer aus und welche Eigenschaften muss er haben?

Die Kommunikation mit den Jungs ist wichtig. Mit zu viel Distanz kommt man als Trainer nicht weiter. Man muss einfach kapieren, dass die Jungs im Jugendbereich nicht für Geld spielen. Sie lieben Fußball, sie tragen das Spiel noch im Herz. Sie träumen von einem Vertrag im Profifußball. Und wenn ein Trainer, der dafür da ist, diesen Wunsch zu erfüllen, dies nicht schafft, so ist das auch sein Fehler. Auch wenn jeder weiß, dass es verdammt schwer ist, von zwanzig Leuten alle zwanzig nach oben zu bringen. Wichtig ist es, einfach ehrlich zu seinen Spielern zu sein. Man muss Kompetenz in jedem Bereich vorweisen können, etwa in taktischen Dingen, aber auch außerhalb des Platzes. Du musst nicht nur Zucker geben, sondern auch mal konsequent sein.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden