Vietnams Neu-Nationaltrainer Falko Götz

»Das Wetter ist die Hölle«

Falko Götz ist neuer Nationaltrainer in Vietnam. Der ehemalige Coach von Hertha BSC Berlin soll im fernen Asien eine fußballerische Entwicklung anstoßen. Ein Interview über deutsche Botschafter, hohe Luftfeuchtigkeit, Holstein Kiel – und Berti Vogts. Vietnams Neu-Nationaltrainer Falko Götz

Falko Götz, Vietnam ist fünf Stunden vor auf der Uhr. Bei Ihnen wird der Abend jetzt zur Nacht. Zappen Sie durch das hoteleigene TV-Programm oder feilen Sie schon an der Taktik für die vietnamesische Nationalmannschaft?

Falko Götz: Ich komme grad vom Essen mit dem deutschen Vizebotschafter. Er und sein vorsitzender Kollege waren involviert in die Vertragsverhandlungen. Die Vietnamesen sind sehr fußballbegeistert, die Nationalmannschaft ihr Aushängeschild, und deshalb liefen auch die politischen Drähte heiß, als es einen neuen Trainer zu finden galt. Im Übrigen bewohne ich kein Hotel, sondern ein kleines Appartement im Herzen von Hanoi.

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Wie kam der Kontakt nach Vietnam zustande?

Falko Götz: Der vietnamesische Verband hatte klare Vorstellungen, was für ein Trainer den Job machen soll. Es war früh angedacht, einen Kandidaten mit meinem Profil zu holen. Die erste Kontaktaufnahme lief dann über meinen Berater, Herrn Henner Jansen, später wurde telefoniert und am 3. Juni bin ich höchstpersönlich nach Vietnam geflogen.

Sie machen den Job – auch aus Mangel an Alternativen? Der Kölner Express zitierte Sie mit dem Satz: »Bevor ich gar nichts mache, geh' ich halt nach Vietnam«. Das klingt nicht nach der Erfüllung eines Traumes ...

Falko Götz: Da hatte ein Journalistenkollege von Ihnen wohl Redaktionsschluss und hat deshalb aus einem kurzen Telefongespräch mit mir, das wegen schlechter Verbindung abrupt abbrach, einen Satz aus dem Kontext gebrochen, der so nicht gemeint war. Ich wollte sagen: Bevor ich gar nichts mache, mache ich lieber etwas, das Sinn hat. Etwas, bei dem es Neues aufzubauen gibt. Ich bin sehr gerne hier in Vietnam und ich hatte sehr wohl eine Wahl. Wenn ich sehe, was hier an Herausforderungen auf mich wartet, ist das eine wunderbare Aufgabe.

Wie groß ist die Herausforderung?

Falko Götz: Hier gibt 85 Millionen Einwohner, auch von der Fläche reicht Vietnam an Deutschland heran. Der Großteil der Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre. Hier schwirrt unwahrscheinlich viel Talent herum, das erschlossen werden will. Weil es noch keine Möglichkeit gibt, regional zu scouten, müssen wir jetzt erstmal Strukturen aufbauen. Noch teilt sich alles sehr in Nord und Süd. Es gibt keine Stützpunkte, keine Leistungszentren. Doch Vietnam ist ein Wahnsinnmarkt, der explodieren wird – da bin ich mir sicher.

Wie kann man einem so riesigen Land eine Fußballkur verordnen?

Falko Götz: Meine doppelte Verantwortung für Nationalmannschaft und U 23 ist sehr wichtig. Es wird eine starke Beobachtung meiner Trainingsmethoden und taktischen Vorgaben stattfinden. Die sollen auch in den anderen Mannschaften – in den Junior Teams – umgesetzt werden, wo mir bis zu vier Assistenztrainer zuarbeiten. Der Verband wollte explizit, dass an meiner Seite Trainer aus Vietnam stehen und wachsen.


Sie müssen einen schwierigen Spagat schaffen – einerseits sollen Sie langfristige Strukturen etablieren, andererseits auch kurzfristige Erfolge mit der Nationalmannschaft abliefern, um Ihre Position zu rechtfertigen.

Falko Götz: Das ist richtig. Die ersten Termine stehen schon sehr bald an. In wenigen Tagen werden wir ins Trainingslager fahren, um uns auf die WM-Qualifikationsspiele gegen Macao Ende Juni vorzubereiten. Sollten wir gegen diesen Gegner gewinnen, spielen wir gegen Katar. Ende November findet dann die Südostasienmeisterschaft statt, die wir gewinnen wollen. Im Dezember widme ich mich der Olympiaauswahl während eines Turniers.

Das sind viele Aufgaben. Haben Sie den Kulturschock denn schon überwunden?

Falko Götz: Nicht ohne Grund nennt man die Vietnamesen die Deutschen Asiens. Viele Wesensmerkmale verhalten sich ähnlich. Die Menschen hier haben mit dem restlichen Kontinent wenig gemein. Die Mentalität ist eine tolle Mischung aus Lachen und Freude einerseits und Disziplin und Fleiß auf der anderen Seite. 

Es gibt keinen Haken?

Falko Götz: Okay, das Wetter ist die Hölle. Im Moment haben wir fast 40 Grad, die Luft steht und ist so feucht, dass es auf den Kopf drückt. Man versucht, sich nur durch klimatisierte Räume zu schieben. Ich bin aber auch nicht so etepetete, dass ich mich darüber beschweren will. Drinnen und im Auto ist es auch auszuhalten, obwohl der Verkehr in riesigem, aber, so scheint es, kontrolliertem Chaos versinkt. Fünf Millionen Fahrräder und Mopeds kämpfen sich durch die Straßen.

Sitzen Sie selbst am Steuer?

Falko Götz: Gott bewahre, nein! Ich darf hier gar nicht fahren. Das ist Ausländern verboten, weil es zu gefährlich ist .

Wie halten Sie es bei dem Klima im Stadion aus?

Falko Götz: Die Tribünen spenden Schatten. Außerdem geht hier mit schöner Regelmäßigkeit am frühen Abend ein großer Wolkenbruch runter. Bei den Spielen, die bewusst auf 16 Uhr gelegt werden, weht dann schon eine erfrischende Brise und es kühlt merklich ab.

Deutschen Trainern, die den Schritt ins exotische Ausland wagen, haftet schnell der Ruf des Weltenbummlers und Abenteurers an. Passt der smarte Falko Götz in diese Schublade?


Falko Götz: Ich bin ein Junge aus dem Osten. Ich durfte zwanzig Jahre meines Lebens gar nicht reisen, deswegen hat sich eine Sehnsucht nach dem Abenteuer im Ausland sicherlich entwickelt. Außerdem arbeitet meine Frau in der Reisebranche, wir sind viel herumgekommen. Schon als Spieler habe ich den Schritt ins Ausland nicht gescheut. Zwei Jahre lief ich für Galatasaray Istanbul auf. Ich bin jetzt in einem Alter, wo man eine Aufgabe wie Vietnam noch wagen kann. Ich weiß nicht, ob ich den Job in zehn Jahren auch angenommen hätte.

Sie hospitierten einst bei Inter Mailand, dem PSV Eindhoven und Arsenal London hospitiert. Waren die Erfahrungen für Sie wichtig, um sich pro Vietnam zu entscheiden?

Falko Götz: Wenn man aktiv im Job ist, schafft man diese Fortbildungen nicht. Da fehlt dann ganz einfach die Zeit. Über Huub Stevens bin ich an Guus Hiddink vom PSV Eindhoven gekommen, Timo Hildebrandt hat mir den Kontakt zu Quique Sanchez Flores beim FC Valencia vermittelt. Arsène Wenger lernte ich einst selbst bei einem Champions-League-Spiel kennen. Als Trainer muss man auch über den eigenen Schatten springen können. Da darf man sich für so eine begleitende Maßnahme nicht zu schade sein.



Welcher Trainer hat Sie denn am meisten beeindruckt?

Falko Götz: Arsène Wenger lud mich in sein Hotel. Er war total offen, sagte: »Wir gehen etwas essen und können uns dann in Ruhe unterhalten.« Es ist toll, wie nah diese großen Trainer sind. Und dann haut so ein Mann wie Wenger natürlich auch Dinger raus, wo man sich sagt: Das ist genial – warum ist darauf vorher niemand gekommen?

In Vietnam erwarten die Leute von Ihnen Großes. Ist der Job für Sie eine Chance, neu anzufangen nach den Querelen in Kiel? Ihnen wurde vorgeworfen Ihren damaligen Spieler Marco Stier geschlagen zu haben. Sie wurden zwar von den Gerichten rehabilitiert wurden, ein Stigma bleibt trotzdem.

Falko Götz: Es sollte eigentlich nicht so sein. Ich habe mir nach wie vor nichts vorzuwerfen. Die ganze Sache wurde in der Öffentlichkeit unwahrscheinlich breit getreten und letztlich gab es nur Verlierer: Einen Spieler, der die Unwahrheit gesagt hat vor Gericht, mit Holstein Kiel einen Verein, der in seiner Entwicklung drei Schritte zurück gemacht hat – und mich, dessen Reputation aus über 25 Jahren Profifußball in den Dreck gezogen wurde. Aber das ist Vergangeheit. Ich bin ein Mensch, der nach vorne guckt und da jetzt wieder eine neue, spannende Aufgabe vor sich weiß.

In Ihren Grundsätzen loben Sie fleißige Arbeit, konsequente Zielstrebigkeit und Verzicht – ideal für den asiatischen Raum, sollte man meinen.

Falko Götz: Es braucht im Fußball drei Säulen. Erstens Disziplin und Ordnung. Zweitens Fitness. Und drittens einen guten Teamspirit, Spieler, die vorangehen, aber sich auch unterordnen können. Mit dieser Philosophie waren die vietnamesischen Verantwortlichen absolut einverstanden.

Falko Götz, viele wissen gar nicht, dass Sie einen Anteil am aktuellen Erfolg der deutschen Nationalmannschaft haben. 2000 waren Sie Mitglied der sogenannten Task Force des DFB, die neue Ausbildungsmethoden entwickeln sollte.

Falko Götz: Es wird oft vergessen, dass Joachim Löw, aber auch schon Jürgen Klinsmann, große Profiteure der Arbeit von Berti Vogts waren. Vogts war einer der Ideengeber zu den Stützpunkten, Akademien und lizensierten Ausbildungszentren. Die Task Force hat diese Idee dann konkret weitergedacht und umgesetzt. Es sollte ein Umdenken statfinden: Nicht mehr nur Krafttraining und Disziplin – mehr Technik, Schnelligkeit und Koordination und vor allem mehr Training für Talente. Diese Nationalmannschaft von heute spiegelt die Ideen von damals sicherlich gut wider. Jogi Löw hat die Qual der Wahl, weil es inzwischen eine Menge gut ausgebildeter Talente mit Charakter und Persönlichkeit in der Bundesliga gibt.

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