21.08.2013

Vier FCK-Fans über Stefan Kuntz, den Mythos Betzenberg und Nazis in der Kurve

»Ein Wappen ist keine Marke!«

Wenn der FCK absteigt, stirbt eine Region. Doch warum steht sie zusammen, wenn er nicht aufsteigt? Vier Kaiserslautern-Fans über den Mythos Betzenberg, Kritik an Stefan Kuntz, Neonazis in der Kurve und ihre Wünsche für die neue Saison.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Philipp Gauch, Sie haben mit Ihrer Gruppe »Generation Luzifer« wegen der inflationären Stadionumbenennung im deutschen Fußball sogar mal einen Preis abgelehnt. Muss man so weit gehen?
Gauch: Im Oktober 2011 sollten wir von der »Akademie für Fußballkultur« einen Preis für die beste Choreographie des Jahres bekommen. Das Verheerende war, dass das Preisgeld von »Easy Credit« gesponsert wurde, also dem Unternehmen, dass in Nürnberg den Stadionnamen gekauft hatte.
Hilmes: Die Choreo präsentierte die »Generation Luzifer« zum 90. Geburtstag von Fritz Walter. Integriert war der Spruch »Für immer in Ehren: Fritz Walter und sein Stadion«.
Gauch: Hätten wir diesen Preis und das Geld angenommen, dann hätten wir die Werte verraten, die wir mit der Choreo vertreten wollten.

Wie positioniert sich der FCK aus Ihrer Sicht in der Diskussion um Werte und Tradition?
Scheffler: Es hat zumindest klare Ansagen gegeben, dass man den Stadionnamen nicht verkauft. Im Endeffekt wäre eine Umbenennung des »Fritz-Walter-Stadions« auch Negativwerbung für jeden Sponsor.

Sie glauben also, dass der FCK e.V. ist mit dem »Fritz-Walter-Stadion« und dem »Ottmar-Walter-Tor« ein Gegenentwurf zum modernen Fußball ist?
Scheffler: So weit würde ich nicht gehen. Bei uns wurden auch Fehler gemacht, sowohl von der Vereinsführung als auch vom aktuellen Marketingleiter. Die haben in der Vergangenheit häufig behauptet, der FCK müsse als eine Marke platziert werden. Eine Marke? Da kommen Leute von der Uni, die haben das so gelernt, aber verstehen nicht, dass für die Fans die Identifikation der Klub ist. Und dass ein Vereinswappen keine Marke ist.

Traditionsvereine wie Borussia Dortmund haben sich wie Marken aufgestellt und sind lange am FCK vorbeigezogen. Andere Klubs, die diese Entwicklung nicht mitmachen, gurken seit Jahren in den Niederungen der Ligen herum. Keine Sorge, dass es dem FCK ähnlich ergehen könnte?
Scheffler: Die Vereine stehen ja nicht dort unten, weil sie sich auf Tradition besonnen haben, sondern weil dort die falschen Leute am Werk waren. Das Beispiel Duisburg zeigt das gut: Es waren eigentlich genügend Sponsorengelder vorhanden, aber es haben anscheinend zur falschen Zeit die falschen Leute den Verein geführt. Natürlich kann das immer wieder passieren, aber darum ist es auch wichtig, dass man darauf achtet, was in der Vereinsführung passiert. Nur weil einer gut erzählen kann, heißt das nicht, dass er im Interesse der Fans und des Vereins handelt.

Und wie ist es mit der Identifikation? Ist das nicht pure Romantik?
Scheffler: Natürlich ist das nicht mehr so wie früher – aber das ist der heutigen Natur des Fußballgeschäfts geschuldet. Spieler wie die Walter-Brüder oder Horst Eckel, die dem Klub ein Leben lang treu blieben, gibt es nicht mehr. Oder einen Hans-Peter Briegel, bei dem man das Gefühl hatte, er nimmt die Funken von der Tribüne auf und versucht die Spiele über den Kampf zu gewinnen.
Gauch: Das wird immer weniger. Jedenfalls konnte man sich in der vergangenen Saison kein Kratzen und Beißen sehen, etwas, das früher die Spieler auf dem Betzenberg ausgezeichnet hat.
Locke: Ich denke sowieso, dass sich viele Fans eher mit der Kurve, der Geschichte und dem Verein als Ganzes identifizieren als mit einzelnen Spielern. Als Kind steht man in diesem Stadion und ist fasziniert von der Atmosphäre. Ich denke, die Identifikation speist sich eher über solche Erfahrung als über Spieler.
Gauch: Trotzdem gibt es noch ein paar. Dominique Heintz zum Beispiel, weil er ein gebürtiger Pfälzer ist. Aber auch Florian Dick, der sich komplett mit der Spielweise und dem Klub identifiziert.

Was ist mit Stefan Kuntz? Man könnte annehmen, dass gerade er den FCK wie kein anderer verkörpert.
Hilmes: Als Spieler auf jeden Fall.

Und als Vorstandsvorsitzender?
Hilmes: Da kann man ihn erst am Ende seiner Amtszeit bewerten. Ein Beispiel: Atze Friedrich war auch ein verdienter Spieler, und als Präsident ist er mit dem FCK aufgestiegen und hat die Meisterschaft geholt. Doch was hinterließ er? Reines Chaos und 30 Millionen Euro Schulden.
Scheffler: Im Gegensatz dazu ist jemand wie Norbert Thines sehr gut gelitten bei den Fans. Bei ihm merkte man, dass er eine soziale Ader hat. Er war darum bemüht, die Fans zu einen und den Verein solide zu führen.

Wie sieht denn der aktuelle Dialog zwischen Vereinsführung und Fans aus?
Scheffler: Der hat etwas gelitten durch das Konzept Sicheres Stadionerlebnis und die Initiative »12:12«.

War es überraschend, dass der FCK das Papier unterzeichnet hat?
Scheffler: Zunächst waren wir – Klubführung und Fans – einer Meinung, zumal drei Punkte für uns nicht akzeptabel waren. Als die Klubführung sich dann doch für die Absegnung des Papiers entschied, haben wir sie stark kritisiert. Wir waren mit die Ersten, die den Protest »12:12« ausgedehnt haben.

Gegen den VfR Aalen haben Sie 90 Minuten lang geschwiegen.
Hilmes: Richtig. Die Atmosphäre war so gespenstisch, absoluter Wahnsinn. Zumal es bei uns überhaupt keinen Ärger gegeben hat. Da hat fast das ganze Stadion geschwiegen – ob Ultra oder nicht. Das war wieder so ein Moment, wo ich merkte, hier bin ich richtig. Das ist eine richtige Familie.

Scheffler: Jedenfalls unter den Fans. Der Verein hat sich derweil dem politischen Druck ergeben und es den Anhängern nicht mal erklärt.

Stefan Kuntz gab doch eine Stellungnahme ab. Er sagte, für die Fans ändere sich nach dem 12. Dezember 2012 nichts, da die meisten Punkte sowieso in der Stadionordnung verankert seien.
Scheffler: Aber das erste Gespräch mit den Fans fand erst Ende Januar auf einer Fanversammlung statt. Dort sagte er dann sinngemäß: Wenn die Ultra-Gruppen untereinander stillschweigen und Pyro-Fans oder Gewalttäter schützen, dann solidarisiert er sich mit der Mehrheit der Vereine der 1. und 2. Bundesliga und stimmt für die ab. 

Stefan Kuntz scheint Ihrer Ansicht also ziemlich viel falsch gemacht zu haben in der vergangenen Saison.
Hilmes: Er hat sich ein paar Mal in der Wortwahl vergriffen.

Inwiefern?
Hilmes: Er sprach zum Beispiel von »Ratten, die ihre Köpfe wieder aus den Löchern stecken, wenn es nicht so gut läuft«.

Womit er, so sagte Pressesprecher Christian Gruber, nicht die Fans meinte.
Hilmes: Stefan Kuntz hat zumindest die Fans und die Ratten in einem Atemzug genannt. Alles weitere ist Spekulation, weil er sich danach nicht mehr dazu geäußert hat.
Scheffler: Wirklich skurril war die Situation nach den beiden Relegationsspielen. Jeder im Stadion wusste, dass die Stimmung nicht auf die Mannschaft, den Trainer oder den Vorstand bezogen, sondern auf den Klub als Ganzes – und auf uns. Dennoch stellte sich Kuntz dann hin und lobte uns dafür, dass es gewesen sei wie in den Achtzigern oder Neunzigern.

Hat sich denn nach dem 12. Dezember 2012 etwas geändert?
Hilmes: Es gab im März ein Derby zwischen Waldhof Mannheim und der zweiten FCK-Mannschaft, das über 50 Stadionverbote nach sich zog, die meisten ohne Anhörung. So etwas hatten wir noch nie erlebt.

Es soll zu Ausschreitungen gekommen sein.
Scheffler: Es gab ein paar kleinere Vorfälle, auch ein bisschen Pyro während des Spiels. Doch weil die Polizei keinen Einzelnen greifen konnte, verhaftete sie einfach eine Gruppe – das Gießkannen-Prinzip.

Muss ein Fußballfan sich heute eigentlich sorgen, kriminalisiert zu werden?
Locke: Man wird ja nur von Außenstehenden kriminalisiert. Von den Medien. Von Moderatorinnen, die von den »Taliban der Fans« sprechen.
Scheffler: Ich bin in der Hinsicht total abgestumpft. Mir ist es mittlerweile fast egal, dass Fußball für Außenstehende Mord und Totschlag oder Bürgerkriegszustände bedeuten. Ein Beispiel: Für uns war das Relegationsspiel 2012 zwischen Düsseldorf und Berlin überhaupt kein Thema. Das war ein freudiger Platzsturm, so wie wir ihn 1991 in Köln erlebten, als wir Meister geworden sind. Ich konnte die Hysterie überhaupt nicht nachvollziehen.
Hilmes: Früher war das doch Gang und Gäbe. Und wenn es zu viel wurde, dann sagte der Stadionsprecher: »Bitte geht runter«, und dann war es okay.
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