21.08.2013

Vier FCK-Fans über Stefan Kuntz, den Mythos Betzenberg und Nazis in der Kurve

»Ein Wappen ist keine Marke!«

Wenn der FCK absteigt, stirbt eine Region. Doch warum steht sie zusammen, wenn er nicht aufsteigt? Vier Kaiserslautern-Fans über den Mythos Betzenberg, Kritik an Stefan Kuntz, Neonazis in der Kurve und ihre Wünsche für die neue Saison.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Locke: Jahrgang 1991, Dauerkartenbesitzer seit 2003. Mitglied der 2006 gegründeten Ultragruppe »Frenetic Youth«. Philipp Gauch: Jahrgang 1989, Mitglied der seit 1998 bestehenden und somit ältesten FCK-Ultragruppe »Generation Luzifer«. Sebastian Scheffler: Jahrgang 1979, offiziell gewählter Fanvertreter und Vorsitzender der Interessengemeinschaft »Perspektive FCK«. Thomas Hilmes: Jahrgang 1980, seit 1990 FCK-Fan. Früher Mitglied der »Generation Luzifer«, heute Betreiber des Webzines »Der Betze brennt«.

Sehr geehrte Herren, Sie alle kennen den berühmten Satz: »Wenn der 1. FCK Kaiserslautern absteigt, stirbt eine Region.« Was passiert, wenn er nicht aufsteigt?

Thomas Hilmes: Natürlich waren wir enttäuscht, dass es nicht geklappt hat. Dennoch haben die Spiele gegen Hoffenheim die Fanszene wieder sehr enger zusammen gebracht.

In einigen Medien war davon die Rede, dass es seit den achtziger Jahren nicht mehr so laut im FCK-Block war. Die »Frankfurter Rundschau« schrieb: »Der Lärm, den die Fans auf dem Betze machten, war für Ohren von Nicht-Pfälzern kaum noch erträglich.«
Hilmes: Es war wirklich unfassbar laut. Schon auf dem Weg zum Stadion habe ich peitschende Gesänge gehört – und alle haben mitgemacht haben. Nicht nur Ultras.

Trotz der Niederlagen gegen den reichen Rivalen?
Philipp Gauch: Trotz einer Saison, die nicht befriedigend war.
Locke: Die Stimmung war eher eine Ausnahme als ein Spiegelbild der ganzen Saison. Es hat sich sicher keiner gefreut, dass wir nicht aufgestiegen sind, aber an dem Abend wollte keiner die Hoffenheimer feiern hören.
Hilmes: Bei diesen Spielen sind Welten aufeinander getroffen. Wir haben aber realisiert, dass wir als Underdog gegen solche Projekte, die sich Vereine nennen, nur eine Chance haben, wenn wir zusammenhalten.

Thomas Hilmes, Sie betreiben die Internetseite »Der Betze brennt«. Dort hieß es nach dem Spiel: »Der Mythos Betzenberg wacht nach zwei ruhenden Jahren wieder auf.« Was bedeutet dieser Mythos denn für Sie?
Hilmes: Dass die Fans im wahrsten Sinne des Wortes der zwölfte Mann sind. Dass sie Einfluss aufs Spiel haben.

Sehen das die Ultraszene auch so, Philipp Gauch und Locke?
Gauch: Durchaus. Mit viel Pathos formuliert: Die Zuschauer verschmelzen im Stadion und stellen eine Einheit dar. Der Betze kann im besten Fall ein magischer Ort sein, wo die Fans den Ball ins Tor schreien.
Locke: Ich verstehe es auch als eine starke Symbiose zwischen Publikum und Spielern. Sie kann aus einer Randerscheinung entstehen, einem Tackling an der Mittellinie oder einem Ball, der statt ins Seitenaus ins Toraus zur Ecke rollt. Dann kann der Betzenberg aus dem Nichts explodieren.
Hilmes: Vor allem bei einem Abendspiel: Flutlicht und das Warten auf den Funken, der aufs Spielfeld springt. Wie oft habe ich hier Spiele gesehen, die wir nach einem 0:2 noch umgebogen haben.
Sebastian Scheffler: Erinnerst du dich noch an unseren alten Stadionsprecher Udo Scholz? Der verkündete bei Anschlusstreffern, die in der 90. Minute fielen, gerne mal über Lautsprecher: »Tor in der 85. Minute!«
Hilmes: Um den Schiedsrichter zu verwirren. Schön war das. (lacht)

Wenn in den Medien vom »Mythos Betzenberg« die Rede ist, wird gerne auf Europapokalspiele der achtziger Jahren samt bengalischer Feuer verwiesen. Warum gab es recht früh Ultra-Elemente in der FCK-Fanszene?
Scheffler: Das hing mit Hans-Peter Briegel zusammen. Als er 1984 zu Hellas Verona gewechselt ist, begannen viele FCK-Fans sich für die italienische Fankultur zu interessieren. Es haben sich Fanfreundschaften entwickelt und wir sind häufiger nach Italien gereist. Zurück kamen wir mit allerhand neuen Eindrücken – und bengalischen Fackeln.

Haben diese Bilder noch was mit der aktuellen Fankultur gemein?
Locke: Kaum. Wenn ich am Wochenende Bundesliga gucke und da Augsburg gegen Hoffenheim spielt, dann schalte ich den Fernseher wieder aus.
Scheffler: Eine schlimme Entwicklung, zumal der ganze Aufbau im deutschen Fußball durch Vereine wie Hoffenheim, Leverkusen, Wolfsburg und jetzt RB Leipzig ganz offensichtlich unterwandert wird.

Wenn es dem FCK in der Vergangenheit mal schlecht ging, hat auch Kurt Beck gerne mal geholfen.
Hilmes: Kurt Beck hat sicher nicht seine Privatschatulle geöffnet, aber natürlich wurden in den FCK genauso Steuergelder gepumpt wie in alle anderen Vereine auch: Die Bayern haben ihr Stadion zwar selbst bezahlt, aber für die Infrastruktur über 200 Millionen vom Steuerzahler bekommen. In Mainz wurden mit mehr als 60 Millionen aus der öffentlichen Hand gleich zwei Stadien hochgezogen, Köln erhält über Umwege Zuschüsse vom stadteigenen Energieversorger, Hertha BSC musste in der zweiten Liga keine Stadionmiete zahlen. Diese Subventionierung des Profifußballs kann man durchaus kritisch sehen, aber es ist keine FCK-spezifisches Sache.

Wie sehr wurmt es Sie, dass der 1. FC Kaiserslautern eine Art Fahrstuhlklub geworden ist, während sich andere Vereine aus der Region – Mainz 05, Eintracht Frankfurt oder die TSG Hoffenheim – in der Bundesliga etabliert haben.
Locke: Mich nervt es richtig, dass wir nicht Bundesliga spielen.
Scheffler: Eintracht Frankfurt hat es verdient, dort zu stehen. Aber Hoffenheim? Augsburg? Fürth? Mainz?

Wie passen denn Augsburg, Mainz und Fürth in diese Liste?
Gauch: Fakt ist, dass der Fußball ja auch gerade durch die Emotionen, die er erzeugt, so interessant wird. Aber ein Spiel wie Augsburg gegen Fürth erzeugt keine Emotionen.
Hilmes: Hoffenheim oder Leipzig sind vielleicht die besseren Beispiele. Das sind Klubs, bei denen man glaubt, mit Millionen von Euro den sportlichen Erfolg kaufen und durch Marketing Traditionen etablieren zu können.

Was wäre denn, wenn ein Mäzen beim FCK einsteigen oder der Klub seinen Stadionnamen verkaufen würde? 
Hilmes: Ich denke, der FCK zeichnet sich durch zwei große Säulen aus: Auf der einen Seite die Tradition und auf der anderen die Fans. Wenn man beides mit Füßen tritt, dann könnte sich der Verein nicht mehr oben halten.
Locke: Eines unserer Alleinstellungsmerkmale ist unser Stadionname, das »Fritz-Walter-Stadion«. Ein Verkauf des Namens könnte vielleicht kurzfristig etwas Geld bringen, aber langfristig verkaufe ich doch meine Seele.
Gauch: Oftmals werden da von oben Ängste geschürt. Es heißt dann, dass man nur noch Geld kriegt, wenn man den Stadionnamen verkauft oder pleitegeht, wenn man sich nicht ausgliedert. Aber es gibt genügend aktuelle Beispiele, die zeigen, dass das eben nicht so ist.
Locke: Wenn man clever ist, merkt man auch, dass Tradition eigentlich das beste Marketingmittel ist. Man darf es natürlich nicht übertreiben und sich bei zu vielen Begrifflichkeiten bedienen, aber der Trend geht in die Richtung.
Scheffler: In Braunschweig hat man es ziemlich gut gemacht. Dort haben sich verschiedene Firmen zusammengetan, um den Namen »Eintracht-Stadion« zu erhalten. Das wirft doch ein viel positiveres Licht auf diese Firmen.

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