Vier Cheftrainer, eine Chaos-Saison: HSV-Assistent Roger Stilz

»Crashkurs auf hohem Niveau«

Drei Chef-, ein Interimstrainer. Das schlechteste Abschneiden in 51 Jahren Bundesliga. Die Relegation ohne Sieg. Und das Wunder des Nicht-Abstiegs: Was Roger Stilz als Co-Trainer beim HSV in seiner ersten Profi-Saison erlebte, reicht eigentlich schon für ein ganzes Fußballerleben. Nun verlässt der Deutsch-Schweizer Hamburg auf eigenen Wunsch – und lässt seine Chaos-Saison beim HSV noch einmal Revue passieren.

Roger Stilz, Ihr Fazit nach der ersten Saison im Profifußball?
Das war sehr intensiv in jeder Hinsicht. Thorsten Fink hat mir den Einstieg beim HSV ermöglicht. Zum einen assistierte ich ihm in der Bundesliga, zum anderen sollte ich das Bindeglied zwischen Profis, U23 und Jugend sein. Leider wurde Thorsten schon nach dem fünften Spieltag entlassen.

Vor der Saison gab HSV-Boss Carl-Edgar Jarchow Platz 5 oder 6 als Saisonziel aus, stellte den HSV auf eine Stufe mit Schalke und Wolfsburg. War das nicht völlig unrealistisch?
In der ersten Phase verstand ich meine Rolle als Beobachter, der nach und nach in die aktive Rolle hineinwachsen sollte. Da hatte ich noch keine Meinung zu realistischen oder unrealistischen Zielen.

Und wie lauteten Ihre persönlichen Ziele?
Ich wollte zuerst die strukturierte, zielgerichtete Arbeit auf höchstem Niveau kennenlernen, in einem zweiten Schritt als Tipp- und Feedback-Geber fungieren und zudem die Trainingsarbeit mitgestalten. Mich interessierte die intensive Arbeit mit Nationalspielern, langjährigen Profis und hungrigen Talenten, die sich durchsetzen wollen. Und ich hatte erwartet, dass wir uns als Mannschaft ein Gesicht und eine unverkennbare Spielweise aneignen.

Es kam anders. Sie arbeiteten letztlich mit vier verschiedenen Trainern: Thorsten Fink, Interimslösung Rodolfo Cardoso, Bert van Marwijk und Mirko Slomka. Wie haben Sie es geschafft, all diese Übungsleiter zu überleben?
Das müssen andere beantworten. Was ich getrost sagen kann: Ich bin konstant ich selbst geblieben. Durch äußere Einflüsse oder innere Störungen wollte ich nicht wankelmütig werden. Ich glaube, es ist mir ganz gut gelungen, standhaft zu bleiben. Ich bin nicht mal so und mal anders.

Warum sind Sie unter Bert van Marwijk weiterhin Assistent geblieben? Schließlich galten Sie als Vertrauter von Thorsten Fink.
Sportchef Oliver Kreuzer sagte mir nach dem Weggang von Thorsten, dass ich die nächste Trainingseinheit machen und das Team auf den Platz führen solle. Das war ein Vertrauensbeweis des Vereins. Als Bert anfing, spürte ich, dass er mich beobachtete, was ich an seiner Stelle auch getan hätte. Wir tauschten uns intensiv aus – über Fußball, aber auch über das Leben. Er betrachtete mich als vollwertiges Mitglied des Trainerstabs, und fortan war das eine sehr gute Zusammenarbeit.

Van Marwijk wurde aufs Heftigste kritisiert, vor allem weil er angeblich zu wenig trainieren ließ. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Es ist der Job des Co-Trainers, die Philosophie des Trainers mitzutragen. Als Co-Trainer ist Loyalität das oberste Gebot. Es gehört sich einfach, sowohl inhaltliche Schwerpunkte als auch die vom Cheftrainer angeordnete Trainingsintensität umzusetzen. Ich halte es für wichtig, dass man seine Rolle genau kennt. Ich habe versucht, zügig zu erkennen, was meine Cheftrainer brauchen.



Immerhin konnten Sie in dieser Chaos-Saison gleich vier verschiedene Trainer-Philosophien kennenlernen.
Absolut richtig, ja, und das wird mir auf meinem weiteren Weg in jedem Fall helfen. Dieser Crash-Kurs auf höchstem Niveau ist unbezahlbar. Und natürlich war auch ich sehr froh über das versöhnliche Ende.

Ganz konkret: Was haben Sie bei welchem Trainer mitnehmen können?
Bei Thorsten fand ich die Energie beeindruckend. Er kann eine Mannschaft fesseln, hat eine coole, lässige Ausstrahlung. Wäre ich Spieler bei ihm, würde ich gerne für Thorsten laufen. Bert ist durch Alter und Erfahrung immer sehr souverän gewesen. Ich halte ihn für einen absoluten Fachmann. Zudem habe ich feststellen können, dass der Fußball in den Niederlanden anders gelehrt und gespielt wird als bei uns. Und bei Mirko habe ich eine sehr klare, strukturierte Arbeit kennengelernt, die sich interessanterweise auf Spiel- und Spielerstatistiken aufbaut.

Welche Spieler haben Sie denn am meisten beeindruckt?
Auf jeden Fall Rafael van der Vaart mit seiner absoluten Ruhe in schwierigen Situationen, sowohl auf als auch außerhalb des Spielfeldes. Er ist souverän. Und auf dem Platz gehorcht ihm der Ball, auch wenn es mal eng wird. An Pierre-Michel Lasogga mag ich die Gradlinigkeit, Frische und Leidenschaft. Diese althergebrachte Stürmerart nach dem simplen Motto »Das Runde muss ins Eckige«. Aber auch Heiko Westermann möchte ich erwähnen aufgrund seiner Standhaftigkeit. Der hat sich nie versteckt. Auch in den schlimmsten Momenten hat sich Heiko gestellt und nicht gekniffen.

Das Durcheinander in dieser Saison beschränkte sich nicht nur auf Fußball. Der Tod von HSV-Legende Hermann Rieger, die Kritik der anstrengenden Asienreise in der Vorbereitung zur Rückrunde, die Ausgliederung der Profi-Abteilung. Wie haben Sie diese Dinge erlebt?
Ich bin fest davon überzeugt, dass nicht nur die Mannschaft für den sportlichen Misserfolg verantwortlich war, sondern dass verschiedene Baustellen dazu führten, dass wir nur 27 Punkte geholt haben. Diese Probleme darf man nicht losgelöst von der sportlichen Situation betrachten. Und das hat natürlich auch die Spieler und das jeweilige Trainerteam beschäftigt. Für eine gewisse Zeit kann eine stabile Mannschaft auch einmal autark funktionieren. Auf Dauer jedoch hängen Vereinsleben, Struktur und Leistung immer zusammen.

Was nehmen Sie aus dieser schlimmen Spielzeit mit?
Natürlich gab es auch Phasen, in denen ich die permanente Anspannung spürte, körperlich und psychisch. Das ist menschlich, denn ich lebe diesen Job. Aber letztlich war es für mich eine Bestätigung, dass ich eine Menge vertragen kann und robust genug bin für den Job. Und das ist eine gute Gewissheit.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!