11.11.2011

Victor Skripnik über Ukraine-Deutschland

»Es gibt hier nicht nur Tschernobyl und Klitschko«

Vor zehn Jahren zitterte sich Deutschland in einem Relegationskrimi gegen die Ukraine zur WM. Mit dabei war Werder Bremens Victor Skripnik. Wir sprachen mit ihm über die Neuauflage am Freitag, Korruption in der Heimat und die Klitschkos.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Victor Skripnik, Sie galten jahrelang als der Beckham der Ukraine. Wie werden Sie heute genannt?

Victor Skripnik: Ach, dieser Spitzname. So hieß ich damals in Bremen. Das war mir fast ein wenig unangenehm. Heute nennen mich die Leute einfach Victor.



Ende 2001, zu Ihrer Werder-Zeit, spielten Sie mit der Ukraine in der Relegation gegen die DFB-Elf. Hat Valeri Lobanovsky Sie als Deutschland-Experten damals um Ratschläge gebeten?

Victor Skripnik: Nein, das hatte er nicht nötig. Lobanovsky war einer, der sich akribisch auf Partien vorbereitete. So war es auch vor den Relegationsspielen gegen Deutschland. Ich erinnere mich noch, wie vor den Spielen ausgesprochen ruhig und sachlich zu uns sprach, so als könnte uns überhaupt nichts passieren. Im Hinspiel haben wir uns dann auch gut geschlagen.

Die Partie in Kiew endete 1:1.

Victor Skripnik: Wir gingen sogar durch ein Tor von Gennadiy Zubov in Führung. Doch Ballack glich nach einer halben Stunde aus. Vielleicht waren wir zu naiv.

Deutschland stand eigentlich mit dem Rücken zur Wand. Gegen Albanien hatte sich die Elf in der Qualifikation zu einem 2:1-Sieg gemüht und gegen Finnland zweimal nur Unentschieden gespielt. Gegen England setzte es die legendäre 1:5-Klatsche.

Victor Skripnik: Das war in der Relegation längst vergessen. Es bewahrheitete sich das alte Klischee: Deutschland ist immer stark, wenn es drauf ankommt. Schauen Sie sich das Rückspiel in Dortmund an. Die Medien prügelten auf die Mannschaft ein, und mit einem Mal funktionierte sie. Nach 15 Minuten stand es 3:0 für Deutschland.

Am Ende gewann Deutschland mit 4:1 und fuhr zur WM in Japan und Südkorea. Wie groß war die Enttäuschung in der Ukraine?

Victor Skripnik: Wir waren stolz auf das Erreichte. Ein zweiter Platz in der WM-Qualifikationsgruppe war für die Ukraine damals ein großer Erfolg.

Bei der Neuauflage am Freitag stehen mit Andrij Schewtschenko und Anatolij Tymoschtschuk zwei Spieler im Kader, die schon 2001 dabei waren. Welche Bedeutung haben die beiden heute?

Victor Skripnik: Sie sind nach wie vor immens wichtig. Tymoschtschuk ist unser Kapitän und ein international erfahrener Spieler, er hat über 100 Länderspiele gemacht. Ich wünschte ihm mehr Einsatzzeiten beim FC Bayern. Und Schewtschenko? Über den muss man nicht mehr viel sagen, oder? Auch wenn er mittlerweile 35 Jahre alt ist und nicht mehr in einer der Topligen Europas spielt, ist er immer noch eine schillernde Gestalt. Schon seine Anwesenheit macht viel aus. Fragen Sie vor einem Spiel mal einen gegnerischen Abwehrspieler, wie ihn alleine der Gedanke beschäftigt, gleich gegen Shevchenko spielen zu müssen. 

Sie glauben nicht, dass ein Umbruch vor der EM dem ukrainischen Fußball gut getan hätte? 

Victor Skripnik: Ich glaube an die Mischung. Wir haben Leute wie Andrij Woronin, Anatolij Tymoschtschuk oder Andrij Schewtschenko. Aber eben auch Leute, die in den nächsten Jahren kommen, wie Yaroslav Rakytskyy von Schachtar Donezk und Artem Milewskyj von Dynamo Kiew.

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