VfL-Trainer Frank Heinemann im Interview

»Bochum ist einzigartig«

Er ist auf dem Weg der beliebteste Interimstrainer in der Geschichte der Fußball-Bundesliga zu werden. Bochum-Coach Frank Heinemann über seine Stimme, Flutlicht-Derbys im Dortmunder Westfalen-Stadion und Ata Lameck. VfL-Trainer Frank Heinemann im Interview

Frank Heinemann, Sie klingen immer so heiser. Sind Sie möglicherweise der größte Schreihals, der je Chef-Trainer beim VfL Bochum war?

Das ist meine normale Stimme!

Ach so. Verzeihung. Andere Frage: die Bochumer Mannschaft, so scheint es, vermisst Sie ja jetzt schon, obwohl Sie noch gar nicht weg sind. Warum wollen Sie eigentlich nicht dauerhaft Chef-Trainer beim VfL sein?


Das habe ich nie gesagt. Ich habe vor gut drei Wochen das Amt als Interimstrainer übernommen, und das habe ich gerne gemacht. Diesen Job fülle ich so lange aus, wie man mich braucht. Da habe ich keine Probleme mit.

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Sie haben sicherlich nichts dagegen, wenn man Sie die »treue Seele vom VfL Bochum« nennt, oder?


Nein, keine Einwände. Ich bin in Bochum geboren und seit 1976 im Verein. 33 Jahre VfL.

Am Sonntagabend spielt Bochum in Dortmund. Ein Derby unter Flutlicht und Sie als Trainer an der Außenlinie. Kribbelt´s schon?

Na sicher. Wobei das für mich eigentlich kein Unterschied macht, ob ich so ein Spiel als Trainer, Spieler oder Mannschaftsbetreuer erleben darf. Die Derbys gegen Schalke und Dortmund, die sind schon etwas Besonderes. Zumal ich ein Kind des Ruhrgebiets bin, da muss man mir nicht sagen, welche Bedeutung so ein Spiel hat. Bei Spielern aus dem Ausland, oder von anderen Kontinenten ist das was anderes. Doch auch die merken schnell, wie aufgeladen die Stadt vor einem Derby gegen Dortmund ist. Hinzu kommt noch, sie haben es gesagt, Flutlichtspiel und dann vor so einer Zuschauerkulisse. Das ist außergewöhnlich.

Der VfL wirkt im Vergleich mit den beiden »Größen« Schalke und Dortmund immer etwas kleiner, trotzdem scheint die Bochumer Fußball-Kultur besonders ausgeprägt zu sein. Was ist es, das den VfL ausmacht?


Wir arbeiten beispielsweise enger mit unseren Fans zusammen, was auch daran liegt, dass der Kern der Bochumer Anhängerschaft auch tatsächlich direkt aus Bochum kommt und nicht im Sauerland oder Münsterland verstreut ist.

Sie mögen es nicht generell unterschätzt zu werden...

Ganz und gar nicht. In den letzten drei Jahren waren wir in der Bundesligaabschlusstabelle zweimal vor Dortmund. Mit weniger Geld, weniger Zuschauern und einem kleineren Stadion.


Dieses verhasste Gefühl, als Underdog zu gelten, ist das auch eine zusätzliche Motivation für Ihre Spieler?

Ganz ehrlich: Wen ich für ein Derby am Sonntagabend unter Flutlicht vor 80.000 Zuschauern noch motivieren muss, der hat seinen Beruf verfehlt. Ich kann vor so einem Spiel von außen vielleicht noch zwei bis fünf Prozent mehr aus den Spielern rauskitzeln, aber der Rest muss ohnehin vorhanden sein.

»Unter Frank Heinemann«, schreibt der »kicker«, »wurde zuletzt der Eindruck erweckt, das der VfL Bochum mit mehr Leidenschaft zu Werke geht.« Nur ein Klischee, oder stimmt das?


Hier im Ruhrgebiet ist immer hart gearbeitet worden, die Leute haben es immer recht schwer gehabt, wie zuletzt in der Autokrise. Auf gut deutsch: Bei uns muss malocht werden und das müssen wir auch auf dem Platz verkörpern. Wenn die Mannschaft auf dem Rasen ackert, verzeiht der Bochumer Fan vieles. So eine Spielweise gehört im Ruhrgebiet zur professionellen Grundeinstellung.

Wie können Sie das als Trainer denn entsprechend vermitteln? Treten Sie beim 4 gegen 2 erstmal zwei Leute über die Bande?

Das nun nicht. Aber man kann es den Spielern nochmals ganz genau erklären und ruhig auch mal lauter werden. Jeder Fußballer will doch die Anerkennung des Publikums und in Bochum geht das eben nur, wenn man die Attribute Kampf und Leidenschaft auch auf dem Feld zeigt. Natürlich muss man auch Fußball spielen können, aber unsere Spieler sind dazu in der Lage, sonst wären sie nicht Profis geworden. Wie das Spiel dann ausgeht, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Ist die aktuelle Mannschaft vom VfL Bochum denn dazu überhaupt in der Lage Ihre Vorgaben umzusetzen?

Das denke ich schon. Seit dem Pokalspiel gegen Schalke war ich jedenfalls mit der Einstellung, der Laufbereitschaft, dem Einsatz zufrieden. Meine Vorgaben sind also angenommen worden. Jeder Spieler, der im Ruhrgebiet Fußball spielt, oder hier spielen will, muss sich im Klaren darüber sein, dass das die entscheidenden Eigenschaften sind, um hier Erfolg zu haben. Bochum ist einzigartig.

Die Entscheidung über Ihre Zukunft als Trainer beim VfL soll demnächst fallen. Ganz gleich, wie diese Wahl aussehen wird: Werden Sie Bochum erhalten bleiben?

Was die Zukunft bringt, kann man nie sagen, aber Fakt ist: Ich bin durch und durch Bochumer und habe eine ganz besondere Beziehung zu meinem Verein, die in der Bundesliga wohl nicht allzu viele haben werden. Vielleicht noch vergleichbar mit Thomas Schaaf in Bremen. Ich habe eine Leidenschaft zum VfL in mir, die über die Jahre kontinuierlich gewachsen ist. Die du in der Form auch nur haben kannst, wenn du als kleiner Junge schon im Stadion warst, hier gespielt hast und dem Verein noch immer treu bist. Bochumer werde ich immer bleiben, egal was passiert.

Ihre Ämterhäufung beim VfL Bochum ist beachtlich: Fan, Spieler, Co-Trainer, Interimstrainer, Fanbeauftragter... Was kommt jetzt noch? Sportdirektor? Platzwart? Präsident?

Ach, ich sage das allen, die mich danach fragen, was mit mir passiert: Gedanken mache ich mir zu diesem Zeitpunkt nur bis zum Dortmund-Spiel. Alles, was danach kommt, interessiert mich gerade überhaupt nicht.

Die Liste Ihrer Cheftrainer in Bochum ist lang: Peter Neururer, Rolf Schafstall, Ralf Zumdick, Klaus Toppmöller um nur mal einige zu nennen. Ist es nicht üblich, dass ein neuer Trainer auch immer sein eigenes Team mitbringt?

Das ist durchaus üblich und jedes Mal, wenn ein neuer Cheftrainer in Bochum verpflichtet wurde, musste der mich erst als seinen Assistenten akzeptieren. Ich habe auch in all den Jahren immer nur Ein-Jahres-Verträge unterzeichnet – was völlig in Ordnung für mich ist. Zwischen Co-Trainer und Cheftrainer muss es passen, schließlich siehst du dich jeden Tag. Das ist wie in einer Ehe. Bislang hat das zwischen mir und den Kollegen immer ganz gut funktioniert.

Herr Heinemann, Sie müssen mir noch verraten: Woher kommt Ihr Spitzname »Funny«?

Den hat mir ein Nachbarsjunge verpasst, als ich sechs Jahre alt war. Kurioserweise trägt er den Namen Thomas Gottschalk. Der hat in den ersten Englisch-Stunden das Wort »funny« aufgegriffen und weil ich eigentlich immer recht fröhlich bin, heiße ich seitdem eben Frank »Funny« Heinemann.

Abschlussfrage an den Ur-Bochumer: Wer ist der größte Spieler, den der VfL jemals hervorgebracht hat?


Oha. (überlegt) Schwierige Frage. Aber eigentlich muss die Antwort lauten: Ata Lameck. Den siehst du heute noch im Stadion, der ist durch und durch VfL-er. Eine echte Bochumer Ikone.

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