VfB-Legende Günter Sawitzki über die wilden Sechziger

»Friedlich war es nie«

Der »Spiegel« schrieb einst über den Stuttgarter Torhüter Günter Sawitzki: »Er floh nackt aus der Kabine vor einem Sportmob.« Daran kann sich Sawitzki nicht mehr erinnern. Wohl aber an wilde Damen und Herbergers Überraschungen. An seinem 80. Geburtstag erinnern wir an seine größten Jahre.

VfB-Legende Günter Sawitzki über die wilden Sechziger

Günter Sawitzki, in einem Artikel aus dem »Spiegel« vom Dezember 1963 heißt es: »Ein nackter Fußballspieler sprang aus der Garderobe. Er floh vor splitterndem Glas. Jenseits der Kabinenfenster tobte der Sportmob und warf mit Steinen. Flüchtling war Torwart Sawitzki, dessen Mannschaft, VfB Stuttgart, sich gerade erkühnt hatte, auf hanseatischem Grund gegen den Lokalmatadoren, Hamburger Sport-Verein, unentschieden 1:1 zu spielen.« Warum waren Sie denn nackt?
Nackt? Das war ich nicht.

In dem Artikel heißt es weiter: »Hunderte HSV-Anhänger mit und ohne Vereinsfahne stürmten nach diesem unlängst im Hamburger Volkspark-Stadion abgehaltenen Bundesligaspiel über den Platz, um sich den Weg zum Schiedsrichter und zu den Stuttgarter Frevlern freizuboxen.« Können Sie sich denn daran nicht erinnern?
Nein. An das Spiel aber durchaus.

Wie ging es aus?
1:1. Und ich machte ein wirklich gutes Spiel.

Darf ich Sie trotzdem noch ein letztes Mal mit dem »Spiegel«-Artikel konfrontieren?
Nur zu.

Der Autor erkennt eine »zunehmende Neigung der Fußballzuschauer zu tätlichen Temperamentsausbrüchen«. Waren die sechziger Jahre wirklich so schlimm?
Friedlich war es noch nie. Aber nicht so schlimm, dass ich nackt durch splitterndes Glas fliehen musste. Soll ich Ihnen mal meinen ersten unangenehmen Kontakt mit einem Zuschauer schildern?

Gerne.
Das muss 1955 gewesen sein, ich spielte in der Oberliga West für den SV Sodingen. Als Torwart habe ich mir natürlich immer durch resolutes Zweikampfverhalten Respekt verschafft. Um nicht zu sagen: Ich bin ganz gut reingegangen. Irgendwann während des Spiels stand plötzlich hinter meinem Tor eine Frau mit einem Schirm und brüllte mich an: »Wenn du Kerl noch einmal meinen Mann so umhaust, dann ziehe ich dir eine über!« Glücklicherweise habe ich das Spiel ohne Konfrontation mit der holden Weiblichkeit überstanden.

Von 1956 bis 1971 haben Sie beim VfB Stuttgart gespielt. Ging es da friedlicher zu?
Im Gegenteil. Ich erinnere mich an den Sommer 1956, als ich kurz vor der Unterschrift beim VfB Stuttgart stand. Trainer Georg Wurzer nahm mich mit zu einem Freundschaftsspiel nach Böblingen. Mein Gott, was bin ich dort beschimpft worden. Dabei war ich noch gar kein Stuttgarter!

1962 sind Sie – als Stuttgarter – mit zur Weltmeisterschaft nach Chile gefahren. Haben Sie da das berühmte südamerikanische Temperament zu spüren bekommen?
Nein, wir lebten ja damals abgeschieden in einer Kaserne und nicht mitten in der Stadt. Und die Stimmung auf dem Platz konnte ich ja nicht erleben – als Torhüter Nummer drei war die Einsatzchance gleich Null. Allerdings habe ich in Chile ein Pärchen aus Deutschland kennen gelernt, lustigerweise aus Stuttgart. Die kannte ich vorher nicht, aber in Chile waren wir ein paar Abende gemeinsam unterwegs.

1962 galt eigentlich Hans Tilkowski als unumstrittener Stammtorwart. Während der WM stand dann allerdings Wolfgang Fahrian im Kasten. Wie haben Sie die Degradierung erlebt?
Die Entscheidung von Sepp Herberger kam auch für mich überraschend, Hans war gesetzt, Wolfgang die Nummer zwei und ich Torwart Nummer drei. Doch kurz vor dem Eröffnungsspiel gegen Italien sagte Herberger dann: »Der Wolfgang steht im Tor.« Merkwürdig, dabei war das ganze Training zuvor komplett auf Hans zugeschnitten gewesen.

Zugeschnitten?
Ließ Herberger erste gegen zweite Mannschaft spielen, stand Tilkowski in der ersten Mannschaft im Tor. Kein Wunder, dass der nach der überraschenden Entscheidung etwas sauer geworden ist.

Etwas sauer? Tilkowski soll danach die komplette Einrichtung seines Zimmers zerlegt haben.
Raten Sie mal, wer mit dem Hans damals auf einem Zimmer war.

Sie vielleicht?
Korrekt. Und ich kann mich nicht erinnern, dass bei unserem Auszug auch nur ein Möbelstück beschädigt war. Die Zeitungen brauchten eine Geschichte, also haben sie eine erfunden.



Sie scheinen kein großer Freund der Medien gewesen zu sein.
Sagen Sie es keinem weiter, aber das bin ich bis heute nicht.

Warum?
Weil eigentlich alles, was ich früher Journalisten erzählt habe, nicht richtig wieder gegeben wurde. Zum Beispiel die Geschichte mit meinem angeblichen Schwänzchen.

Bitte was?
Schwänzchen, Haar-Schwänzchen. So etwas habe ich nie getragen! Und plötzlich stand das irgendwann einmal in der Zeitung. Was stimmt: Ich trug damals häufig ein Gummiband, um meine langen dünnen Haare zu bändigen.

Das heißt, Sie sind der modische Vorreiter für all die italienischen und südamerikanischen Langhaarträger auf dem Fußballplatz?
Das hatte nichts mit Mode zu tun. Ich brauchte freie Sicht.

Woher hatten Sie das Band? Vom Friseur?
Ach was. Aus der Hauswaren-Abteilung. Später habe ich dann eine Mütze getragen.

Warum?
Herberger hat das Gummiband ganz und gar nicht gefallen, der mochte solchen Firlefanz einfach nicht. Vermutlich bin ich deshalb irgendwann auf die Mütze umgestiegen.

Und der »Mann mit der Mütze« spielte noch bis 1967 beim VfB Stuttgart in der ersten Mannschaft. 1970 haben Sie Ihr Comeback gegeben – als Torhüter der VfB-Reserve. Hatten Sie keine Lust auf den Ruhestand?
Eigentlich schon, aber die Zweite hatte ein personelles Problem: Kurz vor dem Saisonende verließ Torwart Peter Schmidt die Mannschaft, um in den USA zu studieren. Trainer Franz Seibold rief mich an: »Kannst du uns nicht für sechs Spiele aushelfen?« Ich hab Ja gesagt und aus den sechs Spielen wurde ein Jahr.

Und Ihre Bilanz konnte sich durchaus sehen lassen...
Absolut. Ich war ja schon 38 Jahre alt, aber mit mir erreichten wir 1971 das Endspiel um die Deutsche Amateurmeisterschaft!

Wie endete das Spiel?
Wir verloren. 0:1 gegen den SC Jülich.

Das muss weh getan haben.
Tat es auch. Viel schlimmer wurde es noch, als abends beim Bankett DFB-Präsident Hermann Neuberger zu seiner Rede ansetzte: »Schade, dass das Spiel so enden musste. Neben mir sitzt der ehrliche Sieger«  – Er deutete auf uns – »Eine Mannschaft, die nur deshalb nicht gewonnen hat, weil es der Schiedsrichter so wollte.« Und er hatte Recht, gegen Jülich wurden wir gründlich verpfiffen.

Ein Skandal! War der Schiedsrichter auch beim Bankett?
Der saß neben uns. Klaus Ohmsen hieß der. Der gute Mann hatte sicherlich keinen schönen Abend.

Haben Sie ihm denn inzwischen verzeihen können?
Wenn ich wieder über das Spiel nachdenke, fällt mir das schwer. Immerhin bin ich wegen dem Kerl ohne Titel geblieben!

Aber Sie sind doch 1958 DFB-Pokalsieger geworden!
Schon. Aber damals war das ja noch nicht so viel wert. Soll ich Ihnen sagen, was ich nach dem Finale getan habe?

Bitte.
Ich bin mit Sepp Herberger zusammen nach Frankfurt gefahren, um mich auf ein Länderspiel vorzubereiten, das drei Tage später stattfand. Wenn wir den Pokal damals schon so gefeiert hätten, wie das heute der Fall ist, hätte ich Herberger sicherlich dankend abgesagt.

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Kleiner Lesetipp: Das 11FREUNDE-Spezial: »Das waren die Sechziger«. Noch mehr Herberger, noch mehr schöne Frauen, noch mehr Fußball. Für alle, die schon immer gerne von den »guten alten Zeiten« geschwärmt haben und natürlich nur für Fußball-Verrückte!

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