Verlieren die Fans beim HSV an Macht?

»Das Druck-Szenario wäre noch viel extremer!«

Am Sonntag legen über 10.000 HSV-Mitglieder die Weichen dafür, wie ihr Klub in Zukunft geführt werden soll. Als Favorit gilt ein Modell, das den Fans gar nicht gefällt – denn sie würden ihr Mitbestimmungsrecht verlieren. Vor der Mitgliederversammlung sprachen wir mit Supporters-Chef Christian Bieberstein über Fremdbestimmung, Investoren und mögliche Alternativen.

Der HSV steht mal wieder vor einer Zerreissprobe. Die Initiative HSVPLUS um Aufsichtsratchef Ernst-Otto Rieckhoff plädiert für eine Ausgliederung des Hamburger SV e.V. in eine klassische Unternehmensform, was Tür und Tor für Anteilsverkäufe öffnen würde. Die Folgen wären gravierend, sagen große Teile der aktiven Fans, da Investoren ohne Zustimmung der Mitglieder bis zu 24,9 Prozent der Klubanteile kaufen könnten (mit Zustimmung sogar bis zu 49,9 Prozent). Teile des HSV »Supporters Club« haben deswegen ein neues Konzept entworfen. Es nennt sich HSV-Reform und überschneidet sich mit HSVPLUS in etlichen Punkten wie zum Beispiel der Aufsichtsratverkleinerung. Im wesentlichen Punkt aber plädieren die Fans der HSV-Reform für das genaue Gegenteil: Sie sind gegen eine Ausgliederung und gegen Anteilsverkäufe. Ein Gespräch mit »Supporters«-Abteilungsleiter Christian Bieberstein.

Christian Bieberstein, bei einer Umfrage des »Hamburger Abendblatts« haben sich 89 Prozent für »HSVPLUS« und damit für eine Ausgliederung der Fußballabteilung ausgesprochen. Warum glauben Sie, dass dieses Modell noch verhindert werden kann?
Es geht nicht darum, etwas zu verhindern. Letztendlich sollen die Mitglieder entscheiden, welchen Weg unser HSV in der Zukunft einschlagen soll.
 
Dennoch: Haben Sie mit Ihrer Alternative »HSV-Reform« eine Chance gegen das Modell von Ernst-Otto Rieckhoff? Immerhin machen sich auch viele ehemalige und aktuelle HSV-Spieler wie Rafael van der Vaart oder Thomas von Heesen für Rieckhoff stark.
Auch wenn die Zahlen und Aussagen so aussehen, als sei die Sache klar, kann man nicht von einem einheitlichen Bild unter HSV-Fans sprechen. Einige Mitglieder sind grundsätzlich für eine Ausgliederung, andere plädieren wiederum für eine Ausgliederung, allerdings gegen einen Anteilsverkauf. Wir hingegen positionieren uns mit unserem Modell »HSV Reform« gegen eine Ausgliederung sowie einen Anteilsverkauf. Denn dieser würde bedeuten, dass bis zu 24,9 Prozent des Vereinswertes ohne Zustimmung der Mitglieder veräußert werden können.
 
Sie klingen sehr gelassen. Wir dachten, auf der Mitgliederversammlung am Sonntag wird es krachen.
Wissen Sie, alle Akteure und alle fünf Modelle verfolgen dasselbe Ziel: Sie wollen den HSV wieder erfolgreich machen. Allein die Wege dahin sind unterschiedlich definiert.
 
Selbst bei den über 70.000 Mitgliedern des »Supporters Club« herrscht Uneinigkeit über die zukünftige Ausrichtung des HSV.
Absolut. Ich bin zwar Abteilungsleiter des »Supporters Club«, doch ich kann nicht für alle Mitglieder sprechen, auch wenn das gerne suggeriert wird. Die Meinungen gehen auch bei uns auseinander, was bei der Anzahl von Mitgliedern alles andere als verwunderlich ist.
 
Warum sehen Sie eine Ausgliederung überhaupt kritisch? Mittlerweile haben zwölf von 18 Bundesligaklubs eine solche vollzogen.
Es ging Ende der neunziger Jahre los, als viele Vereine ihre Fußballabteilung in AGs oder GmbHs ausgegliedert haben. Mahnendes Beispiel ist uns bis heute Borussia Dortmund mit dem verpatzten Börsengang. Allerdings muss ich auch sagen, dass man eine Ausgliederung per se nicht schlecht finden muss. Borussia Mönchengladbach hat zum Beispiel ein Modell gefunden, bei dem die Mitglieder auch weiterhin volles Mitspracherecht haben. Was uns allerdings Sorge macht, ist der Schritt von Null auf 100, also eine Ausgliederung, die prompt an einen Anteilsverkauf gekoppelt ist. Und diesen Schritt hat eben nicht die Mehrheit der Bundesligisten vollzogen.
 
Die HSV-Fans behaupten gerne, dass europäische Klubs neidisch nach Hamburg schauten, weil der HSV weiterhin ein »eingetragener Verein«, ein e.V., ist. Sie stellen das auch auf Ihrer Homepage heraus. Sie müssen sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, an der Vergangenheit zu hängen.
Ist Mitbestimmung und Mitgestaltung etwas Unmodernes? In der ganzen Gesellschaft finden diese Diskussionen statt, Beispiel »Stuttgart21«. Für mich ist die große Frage: Welche Entwicklung nimmt der Fußball? Wollen wir eine Liga mit Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg, RB Leipzig und TSG Hoffenheim? Geld alleine sorgt nicht immer für Erfolg. Als wir mal finanziell gut aufgestellt waren, haben wir Marcus Berg für 10 Millionen Euro gekauft. Was daraus wurde, wissen wir alle. Kurzum: Es liegt an den handelnden Personen, die das Beste aus den Möglichkeiten machen müssen.
 
Ein e.V. bedeutet heute zudem nicht mehr, dass der Klub gemeinnützig und nicht gewinnorientiert arbeitet.
Richtig. Es ist bei einem e.V. möglich, professioneller zu werden. Unser Verein ist ja auch schon aufgestellt wie eine Aktiengesellschaft. Wir haben einen Vorstand, einen Aufsichtsrat und 70.000 aktive Mitglieder und Tochtergesellschaften. Nur weil wir ein e.V. sind heißt es nicht, dass wir nicht professionell strukturiert sind.
 
Sie sagen außerdem, dass man in Hamburg auf die Mitbestimmung der Fans »stolz sein könne«. Der Sportanwalt Martin Stopper sagte kürzlich in einem Interview: »Eine unmittelbare Mitbestimmung gibt es faktisch nicht mehr.«
Was heißt unmittelbare Mitbestimmung? Es geht um Mitgestaltung. Natürlich entscheiden die Mitglieder nicht über Spielertransfers oder Trainerwechsel, das will auch keiner. Bei uns geht es darum, dass Mitglieder die Möglichkeit haben, darüber zu diskutieren und zu entscheiden, wie ihr Verein geführt wird. Sie können nämlich wählen gehen. Wenn wir allerdings Anteilseigner hätten, wäre diese Möglichkeit stark eingeschränkt. Wir entscheiden dann darüber, was im e.V. passiert, aber in Entscheidungen, die die Kapitalgesellschaft und damit die Bundesligamannschaft betreffen – und diese interessiert die Mehrheit der Mitglieder –, sind die Mitglieder nicht mehr involviert.
 
Auch aktuell schießen Finanziers oder Gönner wie Klaus-Michael Kühne dem HSV Geld für Transfers zu. Kann also nicht auch in einem e.V. ein Abhängigkeitsverhältnis entstehen?
Es gibt den alten Satz: »Wer den DJ bezahlt, der bestimmt, was gespielt wird.« Tatsächlich ist eine solche Beziehung problematisch. Herr Kühne (Mehrheitseigner des Logistikdienstleisters »Kühne + Nagel«, der den Transfer von Rafael van der Vaart finanzierte, d. Red.) ist aber bis dato kein Gönner, sondern tritt als Kreditgeber auf: Er hat dem HSV Geld geliehen und bekommt es eines Tages zurück. Nun aber hat er Druck aufgebaut und sich über die Medien ins Tagesgeschehen eingemischt. Bestes Beispiel: Am Anfang der Hinrunde bezeichnete er Oliver Kreuzer (Sportdirektor des HSV, d. Red.) als »Drittligamanager«. Man muss also auch über die Einbindung von Investoren in einem e.V. diskutieren. Allerdings wäre ein solches Abhängigkeits- und Druck-Szenario bei einem Anteilsverkauf noch viel extremer.
 
Man könnte die Anteile zurückkaufen.
Mal ehrlich: Darauf ist doch niemand aus. Gucken Sie doch in die freie Wirtschaft, wie schwer sich Unternehmen tun, eigene Anteile zurückzukaufen. Und woher soll der HSV dann das Geld nehmen, um die Anteile zurückzukaufen. Natürlich lässt sich das vertraglich regeln, aber das ist unrealistisch.
 
Uli Hoeneß hat im Sommer 2012 gesagt: »Der HSV ist der einzige Klub, der es von der Stadt und vom Umfeld schaffen könnte, langfristig dem FC Bayern ebenbürtig zu sein. Ein Global Player, aber leider ist der Verein durch das Mitspracherecht der Supporters nicht so recht handlungsfähig«. Was denken Sie darüber?
Es wird immer wieder suggeriert, dass die Mitglieder, die den Verein zum Teil auch groß gemacht haben, überhaupt keine Ahnung hätten. Warum stellt er denn nicht die Frage, inwiefern ein Anteilseigner ein Problem sein könnte. Er wird ja auch nicht müde, gegen Vereine wie Paris Saint-Germain zu wettern, wo ich ihm nur beipflichten kann.
 
Andere glauben, das große Problem beim HSV sei der Aufsichtsrat.
Wie gesagt: Es gibt bei allen Konzepten eine große Schnittmenge, und alle haben eine Verkleinerung des Aufsichtsrates in ihren Konzepten. Ich persönlich denke, es ist egal, wie groß der Aufsichtsrat ist, es kommt schlichtweg auf die Personen an. Aber machen wir uns nichts vor: Ein kleinerer Aufsichtsrat ist moderner und kann schneller reagieren. Und letztendlich gibt es da noch die gute alte Maulwurf-Geschichte, die wir beim HSV nicht loswerden. In den vergangenen Jahren sind einfach zu viele Interna nach außen gedrungen. So etwas immer nur dem Aufsichtsrat in die Schuhe zu schieben, ist mir aber auch zu einfach. Im Fußball gibt es so viele Gruppen, die Interesse daran haben könnten, dass gewisse Dinge in der Öffentlichkeit landen.

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