Vedad Ibisevic über Heimat, verzogene Talente und seine Jugend im Krieg

»Ich kenne Leid und Elend nicht aus dem Fernsehen«

Vedad Ibisevic blickt auf eine bewegte Vita zurück. Er wuchs mitten im Jugoslawienkrieg auf, nun führte er seine Heimat Bosnien zur WM in Brasilien. Ein Gespräch über die Unwägbarkeiten des Lebens und verzogene Jungprofis.

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Vedad Ibisevic, Ihr Profileben ist eine Odyssee: Sie haben in Bosnien, den USA, in Frankreich und Deutschland gespielt. Der VfB Stuttgart ist der zehnte Klub in Ihrer Laufbahn. Ist der Fußball Ihre Heimat?
Sicher gibt mir der Fußball ein Zuhause, aber Bosnien wird immer meine Heimat bleiben. Da bin ich geboren und habe meine prägenden ersten Lebensjahre erlebt.

Können Sie dieses Heimatgefühl beschreiben?
Wenn ich in meinen Geburtsort Vlasenica komme, fällt mir auf, dass es dort noch so riecht, wie in meiner Kindheit. So rauchig, irgendwie besonders, unvergesslich.

Seit 2007 leben Sie in Baden-Württemberg. Ist diese Region auch ein Zuhause?
Sonst wäre ich nicht so lange geblieben. Ich fühle mich in Deutschland sehr wohl und kann mir sogar vorstellen, nach dem Ende meiner Karriere hier zu leben.

Die »Stuttgarter Zeitung« schrieb über Sie: »Er ist keine Plaudertasche, aber auch kein Schweiger. Weder übertrieben freundlich noch unfreundlich, weder arrogant noch bescheiden.« Sind Sie der Mann ohne Eigenschaften?
Jede Situation im Leben verlangt nach einem korrekten Verhalten. Was ich damit sagen will: Ich kann meine Charakterzüge auch bestimmten Situationen unterordnen. So entsteht vielleicht dieses Bild in den Medien.

Sind Sie ein misstrauischer Mensch?
Ich habe in meinem Leben viele schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn man als junger Mann in dieses Geschäft kommt, stürzt vieles auf einen ein. Aber ich würde mich nicht grundsätzlich als misstrauisch bezeichnen.

Was für negative Erfahrungen?
Im Fußball gibt es viel Geld zu verdienen. Ich habe erlebt, dass Leute versuchten, mich über den Tisch zu ziehen. Damals gab es niemanden, der mir einen Rat geben konnte. Meine Eltern hatten keinerlei Erfahrungen in diesem Geschäft. Also musste ich erst Fehler machen, um wachsamer zu werden.

Haben Sie dennoch Freunde im Fußball?
Es ist sehr schwierig, als Profi Freunde zu finden. Aber ich habe schon Leute, mit denen ich Probleme besprechen kann.

VfB-Manager Fredi Bobic würde wohl Krassimir Balakow nennen, wenn man ihn nach einem Freund im Fußball fragt.
Bei mir ist es Sejad. Mit Sejad Salihovic spiele ich schon sehr lange zusammen, wir kennen uns aus Hoffenheim und aus der Nationalelf. Wir sind sehr gute Kumpels.

Vor 13 Jahren emigrierten Sie mit Ihren Eltern in die USA. Wie stellten Sie sich damals Ihre Zukunft vor?
Ich träumte davon, Profi zu werden. Natürlich wusste ich nicht, dass ich eines Tages beim VfB spielen und mich für eine WM qualifizieren würde.

Was in der Fußballdiaspora von St. Louis auch schwer vorstellbar ist.
Ich habe für meinen Traum gelebt, aber um ehrlich zu sein, war ich damals oft sehr kurz davor, ihn aufzugeben.

Warum?
Weil der Fußball, wie ich ihn mir vorstellte, in St. Louis ziemlich weit weg war. Ich hatte das Pech, dass Fußball an meiner Schule keine große Rolle spielte. American Football war das große Ding.

Wäre die Sportart eine Alternative gewesen?
Das war nicht meine Welt. Ich habe die Regeln überhaupt nicht verstanden. (Lacht.)

Wie wird man Profifußballer, wenn man in den USA nur Football- und Baseballfelder vorfindet?
Ich hatte immer einen eigenen Ball. Das war wichtig, denn so konnte ich mir ein paar Jungs zum Straßenkick suchen. Wir haben dann mit anderen bosnischen Emigranten Turniere organisiert. Das war aber kein ernsthaftes Training.

Aber Sie haben doch auch im Verein gespielt?
Das stimmt, aber in den Spielen dort habe ich fünf oder sechs Tore pro Spiel gemacht. Am Anfang habe ich das genossen. Aber ich habe bald gemerkt, dass ich mich auf dem Niveau nicht weiterentwickle.

Hatten Sie eine Vorstellung davon, wie gut Sie sind?
Ich wusste, dass ich kein Schlechter bin. Bevor wir in die USA emi­grierten, war ich in der Junioren-Nationalelf aktiv. Bei den Spielen kamen oft Scouts von großen Klubs vorbei.

Und träumten Sie von einem Angebot aus Europa?
Nein, ich wollte nur jeden Tag besser werden. Ich sehe heute in den Nachwuchsteams vom VfB richtig gute Spieler. Denen kann aber niemand versprechen, dass sie es bis ganz oben schaffen. Dafür gibt es im Fußball keine Garantie. Dass sie alle Möglichkeiten vor sich haben, steht außer Frage. Ob sie es aber wirklich zum Profi schaffen, hängt von ihrem Willen ab.
Woher kommt Ihr Wille?
Für mich war es gut, dass ich lange Zeit Fußball unter sehr schlechten Bedingungen spielen musste. In Bosnien und in den USA waren die Plätze nie gut, die Bälle eine Katastrophe, ich hatte nicht mal richtige Schuhe. Ich lebte für die Hoffnung, dass es eines Tages besser wird. Das hat mich angetrieben.

Haben Ihre Eltern Ihren Traum unterstützt?
Wenn es nach ihnen gegangen wäre, wäre ich heute kein Profi. Sie machten sich große Sorgen. Aus heutiger Perspektive kann ich sie gut verstehen. Aus ihrer Sicht war mein Wunsch utopisch. Sie wollten, dass ich den sicheren Weg gehe.

Wie hätte der ausgesehen?
Gute Noten in der Schule, eine Ausbildung, ein »ordentlicher« Beruf. Ich war ganz gut in der Schule, was in Amerika nicht besonders schwierig ist. Aber nur, weil meine Eltern es wollten. Mein Traum war immer Fußballprofi.

Dabei hätten Sie das Zeug zum Dolmetscher gehabt. Sie sprechen fließend Bosnisch, Englisch, Französisch und Deutsch.
Ich wurde erst spät zum Sprachtalent, weil ich mich meinem wechselnden Umfeld anpassen musste. Man kann die Kultur eines Landes und die Menschen nur verstehen, wenn man die Sprache spricht. Und ich hatte rückblickend das Glück, dass ich ständig neue Länder kennenlernte und gezwungen wurde, mich zu verständigen.

In welchem Land war der Anschluss am schwersten?
Als ich in die USA kam, war mir das Land völlig fremd, aber ich verstand die Sprache schon bald. In Frankreich war es schwieriger. In Paris war alles international, ich konnte mich auf Englisch verständigen. Aber als ich bald darauf nach Dijon ausgeliehen wurde, wurde es schwer. Es gab dort keine ausländischen Spieler, niemand sprach Englisch, ich verstand nichts. Ich merkte, dass ich etwas ändern muss.

Wann haben Sie so gut Deutsch gelernt?
In Bosnien hatte ich Deutsch in der Schule. Als wir später für ein halbes Jahr in die Schweiz gingen, machte ich noch einen Deutschkurs.

In Schweizerdeutsch?
Zum Glück lernten wir Hochdeutsch. Sonst würden Sie mich nicht verstehen.

Ihre Laufbahn ist von vielen Unwägbarkeiten geprägt. Die schwärzeste Stunde Ihres Fußballerlebens?
Der bitterste Moment als Fußballer war sicher mein Kreuzbandriss in Hoffenheim. Ich war auf dem Höhepunkt meiner bisherigen Laufbahn …

… Sie hatten in der Hinrunde der Saison 2008/09 in 17 Spielen 18 Treffer erzielt …
... und mit der Verletzung ging es praktisch von 1000 auf Null hinunter. Aber im Vergleich zu dem, was ich im Krieg in Bosnien erlebt habe, war das trotz allem nichts.

Wie fiel Ihre Reaktion aus: Wut, Trauer oder Depression?
Im ersten Augenblick war es ein Schock. Ich hoffte, es möge nicht das Kreuzband sein, sondern irgendwas anderes, so dass ich in zwei Wochen wieder spielen kann. Aber es bringt ja nichts, lange darüber nachzugrübeln, da bin ich Realist. So ist das Leben nun mal. Es bringt dich in die eine Situation und kurz darauf in eine völlig andere. Wichtig ist, mit jedem Problem zurechtzukommen. In der Reha habe ich dann viel über mich – und auch viel über das Leben nachgedacht und gelernt. Das war unglaublich – und eine Erfahrung, die etliche Profis in ihrer Laufbahn gar nicht machen.

War die vorangegangene Zeit in Hoffenheim die schönste Ihrer Profilaufbahn?
Es war sicher bisher die glücklichste. Denn im Fußball sind Glück und Erfolg dasselbe. Und die erste Bundesligasaison in Hoffenheim war unglaublich erfolgreich. Wir waren aufgestiegen, standen an der Tabellenspitze, und alles passte zusammen.

Wie nostalgisch blicken Sie zurück?
Hat es Sie getroffen, dass Hoffenheim letzte Saison fast abgestiegen wäre? Nein, im Fußball muss man die Dinge schnell abhaken. Natürlich ist es schade, dass wir dieses tolle halbe Jahr später nie mehr bestätigen konnten. Aber ich habe mich entschieden, in Stuttgart den nächsten Schritt zu machen. Hoffenheim ist für mich erledigt. Ich muss zusehen, hier einen ähnlichen Erfolg noch einmal zu erleben.

Wie ist der Kontakt zu Ihren alten Buddies Demba Ba und Chinedu Obasi?
Der Kontakt zu Obasi ist etwas abgebrochen, mit Demba telefoniere ich ab und zu und schreibe SMS.

In Hoffenheim haben Sie mit den beiden oft in der Kabine Lieder angestimmt. Wie ist das beim VfB?
Auch in Stuttgart habe ich eine kleine Clique. Mit Artur Boka, Ibrahima Traoré und Cristian Molinaro singe ich zwar nicht so viel, aber wir haben eine kleine Diskussionsrunde.

Wie müssen wir uns das vorstellen?
Vor dem Training sprechen wir oft über verschiedene Themen. Da sitzen meist vier, fünf Leute zusammen, auch unser Zeugwart Kostas ist ein wichtiger Mann in unserer vertrauten Runde.

Worüber haben Sie heute Morgen in der Runde gesprochen?
Da ging es um die Spiele in der Champions League. Es werden aber auch Themen abseits des Fußballs diskutiert.

Beim Wechsel zum VfB Stuttgart sagten Sie: »Ich habe im Fußball noch sehr viel vor.« Ihre Erwartungen sind aktuell nur schwer in Einklang mit der Realität zu bringen.
Niemand von uns kann glücklich sein darüber, wie es läuft. Natürlich wäre ich lieber auf Meisterkurs mit dem VfB, aber wir müssen akzeptieren, dass wir den BVB und Bayern München gegenwärtig praktisch nicht schlagen können. Logischerweise ärgert mich das, aber es bringt ja nichts, wenn ich dem Ärger deshalb ständig Luft mache und durchdrehe.

Sondern?
Was ich immer in meinem Leben gemacht habe: Ich kämpfe weiter. In dieser Saison ist noch viel drin. Auch wenn die Situation nicht einfach ist, es liegt an uns.

Welche Vorstellungen hatten Sie vom VfB Stuttgart vor Ihrem Wechsel an den Neckar?
Meine frühen Erinnerungen an den VfB verbinde ich mit dem »Magischen Dreieck«: mit Fredi, Krassimir Balakow und Giovane Elber. Sie haben den VfB in meiner Generation bekannt gemacht. Auch in meiner Kindheit in Bosnien war mir der VfB Stuttgart geläufig, aber damals konnten wir die Bundesliga nur selten verfolgen. Meistens hat der Fernseher nicht funktioniert – oder wir hatten keinen Strom.

Wie konkret sind Ihre Erinnerungen an den Jugoslawienkrieg?
Ich bin in Vlasenica geboren, einem kleinen Ort mitten im Kriegsgebiet. Ich war sieben, als eines Tages die Soldaten in die Stadt kamen. Sie haben uns einfach aus dem Haus verjagt, es wurde geschossen, um mich herum starben Menschen, die ich kannte. Wäre ich damals älter gewesen, wäre ich vielleicht tot, aber ich habe das Glück gehabt zu überleben. Andere Verwandte hatten dieses Glück nicht.

Wie sehr prägen diese Erinnerungen Ihr Leben?
All das, was damals passiert ist, habe ich erst viel später realisiert. Das war wahrscheinlich auch gut so, weil ich nicht weiß, wie ich es damals hätte verarbeiten sollen. Für meine Eltern waren die Erfahrungen viel schlimmer. Sie haben von heute auf morgen ihre Heimat, ihre Freunde und Teile ihrer Familien verloren.

Sie flohen von Vlasenica nach Tuzla …
das eigentlich in der kampffreien Zone lag. Das Leben dort war einfacher, aber es gab trotzdem täglich Bomben- und Granatenangriffe.

In so einer Zeit war vermutlich an Fußball nicht zu denken.
Ich war ein Kind. Als Kind macht man sich nicht so viele Gedanken über die Gefahren. Wenn die Bomber kamen, haben wir uns im Keller versteckt und gehofft, dass uns nichts passiert. Nach ein paar Minuten waren die Angriffe vorbei, wir sind wieder auf die Straße raus und haben weitergespielt.

Wie war es, nach der erfolgreichen WM-Qualifikation im Oktober 2013 in dieses Land zu kommen, wo einst alles zerstört war?
Ein unglaubliches Gefühl. Die Emotionen sind sehr schwer zu beschreiben.
Sie schossen den entscheidenden Treffer im letzten Quali-Spiel gegen Litauen. Mit nicht mal 30 sind Sie in Ihrer Heimat schon eine historische Persönlichkeit. Das wird mir jeden Tag klarer. Selbst wenn Bosnien sich zukünftig für WM-Turniere qualifiziert, das erste Mal wird unvergesslich bleiben. Das macht mich unglaublich stolz.

Sie führen seit Jahren das komfortable Leben eines Profis.
Wachen Sie noch manchmal auf und müssen sich kneifen, weil Sie den Luxus nicht glauben können? Nicht mehr jeden Tag, nein. Im Ernst: Natürlich habe ich mich an die Lebensumstände gewöhnt und bin stolz darauf. Dennoch treffe ich immer wieder Spieler, deren Einstellung mich wundert. Da merke ich, dass die es im Leben leichter gehabt haben. Ich versuche es zu berücksichtigen, aber das ist nicht einfach.

Wie meinen Sie das?
Es kommt auch vor, dass ich jungen Spielern die Meinung sage.

Wie sieht es aus, wenn Sie Ihre Meinung sagen?
Wenn jemand sein Privileg nicht zu schätzen weiß, habe ich damit Probleme. Viele haben das Glück, schon in jungen Jahren alles zu besitzen. Die wissen nicht, dass diese Lebensumstände keine Selbstverständlichkeit sind. Denen muss ich dann schon erklären, dass die meisten Menschen niemals schöne Autos, solche Wohnungen und teure Kleidung haben werden.

Und wie reagieren diese Spieler?
Ich kenne Leid und Elend nicht aus dem Fernsehen, ich habe es selbst erlebt. Die meisten verstehen sofort, dass ich keinen Quatsch rede. Aber natürlich gibt es immer Leute, die es nicht verstehen wollen.

Vedad Ibisevic, warum sollten Deutsche öfter Urlaub in Bosnien-Herzegowina machen?
Weil es ein Land mit viel unberührter Natur ist. Bosnien hat viele ursprüngliche Seiten, sogar in Sarajevo, wo sich historische und moderne Architektur verbinden. Aber auf dem Land: pure Natur. Glauben Sie mir, es ist sehr, sehr schön.

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HINWEIS: Das Gespräch wurde bereits im November 2013 für die Ausgabe 11FREUNDE #145 geführt

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