29.01.2014

Vedad Ibisevic über Heimat, verzogene Talente und seine Jugend im Krieg

»Ich kenne Leid und Elend nicht aus dem Fernsehen«

Vedad Ibisevic blickt auf eine bewegte Vita zurück. Er wuchs mitten im Jugoslawienkrieg auf, nun führte er seine Heimat Bosnien zur WM in Brasilien. Ein Gespräch über die Unwägbarkeiten des Lebens und verzogene Jungprofis.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Woher kommt Ihr Wille?
Für mich war es gut, dass ich lange Zeit Fußball unter sehr schlechten Bedingungen spielen musste. In Bosnien und in den USA waren die Plätze nie gut, die Bälle eine Katastrophe, ich hatte nicht mal richtige Schuhe. Ich lebte für die Hoffnung, dass es eines Tages besser wird. Das hat mich angetrieben.

Haben Ihre Eltern Ihren Traum unterstützt?
Wenn es nach ihnen gegangen wäre, wäre ich heute kein Profi. Sie machten sich große Sorgen. Aus heutiger Perspektive kann ich sie gut verstehen. Aus ihrer Sicht war mein Wunsch utopisch. Sie wollten, dass ich den sicheren Weg gehe.

Wie hätte der ausgesehen?
Gute Noten in der Schule, eine Ausbildung, ein »ordentlicher« Beruf. Ich war ganz gut in der Schule, was in Amerika nicht besonders schwierig ist. Aber nur, weil meine Eltern es wollten. Mein Traum war immer Fußballprofi.

Dabei hätten Sie das Zeug zum Dolmetscher gehabt. Sie sprechen fließend Bosnisch, Englisch, Französisch und Deutsch.
Ich wurde erst spät zum Sprachtalent, weil ich mich meinem wechselnden Umfeld anpassen musste. Man kann die Kultur eines Landes und die Menschen nur verstehen, wenn man die Sprache spricht. Und ich hatte rückblickend das Glück, dass ich ständig neue Länder kennenlernte und gezwungen wurde, mich zu verständigen.

In welchem Land war der Anschluss am schwersten?
Als ich in die USA kam, war mir das Land völlig fremd, aber ich verstand die Sprache schon bald. In Frankreich war es schwieriger. In Paris war alles international, ich konnte mich auf Englisch verständigen. Aber als ich bald darauf nach Dijon ausgeliehen wurde, wurde es schwer. Es gab dort keine ausländischen Spieler, niemand sprach Englisch, ich verstand nichts. Ich merkte, dass ich etwas ändern muss.

Wann haben Sie so gut Deutsch gelernt?
In Bosnien hatte ich Deutsch in der Schule. Als wir später für ein halbes Jahr in die Schweiz gingen, machte ich noch einen Deutschkurs.

In Schweizerdeutsch?
Zum Glück lernten wir Hochdeutsch. Sonst würden Sie mich nicht verstehen.

Ihre Laufbahn ist von vielen Unwägbarkeiten geprägt. Die schwärzeste Stunde Ihres Fußballerlebens?
Der bitterste Moment als Fußballer war sicher mein Kreuzbandriss in Hoffenheim. Ich war auf dem Höhepunkt meiner bisherigen Laufbahn …

… Sie hatten in der Hinrunde der Saison 2008/09 in 17 Spielen 18 Treffer erzielt …
... und mit der Verletzung ging es praktisch von 1000 auf Null hinunter. Aber im Vergleich zu dem, was ich im Krieg in Bosnien erlebt habe, war das trotz allem nichts.

Wie fiel Ihre Reaktion aus: Wut, Trauer oder Depression?
Im ersten Augenblick war es ein Schock. Ich hoffte, es möge nicht das Kreuzband sein, sondern irgendwas anderes, so dass ich in zwei Wochen wieder spielen kann. Aber es bringt ja nichts, lange darüber nachzugrübeln, da bin ich Realist. So ist das Leben nun mal. Es bringt dich in die eine Situation und kurz darauf in eine völlig andere. Wichtig ist, mit jedem Problem zurechtzukommen. In der Reha habe ich dann viel über mich – und auch viel über das Leben nachgedacht und gelernt. Das war unglaublich – und eine Erfahrung, die etliche Profis in ihrer Laufbahn gar nicht machen.
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