29.01.2014

Vedad Ibisevic über Heimat, verzogene Talente und seine Jugend im Krieg

»Ich kenne Leid und Elend nicht aus dem Fernsehen«

Vedad Ibisevic blickt auf eine bewegte Vita zurück. Er wuchs mitten im Jugoslawienkrieg auf, nun führte er seine Heimat Bosnien zur WM in Brasilien. Ein Gespräch über die Unwägbarkeiten des Lebens und verzogene Jungprofis.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago

Vedad Ibisevic, Ihr Profileben ist eine Odyssee: Sie haben in Bosnien, den USA, in Frankreich und Deutschland gespielt. Der VfB Stuttgart ist der zehnte Klub in Ihrer Laufbahn. Ist der Fußball Ihre Heimat?
Sicher gibt mir der Fußball ein Zuhause, aber Bosnien wird immer meine Heimat bleiben. Da bin ich geboren und habe meine prägenden ersten Lebensjahre erlebt.

Können Sie dieses Heimatgefühl beschreiben?
Wenn ich in meinen Geburtsort Vlasenica komme, fällt mir auf, dass es dort noch so riecht, wie in meiner Kindheit. So rauchig, irgendwie besonders, unvergesslich.

Seit 2007 leben Sie in Baden-Württemberg. Ist diese Region auch ein Zuhause?
Sonst wäre ich nicht so lange geblieben. Ich fühle mich in Deutschland sehr wohl und kann mir sogar vorstellen, nach dem Ende meiner Karriere hier zu leben.

Die »Stuttgarter Zeitung« schrieb über Sie: »Er ist keine Plaudertasche, aber auch kein Schweiger. Weder übertrieben freundlich noch unfreundlich, weder arrogant noch bescheiden.« Sind Sie der Mann ohne Eigenschaften?
Jede Situation im Leben verlangt nach einem korrekten Verhalten. Was ich damit sagen will: Ich kann meine Charakterzüge auch bestimmten Situationen unterordnen. So entsteht vielleicht dieses Bild in den Medien.

Sind Sie ein misstrauischer Mensch?
Ich habe in meinem Leben viele schlechte Erfahrungen gemacht. Wenn man als junger Mann in dieses Geschäft kommt, stürzt vieles auf einen ein. Aber ich würde mich nicht grundsätzlich als misstrauisch bezeichnen.

Was für negative Erfahrungen?
Im Fußball gibt es viel Geld zu verdienen. Ich habe erlebt, dass Leute versuchten, mich über den Tisch zu ziehen. Damals gab es niemanden, der mir einen Rat geben konnte. Meine Eltern hatten keinerlei Erfahrungen in diesem Geschäft. Also musste ich erst Fehler machen, um wachsamer zu werden.

Haben Sie dennoch Freunde im Fußball?
Es ist sehr schwierig, als Profi Freunde zu finden. Aber ich habe schon Leute, mit denen ich Probleme besprechen kann.

VfB-Manager Fredi Bobic würde wohl Krassimir Balakow nennen, wenn man ihn nach einem Freund im Fußball fragt.
Bei mir ist es Sejad. Mit Sejad Salihovic spiele ich schon sehr lange zusammen, wir kennen uns aus Hoffenheim und aus der Nationalelf. Wir sind sehr gute Kumpels.

Vor 13 Jahren emigrierten Sie mit Ihren Eltern in die USA. Wie stellten Sie sich damals Ihre Zukunft vor?
Ich träumte davon, Profi zu werden. Natürlich wusste ich nicht, dass ich eines Tages beim VfB spielen und mich für eine WM qualifizieren würde.

Was in der Fußballdiaspora von St. Louis auch schwer vorstellbar ist.
Ich habe für meinen Traum gelebt, aber um ehrlich zu sein, war ich damals oft sehr kurz davor, ihn aufzugeben.

Warum?
Weil der Fußball, wie ich ihn mir vorstellte, in St. Louis ziemlich weit weg war. Ich hatte das Pech, dass Fußball an meiner Schule keine große Rolle spielte. American Football war das große Ding.

Wäre die Sportart eine Alternative gewesen?
Das war nicht meine Welt. Ich habe die Regeln überhaupt nicht verstanden. (Lacht.)

Wie wird man Profifußballer, wenn man in den USA nur Football- und Baseballfelder vorfindet?
Ich hatte immer einen eigenen Ball. Das war wichtig, denn so konnte ich mir ein paar Jungs zum Straßenkick suchen. Wir haben dann mit anderen bosnischen Emigranten Turniere organisiert. Das war aber kein ernsthaftes Training.

Aber Sie haben doch auch im Verein gespielt?
Das stimmt, aber in den Spielen dort habe ich fünf oder sechs Tore pro Spiel gemacht. Am Anfang habe ich das genossen. Aber ich habe bald gemerkt, dass ich mich auf dem Niveau nicht weiterentwickle.

Hatten Sie eine Vorstellung davon, wie gut Sie sind?
Ich wusste, dass ich kein Schlechter bin. Bevor wir in die USA emi­grierten, war ich in der Junioren-Nationalelf aktiv. Bei den Spielen kamen oft Scouts von großen Klubs vorbei.

Und träumten Sie von einem Angebot aus Europa?
Nein, ich wollte nur jeden Tag besser werden. Ich sehe heute in den Nachwuchsteams vom VfB richtig gute Spieler. Denen kann aber niemand versprechen, dass sie es bis ganz oben schaffen. Dafür gibt es im Fußball keine Garantie. Dass sie alle Möglichkeiten vor sich haben, steht außer Frage. Ob sie es aber wirklich zum Profi schaffen, hängt von ihrem Willen ab.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden