VDV-Trainer Ralf Zumdick über Fußball und Arbeitslosigkeit

»Man muss den Spielern die Augen öffnen«

Ralf Zumdick hat den VfL Bochum, die Nationalmannschaft Ghanas und Persepolis Teheran trainiert. Jetzt betreut er arbeitslose Fußballer im Camp der Vereinigung für Vertragsfußballspieler.

Ralf Zumdick, seit diesem Montag betreuen Sie als Trainer des VDV (Vereinigung für Vertragsfußballspieler)-Camps arbeitslose Fußballer. Wie ist es, Spieler zu trainiren, die lieber bei einem Verein statt unter ihrer Regie arbeiten würden?
Bisher läuft alles gut. Die Jungs gehen mit Elan an die Sache heran. Und das ist auch gut so, denn wir haben in der Sportschule Duisburg-Wedau professionelle Bedingungen und schaffen den Spielern eine Möglichkeit, sich auf kommende Aufgaben gut vorzubereiten.

Ist es wirklich so einfach, einen wild zusammengestellten Haufen arbeitsloser Fußballer zu trainieren?
Natürlich bringt eine solche Gruppenform Dinge mit sich, die man bei einem Verein so nicht kennenlernt. Deshalb sind wir auch noch dabei, die neuen Eindrücke zu verarbeiten. In so einer Gruppe ist die Leistungsdichte ganz anders als in einer Mannschaft, die am regulären Spielbetrieb teilnimmt. Es kann auch immer sein, dass ein Spieler von jetzt auf gleich zu einem Probetraining eingeladen wird und sich die Gruppenstruktur dadurch verändert. Wir arbeiten außerdem nicht auf ein gemeinsames Ziel hin, wollen keine Meisterschaft gewinnen oder den Abstieg verhindern. Es geht darum, die Spieler individuell voranzubringen.

Welche Eigenschaften müssen Sie dabei als Trainer zeigen?
Die soziale Komponente ist wichtig. Man hat es mit Spielern zu tun, die vor einer ungewissen Zukunft stehen und muss dementsprechend mit ihnen arbeiten. Im Verein kann ich darauf weniger Rücksicht nehmen. Da geht es darum, ein Team zu formen, das Erfolge einfährt. Es herrscht eine ganz andere Art von Druck.

Können die Spieler unter diesen Voraussetzungen überhaupt so etwas wie Teamgeist entwickeln?
Wir betreiben hier einen Mannschaftssport, das ist nicht anders als bei den Vereinen. Deshalb setze ich ein gewisses Maß an Kollegialität voraus. Wenn das ein Spieler nicht ernst nimmt, kann ich es mir auch herausnehmen, ihn nach Hause zu schicken.

Jeder Fußballer hat seine eigene Geschichte. Gibt es dennoch eine Möglichkeit, die arbeitslosen Fußballer aus ihrer Gruppe zu kategorisieren?
Es gibt zwei verschiedene Typen. Auf der einen Seite stehen Spieler, die seit Jahren dabei sind. Mit Christian Rahn zum Beispiel habe ich früher beim Hamburger SV zusammengearbeitet, als er sogar Nationalspieler war. (Zumdick arbeitete zwischen 2003 und 2007 in Hamburg als Kotrainer, Anm. d. Red.) Dann wiederum gibt es junge Spieler, die sich noch nicht etablieren konnten, jedoch weiterhin versuchen, im Profibereich Fuß zu fassen. 

Das Camp geht bis zum 21. September. Was machen Sie mit den Spielern, die auch dann immer noch auf Angebote warten?
Das könnte zu einer Gefahr werden. Diese Spieler werden mit Stimmungsschwankungen zu kämpfen haben. Es wird unsere Aufgabe sein, viele Einzelgespräche darüber zu führen.

Wie werden diese ausfallen?
Meine vorrangige Aufgabe ist es, die Spieler zu motivieren. Es kann aber durchaus sein, dass ich einigen Spielern sagen muss, dass es bei ihnen derzeit nicht für die zweite oder dritte Liga reicht. Man muss den Spielern die Augen zu öffnen, auch wenn das unangenehm werden kann. Dann muss man die Leute einerseits dazu bringen, trotzdem weiterhin Fußball zu spielen und sich vielleicht in der Regionalliga etwas zu suchen, andererseits jedoch Perspektiven aufzeigen, die es neben dem Fußball noch gibt. Bei der VDV haben sie dafür die richtigen Ansprechpartner. Wir haben einen Mitarbeiter, mit dem die Spieler jederzeit über Karrierepläne abseits des Platzes sprechen können.

Sie waren in den Achtzigern und frühen Neunzigern selbst Fußballprofi. Hat sich die Situation für arbeitslose Fußballer seit dieser Zeit verbessert oder verschlechtert?
Durch die VDV gibt es eine Organisation, an die sich arbeitslose Fußballer mit allen möglichen Problemen wenden können. Doch insgesamt ist es heutzutage schwieriger, Profi zu werden oder nach einer Phase der Arbeitslosigkeit wieder reinzukommen. Die Jugendarbeit verbessert sich ständig, es kommen also immer neue Talente nach. Außerdem ist der internationale Markt sehr groß. Spieler, die einmal raus sind, geraten schnell in Vergessenheit. Bei den Trainern ist es nicht anders.

Sie haben als Trainer derzeit ebenfalls keine feste Anstellung. Glauben Sie, dass auch Sie sich mit Ihrer Arbeit für neue Aufgaben empfehlen können?
Auf jeden Fall lerne ich ein Umfeld kennen, das mit meinen vorherigen Tätigkeiten nicht zu vergleichen ist, und kann mich in diesem Zusammenhang weiterentwickeln. Außerdem bleibe ich im Rhythmus.

Ralf Zumdick, die VDV wirbt damit, dass im Schnitt 80 Prozent ihrer Teilnehmer einen neuen Verein finden. Wie optimistisch sind Sie, diese Quote zu erreichen?
Ich kann nichts versprechen. Bei einigen Spielern bin ich mir aber jetzt schon sicher, dass sie einen neuen Verein finden werden. Wie viele das sein werden, ist schwer zu sagen. Ich kann den Spielern keinen neuen Verein vermitteln, sondern bin nur dazu da, sie zu motivieren und ihnen mitzuteilen, auf welchem Leistungsstand ich sehe.

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Derzeit (Stand: Mittwoch, 11. Juli) trainieren 15 Spieler im VDV-Camp. Im Laufe der nächsten Woche wird die Kaderstärke auf bis zu 26 Akteure ausgebaut. Nicht alle Spieler, die sich beworben hatten, bekamen einen Platz im Camp; einige stehen noch auf der Warteliste und rücken nach, falls ein Akteur einen neuen Verein findet.  Im aktuellen Aufgebot stehen folgende Spieler:

  • Rouven Sattelmaier, 24, Tor, Letzter Verein: FC Bayern München
  • Andreas Katzenmaier, 19, Tor, Letzter Verein: SV Sandhausen
  • Erik Domaschke, 26, Tor, Letzter Verein: Hessen Kassel
  • Thomas Unger, 27, Tor, Letzter Verein: Alemannia Aachen
  • Christian Rahn, 33, Abwehr, Letzter Verein: SpVgg Greuther Fürth
  • Andy Habl, 27, Abwehr, Letzter Verein: SC Fortuna Köln
  • Alassane Ouedraogo, 31, Mittelfeld, Letzter Verein: SC Fortuna Köln
  • Abdelkader Maouel, 24, Mittelfeld, Letzter Verein: Bayer Leverkusen 
  • Lars Schlichting, 29, Mittelfeld, Letzter Verein: Ethnikos Achnas (Zypern)
  • Marcel Nolde, 27, Mittelfeld, Letzter Verein: FC Sachsen Leipzig
  • Tamandani Nsaliwa, 30, Mittelfeld, Letzter Verein: AEK Athen (Griechenland)
  • Dennis Schulte, 22, Mittelfeld, Letzter Verein: 1. FC Köln
  • Daniel Chitsulo, 29, Sturm, Letzter Verein: Preußen Münster
  • Bakary Diakité, 31, Sturm, Letzter Verein: Gostaresh Foolad (Iran)
  • Oludare Patrick Oluwole, 23, Sturm, Letzter Verein: SV Freudental

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