Valerien Ismael über Frankreichs Schande

»Ein Körper ohne Kopf«

Frankreichs Fußball-Nation ist am Boden: Die Nationalmannschaft verliert und zerfleischt sich gegenseitig, Anelka beschimpft wüst seinen Trainer und auch Franck Ribery ist ein Schatten seiner selbst. Wir sprachen darüber mit Valerien Ismael. Valerien Ismael über Frankreichs Schande

Valerien Ismael, haben Sie gehört, was Nicolas Anelka seinem Trainer Raymond Domenech in der Halbzeitpause des Mexiko-Spiels mit auf den Weg gegeben haben soll?

Was ist denn nun schon wieder? Die nächste Katastrophe?

So könnte man es ausdrücken. Anelka soll Domenechs Mutter unter anderem vorgeworfen haben ihren Unterhalt im horizontalen Gewerbe zu verdienen...

Moment, das will ich mir genauer im Internet durchlesen. Können Sie mich in 20 Minuten noch einmal anrufen?

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(20 Minuten später)

Und?

Wie sagt man auf deutsch? Krass. Jetzt hat sich die Equipe endgültig vor der ganzen Welt bis auf die Knochen blamiert. Für den französischen Fußball ist das eine absolute Schande. Aber auch das ist nur das Ergebnis einer monatelangen Entwicklung in die falsche Richtung.

Was meinen Sie konkret?

Die Mannschaft ist im Vorfeld der WM nie wirklich zur Ruhe gekommen. Yoann Gourcuff ist ein Fremdkörper, William Gallas war beleidigt, weil er von Domenech nicht als Kapitän ernannt wurde und wollte nicht mehr mit den Medien sprechen... So geht es seit Monaten. Und das kommt dabei heraus: Eine emotionslose Nationalmannschaft ohne Leidenschaft, ohne Hingabe, ohne WM-Form.

Aber: Das sind doch alles Profis auf dem Platz. Sind die nicht in der Lage 90 Minuten lang alle Probleme beiseite zu schieben und anständig Fußball zu spielen?

Was das angeht macht es keinen Unterschied, ob eine Hobbytruppe, oder die französische Nationalmannschaft auf dem Platz steht: Wenn der Zusammenhalt fehlt, wenn sich die Spieler nicht wohlfühlen, dann zerbröselt jede Fußball-Mannschaft der Welt in ihre Einzelteile.

Im Zentrum der Kritik steht Trainer Raymond Domenech. Warum?

Weil er es nicht geschafft hat, aus diesen hervorragenden Einzelkönnern ein erfolgreiches Gebilde zu basteln. Er kennt einfach nicht die richtige Formel. Schauen sie sich an, wie er an der Aufstellung herumdoktert! Mal Ribery links, mal Ribery rechts, mal Ribery zentral. Mal Malouda raus, mal rein. Henry kam gegen Mexiko überhaupt nicht zum Einsatz... Das sind taktische Unzulänglichkeiten, die man Raymond Domenech ankreiden muss.

Aber 2006 in Deutschland war doch noch alles ganz wunderbar. Frankreich ist bis ins Finale gekommen!

Vergleichen sie doch mal die Aufstellungen von damals und heute. 2006: Zidane, Makelele, Barthez, Sagnol, Viera – das waren Persönlichkeiten, echte Spitzenspieler die in der Lage waren dem Trainer contra zu geben.

Contra?

Domenech hat schon damals viel Mist gebaut, aber seine Mannschaft war stark genug, seine Fehler in der Aufstellung und in der Taktik auf dem Rasen selbst auszubügeln. Das ist die aktuelle Auswahl nicht.

Warum?

Weil weit und breit keine Führungsspieler zu finden sind. Gourcuff ist der perfekte Schwiegersohn und ein fantastischer Fußballer, aber kein Spieler, der in so einer Mannschaft den  Ton angibt. Patrice Evra versucht es als Kapitän, aber scheint seine Mitspieler nicht zu erreichen.

Heißt das, es gibt momentan keinen einzigen Franzosen vom Schlage eines Viera, Makelele oder Willy Sagnol?


Das ist ja das Dilemma. Der Phantomschmerz 2006 scheint die aktuelle Auswahl zu lähmen. Diese Nationalmannschaft ist wie ein Körper ohne Kopf.

Domenechs Nachfolger heißt Laurent Blanc. Wird er in der Lage sein die französischen Wunden zu heilen?

Er kann das, denn er war ein großer Spieler, ist ein guter Trainer und die Fans lieben ihn. Aber er wird Zeit brauchen. Diese Schande wird Frankreich nicht so schnell vergessen.

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