14.02.2008

Valérien Ismaël im Interview

»Ich hatte keinen Spaß mehr«

Bei Bayern drückte Valérien Ismaël die Bank. Nun sucht der Franzose bei Hannover 96 nach neuen Herausforderungen. Hier spricht er über sein gestörtes Verhältnis zu Hitzfeld, seine schwere Verletzung – und den Tag der Abrechnung.

Interview: Dirk Gieselmann und Tim Jürgens Bild: Imago
In München trafen Sie nach Ihrer Zeit in Bremen auf Stars wie Daniel van Buyten, Martin Demichelis oder Lucio. Verhindert ein derart ausgeprägter Konkurrenzkampf einen echten Teamgeist?

Bei Bayern standen 25 Nationalspieler im Kader. Jeder kämpft um seinen Platz und muss über seine Grenzen gehen. Olli Kahn hat es einmal gesagt: Der Druck ist enorm. Du kannst nie sagen: »Heute bin ich müde.« Denn die Konkurrenz schläft nicht.

Dieser Druck wird von den Verantwortlichen oft noch potenziert. Waren Sie mitunter wütend auf Rummenigge & Co.?


Sie versuchen stets, das Optimum herauszuholen. Dabei kommt es zu der einen oder anderen Überreaktion, die an die Öffentlichkeit gelangt. Natürlich wäre es besser, alles intern zu regeln. Aber man darf nicht vergessen: Die Presse macht in München aus einem Satz eine ganze Woche lang ein Thema. Auch das bringt Unruhe in die Mannschaft.

Sie selbst haben auch für Unruhe gesorgt, als Sie sagten, Sie seien sauer auf Ottmar Hitzfeld, weil er Ihnen nach Ihrem Schien- und Wadenbeinbruch nie mehr eine Chance gegeben hat.

Der Journalist, der dieses angebliche Zitat druckte, hat sich inzwischen bei mir entschuldigt. Um das klar zu stellen: Ich habe lediglich gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass Hitzfeld mir nicht mehr vertraut. Mit 32 Jahren war es für mich nach der langen Verletzung (ein Tumor am Schienbein, der im August 2006 zu einem Bruch des Schien- und Wadenbeins führte, Anm.d.Red.) sehr wichtig, regelmäßig zu spielen und meinen Rhythmus wieder zu finden. Diese Möglichkeit hatte ich in München aber nicht mehr.

Hat man Sie zur Randfigur degradiert?

Das war das Problem. Bei Bayern hat man keine Zeit. Der Verein hat mich während meiner Verletzung zwar unterstützt, aber auf der anderen Seite kann man nicht darauf warten, dass ein Spieler irgendwann zurückkommt. Letztlich steckt man in der Schublade mit der Aufschrift: »Verletzt«. Wenn es soweit ist, wird man als Spieler unsicher und büßt das Selbstbewusstsein ein, was letztendlich zu meinem Abgang geführt hat.

Im Sommer wechselt Ihr ehemaliger Mitspieler Tim Borowski zu den Bayern. Welchen Tipp würden Sie ihm mit auf den Weg geben?


Ich wollte zuviel auf einmal. Ich wollte mich durchsetzen, Stammspieler werden, die Meisterschaft und die Champions League gewinnen und auch noch Nationalspieler werden. Am Ende habe ich bei all diesen Zielen den Spaß am Fußball verloren. Dabei ist Spaß doch das Wichtigste, egal welchen Beruf man ausübt. Heute würde ich anders an die Sache rangehen. Ich würde versuchen, ohne Druck mit viel Freude zu den Bayern zu wechseln – und die Zeit genießen.

Gab es in der Mannschaft Leute, mit denen Sie offen über den Mangel an Spaß gesprochen haben?

Das ist mir erst während meiner langen Verletzungszeit bewusst geworden. Wenn du in so einer Mühle bist, funktionierst du einfach. Jetzt weiß ich: Es war einfach zu viel Spannung in meinem Körper, und die Verletzung war zum Teil auch eine Folge dieser Anspannung.

Gibt es Spieler beim FC Bayern, die den Spaß ebenfalls verloren haben?

Schauen Sie sich Lukas Podolski an. Er lebt vom Spaß am Fußball, doch bei Bayern hat er ihn verloren. Erst wenn er ihn wieder gefunden hat, kann er wieder Erfolg haben.

Ist es eine Aufgabe des Trainers, den Spielern diesen Spaß zu vermitteln?

Ohne Zweifel. Ein guter Trainer ist immer auch ein guter Psychologe. Er muss den Spielern jeden Tag Lust machen, morgens zur Arbeit zu fahren und zu trainieren.

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