Valérien Ismaël im Interview

»Ich hatte keinen Spaß mehr«

Bei Bayern drückte Valérien Ismaël die Bank. Nun sucht der Franzose bei Hannover 96 nach neuen Herausforderungen. Hier spricht er über sein gestörtes Verhältnis zu Hitzfeld, seine schwere Verletzung – und den Tag der Abrechnung. Valérien Ismaël im InterviewImago
Heft #75 02 / 2008
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Valérien Ismaël, als Ihr Heimatland Frankreich 1984 Europameister wurde, waren Sie neun Jahre alt. Ein guter Grund für ein Kind, Fußballer werden zu wollen.

Nicht für mich. Ich wollte damals Sportlehrer werden. Erst mit 14 reifte auf dem Sport-internat in Straßburg langsam der Plan in mir, es als Profi zu versuchen.

Michel Platini war demnach auch nicht Ihr großes Vorbild.

Die Großen des Geschäfts habe ich erst mit 16, 17 wahrgenommen. Und dann wollte ich sein wie Franco Baresi vom AC Milan.

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Was imponierte Ihnen an Baresi?

Sein hervorragendes Stellungsspiel und die Art, wie er ein Team dirigierte. Gar nicht so sehr seine Physis, er war ja relativ klein, sondern eher seine Ausstrahlung als Typ.

Was ist aus dem Sportlehrer geworden, der Sie einst werden wollten?

Ein bisschen davon ist noch vorhanden, denn klare Ansagen und Kommunikation beherzige ich bis heute. Wenn auf dem Platz etwas falsch läuft, ist es meine Aufgabe, die Mitspieler darauf hinzuweisen. Und ich halte es für wichtig, Erfahrungen früh an junge Spieler weiterzugeben, damit sie in den ersten Profi-Jahren keine Zeit verlieren.

Ihre pädagogische Ader konnten Sie auch in Bremen ausleben. Dort sollen Sie quasi der Erziehungsberechtigte für schwierige Typen wie Ailton und Johan Micoud gewesen sein.

Für einen Lehrer sind die beiden viel zu eigenständig. Aber wir haben uns sehr gut verstanden. Gerade das erste Jahr in Bremen war einmalig. Ailton und Micoud sind sehr interessante und sensible Menschen. Nach außen hin wirken sie vielleicht etwas schrullig, aber das ist nur Fassade, ein Schutzmechanismus.

Braucht Ailton trotzdem eine besondere Form der Führung?

Ailton braucht Vertrauen. Man muss ihn nehmen, wie er ist, dann bekommt man alles von ihm. Sobald man aber versucht, ihn zu ändern, macht er zu. Es ist schwer, herauszufinden, wie Ailton wirklich denkt, aber in Bremen ist es uns damals gelungen.

Macht es Sie traurig, wenn Sie auf den weiteren Verlauf seiner Karriere schauen?

Ich wusste, dass es ein Fehler ist, wenn er Bremen verlässt. Dort war er der König. Bei seinen späteren Vereinen musste er sich dem Konzept anpassen, nicht das Konzept ihm. Und das ging schief. Ich glaube, das ist ihm selbst auch schon bald bewusst geworden.

Haben Sie ihn vor seinem Wechsel gewarnt?

Nein, denn er hatte damals seine Entscheidung bereits getroffen. In der Folgezeit ist er einen seltsamen Karriereweg gegangen – und hat nie mehr die Kurve gekriegt. Das macht mich schon sehr traurig.

Haben auch Sie einen Fehler gemacht, als Sie nach München wechselten?

Überhaupt nicht, denn es war immer mein Traum, dort zu spielen. Jeder Spieler muss diese Chance nutzen, wenn sie sich ihm bietet. Erst im Nachhinein kann ich sagen: Die Zeit in Bremen war ohnegleichen. Ich war nie verletzt, war Stammspieler, wir hatten Erfolg. In München war ich zwar auch Stammspieler, aber der Stress war viel größer.

In München trafen Sie nach Ihrer Zeit in Bremen auf Stars wie Daniel van Buyten, Martin Demichelis oder Lucio. Verhindert ein derart ausgeprägter Konkurrenzkampf einen echten Teamgeist?

Bei Bayern standen 25 Nationalspieler im Kader. Jeder kämpft um seinen Platz und muss über seine Grenzen gehen. Olli Kahn hat es einmal gesagt: Der Druck ist enorm. Du kannst nie sagen: »Heute bin ich müde.« Denn die Konkurrenz schläft nicht.

Dieser Druck wird von den Verantwortlichen oft noch potenziert. Waren Sie mitunter wütend auf Rummenigge & Co.?


Sie versuchen stets, das Optimum herauszuholen. Dabei kommt es zu der einen oder anderen Überreaktion, die an die Öffentlichkeit gelangt. Natürlich wäre es besser, alles intern zu regeln. Aber man darf nicht vergessen: Die Presse macht in München aus einem Satz eine ganze Woche lang ein Thema. Auch das bringt Unruhe in die Mannschaft.

Sie selbst haben auch für Unruhe gesorgt, als Sie sagten, Sie seien sauer auf Ottmar Hitzfeld, weil er Ihnen nach Ihrem Schien- und Wadenbeinbruch nie mehr eine Chance gegeben hat.

Der Journalist, der dieses angebliche Zitat druckte, hat sich inzwischen bei mir entschuldigt. Um das klar zu stellen: Ich habe lediglich gesagt, dass ich das Gefühl habe, dass Hitzfeld mir nicht mehr vertraut. Mit 32 Jahren war es für mich nach der langen Verletzung (ein Tumor am Schienbein, der im August 2006 zu einem Bruch des Schien- und Wadenbeins führte, Anm.d.Red.) sehr wichtig, regelmäßig zu spielen und meinen Rhythmus wieder zu finden. Diese Möglichkeit hatte ich in München aber nicht mehr.

Hat man Sie zur Randfigur degradiert?

Das war das Problem. Bei Bayern hat man keine Zeit. Der Verein hat mich während meiner Verletzung zwar unterstützt, aber auf der anderen Seite kann man nicht darauf warten, dass ein Spieler irgendwann zurückkommt. Letztlich steckt man in der Schublade mit der Aufschrift: »Verletzt«. Wenn es soweit ist, wird man als Spieler unsicher und büßt das Selbstbewusstsein ein, was letztendlich zu meinem Abgang geführt hat.

Im Sommer wechselt Ihr ehemaliger Mitspieler Tim Borowski zu den Bayern. Welchen Tipp würden Sie ihm mit auf den Weg geben?


Ich wollte zuviel auf einmal. Ich wollte mich durchsetzen, Stammspieler werden, die Meisterschaft und die Champions League gewinnen und auch noch Nationalspieler werden. Am Ende habe ich bei all diesen Zielen den Spaß am Fußball verloren. Dabei ist Spaß doch das Wichtigste, egal welchen Beruf man ausübt. Heute würde ich anders an die Sache rangehen. Ich würde versuchen, ohne Druck mit viel Freude zu den Bayern zu wechseln – und die Zeit genießen.

Gab es in der Mannschaft Leute, mit denen Sie offen über den Mangel an Spaß gesprochen haben?

Das ist mir erst während meiner langen Verletzungszeit bewusst geworden. Wenn du in so einer Mühle bist, funktionierst du einfach. Jetzt weiß ich: Es war einfach zu viel Spannung in meinem Körper, und die Verletzung war zum Teil auch eine Folge dieser Anspannung.

Gibt es Spieler beim FC Bayern, die den Spaß ebenfalls verloren haben?

Schauen Sie sich Lukas Podolski an. Er lebt vom Spaß am Fußball, doch bei Bayern hat er ihn verloren. Erst wenn er ihn wieder gefunden hat, kann er wieder Erfolg haben.

Ist es eine Aufgabe des Trainers, den Spielern diesen Spaß zu vermitteln?

Ohne Zweifel. Ein guter Trainer ist immer auch ein guter Psychologe. Er muss den Spielern jeden Tag Lust machen, morgens zur Arbeit zu fahren und zu trainieren.

Kann das Jürgen Klinsmann besser als Ottmar Hitzfeld?

Seine Verpflichtung ist eine sinnvolle und mutige Entscheidung der Vereinsführung. Klinsmann ist ein Mann mit Power, der im Klub definitiv neue Impulse lostreten kann. Er ist ein Motivator, der jedem Spieler individuell das Gefühl geben kann, dass er auf seiner Position der Beste der Welt ist.

Ihr Trainer in Bremen, Thomas Schaaf, gilt in der Öffentlichkeit als knorrig und wortkarg. Trotzdem konnte er Ihnen dieses Gefühl offensichtlich stets vermitteln.

Er war der Grund, warum es bei mir von Anfang an so gut lief und ich in Bremen regelrecht aufblühte. Schaaf hat mir gezeigt, welche Qualitäten ich habe – nicht nur spielerisch, sondern auch charakterlich.

Was bleibt für Sie aus Ihrer Zeit in München?

Ich bin im Frieden weggegangen und freue mich, diese Leute auch in absehbarer Zeit mal wieder zu treffen.

Wissen Sie, was am 16. Februar 2008 ist?


Da spielen wir gegen die Bayern.

Der Tag der Abrechnung?


Überhaupt nicht. Wenn alles glatt läuft, ist es ein Tag der Freude, weil ich wieder Fußball spielen kann – und dann auch noch gegen meine alten Freunde aus München. Ich möchte den Tag einfach nur genießen.

Auf wen freuen Sie sich am meisten?


Besonders auf Lukas, weil wir in München viel zusammen gelacht haben. Auch zu Mark van Bommel und Willy Sagnol hatte ich ein ausgesprochen gutes Verhältnis.

Auf Ottmar Hitzfeld freuen Sie sich aber nicht explizit?


Es ist bekannt, dass wir unterschiedliche Ansichten hatten. Aber auch ihn werde ich höflich begrüßen, denn Sie sehen ja, dass ich seine Entscheidung, mich nicht mehr zu berücksichtigen, akzeptiere, indem ich mich neu orientiert habe.

Fehlen Ihnen Ihre Kumpels Lukas Podolski, Willy Sagnol und Mark van Bommel hier in Hannover?


Es tut immer weh, sich von heute auf morgen von Leuten, die man mag, zu verabschieden. Aber im Fußball sieht man sich immer zweimal. Ich bin sicher, dass wir auch über unser Karriereende hinaus miteinander verbunden bleiben. Schließlich haben wir gemeinsam das Bundesliga-Double geholt.

Freundschaften im Profifußball sind also doch möglich.

Ich bin nicht mit allen Spielern so eng verbunden, aber ich bin der Ansicht, dass man versuchen muss, Beziehungen zu pflegen. Das Geschäft ist so überschaubar, gut möglich, dass wir uns später in anderer Funktion noch einmal über den Weg laufen.

Würden Sie auch Lukas Podolski raten, München zu verlassen?

Er kann jetzt abwarten, wie Klinsmann mit ihm plant. Schließlich hatte Lukas viel Spaß bei der WM, warum sollte die gute Laune also mit Klinsmann nicht in absehbarer Zeit zurückkommen?

Aber mal im Ernst: Passt ein lebensfroher Franzose wie Sie nicht viel besser ins bunte München als ins windige Bremen oder das raue Hannover?

Fußballprofi ist ein Beruf. Wenn man sich für eine Station entscheidet, geht es also nicht darum, in einer schicken Stadt zu leben, sondern um den Job. Wenn es nach dem Drumherum ginge, wäre ich natürlich in München geblieben. Aber ich wollte wieder Fußball spielen, deswegen habe ich den Weg nach Hannover eingeschlagen. Ich kann ja nach der Karriere immer noch zurück nach München ziehen.

Sie planen, auch nach der Karriere in Deutschland zu bleiben?

Meiner Verlobten und mir hat es in Bayern sehr gut gefallen. Wir haben dort auch Freunde, die nichts mit Fußball zu tun haben. München ist auf jeden Fall eine Option für später.

Sie mögen Deutschland wirklich.


Auf jeden Fall. Ich hatte vor meinem Wechsel an die Leine mehr Anfragen aus dem Ausland als aus der Bundesliga. Aber ich wollte hier bleiben.

Sie sollen sogar mit dem Gedanken gespielt haben, sich vor der WM 2006 einbürgern zu lassen und für Deutschland zu spielen.

Das stimmt. Ich hatte mit Jürgen Klinsmann sogar telefoniert und ihm gesagt, dass ich auch nach der Karriere hier bleiben wolle. Aber letztendlich hat sich Klinsmann gegen eine Einbürgerung ausgesprochen.

Wie reagieren Franzosen, denen Sie so etwas sagen?

Man kann das Leben nicht durchplanen. Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg. Keine Ahnung, warum ich nach Deutschland gehöre. Ich habe bei Racing Straßburg gespielt und bin zu Crystal Palace nach England gewechselt. Dort habe ich mich überhaupt nicht wohl gefühlt – also bin ich wieder zurück nach Frankreich zum RC Lens. Aber auch dort wurde ich einfach nicht mehr warm. Als ich dann 2003 zum SV Werder Bremen kam, passte einfach alles – und das vom ersten Tag an. Ich war so begeistert, dass ich nach einem halben Jahr fließend deutsch sprechen konnte.

Das Unwohlsein nach dem Wechsel zurück nach Frankreich hing mit der Situation in Lens zusammen?


Das kann ich gar nicht so genau sagen. Es war ein seltsames Bauchgefühl. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute dort einfach nicht verstehen, wie ich wirklich bin. Ich ticke anders. Und in Bremen bemerkte ich, wie viel mehr die Leute und das, was sie sagten, meiner Vorstellung vom Leben und vom Fußball entsprachen.

Wie erklären Sie sich das?

Ich weiß es nicht. Ich habe mir diese Frage schon oft gestellt – warum ausgerechnet Deutschland, warum nicht Spanien, England oder Italien?

Sind es die typisch deutschen Klischees, die Ihrem Charakter entgegen kommen: Pünktlichkeit, Disziplin, Zuverlässigkeit?

Vielleicht. In Frankreich sind diese Eigenschaften nicht so ausgeprägt. Und ich weiß, dass ich sie dort auch immer ein bisschen vermisst habe.

Inwieweit haben Sie noch eine französische Seite?


Na ja, ab und an trinke ich gern ein Glas Rotwein zum Essen. Das ist ein Teil der Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Es gibt noch ein französische Seite in mir – aber ich fühle mich zumindest zu fünfzig Prozent deutsch.

Sie sagten, dass Sie in München den Spaß am Fußball eingebüßt haben. Lag das auch an Ihrer deutschen Mentalität?

Nein, das ist hundert Prozent Valérien Ismaël, der nur noch »ich muss, ich muss, ich muss« dachte. Inzwischen habe ich gelernt, dass es andersherum laufen muss: Wenn man Spaß an der Sache hat, erreicht man die Ziele von ganz allein.

Als Franck Ribéry nach München kam, wurde sein französisches Temperament von den Medien positiv herausgestellt. Ging er Ihnen auf die Nerven?

Nein, überhaupt nicht. Natürlich ist er viel mehr Franzose als ich es bin, aber das ist kein Vorwurf. Als er ankam, war mir sofort klar, dass er die typischen Eigenschaften eines Franzosen in sich trägt...

Die da wären?

Franzosen sind gemeinhin lockerer und leichtlebiger. Die Deutschen sind viel konzentrierter in der Sache und mitunter verbissen. Franck ging viel leichter mit der Situation bei Bayern München um als ich. Und das gefällt mir. Denn er hat auch eine sehr professionelle Seite, die ihn absolut kompatibel für die Bundesliga macht. Deswegen ist er so erfolgreich: Er hat Freude an seiner Arbeit und strahlt diese auch permanent über sein Spiel aus.

Haben Sie einen Anteil daran, dass Ribéry so schnell in München heimisch geworden ist?


Mit Daniel van Buyten und Willy Sagnol habe ich ihm ein bisschen Lebenshilfe in der Anfangszeit gegeben. Wir haben ihm beim Einkaufen geholfen und bei anderen Dingen des täglichen Lebens. Und wenn er ein Problem hatte, habe ich auch für ihn übersetzt.

Fällt Ihnen dazu eine Anekdote ein?

Franck rief eines Tages an, als er gerade mit Dr. Müller-Wohlfahrt telefonierte. Der Doc wollte ihm sagen, dass er es für besser hielte, wenn er wegen einer Zerrung nicht spielen würde. Aber er verstand ihn nicht. Also hat Franck die beiden Telefonhörer aneinander gehalten, der Doc hat mir gesagt, was das Problem ist, und ich habe für beide den Dolmetscher gespielt.

Zumindest indirekt war Ihr Schien- und Wadenbeinbruch auch eine Folge des Drucks, unter dem Sie in München standen. Woran haben Sie im Moment der Verletzung gedacht?

Es war ein Schock. Im ersten Augenblick dachte ich nur: »Warum ausgerechnet ich?« Heute fällt es mir leicht, die Situation zu analysieren, aber damals hatte ich keine Antwort auf all die Fragen: »Werde ich je wieder spielen können, je wieder meine Leistung abrufen? Oder endet jetzt gerade meine Karriere?« In so einem Moment ist es, als würde das Leben an einem vorbei ziehen. Aber irgendwann muss man auch aufhören, nachzudenken.

Wie schafft man das?


Indem man sich neue Ziele steckt. Ich wollte zurückkommen. Aber auch dabei muss man ein gesundes Maß finden. Lange habe ich mich auch bei dieser Zielsetzung so sehr unter Druck gesetzt, dass sich die Verletzung immer länger hinzog.

Sie klingen sehr rational, wenn Sie über Ihre Leidenszeit sprechen.

Meine Verletzung hat Spuren hinterlassen. Als junger Spieler denkt man nicht viel darüber nach, was passiert. Aber mich erwischte die Verletzung auf dem Höhepunkt meiner Laufbahn. Das kann die Psyche nur sehr schwer verarbeiten. Gestern spielt man noch vor 80.000 Zuschauern, und heute braucht man schon Hilfe dabei, zum Briefkasten zu gehen. Bei vielen Dingen war ich monatelang auf die Hilfe meiner Verlobten angewiesen. Das nagt sehr am Selbstvertrauen.

So tragisch die Verletzung für Sie als Sportler war, so förderlich war der Wadenbeinbruch für Sie als Mensch.


Absolut. Ich habe sehr viel über mich als Mensch gelernt und eine neue Einstellung zum Leben gewonnen.

Haben Sie jetzt noch Probleme mit Ihrem Körper?

Es ist nicht mehr wie früher. Ich brauche mehr Zeit und eine Massage mehr als ein junger Spieler. Gerade jetzt habe ich im Trainingslager auf Teneriffa zwei Spiele innerhalb von 48 Stunden gemacht. Da habe ich sofort gespürt: Meine Batterie ist leer, jetzt brauche ich eine Pause. Mit Anfang zwanzig hätte mir das nichts ausgemacht.

Jetzt wechseln Sie als Führungsspieler zu Hannover 96. Wie fügen Sie sich in Ihre Rolle, obwohl Sie noch nicht wieder voll auf der Höhe sind?


Ich muss versuchen, wieder Spaß an meinem Beruf zu haben. Doch vorher muss ich erst wieder ein Gefühl für meinen Körper bekommen. Es klingt so einfach, aber das ist es nicht. Denn nach der langen Zeit, die ich nicht gespielt habe, muss ich in meinem Alter erst wieder lernen, mit der hohen Belastung klar zu kommen.

Wieso wechseln Sie eigentlich nach Hannover?

Felix Magath hätte Sie in Wolfsburg doch mit Kusshand genommen. Ich habe auf meinen Bauch gehört. Man hat mir in allen Gesprächen das Gefühl gegeben, gebraucht zu werden, dass ich der Richtige bin, um die Ziele mit der Mannschaft zu erreichen.

Wie genau ist Ihre Rolle vorab definiert: Haben Sie ein Abo auf die Rolle als Chef der Abwehr?


Wenn ich fit bin, weiß ich, dass ich auflaufe. Denn die Qualität habe ich nun mal. Aber vorher muss ich wieder vollständig fit sein.

Wie empfanden Sie Dieter Hecking beim ersten Gespräch?


Das Treffen mit ihm gab den Ausschlag für meinen Wechsel. Er hat eine klare Linie, er weiß, was er will, und ich kann mich mit seinen Vorstellungen identifizieren. Deshalb habe ich mir von Anfang an überhaupt keine Gedanken gemacht, ob mir Hannover als Stadt gefällt oder ob andere Stationen lukrativer sind.

Gibt es Parallelen zwischen Dieter Hecking und Thomas Schaaf?

Ihre Philosophie ist in vielen Punkten gleich. Beide sind Entwickler, die ein langfristiges Projekt verfolgen. Menschlich stelle ich fest, dass Schaaf etwas ruhiger vorgeht als Hecking, der die Power und die Motivation, die er vermittelt, auch persönlich noch stärker ausstrahlt.

Sie fühlen sich also nicht nur zu fünfzig Prozent deutsch, in Ihrer Brust schlägt offensichtlich in erster Linie ein Herz für Norddeutsche?


Das Schicksal hat mich wieder hierher verschlagen. Keine Ahnung, ob das Vorsehung ist.

Wie sehr nehmen Sie als Franzose die Unterschiede zwischen norddeutschen Typen wie Hecking und Schaaf und süddeutschen wie Hoeneß und Beckenbauer wahr?

Bei Bayern sind die Menschen sehr erfolgs-orientiert, sie definieren sich stark über den Erfolg und strahlen ein Selbstbewusstsein aus, in einer prosperierenden Region zu Hause zu sein. In Norddeutschland läuft der Erfolg etwas geräuschärmer und weniger extrovertiert ab.

Welchen Risiken birgt Ihr Engagement in Hannover?


Gefahren sehe ich in erster Linie, was meine Gesundheit anbetrifft: Bin ich wieder in der Lage, meinen Körper voll zu belasten, damit ich die hohen Erwartungen, die in mich gesteckt werden, erfüllen kann?

Haben Sie einen Plan B, sollte es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mit dem aktiven Fußball klappen?

Nein. Ich ziehe hier voll durch und versuche, meine Ziele zu verwirklichen. Bilanz ziehe ich erst hinterher, es macht keinen Sinn, mir Gedanken über Dinge zu machen, die ich nicht beeinflussen kann.

Ist das die neue Gelassenheit in Ihrem Leben?


Wenn Sie so wollen. Ich habe den Weg probiert, mich an einer Station unter Druck zu setzen. Das hat mitunter auch unschöne Konsequenzen gehabt. Jetzt versuche ich, Erfolg zu haben, indem ich die Dinge auf mich zukommen lasse. So ist zumindest sicher, dass ich nicht wieder den Spaß an der Sache verliere.

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