Uwe Wassmer über drei Tore gegen Raimond Aumann und seine Karriere

»Herzlichen Glückwunsch von einem Bayern-Fan«

Uwe Wassmer wurde mit seinem Dreierpack gegen den FC Bayern zum Helden im Zehnder-Trikot. Die Kollegen von fudder.de sprachen mit ihm über die Genialität Rodolfo Cardosos, die Stürmertradition beim SCF und Volker Finkes Ausspruch: »Tore sind nicht wichtig.«

Uwe Wassmer, stimmt es, dass Sie als 18-Jähriger von Ottmar Hitzfeld entdeckt worden sind?
Ja. Ich komme aus Wehr und spielte meine ganze Jugend beim FC Wehr. Eigentlich wollte ich als 18-Jähriger die Fußballschuhe an den Nagel hängen. Nach einer erfolgreichen, aber anstrengenden Saison als A-Jugendlicher fühlte ich mich ausgebrannt und leer, wollte ein Jahr pausieren. Die Lehre als Maschinenschlosser hatte ich abgeschlossen. Mein Mannschaftskollege Peter Bernauer meinte aber: »Ich mache nur weiter, wenn Uwe auch weitermacht.« So ließ ich mich dazu überreden, weiterzuspielen. Ich kam in die erste Mannschaft, wurde Torschützenkönig in der Bezirksliga, schoss den FC Wehr quasi allein in die Landesliga. So wurde der Lörracher Ottmar Hitzfeld auf mich aufmerksam. Er war damals Trainer beim FC Aarau und lud mich zum Probetraining ein. Es klappte.

Bekamen Sie einen Profivertrag?
Richtige Profis waren wir dort alle nicht. Wir arbeiteten den halben Tag und fuhren um 17 Uhr zum Training. Auch ich schaffte bei einer Aarauer Firma als Maschinenschlosser, musste um 5 Uhr morgens aufstehen. Ich hielt diese Doppelbelastung nur zwei Wochen durch. In der Maschinenhalle fror ich, da das Dach kaputt war. Abends war ich körperlich völlig am Ende. So kam es zur Entscheidung: Ich setze alles auf Fußball. Das kleine Gehalt reichte, ich wohnte ja noch bei den Eltern.

Von 1985 bis 1988 spielten Sie unter Hitzfeld in Aarau, es folgte ein recht turbulentes Jahr auf Schalke.
Ja, ich erlebte dort in zwölf Monaten vier Präsidenten- und drei Trainerwechsel. Zuletzt kam Peter Neururer. Nach einigem Hin und Her landete ich wieder beim FC Aarau und holte dort unter Rolf Fringer 1993 den Schweizer Meistertitel. Etwas später absolvierte ich ein Probetraining bei Hannover 96. Der Verein war an einer Verpflichtung interessiert. Auch ich war einem Wechsel nicht abgeneigt, erbat mir einen Tag Bedenkzeit, setzte mich ins Auto und wollte nach Hause fahren.

Und dann?
Während der Fahrt klingelte das Telefon. Achim Stocker war am Apparat und sagte: »Bitte kommen Sie sofort nach Freiburg. Wir würden Sie gern verpflichten.« Ich bog vorzeitig von der Autobahn ab und fuhr zum Dreisamstadion. Dort, im ehemaligen Raum der SC-Frauen unter der Tribüne, warteten Stocker und Finke. Finke fragte: »Uwe, willst du lieber Erste oder Zweite Liga spielen?« Hannover befand sich damals in der Zweiten Liga. Für mich war die Entscheidung klar. Es folgte ein Handschlag mit Finke und Stocker. Am 13. September 1993 unterschrieb ich den Vertrag. Der Sportclub bezahlte für mich eine Summe zwischen 200.000 Mark und 250.000 Mark.

Wie war das plötzliche Interesse an Ihnen seitens des Sportclubs zu Stande gekommen?
Volker Finke stammt ja aus der Region Hannover und hatte einen Beobachter zum Probetraining geschickt. Uwe Spies war verletzt, der Sportclub suchte dringend einen Stürmer. Der Beobachter sagte zu Finke: »Den Wassmer kannst du blind nehmen. So viele Tore hat bei nem 96er-Probetraining noch keiner gemacht.«

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Wie war Ihr Verhältnis zu Finke?
Es war weder schlecht noch gut. Er ließ mich nie so richtig zum Zug kommen, obwohl ich ja die Tore gemacht habe. Das gipfelte in seiner Aussage »Tore sind nicht wichtig.« Als ich das in der Zeitung las, dachte ich: Eigentlich musst du deinen Vertrag beim Sportclub sofort beenden.

Haben Sie den Trainer damals gefragt, warum er das gesagt hatte?
Nein, leider nicht. Wie gesagt, meiner Meinung nach habe ich unter ihm gut trainiert und auch viele Tore erzielt. Aber so richtig ließ er mich nie durchstarten. Er setzte mehr auf andere Spieler, die ihm besser gefielen. Ein Alexander Iashvili etwa, der eben noch mal dreht und noch mal auflegt, im Prinzip aber keine Tore schießt.

In welchem Zusammenhang hatte Finke gesagt, dass Tore nicht wichtig seien?
Am 2. November 1996 hatten wir ein Erstligaspiel im Duisburger Wedaustadion. In der 30. Minute wurde ich für den verletzten Martin Spanring eingewechselt. Ich machte drei Tore und holte einen Elfmeter raus, Endstand 4:1. Beim nächsten Spiel in Berlin saß ich wieder auf der Bank. Da haben die Reporter Herrn Finke kritische Fragen gestellt. Daraufhin sagte er: »Tore sind nicht wichtig.« Wir stiegen in dieser Saison übrigens ab.

Viele Menschen verbinden Sie in erster Linie mit den drei Toren, die Sie am 27. November 1993 beim 3:1-Sieg gegen Bayern München erzielt haben. Nervt Sie das eigentlich?
Nein. Es ist nun mal ein Teil von mir. Und es war mir schon früh klar, dass dieser Tag im Bewusstsein der SC-Fans hängenbleiben wird. Ich finde es schön, wenn man durch so ein Spiel nicht vergessen wird. Es stimmt schon, ich werde oft auf das Bayern-Spiel angesprochen. Dieser erste Sieg gegen München war ja für die ganze Region etwas Besonderes.

Was passierte nach Abpfiff dieses denkwürdigen Spiels?
Ich musste jede Menge Interviews geben. Es war kalt, jemand legte mir eine dicke Decke über die Schultern. Am Abend fuhr ich nach Hause nach Wehr, ich lebte ja wieder bei den Eltern. In diesem Mehrfamilienhaus wohnte oben ein Mann, den ich vom Sehen kannte. Er war Bayernfan. An der Haustüre vorm Treppenhaus hatte er einen Zettel gehängt. Darauf war ein Herz abgebildet und die Nachricht: »Herzlichen Glückwunsch von einem Bayern-Fan, der die Niederlage verschmerzen kann, weil er Uwe Wassmer diesen Erfolg gönnt.« Dieser Zettel hängt immer noch in meinem alten Zimmer. Daneben übrigens ein Foto mit Achim Stocker und mir im Moment des Vertragsabschlusses.

Wenn man sich den Video-Zusammenschnitt ansieht von Ihrem Auftritt beim Bayernspiel, fällt auch Rodolfo Cardoso auf als genialer Passgeber. Fehlt dem Sportclub heute solch ein Spielmacher?
Zu jener Zeit war Cardoso einmalig und ein Glücksfall für den SCF. Er war die Schaltzentrale, lenkte unser Spiel, setzte uns Stürmer ein. Solche Spielertypen sieht man heutzutage immer seltener. Man will weniger Individualisten, mehr mannschaftstaugliche Spieler. Kreativspieler vermisst man auf den Bundesligaplätzen. Jede Mannschaft könnte einen Cardoso gebrauchen.

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Das Interview erscheint mit freundlicher Genehmigung von fudder.de.

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