Uwe Seemann über die Auflösung des FC Sachsen Leipzig

»Da blutet einem das Herz«

Der 30. Juni 2011 war der letzte Tag des FC Sachsen Leipzig. Der Oberliga-Verein muss wegen Insolvenz den Spielbetrieb einstellen. Was ist schiefgelaufen? Was wird jetzt aus den Spielern? Wir sprachen mit dem letzten Vorstandsmitglied Uwe Seemann (auf unserem Bild rechts). Uwe Seemann über die Auflösung des FC Sachsen Leipzig

Die Geschichte der finanziellen Probleme des FC Sachsen Leipzig begann Anfang der neunziger Jahre, da war der Verein noch sehr jung. Das Ende der DDR bedeutete auch das vorläufige Ende der BSG Chemie Leipzig. Durch eine Fusion mit dem SV Chemie Böhlen entstand der FC Sachsen Leipzig. Der war kurzzeitig recht erfolgreich: Von 1993 bis 1995 holte man dreimal hintereinander den Sachsenpokal. In der Folgezeit verschliss der Verein jedoch zahlreiche Trainer, und es wurde offenbar, dass man nicht nur den Stolz der Region, sondern auch finanzielle Nöte geerbt hatte. Zum Ende der Saison 1998/99 sprang der »Kinowelt«-Gründer Michael Kölmel, der auch Inhaber des Leipziger Zentralstadions ist, mit seinem Zahlungsmodell ein. Nicht gerade erfolgreich, wie viele kritisierten. In den folgenden Jahren versiegte aber auch diese Quelle, da Kölmel mit seiner Firma selbst in finanzielle Schwierigkeiten geriet. 2006/2007 verhandelte der FC Sachsen mit dem österreichischen Energydrink-Hersteller Red Bull, die Idee: finanzielle Sanierung und Umbenennung in Red Bull Leipzig. Dagegen sprachen aber zwei Dinge: das DFB-Statut, das Sponsoren im Vereinsnamen verbietet, und die Fans, die eine zu starke Kommerzialisierung fürchteten. Der Einstieg scheiterte. Auf der Vereins-Homepage hieß es damals, der Schritt sei »in wirtschaftlicher Hinsicht bedauerlich, verschafft dem Verein andererseits jedoch Planungssicherheit für die kommende Saison«. Das klingt aus heutiger Sicht reichlich naiv, schließlich agierte der Klub in der Folge immer planloser. Am 26. Februar 2009 stellte das Leipziger Finanzamt einen Insolvenzantrag gegen den FC Sachsen Leipzig, am 4. März meldete der Verein selbst Insolvenz an. Im April 2009 wurde Uwe Seemann der letzte Vorstand des Vereins.

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Uwe Seemann, Ihr Verein löste sich vergangenen Donnerstag auf. Wie haben Sie den 30. Juni erlebt?

Uwe Seemann: An dem Tag war ja schon alles erledigt. Wir haben die Entscheidung bereits im April 2009 getroffen. Schwierig waren die letzten zwei Spiele, vor allem das Heimspiel gegen Bautzen und das Auswärtsspiel in Halberstadt. Das waren die emotionalsten Tage. Es war bitter.  

Inwiefern emotional? Waren mehr Fans da als sonst?

Uwe Seemann: Beim FC Sachsen muss man, was die Anzahl der Fans betrifft, zwischen zwei Spielen unterscheiden: die normalen Spiele und die Derbys. Wir hatten bei den Derbys gegen RB Leipzig oder Lokomotive Leipzig immer zwischen 12.000 und 15.000 Zuschauer, bei normalen Spielen haben wir zwischen tausend und zweitausend Zuschauer. Und zum letzten Auswärtsspiel sind eintausend FC Sachsen-Fans nach Halberstadt mitgepilgert. Das war schon ungewöhnlich, weit über dem sonstigen Schnitt.  

Den Insolvenzantrag gab es schon im Februar 2009. Was haben Sie seitdem gemacht?

Uwe Seemann: Der Klub wurde die letzten zwei Jahre nach der Insolvenz durch den neuen Vorstand künstlich am Leben gehalten. Der FC Sachsen war damals schon pleite, wir haben versucht den Verein in ruhiges Fahrwasser zu bringen. Das haben wir auch geschafft: In den zwei Jahren haben wir keinen Euro Schulden gemacht, alle Rechnungen beglichen, allen Spielern Gehälter gezahlt. Wir wurden aber enttäuscht von ein paar Sponsoren, die in den vergangenen zwei Jahren ihre Zusagen in fünf- und sechsstelligen Höhen nicht eingehalten haben. Wir wollten nicht dieselben Fehler machen wie unsere Vorgänger: mit einer Unterdeckelung in die neue Saison gehen und horrende Spielergehälter nur auf Pump zahlen.  

Hatten Sie zu der Zeit auch noch Kontakt zu dem Investor Michael Kölmel, der den Verein schon 1998 gerettet hatte?

Uwe Seemann: Mit Michael Kölmel waren wir ständig in Kontakt. Der FC Sachsen ist in den Sicherheitsspielen, wie gegen RB oder gegen Lok Leipzig, immer in sein Stadion ausgewichen.

 

Finden Sie es schade, dass er sich gegen den FC Sachsen entschieden hat?

Uwe Seemann: Er hat vor zwei, drei Jahren beschlossen sich zurückzuziehen. Dadurch, dass sich RB in Leipzig in seinem Stadion eingemietet hat, hat er keine Möglichkeit mehr gesehen, noch einmal bei uns einzusteigen – was ich auch verstehen kann, wenn ich es auch gehofft habe. Er hat jahrelang bei uns mitgearbeitet, war Sponsor des Vereins. Er hat sicherlich auch ein bisschen Mitschuld aufgrund dieser wahnsinnigen Gehälter, die damals an die Spieler gezahlt wurden.  

Was wurde denn konkret falsch gemacht?

Uwe Seemann: Fakt ist, dass in den Jahren zuvor einfach zu viel Geld ausgegeben wurde. Dass in der Ober- und Regionalliga Gehälter zwischen acht- und zwölftausend Euro gezahlt wurden, war maßlos. Der FC Sachsen war in den letzten Jahren finanziell zu verwöhnt.

Zwischendurch schien der Verein sich doch – zumindest sportlich – rehabilitiert zu haben: Es wurden Aufstiege gefeiert und Pokale gewonnen. Wieso brachte das keine Ruhe?

Uwe Seemann: Der Verein hat über seinen Verhältnissen gelebt. Ich denke, dass in der Zeit sehr viel Geld vorhanden war, aber es waren auch Leute da, die mit dem Geld nicht umgehen konnten. Das ist das Problem. Die Verantwortlichen haben den Leipziger Fußball einfach zu schnell in der dritten, in der zweiten oder sogar in der ersten Liga gesehen. Man hat einfach keine Geduld gehabt.  

Hätte sich Geduld denn ausgezahlt?

Uwe Seemann: Wir haben ein super Nachwuchszentrum, mit einer A- und B-Jugend in der Bundesliga. Aber wenn man sich das heute anguckt: Kaum einer der damaligen Jugend-Bundesligaspieler hat es beim FC Sachsen in die erste Mannschaft geschafft. Die spielen heute alle höherklassig, ob in Magdeburg, in Chemnitz oder bei RB Leipzig. Man hat diese Talente einfach zu schnell preisgegeben und im Gegenzug alte Spieler, die fußballerisch schon tot waren, monatlich mit 15.000 Euro gefüttert. Das war krank. Es war der falsche Weg, man hätte auf die jungen Spieler bauen müssen.  

Ärgern Sie sich heute, dass 2007 das Engagement mit Red Bull nicht zustande kam?

Uwe Seemann: Ich war damals noch nicht beim FC Sachsen, ich war nur Sponsor und habe mich da rausgehalten. Die Gründe für das Scheitern lagen damals ja auch bei der Namensgebung und bei der Stadt. Jetzt hat Red Bull den zweiten Versuch in Leipzig gestartet und ich denke, diesmal wurden sie mit offeneren Armen empfangen.  

Das Red Bull-Team ist zurzeit ziemlich erfolgreich: Die Mannschaft schaffte direkt den Aufstieg aus der Oberliga und verpasste in der abgelaufenen Saison in der Regionalliga Nord nur knapp den erneuten Aufstieg.

Uwe Seemann: Es war klar, dass die in der Oberliga als klarer Aufsteiger feststanden. Aber sie haben bestimmt nicht erwartet, dass sie in der Regionalliga jetzt noch mal eine Ehrenrunde drehen müssen. Aber für mich fest steht, dass das Projekt nicht aufzuhalten ist.  

Sehen Sie das Projekt mit Neid, freuen Sie sich über die Ehrenrunde von RB Leipzig?

Uwe Seemann: Wir arbeiten mit RB gut zusammen. Wir haben sogar eine gemeinsame Nachwuchskooperation.  

Geht der FC Sachsen im RB Leipzig auf?

Uwe Seemann: Nein, wir haben lediglich fünf Spieler unserer ersten Mannschaft an die zweite von RB Leipzig überführt. Man muss sehen, wie sich das entwickelt, vielleicht können die auch mal in der ersten Mannschaft zum Einsatz kommen. Im Moment sind zwei ehemalige FC Sachsen-Spieler in der ersten Mannschaft von RB Leipzig: Paul Schinke und Maximilian Watzka.   Dem deutschen Fußball geht mit dem Abschied des FC Sachsen Leipzig eines der hasserfülltesten Stadtderbys verloren: das Spiel gegen Lokomotive Leipzig.

Uwe Seemann: Das ist wirklich absolut schade. Nachdem wir auf der Pressekonferenz letzte Woche das Ende des FC Sachsen bekanntgegeben haben, habe ich sehr viele E-Mails von Lok Leipzig-Fans erhalten, die es wirklich schade finden, dass der FC Sachsen sich auflöst. Die schrieben: Was wird aus Lok Leipzig ohne das Derby gegen euch? Worauf sollen wir uns noch freuen? In der Fan-Beziehung war da in den letzten Jahren ohnehin eine Entspannung zu beobachten. Sicherlich auch deswegen, weil die Ultra-Fans ein neues Feindbild entwickelt haben.  

Sie meinen RB?


Uwe Seemann: Genau so ist es.  

Laut Schätzungen des sächsischen Innenministeriums von 2010 hat der FC Sachsen Leipzig 60 »gewaltgeneigte« und 30 »gewaltsuchende Fans«. Wie werden die in Zukunft ihre Wut kanalisieren?

Uwe Seemann: In den letzten zwei Jahren haben wir viele Gespräche mit ultrarechten Gruppierungen geführt, zum Beispiel den sogenannten Metastasen. Nur zwei- oder dreimal mussten wir dabei Stadionverbote verhängen. Aber wirkliche Probleme haben wir in den letzten zwei Jahren nicht gehabt. Vielleicht gab es beim letzten Spiel gegen Bautzen ein paar gewalttätige Ausschreitungen. Aber ich würde sogar sagen, dass es nicht mal mehr 60 gewaltbereite Fans sind. Gefühlt sind es weniger. Einige dieser Gruppierungen beteiligen sich sogar an der Spieltagsorganisation.  

Was passiert jetzt mit den FC Sachsen-Jugendmannschaften?

Uwe Seemann: Die A- bis D-Jugendspieler wurden nach Insolvenzbekanntgabe an RB verkauft, um die Talente aufzufangen. Um den höher spielenden Jugendmannschaften eine Basis und eine Zukunft zu geben.  

Und die Spieler der ersten Mannschaft?

Uwe Seemann: Einige Spieler werden zur BSG Chemie Leipzig wechseln, aus dem der FC Sachsen ja einst entstanden ist. 2006 gab es eine Gruppierung, die sich die Namensrechte an BSG Chemie Leipzig gesichert hat und mit dem Verein in der 13. oder 14 Liga wieder begonnen hat. Mittlerweile sind die in die Stadtliga aufgestiegen. Durch eine Fusion mit Blau-Weiß-Leipzig wird die BSG Chemie bei uns in der Landesliga Sachsen spielen. Damit haben sie den größten Teil unserer Spieler aufgefangen.  

Und was werden Sie machen?


Uwe Seemann: Ich werde zunächst die BSG Chemie unterstützen, ein bisschen Starthilfe geben, mich um den Sponsorenbereich kümmern, so dass es in Leipzig auf jeden Fall weiterhin grün-weißen Fußball unter dem Namen BSG Chemie geben wird.  
Sie wirken so nüchtern. Hängt nicht ihr Herz am aufgelösten FC Sachsen Leipzig?

Uwe Seemann: Ganz klar! Sonst hätten wir 2009 den Schritt nicht gemacht und den Insolvenzverein übernehmen. Wir waren damals voller Euphorie und voller Hoffnung. Das tut einem in der Seele weh, da blutet einem das Herz! Aber die BSG Chemie Leipzig hat heute schon zwischen 600 bis 800 Zuschauer – und das in der Stadtliga. Das ist ein riesiges Potenzial! Traditionsmäßig könnte also die BSG Chemie Leipzig der Nachfolger des FC Sachsen werden. Sowohl fußballerisch als auch ideell.

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