Uwe Seeler wird 75

»Wir kotzten wie die Reiher«

Uwe Seeler wird 75
Heft#109 12/2010
Heft: #
109

Uwe Seeler, Jürgen Werner hat über Sie geschrieben: 1946 begann die Beziehung Uwe Seeler und HSV auf einem kleinen Sportplatz in Ochsenzoll.

Das stimmt. So kurz nach dem Krieg lag Hamburg ja noch in Schutt und Asche, aber am Ochsenzoll baute Günther Mahlmann – damals Studienrat – die Jugendarbeit beim HSV wieder auf. Und ich war mit dabei. So wie Jürgen Werner und all die anderen Jungs, die später den HSV symbolisierten.

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In welcher Jugend starteten Sie?

1946 gab es noch keine Jugendteams, wie man das heute kennt. Wir fingen in der fünften Mannschaft an, natürlich waren die Teams in verschiedene Altersklassen eingeteilt. Aber es konnte durchaus vorkommen, dass man als talentierter 11-Jähriger gemeinsam mit 15-Jährigen auf dem Platz stand. Die Verbände hatten das aber bald geregelt und wir liefen für die HSV-Knabenmannschaft auf.

So kurz nach dem Krieg – wie oft mussten Sie hungrig zum Training?

Gar nicht so häufig, wie man denken könnte. Ich komme zwar aus sehr einfachen Verhältnissen, aber weil mein Vater Erwin schon vor dem Krieg für den HSV gespielt hatte und nun so etwas wie eine Identifikationsfigur im Verein war, hatten wir Seelers immer ein paar kleine Vorteile.

Zum Beispiel?

Damit die HSV-Herren nicht mit leerem Magen auf den Platz mussten, spendierte der Verein ordentliches Essen. Ich war derjenige, der die großen Pötte mit Essen ins Vereinsheim am Rothenbaum schleppen musste. Und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass da nicht regelmäßig  auch genügend Futter für die Familie Seeler abfiel...

Die HSV-Jugend trainierte derweil am Ochsenzoll. Gut zwölf Kilometer von Ihrer Wohnung in der Winzeldorferstraße in Hamburg-Eppendorf entfernt. Wie sind Sie dahin gekommen?

Anfangs mit der U-Bahn, später mit einem von mir selbst konstruierten Fahrrad. Dem Vater eines Mannschaftskollegen gehörte ein Fahrradgeschäft, da habe ich so lange gearbeitet, bis ich zwei Räder und und einen Rahmen zusammen hatte. Damit ging es dann die zwölf Kilometer hin und zurück. Außer den Wettkampftagen, da hat uns Trainer Günther Mahlmann das Training verboten – er wollte nicht, dass wir schon vor dem Spiel zu sehr verausgabten.

Bevor Sie beim HSV anfingen, sollen Sie eine äußerst ruhmreiche Karriere als Straßenbolzer hingelegt haben.

Allerdings! Da ging es Straße gegen Straße, gespielt wurde auf Asphalt zwischen Schutt und Asche. Was besonders bei mir regelmäßig für Schürfwunden und blauen Flecken gesorgt hat, ich lag ja dauernd quer in der Luft.

Konnte man damals schon die kommende Weltkarriere von Seeler junior erahnen?

Ich urteile sehr ungern über mich selbst, aber was ich Ihnen immerhin verraten kann: Ich wurde meistens als Erster in die Mannschaften gewählt, obwohl ich der Kleinste und Jüngste war. Mein Bruder Dieter ist fünf Jahre älter als ich, aber der musste immer warten, bis sein kleiner Bruder zugelost worden war...

Was, außer blauen Flecken, haben Sie noch in Erinnerung, wenn Sie an die Zeit auf der Straße denken?

Bälle und Fensterscheiben. Die Bälle waren unsere Schätze, unsere Heiligtümer. Mit denen wurde so lange gebolzt, bis die Luft vollständig aus ihnen entwichen war – und dann haben wir sie wieder eigenhändig zusammen genäht. Das waren am Ende richtige Eier, aber immer noch unsere Schätze. Das Thema Fensterscheiben endete für mich meistens schmerzhaft: Wann immer ein Fenster in Eppendorf zu Bruch ging, wurde ich dafür verantwortlich gemacht. Häufig zu Recht. Zu Hause gab es dann ein paar Hiebe mit dem Kochlöffel von Muttern. Glücklicherweise hielt sich der finanzielle Schaden meist in Grenzen. Bei uns im Haus wohnte Glasermeister Buhl, bei dem hatte mein Vater schon einen speziellen Deal ausgehandelt.

Ihr Vater Erwin wurde beim HSV nur »Old Erwin« oder gleich »Vadder« genannt. Haben Sie beim Bolzen wenigstens mit seinen alten Schuhen auftrumpfen können?

Ach was, die waren mir doch viel zu groß. Schuhe bekam man damals nur gegen Bezugsschein, die waren also extrem rar. Meine waren immer ziemlich schnell kaputt, aber barfuß ging ja auch nicht bei all den Glassplittern und Trümmerteilen auf der Straße. Also habe ich mir die Töppen meiner Schwester »geliehen« und als die Sohle schon halb ab war, wieder zurück in ihren Schrank gelegt. Mein Gott, das gab ein Theater!

Sie kommen aus einer richtigen Fußballer-Familie, Ihr Vater war Fußballer, Ihr älterer Bruder auch – da war doch eigentlich klar, dass Sie auch Fußballer werden mussten.

Nicht unbedingt, denn mein Vater hat uns nie dazu gedrängt in seine Fußstapfen zu treten. Der hat Dieter und mir nur eines gesagt: »Damit ihr Bescheid wisst: Weicheier will in meinem Haus nicht haben.« Das saß. Er war ja selbst ein harter Kerl, der im Hafen malochte und auch auf dem Fußballplatz keine Gefangenen machte. Wenn wir mit Beulen, Schrammen oder kleinen Wunden nach Hause kamen, wurde ein nasser Lappen über die verletzte Stelle gelegt und gut war. Das hat mich geprägt, kein Zweifel.

Dabei wäre Ihre HSV-Karriere fast gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hätte: Schon nach den ersten Übungseinheiten am Ochsenzoll sollen Sie lieber wieder auf der Straße gebolzt haben, als regelmäßig zum Training zu gehen...

Auf der Straße bei den Jungs war ich der König. Das war natürlich reizvoller, als sich im Training zu schinden.

Was hat Sie letztlich bekehrt?

Wieder einmal mein Vater. Mein Bruder kam eines Abends vom Training nach Hause und meinte: »Ich soll dir von Herrn Mahlmann ausrichten, dass du ruhig auch mal wieder zum Training kommen könntest.« Das hat mich allerdings nicht sonderlich beeindruckt.

Was hat Ihr Vater gesagt?

Er meinte: »Wie du willst. Ich habe nur gedacht, dass du ein guter Fußballspieler werden willst.« Das saß erneut! Wenig später tauchte ich wieder reumütig am Ochsenzoll auf. Auch, weil mir Günther Mahlmann inzwischen gedroht hatte, mich bei den Punktspielen nicht mehr einzusetzen.



Sie sind schließlich durch die Jugendmannschaften gerauscht, wie ein heißes Messer durch weiche Butter. Wobei »heißes Messer« ganz gut passt. Wir zitieren noch einmal aus der Rede von Jürgen Werner: »Deine Besessenheit ließ dich mitunter deine Umwelt vergessen.« Sind Sie in der Kommunikation mit den Kollegen häufig über das Ziel hinausgeschossen?

Ja, bin ich. Aber meistens nur, wenn ich der Ansicht war, dass sich jemand feige auf dem Platz verhielt (hält die Hände schützend vor das Gesicht). Dann habe ich gesagt: »Mann, der Ball tut dir nichts!« Dafür fehlte mir jegliches Verständnis. Deshalb habe ich sicherlich nicht nur einmal in der Kabine Mitspieler ungerechtfertigt zusammen gestaucht. Ich habe sie wahrscheinlich einfach überfordert mit meinen Ansprüchen.

Wie haben die Mitspieler reagiert?

Milde. Später im Seniorenbereich kannten mich ja die meisten bereits aus der Jugend, die wussten, wie heiß mein Akku während eines Spiels laufen konnte. Wenn ich der Meinung war, dass die in der Abwehr Bockmist zusammen spielten, dann bin ich nach hinten und habe das auch gesagt. Als Antwort kam dann meistens: »Geh du lieber wieder nach vorne und schieß ein paar Tore, dann gewinnen wir das hier auch.«

Welcher Spieler ähnelte Ihnen am meisten in seiner Besessenheit?

Wolfgang Overath. Der lässt noch heute in den Traditionsmannschaften so lange spielen, bis er gewonnen hat (lacht). Wolfgang war früher richtig beleidigt, wenn man ihm den Ball nicht zugespielt hat. Aber solche Typen brauchst du, um Erfolg zu haben. Es ist kein Zufall, dass ein Wolfgang Overath bei großen Turnieren immer überragende Leistungen abgliefert hat.

Franz Beckenbauer...

...konnte auf dem Platz richtig böse werden, frag nicht nach Sonnenschein! Außerhalb war der immer ganz friedlich, aber wenn das Spiel nicht nach seinen Wünschen lief, dann stand man lieber nicht in seiner Nähe.

War Fritz Walter, Ihr Vorbild, ein anderer Typ? Als großen Meckerfritzen kannte man ihn jedenfalls nicht.

Fritz hat auch schon mal verbal ausgeteilt, aber auf eine stillere, zurückhaltendere Art. Fritz brauchte auch gar nicht laut werden. Wenn er dir etwas gesagt hat, dann hast du das auch geglaubt.

Zurück zum Sportlichen: Wie beurteilen Sie die moderne Trainingslehre? Sie haben schließlich Ihr Handwerk noch an solch altmodischen Übungsgeräten wie dem Kopfballpendel gelernt.

Was heißt altmodisch? Ich glaube daran, dass Fußballer noch immer einfach ist. Und das Pendel – auch wenn es in der Gegenwart längst verpönt ist – war und ist nun einmal ein Hilfsmittel gewisse Techniken im Fußball zu lernen. Ich kenne bis heute kein Gerät, dass das Kopfballspiel besser trainiert, als das Pendel. Wie oft bin ich nach dem normalen Training ans Pendel gegangen und habe gegen den Ball getreten oder geköpft. 50 Mal, 100 Mal... bis mich der Trainer in die Kabine gerufen hat.

Das ominöse Pendel taucht auch erstaunlich oft in Ihrer Autobiografie auf.

Weil es für mich das Symbol dafür ist, dass manche Leute den Fußball verkomplizieren wollen. Darin sind wir Deutschen unschlagbar: Dass wir die Dinge immer ins Extrem ausarten lassen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel für die Vorzüge des Pendels: Vor Jahren habe ich mir als DFB-Pate das Training einer Jugendauswahl angeschaut, die drei besten Spieler habe ich mir anschließend zur Seite genommen, um sie am Pendel zu testen. Damit kamen die einfach nicht zurecht. Obwohl es keine bessere Übung gibt, als Timing, Technik und Koordination beim Kopfball zu schulen.



Apropos moderne Trainingslehre – wie sehr haben Sie zur aktiven Zeit auf die richtige Ernährung geachtet?

Ich habe wohl gut und angemessen gegessen, aber nach den heutigen Erkenntnissen habe ich trotzdem alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Ich bin eine fleischfressende Pflanze – heute würden die Ernährungsberater tot umfallen, wenn sie sehen könnten, was ich auf meinem Teller hatte.

Sie sind gemeinsam mit Ihrem besten Freund Klaus Stürmer 1954 erstmals zu den HSV-Senioren gestoßen. Wie hat Sie damals empfangen?

Mir großer Herzlichkeit. Wir jungen Kerls waren schnell die Lieblinge der Mannschaft und wir wiederum haben es geliebt mit diesen alten Hasen Fußball spielen zu dürfen. Klaus und ich haben den Kollegen die Taschen getragen – nicht weil wir es mussten, sondern weil wir es wollten. Dafür hat die Mannschaft auf uns aufgepasst. Übrigens auch in Sachen Ernährung.

Klaus Stürmer und Sie waren in Hamburger Kneipen berühmt-berüchtigt für Ihre Bockwurst-Wettessen. Damit war nach Eintritt in den Herrenbereich wohl Schluss, oder?

Im Gegenteil, wir haben sogar einsame Rekorde aufgestellt. Einmal habe ich zehn Stück an einem Abend verdrückt. Heute bin ich froh, wenn ich eine schaffe. Aber ich kann sie beruhigen: Meine Bockwurst-Leidenschaft ist ungebrochen. Die knacken einfach so schön.

Sie und Klaus Stürmer wurden »die Zwillinge« genannt, weil man Sie immer zu zweit antraf. Nach dem Wechsel in die Herrenmannschaft haben die Mitspieler Ihnen allerdings übel mitgespielt. Erinnern Sie sich: Sommertrainingslager 1954 im Schwarzwald...?

Natürlich, das war doch unser Aufnahmeritual! Abends saßen wir in einem Lokal, plötzlich wurde Schnaps ausgeschenkt. Herbert Woitkowiak stand auf und sagte: »Heute Abend wird einer gesoffen. Jeder, der seinen Schwarzwälder Kirsch austrinkt, steht auf!« Die Kollegen legten uns schön rein: Wir mussten mit jedem trinken und dabei aufstehen. Die ganze Reihe rum. Klaus und ich waren so blau, dass man uns aufs Zimmer bringen musste. Und selbst da machten sie mit uns Faxen: Heinz Liese drückte uns Creme in die Handflächen und meinte: »Müsst ihr schön verreiben.« Der Kerl hatte uns schwarze Schuhcreme in die Hände geschmiert! Sie können sich vorstellen, wie das Treppenhaus im Hotel am nächsten Morgen aussah.

Haben Sie den Rausch denn gut überstanden?

Von wegen. Wir haben gekotzt, wie die Reier. Wir fühlten uns todkrank und bekamen dann auch noch einen ordentlichen Anschiss von Günther Mahlmann. Das war der schlimmste Rausch meines Lebens. Bis heute trinke ich kaum Schnaps. Höchstens zur Verdauung.



Noch nicht einmal bei dem legendären Umzug durch die Londoner Straßen nach dem verlorenen WM-Finale 1966 gegen England?

Da wurde auch ganz ordentlich gefeiert. Nach dem offiziellen Bankett hat uns Max Lorenz in die Stadt geführt, mitten hinein in eine riesige Disko. Dort hat uns der ganze Laden gefeiert, das hätte ich in England gar nicht für möglich gehalten. Max hat sich dann bis zur Kapelle durchgekämpft und dort den Ton angegeben. Sie kennen doch dieses Lied: »Da-Da-Da-Damm-Damm-Damm!«. Max konnte kein englisch, die Kapelle konnte keine deutsch, aber verstanden haben sie sich. Am Ende haben alle Gäste mitgemacht: Beim »Da-Da-Da« hockten alle auf dem Boden und beim »Damm-Damm-Damm« sprangen alle auf. Eine Bombenstimmung, so etwas habe ich danach nie wieder erlebt.

Und das, obwohl das Endspiel so dramatisch zu Ende ging?

Vielleicht gerade deshalb. Wir wollten das Spiel vergessen und die Engländer hatten offenbar Gewissensbisse. Anders kann ich mir das nicht erklären, warum die uns so feierten (lacht).

Stichwort »Wembley-Tor« – wie haben Sie die Szene erlebt?

Als der Ball gegen unsere Latte prallte, war ich ja mit hinten in unserem Strafraum. Ich bin mir noch heute sicher: Wenn der Bulle Weber (Wolfgang Weber, d. Red.) den Ball ins Feld zurück geköpft hätte und nicht ins Aus, dann wäre das Spiel einfach weitergegangen. Schiedsrichter Gottfried Dienst hätte nicht auf Tor entschieden und wir wären vielleicht Weltmeister geworden.

Stattdessen hat sich der Schweizer Dienst beim aserbaidschanischen Linienrichter Tofik Bachramov erkundigt und schließlich 3:2 für England entschieden.

Inzwischen kann ich es ja ruhigen Gewissens sagen: Der Bachramov hat überhaupt nichts gesagt. Dienst hätte ihn ja auch gar nicht verstanden. Und bei Dienst – eigentlich ein Weltklasse-Schiedsrichter – sind für einen Moment die Sicherungen durchgebrannt. Denn der Ball war nicht drin, das konnte ich ganz genau sehen. 

Apropos England: Anfang der sechziger Jahre starteten die »Beatles« im Hamburger Starclub Ihre Karriere. Wie haben Sie die Pilzköpfe wahrgenommen?

Ich wusste wohl schon, dass da eine neue Band in Hamburg für Aufregung sorgte und natürlich kannte ich auch den Starclub. Aber wissen Sie, ich war durch den Fußball und meinen Beruf als Adidas-Vertreter so eingespannt, dass einfach keine Zeit blieb für lange Partyabende oder Konzertbesuche. Die Musik der »Beatles« durfte ich dann trotzdem hören: Auf Auswärtsfahrten mit Bus oder Bahn hatte immer jemand einen tragbaren Plattenspieler mit dabei.

Sie sprechen Ihre Vertreter-Tätigkeit an. Wie sah die konkret aus?

Man hatte mir den Job schon 1961 angeboten, ich bin ja eigentlich gelernter Speditionskaufmann. Für Adidas bin ich dann neben meiner Tätigkeit als Fußballer durch ganz Norddeutschland gefahren. Das war ein riesiges Gebiet, im Süden ging das bis Hannoversch-Münden, kurz vor Kassel.

Wie lange waren Sie für die Termine unterwegs?

Manchmal zwei Tage. Zu Höchstzeiten bin ich sicherlich 80.000 Kilometer pro Jahr unterwegs gewesen.

Und das ließ sich mit dem Job als Fußballspieler vereinbaren?

Musste ja. Zu Hause habe ich ganz genau Buch geführt über Fahrten, Termine beim Kunden, Trainingszeiten und so weiter. Das ging übrigens auch nur deshalb glatt, weil die Straßen damals noch frei waren. Plus minus eine Viertelstunde konnte ich immer ziemlich exakt planen.



Wie haben Sie sich unterwegs fit gehalten?

Indem ich abends immer noch etwas trainiert habe. Anfangs habe ich noch Vereine in der Nähe meiner Hotels kontaktiert, aber die meiste Zeit habe ich dann damit verbracht Autogramme zu schreiben. Das war mir auf die Dauer zu anstrengend. Also habe ich vor dem Schlafen gehen mein eigenes Trainingsprogramm durchgezogen.

Welchen Wagen sind Sie damals eigentlich gefahren?

Ich habe mich nach oben vorgearbeitet: Angefangen mit einem VW Käfer, über den Ford Taunus 15 M und 17 M, habe ich mir dann später den 190er Diesel von Mercedes geleistet. Da konnte man mit einem Hammer auf den Kotflügel hauen, ohne, dass was passierte. Eine richtige Kampfmaschine.

Wie lange haben Sie den Job in dieser Form gemacht?

32 Jahre. In den letzten Jahren hat sich mein Trainingsfleiß nach Feierabend allerdings in Grenzen gehalten, das muss ich zugeben. (lacht)

Sie sagen, Sie haben den Job 1961 begonnen. 1961 hätte sich Ihr Leben auch in eine ganz andere Richtung drehen können...

Sie meinen das Angebot von Inter Mailand.

Genau. Am Ende bot man Ihnen die unglaubliche Summe von 1 Million Mark Handgeld plus 1,5 Millionen Mark Jahresgehalt um in einer der besten Mannschaften der Welt zu spielen. Sie lehnten ab. Warum?

Das hatte mein Bauch irgendwann so entschieden.

Gab es keinen, der Sie letztlich zum Bleiben überredete? Ihre Frau...

...die wäre mit mir überall hingegangen und meinte: »Dicker, das musst du entscheiden.«

Ihre Mitspieler...

...hätten mich nach eigener Aussage mit Blumenkränzen bis zum Flughafen Hamburg getragen. Mein Bruder Dieter hat nur gesagt: »Für die Kohle kannst du mich ja gleich mitnehmen.«

Was haben Ihre Trainer gesagt?

Mahlmann und Herberger haben mir natürlich zu verstehen gegeben, dass Sie mich gerne weiterhin in Deutschland Fußball spielen sehen würden. Aber bei diesem fantastischen Angebot wollte keiner die Verantwortung übernehmen und mich dazu überreden in Hamburg zu bleiben.

Hätten Sie bei einem Wechsel nach Italien denn je wieder in der Nationalmannschaft spielen können? Sepp Herberger war bekannt dafür »Legionären« nur sehr wenig Beachtung zu schenken.

Das war nie ein Thema. Herberger hätte mich auch nominiert, wenn ich am anderen Ende der Welt gespielt hätte.

Inter-Trainer Helenio Herrera war drei Tage lang selbst in Hamburg, um die Verhandlungen mit Ihnen persönlich zu führen. Warum hat er Sie nicht überzeugen können?

Er hat alles dafür getan. Ich wusste ja, dass Inter im klassischen »catenaccio« mit einem Stoßstürmer spielte. Für diesen Posten wollte mich Herrara unbedingt haben. Und ich wäre auch gerne zu Inter gegangen. Sportlich war das ein tolles Angebot, und die finanziellen Konditionen waren für damalige Verhältnisse ungeheuerlich. Ich wäre auf einen Schlag reich gewesen. Am Ende bot man mir sogar an, nach drei Jahren ablösefrei nach Deutschland zurück wechseln zu können.

Warum also sagten Sie ab?

Ich habe mich aus dem Bauch heraus für die Sicherheit entschieden. In Hamburg war ich schon jemand, ich hatte meinen sicheren Beruf als Vertreter. Das Leben in Mailand wäre vielleicht einfacher gewesen, aber auch risikoreicher. Vielleicht ist da meine deutsche Ader zum Vorschein gekommen: Ich habe das Risiko vermeiden wollen und Herrara an einem Mittwoch-Nachmittag gesagt: »Es tut mir leid, ihr Angebot ist hervorragend, aber ich muss ihnen leider absagen.«

Was hat er Ihnen geantwortet?

Er meinte: »Uwe, ich kann sie nicht verstehen.« Dass jemand freiwillig auf so viel Geld verzichtete, hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Ich habe mich noch einmal für die dolle Verhandlung bedankt und das Angebot aus Italien war Vergangenheit.



Inter Mailand soll nicht der einzige Weltklasse-Verein gewesen sein, der Sie aus Hamburg abwerben wollte.

Nein, nein, da waren eine ganze Reihe Interessenten. Neapel, Genua... und Real Madrid, mit dem damaligen Manager Emil Östreicher. Die hatten mir schon 1960 ein Angebot vorgelegt.

Wie sahen die Verhandlungen mit Real aus?

Es gab keine. Auch nicht mit den anderen Klubs. Real hat mich damals einfach nicht interessiert, was vielleicht auch daran liegt, dass für mich das Geld nie im Vordergrund stand. Mein Vater hat immer gesagt: »Junge, Geld ist gut und schön. Aber mehr als ein Steak kannst auch du nicht essen.« Mein Steak konnte ich mir auch in Hamburg leisten und nachdem ich Inter Mailand abgesagt hatte, war ohnehin klar, dass es für mich keinen anderen Klub als den HSV geben würde.

Ihr »Zwilling«, Klaus Stürmer, folgte 1961 dagegen einem Angebot aus dem Ausland und wechselte in die Schweiz zum FC Zürich. Warum?

Deshalb (reibt Daumen und Zeigefinger aneinander). Dabei wäre der HSV durchaus in der Lage gewesen ihn zu halten. Zu Oberliga-Zeiten wusste der HSV ja gar nicht wohin mit dem ganzen Geld.

Woran ist es dann letztendlich gescheitert?

Klaus wollte mehr Geld und das hat er dem HSV auch gesagt. Günther Mahlmann hat gesagt: »Wir können keine Extrawürstchen für einen einzelnen Spieler braten.« Aber wir als Mannschaft hatten nichts dagegen, hätten sie Klaus doch eben ein bisschen mehr gegeben. Wir wussten, dass ihn seine Selbstständigkeit und die Frauengeschichten ordentlich Geld kosteten. Aber Mahlmann wollte das nicht verantworten. Und Klaus ist in die Schweiz gegangen.

1971 ist er mit nur 36 Jahren früh verstorben.

Das war eine tragische Geschichte. Klaus hatte Hodenkrebs und nicht mal vier Wochen nach der Diagnose starb er daran. Heute hätte man ihm helfen können. Ich erinnere mich, dass wir ihn kurz vor seinem Tod mit einigen aus der ehemaligen HSV-Riege in Zürich besuchten. Er war erstaunlich gut drauf und weil ihm wieder ein paar Haare auf dem Kopf wuchsen, dachten wir, er würde es vielleicht doch noch schaffen. Wenig später bekam ich die Nachricht aus der Schweiz, dass Klaus gestorben sei.

1963 wurde in Deutschland die Bundesliga eingeführt. Wäre es dann nicht möglich gewesen, einen Spieler wie Klaus Stürmer zu halten?

Im Gegenteil! Viele Fußballerkollegen wollten damals gar keine Profis werden. Jürgen Werner beispielsweise hat seine Schuhe 1963 an den Nagel gehängt, weil er als Berufsfußballer seinem Job als Lehrer nur schwer hätte nachgehen können. Sie müssen verstehen: Die Gehälter als Berufsfußballer waren für ich damals nur Peanuts. Und ich habe noch das meiste Geld verdient.

Was haben Sie bekommen?

Ich war gemeinsam mit dem Kölner Hans Schäfer Top-Verdiener in der Bundesliga: 1250 Mark brutto. Im Vergleich zu meinem Job als Adidas-Vertreter war das also nicht mehr als ein Taschengeld. Für 1250 Mark brutto bekam man damals in Hamburg nicht mal eine anständige Wohnung.

Kann man also sagen, dass Sie mit Ihrem Job als Vertreter insgesamt mehr Geld verdient haben, als mit Ihrem Job als Fußballer?

Absolut.

Was war denn das Höchstgehalt als Fußballer in Ihrer gesamten Karriere?

(überlegt) 80 000 Mark brutto plus 30 00 Mark Treueprämie. Pro Jahr. Ich muss Ihnen nicht sagen, dass viele Fußballer diese Summe heutzutage bereits als Auflaufprämie erhalten. Wenn es mir ums Geld gegangen wäre, wenn ich mit Fußball hätte reich werden wollen, dann hätte ich in der Tat zu Inter Mailand gehen müssen.

1965 stand Ihre sportliche Zukunft auf der Kippe: Am 22. Spieltag der Saison 1964/65 riss nach einem Zweikampf gegen den Frankfurter Georg Lechner die Achillessehne im rechten Bein. Haben Sie in diesem Moment an Helenio Herrera gedacht?

Nein. Aber an Adidas.

Wieso?

Dass ich irgendwann wieder normal gehen und Auto fahren könnte, war mir ja klar, ob ich jemals wieder hätte Fußball spielen können, war dagegen mehr als ungewiss. Vor mir hatte jedenfalls jeder mit dieser Verletzung seine Karriere beenden müssen. Also dachte ich: »Zum Glück hast du noch Adidas.«



HSV-Mannschaftsarzt Dr. Kurt Fischer hat Sie schließlich wieder erfolgreich zusammen geflickt.

Umso erstaunlicher, weil das seine allererste Achillessehnen-Operation war. Er hatte sich zuvor bei ein paar Spezialisten erkundigt und dann kam ich auch schon unters Messer. Kurz vor der Narkose habe ich noch geflachst: »Wenn du das versaust, kannst du deine Praxis aber dicht machen!«

Sieben Monate später standen Sie wieder auf dem Platz. Stimmt es, dass die Gegenspieler Sie mit »Na, Opa, geht’s denn noch?« begrüßt haben?

Wenn, dann nur im Spaß. Überhaupt Gegenspieler: Die härtesten Hunde von damals sind heute meine besten Freunde. Böswillig war das früher nie. Ich erinnere mich noch an die Duelle mit Luggi Müller (Ludwig Müller, d. Red.) vom 1. FC Nürnberg. Vor dem Anpfiff haben wir uns immer auf die gleiche Art begrüßt. »Was willst du Frankenschädel denn hier?« Sagt er: »Und du, Fischkopp, was ist mit dir?«

Am 26. September 1965 schossen Sie gegen Schweden das entscheidende 2:1, Deutschland qualifizierte sich für die Weltmeisterschaft in England. Ihr wichtigstes Tor?

Ja. Und auch das schönste. Denn als der Ball über die Linie rollte, wusste ich: Uwe, es geht weiter. Die Sehne hält und du hast es geschafft. Das war ein wunderbares Glücksgefühl. Denn zum Aufhören war ich noch zu jung und so sollte das alles nicht zu Ende gehen.

Haben Sie dieses Tor ganz besonders gefeiert?

Tatsächlich habe ich nach dem Spiel den ersten Whisky meines Lebens getrunken.

Whisky?

Helmut Schön wollte es so. Der hatte vor dem Spiel ja selbst ziemlich in der Kritik gestanden, weil er mich nach so langer Pause in einem so wichtigen Spiel aufstellte und als weiteres Risiko den blutjungen Franz Beckenbauer auf den Rasen schickte. Schön kam also nach dem Spiel zu mir und meinte: »Uwe, heute trinken wir einen!« Ich glaube, es blieb nicht nur bei einem Glas.

War die Weltmeisterschaft in England eigentlich auch Ihr schönstes Turnier?

Nein, die WM 1970 in Mexiko fand ich noch besser.

Warum?

Das war mein Zufalls-Turnier. Ich hatte ja schon 1969 meinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet, für die WM in Mexiko wollte mich Bundestrainer Helmut Schön aber dabei haben. Er und Sepp Herberger riefen mich an: »Uwe, da musst du mit dabei sein. Als hängende Spitze hinter dem Gerd (Müller).« Man wisse doch, dass ich so gerne das Feld beackern würde, da sei das doch eine tolle Position für mich.

Aber Sie wollten nicht?

Doch, doch. Das Angebot hat mich schon gereizt. Aber wie sollte ich das den Leuten von Adidas erklären? Um mich ordentlich auf die WM vorzubereiten, hätte ich ja einige Sonderschichten auf dem Trainingsplatz schieben müssen, was wiederum bedeutet hätte, in meinem Job kürzer zu treten. Als ich das Herberger und Schön erklärte, sagte der Sepp: »Uwe, rufen sie doch einfach mal beim Adi an und fragen nach.« Der schlaue Fuchs. Er war ja eng mit Adi Dassler befreundet und hatte schon längst mit ihm gesprochen. Als ich bei meinem Chef durchklingelte und er mich mit dem Argument frei stellte, ich hätte doch bislang so gute Verkaufszahlen erzielt, ich könne ruhigen Gewissens in die Vorbereitung einsteigen, da wusste ich, wie der Hase läuft. Das Ende vom Lied: ich durfte mit nach Mexiko, weil Herberger und Dassler im Hintergrund die Fäden gezogen hatten.

In Ihrer Biografie ärgern Sie sich über den Fußball der Gegenwart...

...dann haben Sie das Buch falsch gelesen. Der moderne Fußball gefällt mir durchaus, aber die brutal gewachsene Kommerzialisierung ist mir ein Dorn im Auge.

Was meinen Sie konkret?

Die ungeheuren Summen, die man heute als Fußball-Profi verdient, stehen in keinem Verhältnis zu den erbrachten Leistungen auf dem Rasen. Bei 90% aller Berufsfußballer stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis einfach nicht.

Die Stars der Szene verdienen einen großen Anteil Ihrer Einnahmen heutzutage über die Werbung. Sie haben damals ebenfalls Reklame gemacht. Für ein Rasierwasser.

Und dafür habe ich mir ordnungsgemäß eine Genehmigung beim DFB abgeholt. Hatte man die nicht und ist trotzdem für eine Marke Reklame gelaufen, wurde man gesperrt. Später habe ich sogar unentgeltlich für Milch Werbung gemacht, der DFB hatte mich darum gebeten.

Hatten Sie kein Problem damit, als Fußballer die Werbetafel zu spielen?

Nein, so schlimm war das damals für »Hattrick« (das Rasierwasser, d. Red.) ja auch nicht.

In dem TV-Spot mussten Sie kein Wort sagen. Sondern nur pfeifen.

Und das konnte ich ja schon als kleiner Junge gut. (pfeift den »Hattrick«-Werbejingle »Im Frühtau zu Berge«).

Man nannte Sie den »Flötenheini«. Wegen der Werbung?

Nein, der Spitzname ist schon viel älter. Als kleiner Junge habe ich immer angefangen zu pfeifen, wenn ich Angst bekam. Und weil unser Treppenhaus nach dem Krieg nur schummrig beleuchtet war, bin ich da immer pfeifend hoch und runter gerannt. Meine Freunde wussten natürlich bald bescheid. Und ich hatte den Namen weg. Deshalb war ich ja auch so geeignet für den Werbespot: Eigentlich sollte nämlich ein Double für mich pfeifen, aber weil ich so gut war, durfte ich den Job selbst erledigen.

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