05.11.2011

Uwe Seeler wird 75

»Wir kotzten wie die Reiher«

Whisky mit Schön, Schwarzwälder Kirsch mit dem HSV – bis auf ein paar Schnäpse war Uwe Seeler Deutschlands Vorzeigefußballer Nummer eins. Wir sprachen mit ihm über Partys in London und Dienstfahrten nach Hannoversch-Münden.

Interview: Tim Jürgens und Alex Raack Bild: Imago


Sie sind schließlich durch die Jugendmannschaften gerauscht, wie ein heißes Messer durch weiche Butter. Wobei »heißes Messer« ganz gut passt. Wir zitieren noch einmal aus der Rede von Jürgen Werner: »Deine Besessenheit ließ dich mitunter deine Umwelt vergessen.« Sind Sie in der Kommunikation mit den Kollegen häufig über das Ziel hinausgeschossen?

Ja, bin ich. Aber meistens nur, wenn ich der Ansicht war, dass sich jemand feige auf dem Platz verhielt (hält die Hände schützend vor das Gesicht). Dann habe ich gesagt: »Mann, der Ball tut dir nichts!« Dafür fehlte mir jegliches Verständnis. Deshalb habe ich sicherlich nicht nur einmal in der Kabine Mitspieler ungerechtfertigt zusammen gestaucht. Ich habe sie wahrscheinlich einfach überfordert mit meinen Ansprüchen.

Wie haben die Mitspieler reagiert?

Milde. Später im Seniorenbereich kannten mich ja die meisten bereits aus der Jugend, die wussten, wie heiß mein Akku während eines Spiels laufen konnte. Wenn ich der Meinung war, dass die in der Abwehr Bockmist zusammen spielten, dann bin ich nach hinten und habe das auch gesagt. Als Antwort kam dann meistens: »Geh du lieber wieder nach vorne und schieß ein paar Tore, dann gewinnen wir das hier auch.«

Welcher Spieler ähnelte Ihnen am meisten in seiner Besessenheit?

Wolfgang Overath. Der lässt noch heute in den Traditionsmannschaften so lange spielen, bis er gewonnen hat (lacht). Wolfgang war früher richtig beleidigt, wenn man ihm den Ball nicht zugespielt hat. Aber solche Typen brauchst du, um Erfolg zu haben. Es ist kein Zufall, dass ein Wolfgang Overath bei großen Turnieren immer überragende Leistungen abgliefert hat.

Franz Beckenbauer...

...konnte auf dem Platz richtig böse werden, frag nicht nach Sonnenschein! Außerhalb war der immer ganz friedlich, aber wenn das Spiel nicht nach seinen Wünschen lief, dann stand man lieber nicht in seiner Nähe.

War Fritz Walter, Ihr Vorbild, ein anderer Typ? Als großen Meckerfritzen kannte man ihn jedenfalls nicht.

Fritz hat auch schon mal verbal ausgeteilt, aber auf eine stillere, zurückhaltendere Art. Fritz brauchte auch gar nicht laut werden. Wenn er dir etwas gesagt hat, dann hast du das auch geglaubt.

Zurück zum Sportlichen: Wie beurteilen Sie die moderne Trainingslehre? Sie haben schließlich Ihr Handwerk noch an solch altmodischen Übungsgeräten wie dem Kopfballpendel gelernt.

Was heißt altmodisch? Ich glaube daran, dass Fußballer noch immer einfach ist. Und das Pendel – auch wenn es in der Gegenwart längst verpönt ist – war und ist nun einmal ein Hilfsmittel gewisse Techniken im Fußball zu lernen. Ich kenne bis heute kein Gerät, dass das Kopfballspiel besser trainiert, als das Pendel. Wie oft bin ich nach dem normalen Training ans Pendel gegangen und habe gegen den Ball getreten oder geköpft. 50 Mal, 100 Mal... bis mich der Trainer in die Kabine gerufen hat.

Das ominöse Pendel taucht auch erstaunlich oft in Ihrer Autobiografie auf.

Weil es für mich das Symbol dafür ist, dass manche Leute den Fußball verkomplizieren wollen. Darin sind wir Deutschen unschlagbar: Dass wir die Dinge immer ins Extrem ausarten lassen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel für die Vorzüge des Pendels: Vor Jahren habe ich mir als DFB-Pate das Training einer Jugendauswahl angeschaut, die drei besten Spieler habe ich mir anschließend zur Seite genommen, um sie am Pendel zu testen. Damit kamen die einfach nicht zurecht. Obwohl es keine bessere Übung gibt, als Timing, Technik und Koordination beim Kopfball zu schulen.

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