Uwe Seeler über »Heja Sverige«

»Wir waren verärgert«

24. Juni 1958, Ullevi-Stadion in Göteborg. Im WM-Halbfinale empfängt Gastgeber Schweden die deutsche Nationalmannschaft. Uwe Seeler und die Seinen werden von einer gewaltigen Kulisse empfangen. Hier spricht er darüber. Uwe Seeler über »Heja Sverige«

Uwe Seeler, um das WM-Halbfinale von 1958 gegen Schweden ranken sich viele Legenden. Die deutschen Spieler sollen von der Kulisse der singenden schwedischen Fans so beeindruckt gewesen sein, dass sie gar keine Chance hatten, das Spiel zu gewinnen. Sie waren dabei. Stimmt das?

Nein, das ist Quatsch. Wir waren ja auch aus Deutschland laute Stadien und Bombenstimmung gewohnt. Was stimmt: Wir waren beeindruckt und verärgert, was während des Spiels auf den Tribünen passierte.

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Verärgert?

Nicht etwa, weil die Gesänge so laut waren, das war doch eine dolle Sache! Nein, was uns geärgert hat, war diese totale Organisation der Fankurven.

Sie meinen die Anheizer, die rund ums Spielfeld verteilt mit Fähnchen und Megafon die Zuschauer zu den »Heja Heja«-Rufen zu animieren.

Genau. Das war keine Stimmung aus dem Bauch heraus, keine Gefühlsregungen, die sich während des Spiels entluden – das war kühl kalkuliert und berechnet. Und es ist nie gut, wenn etwas im Sport zu sehr organisiert ist.

In Ihrer Biografie »Alle meine Tore« schreiben Sie zum Halbfinale: »Man hatte das Gefühl, gegen eine Mauer zu rennen, so laut tönte uns das zigtausendstimmige ´Heja-heja´-Gebrüll entgegen. Im Stadion herrschte eine Atmosphäre wie in einem Dampfkessel, der jeden Augenblick explodieren kann.« Wie sehr hat diese Stimmung den Spielverlauf bestimmt?

Wir selbst waren gar nicht so beeindruckt, wie hinterher immer behauptet wurde. Das Stadion kochte – nun gut. Wirklich beeinflusst wurde scheinbar nur der Schiedsrichter (István Zsolt aus Ungarn, der später von deutscher Seite einige Kritik einstecken musste. Zsolt hatte u.a. Erich Juskowiak nach 59 Minuten vom Platz gestellt, d. Red.). Für den war das eine völlig neue Situation. Wobei ich zugeben muss, dass auch wir das in dieser Form noch nicht erlebt hatten: Überall am Spielfeldrand standen Einpeitscher und brüllten ihre Befehle ins Publikum. Heute würde man darüber lachen, so läuft es inzwischen beinahe in jedem deutschen Stadion. Aber damals war das etwas vollkommen Neues.

Wie sah die Fankultur denn zu dieser Zeit in Deutschland aus?

Bei uns wurde auch gebrüllt und natürlich waren die Leute begeistert. Aber das war alles etwas anarchischer, nicht so organisiert. Und im Übrigen auch nicht so textsicher, wie bei den englischen Fans. Wenn die ihren Chor auf den Tribünen angestimmt haben, konnten wir auf dem Platz nur staunen.

In der 11FREUNDE-Spezialausgabe »Das waren die Fünfziger« werden die schwedischen Einpeitscher als »die ersten Ultras« bezeichnet. Ist dieser Vergleich angemessen?

Vielleicht. 1958 habe ich es das erste Mal erlebt, dass nicht der Fußball, sondern das, was auf den Tribünen passierte, im Vordergrund stand. Heute sind die Fußballstadien von einst Arenen und in diesen Arenen findet kein normales Fußballspiel statt, sondern ein Event.

Stört Sie das?

So lange ich in diesen Arenen noch Fußball geboten bekomme, habe ich kein Problem damit. Wir sollten nur aufpassen, dass das Spiel im Vordergrund bleibt und nicht zu einem Puzzlestück im Event verkommt. Ich gehe immer noch ins Stadion, um Fußball zu sehen, alles andere interessiert mich nicht. Ich finde es toll, wenn auf den Rängen gesungen wird. Aber wenn bald nur noch gesungen und kein Fußball mehr gespielt wird, hat sich der Sport selbst zerstört.

Dabei sind Sie doch verantwortlich für den ersten Dauergesang in deutschen Stadien!

Wie meinen Sie das?

UUUWE-UUUWE-UUUWE!

Ach so. Ja, das war schon dolles Gefühl, wenn ich auf den Rasen kam, und die Fans damit anfingen. Ich kann nur froh sein, dass meine Eltern mir diesen schönen kurzen Namen gegeben haben. Bei einem »Johannes Seeler« hätten die Fans wohl ihre liebe Müh und Not gehabt...

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