25.04.2011

Uwe Reinders über Rostock

»Alle beim selben Friseur«

Bevor Uwe Reinders nach Rostock kam, wurden noch Bananen geworfen. Mit dem neuen Trainer holte Hansa sensationell die Meisterschaft. Der ehemalige Klassestürmer über Mercedes-Fahrer, Vokuhilas und Kochkurse mit Spielerfrauen.

Interview: Tim Jürgens, Protokoll: Christian Piarowski Bild: Imago
Uwe Reinders über Rostock
Was fuhren sie damals für ein Auto?

Einen vom Verein gesponserten Opel.  

Und die Spieler?

Die haben sich natürlich alle sofort ein neues Auto gekauft. Eines Tages kam Jens Dowe mit einem fabrikneuen Audi zum Training. Der war so glücklich, dass er dafür nichts bezahlen, sondern nur etwas unterschreiben musste. Ich hab mir erstmal zeigen lassen, was er da unterschrieben hatte. Der hatte eine Ausfallbürgschaft mit allem Drum und Dran unterzeichnet! Da musste ich dann bei der Bank anrufen und zum Autohaus fahren, um die Sache rückgängig machen.   

Sie haben sich also auch um Dinge außerhalb des Platzes gekümmert?


Mein Vorteil war es, dass ich ohne meine Familie in Rostock lebte und so rund um die Uhr Zeit hatte für die Spieler. Ich habe mich daher um viele Sachen gekümmert, auch mal einen Kochkurs mit den Frauen gemacht.

Wie bitte?


Na ja, die Spieler aßen vor dem Mauerfall immer in der Vereinskantine, die Frauen waren arbeiteten. Als dann mit der Zeit einige Frauen ihre Jobs verloren, ein Kind bekamen oder einfach zu Hause blieben, haben sich die Spieler in der Trainingspause irgendeinen Mist reingezogen, denn vom Verein gab es nichts mehr. Ich habe eines Abends alle eingeladen und erzählt wie wichtig für einen Profi eine gute Ernährung ist. Das geschah aber alles ohne erhobenen Zeigefinger, ich habe nicht den ´Überwessi´ gegeben, wir haben angeregt diskutiert. Ich glaube, deswegen kam ich auch mit allen gut klar.  

Gab es mit der Mannschaft auch politische Diskussionen?

Wir hatten drei Leute, die für die Stasi gearbeitet hatten. Das erfuhr ich einen Abend, bevor es in der Bildzeitung stand. Was macht da ein West-Trainer? Ich hab erstmal das Training ausfallen lassen und die Mannschaft zusammen gerufen. Die sollten selbst entscheiden, wie es weitergehen sollte. Jürgen Decker und ich haben die Mannschaft eine Stunde allein gelassen. Als wir wieder kamen, hatte sich die Mannschaft entschieden: Die entsprechenden Spieler durften bleiben, und das Thema war damit erledigt.  

Sie hatten ein sehr junges Team ohne die ganz berühmten DDR-Spieler. War das ein Vorteil, da so keine Spieler abgeworben wurden?


Sie müssen schon in der DDR-Sprache sprechen: Das war kein Team, sondern ein Kollektiv, das zusammengehalten hat. Ein weiterer entscheidender Faktor war Juri Schlünz als Kapitän, denn der hat die Truppe geführt, und den jungen Spielern in den Arsch getreten, wenn die nicht wollten. Darum brauchte ich mich gar nicht kümmern.  

Gab es irgendetwas was die Spieler im Osten grundlegend von denen im Westen unterschied?

Der Haarschnitt. Die sahen alle langweilig aus. Vorne kurz und hinten lang. Daran konnten sie jeden DDR-Spieler erkennen. Die hatten alle ein und denselben Friseur.  

Wo haben Sie in der Zeit gewohnt?


Die ersten Wochen habe ich im Warnemünder Hotel Neptun gewohnt. Da hielt ich es aber nicht lange aus. Dort gab es zu viele ´Eierverkäufer´.  

Was gab es dort?


Eierverkäufer! Leute, die die ganze Zeit nur herum grölten, wie toll sie die DDR beschissen hätten! Da bin ich geflohen und habe für eine Weile in einem 12-qm-Zimmer gewohnt, bevor ich nach Kühlungsborn zog. Dort lebte ich dann zwei Jahre in einem ehemaligen FDGB-Hotel. Das war zwar etwas altmodisch eingerichtet, lag aber mitten an der Ostsee, wunderschön. Ich war der Einzige, der dort wohnte.    

Haben Sie sich eigentlich bei den Vertragsverhandlungen vor der ersten Bundesligasaison mit eingemischt? Wussten Sie was die Spieler verdienten?


Ja, das wusste ich und wollte es auch wissen. Ich war bei den Verhandlungen mit Robert Pischke dabei, später bei Gerd Kische nicht mehr. Das tat ich, um zu wissen, was überhaupt machbar ist. Für die erste Liga brauchten wir ja eine schlagfertige Truppe. Aus Mönchengladbach kamen vor dieser Spielzeit Olaf Bodden, Michael Spies und Frantisek Straka. Die kamen aber auch nicht für einen Appel und ein Ei oder weil die Ostsee so schön war. Die wollten Geld verdienen.  

Wie kamen die Rostocker Spieler mit den Neuzugängen aus dem Westen zurecht?


Da gab es kein Ost und West. Das war eine Gemeinschaft. Die Spieler, die aus dem Westen dazu kamen, haben das Team verstärkt, das haben die Jungs aus dem Osten auch sofort akzeptiert. Auch finanziell wurden alle fair behandelt. Die Leistungen der Spieler wurden anerkannt und die Jungs haben das mit entsprechend zurückgezahlt. Nach neun Spieltagen waren wir ja Tabellenführer, gewannen im Europapokal gegen den FC Barcelona...  
Für ihren damaligen Stürmer Florian Weichert war das Spiel gegen Barcelona nach dem Wendetaumel der erste Rückschlag, das erste Zeichen von Stagnation. Einfach weil so wenig Zuschauer kamen.


Das hat ganz klar Gerd Kische zu verantworten, der hat damals 100 D-Mark Eintrittsgeld verlangt. Wir hatten das Hinspiel mit 0:3 verloren, aber das Rückspiel 1:0 gewonnen.  Für die Rostocker wäre es toll gewesen, mal Barcelona zu sehen, doch wer konnte sich damals schon ein Ticket für 100 D-Mark leisten?  

Diese Erfahrung gegen das große Barcelona im Nou Camp spielen zu dürfen, wie war das für die Spieler?


Ich glaube einige Jungs haben damals gar keine Luft vor Begeisterung bekommen. Das war alles neu für sie. Ich denke auch deshalb haben wir 0:3 verloren. In der DDR hatten sie vom Westen geträumt, und vielleicht mal von Barcelona gehört,. Und auf einmal waren sie in diesem riesigen Stadion. Auch für mich war es beeindruckend, man spielt ja nicht alle Tage gegen den FC Barcelona. Aber für die Spieler aus der DDR muss das die Erfüllung eines Traums gewesen sein. Ich kann gar nicht genau sagen, was da in meinen Spielern vorging.  

Noch ein Wort zu Ihrem nicht ganz so glücklichen Abschied aus Rostock. Woran sind Sie letzten Endes gescheitert? Lag es an den fehlenden Strukturen?

Nein. Das lag an meinem Vertrag. Ich hatte ja die Prämien selbst hinein geschrieben. Kaum war Gerd Kische im Amt, meinte er plötzlich, ich solle auf 50 Prozent verzichten. Ich war zwar bereit mir das Geld später auszahlen zu lassen, aber darauf verzichten wollte ich natürlich nicht. Von da an gab es Krieg zwischen Gerd Kische und Uwe Reinders.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden