25.04.2011

Uwe Reinders über Rostock

»Alle beim selben Friseur«

Bevor Uwe Reinders nach Rostock kam, wurden noch Bananen geworfen. Mit dem neuen Trainer holte Hansa sensationell die Meisterschaft. Der ehemalige Klassestürmer über Mercedes-Fahrer, Vokuhilas und Kochkurse mit Spielerfrauen.

Interview: Tim Jürgens, Protokoll: Christian Piarowski Bild: Imago
Uwe Reinders über Rostock

Uwe Reinders, welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem 9. November 1989?

Ich habe in Braunschweig, also nahe der Grenze gewohnt, da habe ich direkt mitbekommen, wie alle von einem Tag auf den anderen über die Grenze kamen. Am 10. November gab es in Braunschweig einen Massenauflauf, alle habe sich geküsst und gejubelt. Dann kam plötzlich ein LKW und hat Bananen in die Menge geworfen. Ich dachte mir:  Haben wir denn im Westen einen an der Erbse, das sind doch keine Affen! So haben das die Ossis auch empfunden. Die Bananen wurden wieder zurück geworfen.

Sie  wechselten als einer der West-Trainer in den Osten. Wann kam der Kontakt mit Hansa Rostock zustande?


Das weiß ich nicht mehr so genau. Im Dezember 1989 stand fest, dass ich meinen Vertrag in Braunschweig nach drei Jahren nicht verlängern werde. Im Januar klingelte dann plötzlich das Telefon, der Präsident von Hansa Rostock, Robert Pischke, wollte mich sprechen, der weilte gerade in Braunschweig. Wir waren dann einen Kaffee trinken. Er fragte mich, ob ich es mir zutrauen würde, in den Osten zu kommen und mit Hansa die Qualifikation für die 2. Liga zu erreichen.  

Und Sie sagten sofort zu?

Zusammen mit meiner Frau sind wir nach Rostock gefahren und während sie mit dem vereinseigenen Chauffeur vier Stunden durch die Stadt kurvte, habe ich mir die ganze Anlage angeschaut. Hansa war sehr bemüht und hat sich sehr um uns gekümmert. Die Mannschaft kannte ich bereits aus dem Fernsehen und mir wurde auch versichert, dass man das Team zusammen halten werde. Ich war überzeugt, dass mit der Qualität der Spieler zumindest der sechste Platz und somit die Qualifikation für die 2. Liga zu erreichen wäre. Mit ein wenig Motivation sollte das doch zu packen sein.

Es hat den Spielern an Motivation gefehlt?

Zu DDR-Zeiten waren vielen Spielern Klamotten wichtiger als der Erfolg. Ich habe den Spielern klar gemacht, dass man ab sofort aber nur über den Erfolg auch an die Fleischtöpfe rankam. Das haben die Jungs ganz gut begriffen.  

Wie genau haben Sie denn die Spieler motiviert?

Ich kann mich noch erinnern, wie der ersten Spieler kamen und fragten: Trainer, wie bekommen wir denn einen Mercedes? Da habe ich ihnen gesagt: Samstag halb vier müsst ihr Gas geben ohne Ende, dann könnte ihr euch bald einen Mercedes kaufen. Als ich nach Rostock kam, waren die Spieler von morgens um 8 bis abends um 17 Uhr auf dem Platz, das war teilweise reine Beschäftigungstherapie. Ich habe ihnen ein Stück Eigenverantwortlichkeit beigebracht. Ihnen klar gemacht, dass sie selbst dafür verantwortlich sind, mit ihrem Körper richtig umzugehen und ihre Freizeit professionell zu gestalten.

Haben Sie auch den Verantwortlichen die Ziele verdeutlichen müssen?


Nein, die hatten schon konkrete Vorstellungen. Das Ziel war die Qualifikation für die 2. Bundesliga, und für das Erreichen stellten sie eine Prämie in Aussicht. Aber als ich dann fragte, was denn wäre, wenn wir Erster oder Zweiter werden und somit in die 1. Bundesliga einziehen, da haben sie sich halb tot gelacht. Mensch wir haben nicht nur einen guten Trainer, sondern auch noch einen lustigen Trainer,´ haben sie gewitzelt. Als ich aber drauf bestand, meinten sie nur: Schreiben Sie mal rein was sie wollen, das wäre ja toll. Somit habe ich die Prämien für Meisterschaft, Pokal und Qualifikation für den Europapokal selbst eintragen.  

Am 1. Juli 1990 begann ihre Tätigkeit als Trainer. Wie war der erste Tag?

Als ich damals auf den Trainingsplatz kam, standen die Spieler alle nebeneinander in Reih und Glied an der Seitenlinie. Da fragte ich den Jürgen Decker, was die da machten. Der meinte, sie warten auf mich, ich müsste sie mit einem ´Sport Frei´ begrüßen. Ich hab die Jungs gefragt, ob sie vielleicht noch auf einen General warten würden. Und ihnen gleich erklärt, dass es so etwas bei mir nicht gibt.  

Wie haben das die Spieler aufgenommen?

Die waren erleichtert, endlich war der Mist vorbei. Sie wurden jahrelange bevormundet, und nun ging es endlich lockerer zur Sache.  

Was war noch ungewöhnlich für Sie?


Nach dem ersten Training habe ich den Spielern meine Telefonnummer gegeben und ihnen gesagt, dass ich 24 Stunden für sie erreichbar sei. Als ich nach ihren Telefonnummern fragte, meldete sich Juri Schlünz und meinte, er habe kein Telefon. Als ich dann fragte, wer noch kein Telefon besäße, haben alle ihre Hand gehoben. Darauf wäre ich gar nicht erst gekommen.  

Legendär in Rostock ist auch Ihre Begegnung mit einem Mercedes-Fahrer...

Es gab zur der Zeit in Rostock nur eine einzige Tankstelle mit Benzin bleifrei. Da musste man zwei Stunden Schlange stehen. Als ich da einmal wartete, fuhr ein dicker Mercedes an allen vorbei und wollte tanken. Als der Fahrer ausstieg, sagte ich zu ihm: Meint du wir warten hier auf den Bus? Wenn du jetzt tankst, hau ich dir beide Arme ab. Du stellst dich schön in die Schlange und wartest genauso wie wir. Der hat mich angeguckt, als hätte ich sie nicht mehr alle.

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