Uwe Rapolder im Interview

»Köln lebt in der Vergangenheit«

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Heft #65 04 / 2007
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65

Uwe Rapolder, warum sind Sie Fußballtrainer geworden?

Parallel zum Fußball habe ich Wirtschaft studiert und danach in der Bank gearbeitet. Irgendwann musste ich mich entscheiden. Manchmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich die richtige Entscheidung war. Denn der Trainerjob fehlt verglichen mit dem Job in der Bank jegliche Regelmäßigkeit und dazu ist er auch emotional enorm aufwühlend. Andererseits ist es natürlich toll, wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann.

Auch für die Familie ist Ihr Beruf mitunter sehr belastend?

Ich habe 17 Jahre im Ausland gearbeitet – meine Frau und meine Kinder waren immer dabei. Ohne sie wäre es nicht gegangen. Meine Frau hat sich um Wohnung und Schulanbindung für die Kinder gekümmert. Die Kinder hatten unter den häufigen Umzügen zu leiden. Andererseits ist es für sie natürlich ein Vorteil, einen bekannten Vater zu haben, der ihnen einen guten Lebensstandard ermöglichen kann.

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Vorzeitige Trainerentlassungen resultieren oft auch daraus, dass ein Coach nicht zu einem Verein und seinem Umfeld passt. Lässt sich so was vorab nicht kalkulieren – auch vom Klub selbst?

Ich war bislang nur in Bielefeld in der Situation, dass mir verschiedene Angebote vorlagen – und wie Sie sehen, habe ich mit dem 1. FC Köln zumindest keinen Volltreffer gelandet.

Wie erklären Sie sich das?

Ich habe mich vorab nicht ausreichend schlau gemacht. Ich habe vor Bielefeld in Ahlen gewohnt – da war die Lebensqualität nicht die höchste. Also dachte ich, mit Köln kann ich auch meiner Frau und meinen Kindern etwas bieten. Das finanzielle Angebot stimmte, Wolfgang Overath wollte mich unbedingt, da habe ich nicht genau genug hingesehen, was sonst noch auf mich zukommt – weder bei der Qualität der Mannschaft, noch was die Strukturen im Verein anbetrifft.

Was haben Sie aus dieser Fehlentscheidung gelernt? Worauf sollte ein Trainer achten, bevor er einen Job annimmt?

Der Trainer muss nicht nur zum Verein passen – sprich mit den Gremien, dem Aufsichtsrat und dem Manager auskommen –, sondern zur ganzen Stadt, also zu den Zuschauern, Sponsoren und insbesondere zu den Medien. Besonders wichtig ist der Manager, die konzeptionelle Schnittstelle zum Trainer. Mit dem Manager erörtere ich alle wichtigen Fragen ums Team: Trainingslager, logistische Fragen und natürlich die Kaderzusammenstellung. Ich als Trainer bin für die Fußballphilosophie, das Spielsystem und die Anregung der Neuverpflichtungen zuständig. Das Konzept muss vor Vertragsabschluss klar sein: wie funktioniert die Kaderzusammenstellung und wie viel Geld steht zur Verfügung. Erst wenn das geklärt ist, beginnt die tägliche Trainerarbeit.

Und zu Köln passen Sie demnach nicht.

Zur Stadt Köln passe ich. Bis heute werde ich dort freundlich begrüßt. In Köln habe ich einfach nicht zum Verein gepasst, weil der Klub noch extrem in der Vergangenheit lebt. Und ich bin ein sehr zeitgemäß arbeitender Mensch, der darüber hinaus diese große Vergangenheit nicht teilt.

Wie äußert sich diese Rückwärtsgewandtheit beim FC?

Das fängt bei den Leuten an, die beim Training zuschauen und geht bis zum Präsidenten, der diese Glanzzeiten selbst verkörpert. Aber am schlimmsten ist der Aufsichtsrat, denn dort klaffen Anspruch und Wirklichkeit am weitesten auseinander. Die gehen immer noch davon aus, dass der FC zur Elite der Bundesliga gehört – dabei ist die Realität längst ganz anders. Und wenn noch ein Großverleger im Aufsichtsrat sitzt oder diesem sehr nahe steht, müssen Verquickungen von Medien und Vereinsgremien in Köln kritisch beleuchtet werden, auch in Zusammenhang auf die Trainerfluktuation.

Udo Lattek hat sich in seiner aktiven Zeit gerne mit Boulevardjournalisten zum Stammtisch verabredet, um gut Wetter bei den Medien zu machen. Wie handhaben Sie den Kontakt mit der Presse?

Ich hatte nie wahnsinnig viel Kontakt zum Boulevard, wurde nie von denen gestützt. Das ist sicherlich auch ein beruflicher Fehler von mir, aber kein menschlicher. Ich bin seit 14 Monaten arbeitslos. In dieser Zeit habe ich zwei, drei Mal mit Journalisten telefoniert, die ich länger kenne. Peter Neururer etwa kennt fast alle. Aber wenn ich an die Kölner Zeit zurückdenke, wo häufig nachgetreten wurde, auch in jüngster Zeit, muss ich sagen: Mit diesen Leuten will ich höchstens beruflich verkehren.

Lesen Sie als Trainer regelmäßig die Zeitung?

Nein, das ist ungesund. Ich lasse mir lediglich von meinem Co-Trainer die Zeitungsauszüge geben, in denen Abmachungen zwischen mir und dem Team gebrochen werden oder in denen ich falsch zitiert werde. Alles andere will ich nicht an mich heranlassen.

Wie wichtig ist für Sie der Pressesprecher eines Vereins?

Schon wichtig, weil er Informationen bündeln muss. Pressesprecher müssen feststellen, was gerade Thema bei den Journalisten ist. Er kann eingreifen, wenn es in ungewollte Stoßrichtungen geht. Ich versuche immer, guten Kontakt zu den Sprechern zu halten.

Wie müssen wir uns Ihren ersten Arbeitstag als Trainer an einer neuen Station vorstellen?

Wenn ich mitten in der Saison zu einem Klub komme, ist das allerwichtigste die erste Mannschaftsansprache. Mit Emotionalität kriegt man am die Spieler am ehesten. Nach dem Training kommen die zentralen Einzelgespräche. Außerdem versuche ich schnell ein viertägiges Trainingslager einzuberufen, damit man abgesondert mit der Mannschaft arbeiten kann.

Udo Lattek soll sein Team auch immer wieder mal zum Umtrunk geladen haben, um den Mannschaftsgeist zu stärken.

Es kann nicht schaden, wenn man mal einen geselligen Abend mit den Spielern macht. Aber nicht direkt zu Beginn, da muss man erstmal drei, vier Monate da sein. Auch da habe ich unterschiedliche Erfahrungen gemacht. In Bielefeld ging das hervorragend, weil die Jungs eine Gemeinschaft waren. In Köln war das viel schwieriger. Die Mannschaft hatte wenig Interesse daran. Die waren froh, wenn sie nach Hause gehen konnten, was natürlich auch immer von der Altersstruktur abhängt.

Es gibt zwei Extreme als Trainer: entweder man ist der Buhmann oder man wird gefeiert. Wie geht man im Erfolgsfalle mit der Trainersituation um?

Jeder Trainer muss darauf achten, dass er ein Umfeld hat, das ihn erdet. Man bekommt jeden Tag 50 Anrufe, ist begehrt. Dann ist die Tendenz da, abzuheben. Die Gefahr ist bei jedem Menschen und in jedem Beruf gegeben. Deshalb sollte man stets versuchen, authentisch zu bleiben.

Wie ist die Situation, wenn der Erfolg ausbleibt? Merken Sie, wenn es brenzlig wird?

Natürlich spürt ein Trainer, wenn sich die Spieler und das Präsidium allmählich von ihm entfernen. Abers oft will er es einfach nicht wahrhaben, dass es zum letzten Schritt, zur Entlassung, wirklich kommt. Die Ahnung und der letztendliche Vollzug sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wenn es soweit ist, muss man das erstmal verarbeiten.

Wie verhält man sich in dem konkreten Moment der Entlassung?


Die Entlassungen gehören in diesem Geschäft einfach dazu, aber man muss auch psychologisch aufgefangen werden. Und da sind Freunde und Familie einfach das beste Rezept. Ohne ein gesundes Umfeld ist ein Trainer in ernster Gefahr.

Wie stressig ist der Trainerjob wirklich?

Wenn man in kritische Situationen mit einer Mannschaft gerät, ist das brutaler emotionaler Stress. Da muss man arg aufpassen, dass man nicht in einen Tunnel hineinläuft. Ich habe es selbst erlebt: Ab einem gewissen Zeitpunkt hat man keine anderen Interessen mehr, da gibt es kein links und kein rechts, man wird aufgefressen. Ich musste mich sehr hüten, nicht die Relationen zu verlieren.

Sie sind seit 14 Monaten arbeitslos. Gehen Sie zum Sozialamt?

Nein, da habe ich meinen Standpunkt. Ich könnte zwar hingehen, mache es aber nicht. Ich habe genügend Geld verdient, dass ich gut davon leben kann. Das Geld vom Sozialamt können andere wahrlich besser gebrauchen.

Müssen Sie in Ihrer Situation bei etwaigen Angeboten finanzielle Abstriche machen?

Nein, eigentlich nicht. Die Vereine zahlen von Anfang an vernünftig. Warum sollten sie gerade da zocken? Das wäre völlig am falschen Ende gespart. Der Trainer ist der wichtigste Mann. Er ist die Bezugsperson für die Mannschaft. Das Angebot muss sowohl in den Gehaltsrahmen des Vereins, als auch in den des Trainers passen.

Wie bringt man sich in Ihrer Situation wieder ins Gespräch?

Wahrscheinlich müsste ich mich öfter in den Stadien zeigen als ich es derzeit tue. Ich warte bis Kontakte kommen. Natürlich muss ich mir selbst eine gewisse Zeit geben, bis ein wenig Gras über den Misserfolg in Köln gewachsen ist. 14 Monate sind wirklich heavy, das kann ich Ihnen sagen. Und ich wollte auch nicht unbedingt in die 2.Liga gehen – zumindest nicht zu einem Verein ohne Aufstiegsperspektiven. Ich habe so lange auf einen Job in der 1. Liga hingearbeitet und weiß, dass ich dort etwas bewegen kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich bei einigen Verein das Ruder zum rettenden Ufer noch umreißen könnte. Das habe ich bislang immer geschafft.

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