02.11.2010

Uwe Klimaschefski über Homburg 08

»Woanders wäre ich geflogen«

Uwe Klimaschefski war einer der kuriostesten Trainer der Bundesliga-Geschichte. Wir sprachen mit dem Trainer-Urgestein über blutige Füße, Kopfbälle mit Medizinbällen und rote Ampeln in Homburg.

Interview: Alex Raack und Arne Hübner Bild: Imago
Wie ging es weiter?

Zwei Kilometer vor dem Stadion steckten wir plötzlich fest, und die Jerusalemer bombardierten unseren Bus mit Steinen und hämmerten gegen die Türen. Die Polizei musste uns auf Pferden den Weg ins Stadion bahnen. Um es abzukürzen: Nach 80 Minuten stand es noch 0:0, der Punkt hätte mir schon gereicht und dann...

Ein sichtlich angeschickerter Herr im feinen Zwirn und Hornbrille steht plötzlich am Tisch und unterbricht das Gespräch. Es entwickelt sich folgender Dialog:

Angeschickerter Herr: Herr Klimaschefski, eines muss ich Sie mal fragen: Warum hat es dieser Hauptstadtverein aus Berlin bislang noch nie geschafft, eine konstante Sache aufzubauen? Ich bin Werder-Fan. Schaafs und Allofs, die machen´s. Warum schafft das die Hertha nicht?

Uwe Klimaschefski:
Die Frage habe ich mir auch schon oft gestellt...

Angeschickerter Herr: Das gibt’s doch gar nicht!

Uwe Klimaschefski:
...warum Hertha es all diesen Jahren noch nicht geschafft hat, Deutscher Meister zu werden.

Angeschickerter Herr:
Ja, warum denn nicht?!

Uwe Klimaschefski:
Die Antwort kann wohl keiner wirklich geben.

Angeschickerter Herr:
Haben die denn keine gute Sponsoren, oder was?

Uwe Klimaschefski:
Na ja...

Angeschickerter Herr:
Mit so einem Monster-Potential hier! Gucken Sie sich meinen kleinen Verein Werder Bremen hat, die arbeiten da kontinuierlich!

Der gute Mann dreht sich um und geht zur Theke.


(Klimaschefski leise) Ich kenne den nicht.

72 Jahre und immer noch Groupies!

Ich will lieber weiter erzählen. Wo waren wir?

Im Stadion.

Genau. Zehn Minuten vor dem Ende knallt einer von Beitar den Ball an die Latte, der von dort auf die Linie klatscht. So eine Art Wembley-Tor. Vor lauter Angst entscheidet der Schiedsrichter auf Tor, und ich sehe unsere Felle davon schwimmen. Jetzt hatte ich allerdings noch ein ganz anderes Problem. Vor dem Spiel hat mir der Dolmetscher gesagt: »Uwe, wenn die Partie beendet ist: Ein Spurt in die Kabine!« Die Zuschauer trennte nur ein grober Maschendrahtzaun vom Spielfeld, und mein T-Shirt war auf dem Rücken schon total voll gerotzt. Nach dem Schlusspfiff bin ich dann hinter meinen Spielern her gerannt und ab in die Kabine. Erst nach einer Stunde konnten wir endlich abfahren. Das war mein Erlebnis in Israel. Ach ja: Die Meisterschaft haben wir natürlich auch noch verpasst.

Nach einem Jahr sind Sie wieder nach Deutschland gegangen. Überraschenderweise zum FC Homburg.

Der Udo hat mich halt immer wieder genommen. Insgesamt war ich fünfmal weg aus Homburg. Und heute wohne ich wieder hier.

Von Ihnen stammt auch der legendäre Spruch: »Nur in Homburg darf ich ungestraft bei Rot über die Kreuzung fahren!«

Wie gesagt, ich hatte ein hohes Ansehen in der Stadt, vor allem beim Präsidenten. Wenn ich mir mal wieder einen Spruch erlaubt hatte und sich die Leute bei ihm ausheulten: »Der Klima hat uns als Arschlöcher bezeichnet!«, hat er gesagt: »Ja und? Ihr seid doch auch Arschlöcher!« 

Welche Geschichten gibt es noch von Ihrem ehemaligen Präsidenten?

Sehr viele. Eine fällt mir spontan noch ein. Wir hatten mal einen österreichischen Spielervermittler zu Gast, der seinen Mann bei uns unterbringen wollte. Wir trafen den Kerl im Hotel unseres Präsidenten. Ich habe mich dann abgeseilt, als es noch um etwa 500 Mark, da sollten sich die Herren ja wohl noch einigen. Ein paar Stunden später wurde ich neugierig und rief Gerd an. Wie es denn gelaufen wäre? »Ganz gut«, meinte er, »der Spieler kommt. Aber seinem Vermittler habe ich grade auf die Fresse gehauen.«

Wie bitte?


Das habe ich ihn auch gefragt. Aber der Typ hatte sich volllaufen lassen und hatte angefangen, herumzupöbeln und die Teller von den Tischen zu schmeißen. Das konnte sich der Besitzer des Hotels natürlich nicht gefallen lassen.

Ein anderer Ex-Fußballer kommt an den Tisch: Klaus Konieczka, Teil der Rekordverlierer-Mannschaft Tasmania Berlin in der Saison 1965/66.

Klimaschefski lacht sich kaputt: Passt auf, es gab im deutschen Fußball zwei Konieczkas: Einen, der Fußball spielen konnte (er meint den Schützen des ersten Bundesliga-Tores: Timo Konietzka) und ihn hier! Konni, erzähl doch mal, wie viele Punkte ihr damals geholt habt!

Konieczka zerknirscht:
Acht Punkte.

Klimaschefski lacht immer noch:
Konni, das ist Minusrekord. Tut mir leid, aber an diesem Tisch darfst du leider nicht sitzen.

Konieczka kontert: Lasst Euch nichts erzählen von dem. Der konnte den Ball weiter stoppen, als er ihn schießen konnte!

(lacht)

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